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	<title>Spurensuche Harzregion e.V. </title>
	
	<link>www.spurensuche-harzregion.de</link>
	<description>Webseite des Vereins Spurensuche Harzregion</description>
	<pubDate>Mon, 20 Sep 2010 10:12:00 +0200</pubDate>
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	<language>de-de</language>
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		<title><![CDATA[Ausstellung der "Harzburger Front" in Braunschweig er&ouml;ffnet]]></title>
		<link>http://www.spurensuche-harzregion.de/?themen/101</link>
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		<pubDate>Mon, 20 Sep 2010 10:12:00 +0200</pubDate>

		<creator>PV</creator>
		
		<category><![CDATA[themen]]></category>
				<keywords><![CDATA[landesmuseum,braunschweig,harzburger front,ausstellung,vortrag,rede]]></keywords>

		<description><![CDATA[Er&ouml;ffnungsrede von Dr. Peter Schyga]]></description> 
			<content><![CDATA[
Am So., 19. Sept. 2010 wurde im Braunschweigischen Landesmuseum die Pr&auml;sentation der Ausstellungzusammen mit der Ausstellung "Rechtsextremismus heute" der ARUG er&ouml;ffnet.<br><br>
Mehr als 100 Menschen h&ouml;rten den Begr&uuml;&szlig;ungen von Dr. Hans-J&uuml;rgen Derda, kommissarische Direktor des Braunschweigischen Landesmuseums, Markus Weber
vom Verein Spurensuche Harzregion und den Vortr&auml;gen von Dr. Peter Schyga undReinhard Koch aufmerksam zu. Diese Doppelausstellung versteht sich als eine Art Pilotprojekt, durch Darstellung und Analyse des Weges in die NS-Diktatur ein Lernen aus Geschichte mit Formen und Handlungsweisen des gegenw&auml;rtigen Rechtsextremismus in Beziehung zu setzen.
<br><br>
Reinhard Koch pl&auml;dierte in seinem Vortrag, den Rechtsextremismus, seine inneren Verbindungen zur Mitte der Gesellschaft und seinen erheblichen Einfluss auf Teile von Jugendkultur ernst zu nehmen. Es gelte insbesondere den an den Rand der Gesellschaft gedr&auml;ngten jungen Menschen Formen der Integration und Partizipation nahe zu bringen, praktisch zu erl&auml;utern, dass "Demokratie Spa&szlig; macht".
<br><br>
Peter Schyga trat in seinem Vortrag "1931 war die Zukunft f&uuml;r die Menschen offen" daf&uuml;r ein, Geschichte als vormals offenen Prozess zu verstehen, um sie begreifen zu k&ouml;nnen. Denn Begreifen von Geschichte ist - das zeigt sich an erheblichen Defiziten unserer gegenw&auml;rtigen Erinnerungsarbeit und Gedenkkultur - Voraussetzung, den beliebten Imperativ "aus Geschichte Lernen" f&uuml;r die Gegenwart konstruktiv auszuf&uuml;llen.
<br><br>
<b>An dieser Stelle sei die Rede von Dr. Peter Schyga dokumentiert (unten als html/Text-Version):</b><br><br>
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<br><br>
Peter Schyga, Hannover<br>
<b>1931 war die Zukunft f&uuml;r die Menschen offen.</b><br><br>
Vortrag auf der Er&ouml;ffnungsveranstaltung der Doppelausstellung "Harzburger Front im Gleichschritt zur Diktatur" des Vereins Spurensuche Harzregion und "Rechtsextremismus heute" der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt Braunschweig im Braunschweigischen Landesmuseum am 19. September 2010.
<br><br>
Wir haben unsere Ausstellung bei ihren Er&ouml;ffnungen mit Fachvortr&auml;gen begleitet. In Bad Harzburg sprach Prof. Joachim Perels, Hannover, zur "Bedeutung der 'Harzburger Front' f&uuml;r den Aufstieg des Nationalsozialismus, im nieders&auml;chsischen Landtag Prof. Sybille Steinbacher, Jena u. Frankfurt am Main, "Der Tag von Bad Harzburg. Zur Bedeutung der 'nationalen Opposition' gegen die Weimarer Republik".<sup>1</sup> Meine Vortrag heute ist der erste einer Reihe von Veranstaltungen zu Politik und Kultur im Themenfeld der Ausstellung, die wir hier im Museum abhalten werden.
<br><br>
Er handelt davon, dass die Zukunft f&uuml;r die Menschen der Krisenzeit von Weimar, einer Zeit, mit der sich unsere Ausstellung befasst, offen gewesen sei. Sich heute in dieser Sichtweise der Vergangenheit zu n&auml;hern, hat im Wesentlichen zwei miteinander verwobene Gr&uuml;nde, &uuml;ber die ich heute auch sprechen will:<br>
Wir k&ouml;nnen Geschichte begreifen lernen, wenn wir sie nicht nur als geronnene Vergangenheit wahrnehmen, sondern als ein Ringen der damals politisch Handelnden um ihre Gegenwart und Zukunft damals betrachten. Mit dieser Herangehensweise er&ouml;ffnen sich uns andere Reflexionsebenen f&uuml;r gesellschaftliches Handeln in der Gegenwart.<br>
Vorwegschicken m&ouml;chte ich eine Bemerkung: Im Lichte relativ aktueller &Auml;u&szlig;erungen aus der Mitte der Gesellschaft zu M&ouml;glichkeiten und Bedingungen von Ausgrenzung und der Konstruktion gesellschaftlicher Freund/Feind-Beziehungen im Geiste Carl Schmitts habe ich den inhaltlichen Schwerpunkt meines Vortrags ein wenig ver&auml;ndert. Ich werde bei meinen historischen Betrachtungen etwas mehr Wert auf den Gegenwartsbezug legen.
Ich hoffe, sie werden daf&uuml;r Verst&auml;ndnis haben.<br><br>
Wir haben heute in unserem heutigen Musikprogramm eine &Auml;nderung gegen&uuml;ber unserer bisherigen Praxis eingef&uuml;hrt. Statt des "K&auml;lbermarschs" sang Bernd Krage-Sieber das "Solidarit&auml;tslied", entstanden f&uuml;r und um den Film Kuhle Wampe, den wir in 3 Wochen hier zeigen und kommentieren werden. Ich will nicht allzu viel vorwegnehmen: doch die Botschaft dieses 1931/32 entstandenen Films lebt von der Utopie einer anderen Welt, wenn es am
Schluss des Liedes und des Films hei&szlig;t: "Wessen Morgen ist der Morgen, Wessen Welt ist die Welt?" Dem Ausruf wurde unter rezitierenden Sozialisten oft noch das "Unser!" hinzugef&uuml;gt.
<br><br>
Utopie bedeutet, um mit Oskar Negt zu sprechen, "die konkrete Verneinung der als unertr&auml;glich empfundenen gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnisse, mit der klaren Perspektive und der mutigen Entschlossenheit, das Gegebene zum Besseren zu wenden."<sup>2</sup><br>
Beide Lieder handeln von unterschiedlichen "neuen Welten". In dem zynisch-b&ouml;sen vertonten Gedicht von Brechts "K&auml;lbermarsch" dr&auml;ut die dunkle Ahnung von der Schlachtbank als Fanal einer Terrordiktatur. Wir wissen, diese hatte sich in ihrer Brutalit&auml;t, Menschenverachtung und Menschenvernichtung durchgesetzt, wie es sich kein Mensch au&szlig;erhalb des NS-F&uuml;hrungszirkels 1931/32, noch nicht einmal 1933/34 vorstellen konnte.<br>
Dies war die andere, auch in Liedern - eher musikalischen Schlachtengem&auml;lden - bekundete "unsere Welt", eben keine Utopie, sondern die Welt des Teils der deutschen Gesellschaft, der diese zerst&ouml;ren und gewaltsam in die Gemeinschaft der Rasse- und ideologiegleichen verwandeln wollte und verwandelt hat. Es war die Welt des Heils, der Verhei&szlig;ung au&szlig;erhalb der Normativa der Aufkl&auml;rung. Es war mithin die Welt derjenigen, die, statt sich, wie es bei Kant hei&szlig;t, ihres "Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen"<sup>3</sup>, dem F&uuml;hrer der NSDAP und dessen Befehlsorganen unterwarfen.
<br><br>
Von einer Etappe in diese Welt der NS-Diktatur berichtet unsere Ausstellung. Wiedergabe und Analyse von Geschichte, wie sie gewesen und geworden ist, ist ihre Aufgabe, damit wir erinnern und lernen. Erinnern und Lernen lautet die Maxime &uuml;ber einem Tun, das wirErinnerungsarbeit nennen. Doch irgendetwas l&auml;uft seit geraumer Zeit unrund: Das Lernen kommt zu kurz. Wir haben uns in Deutschland m&uuml;hsam eine Gedenk- und Erinnerungskultur erarbeitet, die eins auszeichnet: sie stellt die Opfer des NS-Regimes in das Zentrum. Das ist unbedingt richtig. Doch der hehre Anspruch "Geschichte bewusst machen" - das Motto der Stiftung nieders&auml;chsische Gedenkst&auml;tten, Hauptf&ouml;rderer des Ausstellungsprojekts -, ein Anspruch, der ja auch bedeutet Geschichte von morgen - und das ist die Gegenwart von heute - bewusst machen, das hei&szlig;t gestalten, engagiert in Angriff nehmen und dies gest&uuml;tzt auf das Begreifen von Geschichte, dieser Anspruch kann nicht immer eingel&ouml;st werde. Er wird verk&uuml;mmern, wenn wir nicht um ihn ringen.
<br><br>
Wir drohen uns im Gedenken an die Opfer zu verlieren, drohen die T&auml;ter und ihr Handeln, das wir doch begreifen m&uuml;ssen, in den Hintergrund zu schieben, drohen zu vergessen, dass Geschichte von Handelnden, den Interaktionen von Menschen um Gestaltung ihrer Gegenwart und Zukunft erz&auml;hlen soll. Eine zunehmende Ritualisierung von Erinnerungskulturen und Gedenkpraktiken zu szenischen Vorf&uuml;hrungen bei Vernachl&auml;ssigung von Auseinandersetzung mit politischen Praktiken der Vergangenheit, schafft untaugliche Tabus und gew&auml;hrt - gewiss ohne b&ouml;se Absicht - einen Raum, in den ein mehr oder minder latent immer vorhandener Geschichtsrevisionismus eindringen kann und seine Zuh&ouml;rerschaft und Beifallsbekunder findet. Geben wir uns doch nicht der Illusion hin, Dekonstruktion von Geschichte sei auf rechtsradikale Kreise beschr&auml;nkt. Eine substanzielle Verf&auml;lschung von Geschichte, die Umkehrung von T&auml;tern und Opfern, von Ursachen und ihren Folgen, geht einher mit der Ver&auml;chtlichmachung von Opfern und Verharmlosung von T&auml;tern, wie uns Frau Steinbach gerade in aller Offenheit mit bei Politikern selten gekannter Chuzpe vorf&uuml;hrt.
<br><br>
Dagegen m&uuml;ssen wir uns einen Zugang zu Geschichte bewahren der Vergangenheit nicht als abgeschlossen, als so, wie sie gewesen ist, betrachtet, sondern der die Frage nach dem Kontrafaktischen stellt, nach den Bedingungen, M&ouml;glichkeiten der untelegenen Handlungen. Dann kann Begreifen mit und aus Geschichte gelingen. Wenn wir &uuml;ber das Kontrafaktische, das "wie es nicht und doch auch gewesen ist", von Geschichte nachdenken, wenn wir uns Vergangenheit als damalige Gegenwart mit offener Zukunft f&uuml;r die damals Handelnden vorstellen, wenn wir die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen als damals offenen Prozess verstehen und so die "unterlegene Geschichte" zur Kenntnis nehmen<sup>4</sup>, erst dann k&ouml;nnen wir Geschichte als Lernfolie f&uuml;r politisches Handeln heute nutzen. Nicht fantasierend oder gar von Rechfertigungsw&uuml;nschen des Jetzt f&uuml;r damals oder heute inspiriert und motiviert, sondern quellenges&auml;ttigt getragen von Fakten, Analysen, Gedanken, Politiken der damals Handelnden. Wir skizzieren damalige Optionen in der Ausstellung, indem wir zum Handeln der Gegenakteure, der Demokraten, Republikaner und auch kommunistischer Systemver&auml;nderer Stellung nehmen. Wir sollten diese Ans&auml;tze erweitern:<br>
Begreifen hei&szlig;t n&auml;mlich auch und in erster Linie, ein historisches Geschehen auf bestimmte Begriffe bringen. Das hat seinen Sinn, weil sich damit konkrete Abstraktionen und Verallgemeinerungen erschlie&szlig;en, die es erm&ouml;glichen, sich ein Verstehen hinter dem Bild von Geschichte, das schon schwierig genug zu zeichnen ist, zu erarbeiten. Lernen hei&szlig;t dann nicht nur, sich zu einem "Nie wieder" oder "wehret den Anf&auml;ngen" als Normativ f&uuml;r
gesellschaftliches Zusammenleben heute zu entschlie&szlig;en. Das ist eigentlich eine Selbstverst&auml;ndlichkeit. Solche Art des Erinnerns im Gedenken droht zu einem Ritual von Leerformeln zu verkommen, weil in ihr Vergangenes von der Gegenwart entkoppelt wird.
<br><br>
Dann wird Geschichte schnell als Ballst empfunden, die Besch&auml;ftigung mit ihr als "Moralkeule" (Martin Walser) denunziert, oder auch als museale Alibiveranstaltung in sinnentstellender Form pr&auml;sentiert. J&uuml;rgen Habermas hat einmal Erinnerung als Widerlegung einer "fugendichten Normalit&auml;t dessen, was sich nun mal durchgesetzt hat",<sup>5</sup> bezeichnet und damit ihr Potential gegen eine rationalisierende Einebnung von Widerspr&uuml;chen, historischen Br&uuml;chen und realem aber verlorenen Gegenwelten beschrieben.
<br><br>
Lernen im Sinn von Begreifen bedeutet, aktiv an der Gestaltung unseres Gemeinwesens zu arbeiten, nicht damit die Welt "unser" werde, eine hoch parteiische, spaltende Vision, sondern besser. Dazu geh&ouml;rt, dass wir die Zeit, die wir haben, zur Erarbeitung von politischem Urteilsverm&ouml;gen nutzen - eine Zeit, die die Gesellschaft von Weimar nicht hatte.
<br><br>
Kontrafaktisch hei&szlig;t also nicht, Geschichtsschreibung nach den ideologischen Bed&uuml;rfnissen der Gegenwart zu modeln - eine sehr beliebte &Uuml;bung von interessierter Seite<sup>6</sup> -, sondern hei&szlig;t, andere Fragen zu stellen, Geschichte als Handlungsprozess wahrzunehmen.<br>
Was meint das konkret? Wir haben es in Weimar mit einer tief gespaltenen, von sozialen und politischen Gegenwarts- und Zukunftsentw&uuml;rfen, die sich diametral entgegen standen, getriebenen Gesellschaft zu tun. Getrieben meine ich hier w&ouml;rtlich, denn wir m&uuml;ssen uns immer - auch in Hinblick und im selbstvergewissernden Vergleich zu heute - vor Augen f&uuml;hren, in welch immens beschleunigter Zeit die Menschen damals gelebt haben. Die Zeit
der Harzburger Front ist eine der dramatischen politischen, sozialen und ideologischen Ver&auml;nderung.
<br><br>
In Weimarer Zeiten 1931/32 lebten aktiv arbeitende und politisch handelnde Menschen, die einen Weltkrieg miterlebt hatten, eine einheimische unvollendete Revolution, eine Weltrevolution in Russland, eine Inflation ungekannten Ausma&szlig;es und nun in einer Weltwirtschaftskrise steckten, die massenhafte Armut und Elend, Deprivation und politische Orientierungslosigkeit erzeugte. Sie waren in einem Kaiserreich der Untertanen geboren, in
dem jede Regung zu gesellschaftlicher Ver&auml;nderung von der Staatsgewalt verfolgt wurde.
<br><br>
Nun waren sie eigentlich aufgefordert, eine Gesellschaft des Diskurses mit zu gestalten.<br>
Stattdessen wurden die Klassenantagonismen in ideologisch zementierter Gestalt bestimmend f&uuml;r das Leben. Dieser Zustand wurde und wird in der Politik- und Geschichtswissenschaft oft so gedeutet, dass Weimar an den Antagonismen zwischen Rechts und Links gescheitert sei. Da ist nat&uuml;rlich viel Richtiges dran, nur darf man analytisch hinzuf&uuml;gen, dass das Ankommen in und Gestalten von Demokratie ein m&uuml;hsamer und langwieriger, nie endender Lernprozess ist, ein Prozess der Zeit ben&ouml;tigt, Zeit den die politischen und sozialen K&auml;mpfe in der Gestalt, wie sie gef&uuml;hrt wurden, nicht gew&auml;hrten.
<br><br>
F&uuml;hren wir uns vor Augen, welche Ver&auml;nderungsprozesse in der Biografie eines erwachsenen Menschen, sagen wir 1890 geboren, also 1930 im besten Alter, sich in diesen 40 Jahren vollzogen haben: 1914 schw&auml;rmte der Kaiser und mit ihm die Elite des Landes vom "Platz an der Sonne" und brach den "Gro&szlig;en Krieg" vom Zaum, in den unser junger Mensch, sofern er m&auml;nnlichen Geschlechts war, mehr oder minder begeistert ziehen musste. 1917 schien nach Brest-Littowsk der weite Osten nach deutschen Kolonialisten zu rufen. Ein Jahr sp&auml;ter war unser fiktiv-reales Wesen in einen Epochenbruch gerissen, der Deutschland mit ganzer Kraft erfasst hatte: weite Teile Europas waren verw&uuml;stet, der Kaiser ging auf der Flucht vor Revolution und Republik ins Exil, freisch&auml;rlende politisch-milit&auml;rische Verbrecherbanden suchten autokratische Macht wiederherzustellen, der europ&auml;ische Osten
wurde zur Schim&auml;re - und zur erkl&auml;rten Aufgabe revanchistischer Politik von Hugenberg bis Hitler.
<br><br>
Und weiter in Stichworten: Kapp-Putsch-Versuch 1920 und Genrealstreik, Republiksturzversuch 1923 durch Hitler-Ludendorff, Hyperinflation und Rentenmark, kurzes Luftholen, Regierungskrisen und dann Weltwirtschaftskrise, Notverordnungen, Stra&szlig;enk&auml;mpfe, Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger f&uuml;r viele, protzender Reichtum f&uuml;r wenige.
<br><br>
Spannen wir den Zeitrahmen noch enger und vergegenw&auml;rtigen uns: Die Nationalsozialisten erhielten bei den Reichstagswahlen 1928 2,6% der Stimmen (das waren 800.000 W&auml;hler- und W&auml;hlerinnen). Zwei Jahre erzielte die NSDAP 6,4 Millionen Wahlstimmen und vier Jahre sp&auml;ter wurde sie mit 13,7 Millionen W&auml;hlern und W&auml;hlerinnen und 230 Sitzen st&auml;rkste Reichstagsfraktion. F&uuml;nf Jahre nach 1929 erlangten sie gewaltsam und huldvoll gef&ouml;rdert von den deutschen Eliten die Macht.
<br><br>
Dieser Zeitraum misst wenig mehr als bei uns eine Legislaturperiode. Erinnern Sie sich noch, was in der gro&szlig;en Koalition bei uns politisch Entscheidendes geschehen ist? <br>
Die Epoche von Weimar war nicht nur eine ungeheuer beschleunigte Zeit, es war auch eine &Auml;ra der Unvers&ouml;hnlichkeit politischer Anschauungen und ihrer &Auml;u&szlig;erungen, eine Zeit auch staatlich-administrativer Reglementierung und Zensur. Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Gegens&auml;tze, der Suche nach Freiheit in politisch-sozialer Utopie und gnadenloser Reaktion. Hier standen Bataillone militanter Militaristen und Revanchisten weniger gut organisierten erkl&auml;rten Pazifisten gegen&uuml;ber, Reformer und bolschewistische Weltrevolution&auml;re, v&ouml;lkisch-rassistisch-nationalistische Kleingeister in gewaltt&auml;tiger Gro&szlig;protzmanier und Literaten und K&uuml;nstler aller Branchen in selten gekannter Produktivit&auml;t und innovativer Schaffenskraft. Die F&uuml;hrung einer gut organisierten Arbeiterschaft hatte im t&auml;tigen Versprechen, die revolution&auml;ren Forderungen von 1918/19 zu relativieren, den Unternehmern Rechte und Zugest&auml;ndnisse abgerungen, die binnen ganz kurzer Lebenszeit St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck kassiert wurden. Den praktischen Experimenten freier Erziehung standen stockbewehrte Monokeltr&auml;ger in deutschen Schulklassen gegen&uuml;ber. Neue musikalische Ausdrucksformen in Lied, Oper oder Revue entwickelten sich gegen blechernde Marschmusik bei Weihen und anderen vaterl&auml;ndischen Zeremonien. Die Literaten der Weltb&uuml;hne wurden permanent vor den Kadi gezerrt, ein pazifistischer Film wie Westen nichts Neues zensiert, Kinobetreibern die Schaufenster beschmiert oder eingeworfen, derweil sich die Front alter und neuer Krieger neu formierte. W&auml;hrend auf den Theaterb&uuml;hnen mancher
Metropole die Kunst revolutionierende St&uuml;cke und Ausdrucksformen erprobt und auch bejubelt wurden, entwickelten sich Kyffh&auml;user und das Deutsche Eck zu Pilgerst&auml;tten v&ouml;lkischer Heilsvisionen, wurden in deutschen Provinzen Wettbewerbe um ein Reichsehrenhain ausgelobt. Bahnbrechende, &ouml;ffentlich diskutierte Sozialwissenschaft versuchte diese Neue Zeit zu analysieren und zu erkl&auml;ren. Jeder kennt heute die Bedeutung der Namen Walter Benjamin, Karl Korsch, Sigmund Freud oder Herbert Marcuse, um nur ganz wenige zu erw&auml;hnen. Debatten und konstruktive Reformideen f&uuml;r Weimar gab es viele und hoch qualifizierte, ich nenne als Forum nur die von Rudolf Hilferding herausgegebene Zeitschrift Die Gesellschaft. Internationale Revue f&uuml;r Sozialismus und Politik. Die Welt hatte sich im Kultur- und Wissenschaftsaustausch internationalisiert, Berlin war eine Weltmetropole geworden mit engen Verbindungen zu Prag, Paris, London, Moskau, New York und auch Hollywood. Den Ausdruckformen und Hoffnungen auf eine andere, freiere und soziale Gesellschaft schlug tiefer dumpfer Hass, weniger des indifferenten deutschen Michel als vielmehr der Front vielsprechender und auflagenstarker Restauration und v&ouml;lkisch-deutscht&uuml;melnden Aufbruchs entgegen. Man kann sie n&auml;her charakterisieren, sie waren in Harzburg unmittelbar oder im Geiste anwesend. Erg&auml;nzend zur Ausstellung, dem Katalog und unserer Brosch&uuml;re von 2007<sup>7</sup> liefern einige biografische Ordner Material.
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Die Versuche, Ans&auml;tze, Visionen einer anderen Gesellschaft wurden zunehmend mit Gewalt - auch staatlich bef&ouml;rderter - einged&auml;mmt, bis sie unter dem Johlen der deutschen Elite 1933 zu Asche verbrannt, ihre Protagonisten ins Exil vertrieben, verhaftet, geschunden und manche ermordet wurden. Immer wieder werden wir vor der Frage - salopp formuliert - stehen, was ist schief gelaufen? Kann man davon sprechen, dass irgendwann die
Entwicklung unumkehrbar war? Und wenn, warum, wie ist es dazu gekommen? Oder mit Sebastian Haffner zu fragen, wie konnte es sein, dass eine Mehrheit im Fr&uuml;hjahr 1933 pl&ouml;tzlich "verschwunden" war, eine Mehrheit, die doch wusste, was mit Hitler bevor stand.
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"Was ist mit Ihnen? Geh&ouml;ren sie wirklich zu diesem Irrenhaus? Merken sie nicht, was mit ihnen geschieht - und was in ihrem Namen geschieht? Billigen sie es etwa gar? Was sind das f&uuml;r Leute? Was sollen wir von ihnen halten? Tats&auml;chlich stecken hinter diesen Unerkl&auml;rlichkeiten sonderbare seelische Vorg&auml;nge und Erfahrungen - h&ouml;chst seltsame, h&ouml;chst enth&uuml;llende Vorg&auml;nge, deren historische Auswirkungen noch nicht abzusehen sind."<sup>8</sup>
<br><br>
Diese Fragen stellen wir an die Geschichte als damalige Gegenwart immer noch, um zu begriffenen Urteilen &uuml;ber die Vergangenheit zu gelangen. Wir k&ouml;nnen mit diesem Verfahren Geschichte nat&uuml;rlich nicht mehr zur&uuml;ckdrehen, aber wir k&ouml;nnen dies Begreifen in Konsequenzen f&uuml;r politisches Handeln heute m&uuml;nden lassen. 
<br><br>
Wir haben unserer ersten Brosch&uuml;re zur Harzburger Front den Titel "Fanal zur Zerst&ouml;rung einer demokratischen Republik" gegeben. Damit bezeichnen wir implizit die Phase des Halbjahres 1931/32 als Point of no Return. Dies in der Einsicht, dass mit den Ereignissen in Bad Harzburg und Braunschweig die marodierende, sich aus Grenzgebieten gescheiterter Existenzen rekrutierende Gewaltgesellschaft der Nationalsozialisten am Leben gehalten wurde von denjenigen, die - als Mitte der Gesellschaft bezeichnet - in wohllebigen und geordneten Systemen existierten und arbeiteten: die staatliche- und Milit&auml;rb&uuml;rokratie, die Intellektuellen und Halbintellektuellen aus Schule, Hochschule und Redaktionsstuben, Unternehmer und Richter, Pastoren und Dichter und so weiter. Ehe sich die f&uuml;r das Funktionieren einer demokratischen Republik notwendigen Formen eines gewaltfreien, auf lebenswerte Zukunft orientierten Diskurses ausbilden konnten, haben die potenziellen Leistungstr&auml;ger dieser Ordnung sich selbst entm&uuml;ndigend und damit das Gemeinwesen zerst&ouml;rend dem F&uuml;hrer tatkr&auml;ftig ihre Kooperation angedient.
<br><br>
Die Tatsache, dass die Herstellung der Gemeinschaft von Rechtsextremismus und Zentrum der Gesellschaft so relativ reibungslos und sehr schnell funktionierte, hat viel mit damit zu tun, dass die Anstrengungen der politisch wachen und aktiv arbeitenden demokratisch-republikanischen Mehrheitsgesellschaft keine ausreichende Widerstandskraft entfalten konnte. Weil sie so gespalten war, lautet unsere g&auml;ngige Interpretation dieses Unverm&ouml;gens.
<br><br>
Doch was hei&szlig;t Spaltung eigentlich? Mit - hier Sozialdemokraten dort Kommunisten, dazwischen ein paar Syndikalisten und frei schwebende Intellektuelle Kreise bei kaum noch vorhandenen b&uuml;rgerlichen Demokraten ist sie nicht hinreichend gekennzeichnet. Denn Spaltung bedeutet - jetzt ganz verk&uuml;rzt - die Zersplitterung eines Gemeinwesens in Partikularinteressen und den Kampf um die Durchsetzung dieser aus subjektiven
Empfindungen und Lebensentw&uuml;rfen gespeisten Interessen in und gegen diejenigen von anderen.
<br><br>
Der Anspruch an eine Republik als Form politischer und sozialer Ordnung geht dahin, diese Interessen in geordneten, rechtsstaatlichen und gewaltfreien Verfahren zur Geltung bringen zu k&ouml;nnen. Deshalb gibt es etwa Parteien und Verb&auml;nde. Der Anspruch von Demokratie kann es nicht nur sein, dieser Ordnung durch Abstimmungen und Minderheitenschutz Legitimation zu verschaffen. Demokratie formuliert den Imperativ der "Sorge um das ganze Haus". Diese Sorge verlangt den Gemeinwesenb&uuml;rger. Das ist der Citoyen, der versucht, die Spaltung der Wirklichkeit in seine subjektiven Orientierungen und die Pflege des Systems sowie der Inhalte demokratischer Institutionen klein zu halten, sich also auch einmal im
Interesse des Gemeinwesens zur&uuml;ckzunehmen.
<br><br>
Diese Anspr&uuml;che sollten wir uns vor Augen halten: kaum etwas von den lang erk&auml;mpften Errungenschaften unserer politischen Ordnung wird gesichert sein, wenn nicht st&auml;ndig um zumindest ertr&auml;gliche Verh&auml;ltnisse in einer demokratischen Republik gerungen wird.
<br><br>
Dagegen bilden sich "Schwarzmarktfantasien, die auf die Spaltung dieser Wirklichkeit dr&auml;ngen"<sup>9</sup> und deren Ergebnis nur die Sprengung des Gemeinwesens sein kann:<br>
Steuerflucht und gated communities, verbissene Arbeitsplatzverteidigung gegen Arbeitsuchende, shareholder-Bewusstsein und -Handeln von Rentiers und Erben sind ebenso Ausdruck dieser Wirklichkeitsspaltung wie Wahlverweigerung oder Jagd auf Fremde.
<br><br>
Man sehe sich die zunehmende soziale und kulturelle Spaltung unserer Gesellschaft und die dazu verbreiteten ideologischen Rechtfertigungen des Kapitalismus als marktwirtschaftlichen Konkurrenzmechanismus mit betriebswirtschaftlichen Imperativen an.<br>
Wenn wir heute zum neuen Rechtsextremismus, der meines Erachtens mit zunehmender Berechtigung als neuer Nationalsozialismus treffend zu kennzeichnen ist, Stellung nehmen, dann geschieht dies aus Sorge um die zunehmende Spaltung und Gewaltf&ouml;rmigkeit unserer Gesellschaft. Diese wiederum ist Ausdruck von institutionell-administrativer und subjektiv um Vorteile bedachter Ausgrenzung des Anderen, des Fremden, des Arbeitsplatz- oder Wohlfahrtskonkurrenten. Die Sarrazinisierung von Gesellschaft kann das auch genannt werden.
<br><br>
Wir haben vielleicht noch ein wenig Zeit f&uuml;r die Herstellung von politischen Diskursebenen, auf denen freie Gesellschaften in Verantwortung f&uuml;r die Gemeinwesen der Welt Zukunft tragende Entscheidungen treffen k&ouml;nnen. Die Gesellschaft von Weimar hatte die nicht. Wenn man sich die Irrungen und Katastrophen damaliger Zeit vor Augen f&uuml;hrt, k&ouml;nnten wir fast dankbar f&uuml;r das Gef&uuml;hl sein, dass sich die Gesellschaft heute zu wenig bewege, zu beh&auml;big und allm&auml;hlich, bei allem medialen Bohei um Kleinigkeiten das Aussitzen zur Hochkultur jeder Debatte erhebend, dahintrotte. Ich meine das jetzt nicht wirklich so - denn wenn wir Entscheidungen hinausschieben, k&ouml;nnen sich Widerspr&uuml;che und ungel&ouml;ste Problem, gesellschaftsanalytische Irrt&uuml;mer und politisches Versagen in zerst&ouml;rerische Dimensionen auswachsen.
<br><br>
Wir werden nicht umhin kommen, uns einzumischen, Politik und Macht nicht - frei nach Hegel - den modernen Gesch&auml;ftsf&uuml;hrern des Weltgeistes, der Managerkaste in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien, zu &uuml;berlassen. Erinnerungsarbeit, wie wir sie verstehen m&ouml;chten und wie wir sie hier pr&auml;sentieren, ist integraler Bestandteil der Selbstvergewisserung zur Erlangung von politischer Urteilskraft.
<br><br>
Lassen Sie mich schlie&szlig;en mit einer &ouml;ffentlichen politischen Lagebeurteilung von Carl v. Ossietzky vom 3. Januar 1933 mit dem Titel Winterm&auml;rchen:<sup>10</sup> Der Artikel beginnt:<br>
"Am Anfang des Jahres 32 stand die Nazidiktatur vor der T&uuml;r, war die Luft voll Blutgeruch, schien die Erf&uuml;llung des Programms von Boxheim nur eine Frage der Zeit zu sein. An seinem Ende wird die Hitlerpartei von einer heftigen Krise gesch&uuml;ttelt, sind die langen Messer still ins Futteral zur&uuml;ckgesteckt und &ouml;ffentlich sichtbar nur die langen Ohren des F&uuml;hrers. Die deutsche Entwicklung geht nicht glatt aber rapid."<sup>11</sup>
<br><br>
Der Artikel endet:<br>
2Die Hitlerpartei betont gern ihre Andersartigkeit, und sie darf in der Tat nicht mit hergebrachten Normen gemessen werden. W&uuml;rde sie heute j&auml;h in Atome zerspringen, so bliebe doch das Faktum bestehen, dass sie noch vor kurzem f&uuml;nfzehn Millionen W&auml;hler gefunden hat. Sie muss also nicht nur einem politischen Bed&uuml;rfnis sondern auch einer speziellen deutschen Gem&uuml;tslage entsprechen. Ihre Brutalit&auml;t, Gro&szlig;m&auml;uligkeit und Hirnlosigkeit haben nicht abschreckend, sondern anziehende gewirkt und bedingungslose Gefolgschaft gefunden. Das bleibt eine nicht leicht zu beseitigende Tatsache. Die Nationalsozialistische Partei hat f&uuml;r f&uuml;nfzehn Millionen Deutsche genau das erf&uuml;llt, was sie sich unter einer politischen Partei vorgestellt haben. Niemals ist das deutsche B&uuml;rgertum in einem S&auml;kulum so ehrlich gegen sich gewesen wie in diesen paar Jahren nationalsozialistischen Wachstums. Da gab es nicht mehr intellektuellen Aufputz, nicht mehr geistige Anspr&uuml;che, nicht mehr akademische Fassade reicherer Jahrzehnte. Der &ouml;konomische Zusammenbruch hat die innere Rohheit, die plumpe Geistfeindlichkeit, die harte Machtgier b&uuml;rgerlicher Schichten - Eigenschaften, die sich sonst halb anonym hielten oder in private Sph&auml;re ableiteten - offen blo&szlig; gelegt. Nur einmal haben nationalistischer Blutrausch und politische Hilflosigkeit so bedenkenlos Hochzeit gefeiert, und das war zu Kriegsbeginn. Insofern ist die Nationalsozialistische Partei der in Permanenz erkl&auml;rte 4. August. Sie tr&auml;gt am deutlichsten die Illusion dieses traurigen Datums der deutschen
Geschichte in eine ver&auml;nderte Zeit.<br>
Der gro&szlig;e v&ouml;lkische F&uuml;hrer mit dem &Auml;u&szlig;ern und den All&uuml;ren eines Zigeunerprimas mag seine Saison haben und mit dieser abbl&uuml;hen. Was er an b&ouml;sen und h&auml;sslichen Instinkten hervorgerufen hat, wird nicht so leicht verwehen und f&uuml;r lange Jahre noch das gesamte &ouml;ffentliche Leben in Deutschland verpesten. Neue politische und soziale System werden kommen, aber die Folgen Hitlers werden aufstehen, und sp&auml;tere Generationen noch werden
zu jenem G&uuml;rtelkampf antreten m&uuml;ssen, zu dem die deutsche Republik zu feige war."<sup>12</sup>
<br><br>
Welch tragische Komposition von klarsichtiger Analyse und verh&auml;ngnisvollem politischem Irrtum!<br>
Aus beidem sollten wir lernen.<br><hr width=30%><br>
<small>
1 Der Vortrag von J. Perels ist im Ausstellungskatalog abgedruckt, der von S. Steinbacher wird in einer f&uuml;r das Fr&uuml;hjahr n&auml;chsten Jahres geplanten Edition aller im Rahmen der Ausstellungspr&auml;sentationen gehaltenen Vortr&auml;ge erscheinen. Vgl. auch pdf auf www.harzburgerfront.de<br>
2 Oskar Negt 2010: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, G&ouml;ttingen, S.36<br>
3 Ausf&uuml;hrlicher: "Aufkl&auml;rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm&uuml;ndigkeit. Unm&uuml;ndigkeit ist das Unverm&ouml;gen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unm&uuml;ndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern an der Entschlie&szlig;ung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl&auml;rung".<br>
Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufkl&auml;rung? In: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik, P&auml;dagogik, I: Werke in sechs B&auml;nden, Bd. VI, Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft) 1964, S.53.<br>
4 "In jedem gegebenen geschichtlichen Augenblick gab (und gibt) es Alternativen. Sie zu unterschlagen, weil sie nicht realisiert wurden (oder werden, P.S.) bedeutet die Wirklichkeit grundlegend zu verkennen." Hugh Trevor- Roper 1980: History and Imagination, Oxford, S.2. In Menschenwelten haben wir es stest mit Handlungsalternativen zu tun, das wissen wir schon seit Aristoteles. "W&auml;re es nicht so, so g&auml;be es - wider allen deterministischen Vorstellungen und trotz der Zw&auml;nge jeweils gegebener Handlungsbedingungen - keinerlei Bedarf an Politik als kollektiv bindendem Entscheiden."<br>
Aristoteles: "Der Ursprung des Handelns ... ist die Entscheidung zwischen mehreren M&ouml;glichkeiten. Der ursprung der Entscheidung ist das Streben und die Reflexion, die den Zweck aufzeigt. ... Das Debken allerdings setzt nichts in Bewegung, erst wenn es sich auf einen Zweck (telos) und auf ein Handeln (prxis) einstellt." <br>
Nichomaische Ethik. Buch VI. Stuttgart 1969, S.155.
5 J&uuml;rgen Habermas 1987: Eine Art Schadensabwicklung, Frankfurt/Main, S.175.<br>
6 Legendenbildungen werden n&auml;mlich seit geraumer Zeit f&uuml;r diese so kurze aber zentrale Epoche deutscher Geschichte der Weimarer Republik eifrig gefertigt von j&uuml;ngeren Wissenschaftlern, die pl&ouml;tzlich das Weimarer B&uuml;rgertum als prinzipiell liberal-republikanisch-demokratischen Hort von deutscher Gesellschaft des 20. Jahrhunderts &uuml;berhaupt entdecken. Das allerdings wider aller bisher als gesichert geltenden Kenntnis von Geschichte aus einem einzigen Grund: weil sie das B&uuml;rgertum der Jetztzeit zum Tr&auml;ger gesellschaftlicher Vernunft und Verantwortung stilisieren wollen. Ich meine zuv&ouml;rderst den medial so hoch gejazzten Paul Nolte, Professor f&uuml;r Geschichte in Berlin. Paul Nolte, 2000: Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert, M&uuml;nchen (Habil. Mai 1999, Bielfeld.) Synoptisch dazu gelesen: Paul Nolte 2004 (4): Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, M&uuml;nchen wird seine Vergangenheitsinterpretation begreifbar.<br>
7 Verein Spurensuche Harzregion (Hg.) 2007 (2009<sup>2</sup>): Harzburger Front von 1931 - Fanal zur Zerst&ouml;rung einer demokratischen Republik. Historisches Ereignis und Erinnern in der Gegenwart. Eine Dokumentation, Goslar.<br>
8 Sebastian Haffner 2000(5): Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, Stuttgart/M&uuml;nchen, S.173.<br>
9 Negt, a.a.O., S.25.<br>
10 Die Weltb&uuml;hne, 29. Jg. v. 3. Januar 1933 S. 3-4<br>
11 Zur Erl&auml;uterung: Die von Werner Best, damals Amtsrichter und Rechtsberater der NSDAP sp&auml;ter Chef des Amtes Verwaltung und Sicherheit im Reichssicherheitshauptamts, im Sommer 1931 entworfenen sogenannten Boxheimer Dokumente waren eine Handlungsanleitung zur Zerschlagung der politischen Gegner im Fall einer Usurpation der Macht durch die Nationalsozialisten. Sie gelangten noch vor dem Treffen der Harzburger Front an die &Ouml;ffentlichkeit und erregten einige Aufmerksamkeit.<br>
12 Diese Worte stammen aus der Feder von Carl v. Ossietzky kurz nachdem ihn die Republik aus dem Kerker, in den sie ihn wegen Enth&uuml;llungen &uuml;ber die Reichswehr f&uuml;r 18 Monate eingesperrt hatte, entlassen hatte. Wenige Wochen sp&auml;ter wurde er von den NS-Machthabern ins KZ verbracht. Er starb 1938 an den Folgen der erlittenen Haft.

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