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	<title>Spurensuche Harzregion e.V. </title>
	
	<link>www.spurensuche-harzregion.de</link>
	<description>Webseite des Vereins Spurensuche Harzregion</description>
	<pubDate>Sun, 23 Jan 2011 13:11:00 +0100</pubDate>
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	<language>de-de</language>
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		<title><![CDATA[Nachreichung: Rede von Peter Schyga w&auml;hrend der Ausstellungser&ouml;ffnung zur Harzburger Front in Wernigerode]]></title>
		<link>http://www.spurensuche-harzregion.de/?publikationen/110</link>
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		<pubDate>Sun, 23 Jan 2011 13:11:00 +0100</pubDate>

		<creator>PV</creator>
		
		<category><![CDATA[publikationen]]></category>
				<keywords><![CDATA[wernigerode,bad harzburg,harzburger front,presse]]></keywords>
		<description><![CDATA[Redeprotokoll]]></description> 
			<content><![CDATA[

Vor zahlreichen Interessierten er&ouml;ffnete der Rektor der Hochschule Harz, Prof. Dr. Armin Willingmann, als Gastgeber die Ausstellung. Der Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt und Schirmherr der Ausstellung, Holger H&ouml;velmann, betonte in seinem ausf&uuml;hrlichen Gru&szlig;wort, die Bedeutung der Vermittlung von Geschichte f&uuml;r den Kampf gegen den aktuellen Rechtsextremismus. F&uuml;r die Stadt Wernigerode, neben dem F&ouml;rderkreis Mahn- und Gedenkst&auml;tte Veckenstedter Weg Mitveranstalter, wies B&uuml;rgermeister Peter Gaffert darauf hin, wie  wichtig zeitgeschichtliche Selbstvergewisserung f&uuml;r das b&uuml;rgerschaftliche MIteinander in einer Kommune sei. Petra B&ouml;rst-Harder erinnerte im Namen der AusstellungsmacherInnen, wie wichtig das Engagenment der Hochschule, namentlich von Prof. Eberhard H&ouml;gerle und seinen StudentInnen f&uuml;r das technische Zustandekommen der beiden Ausstellungsversionen gewesen sei. In seinem Fachvortrag ging Peter Schyga auf die Aktivisten der deutschen "Mitte" ein, die mit diesem Treffen am 11.10.1931 Ansporn fanden, sich bei den Natioanlssozialisten einzureihen.
<br><br>
<a href="https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=explorer&chrome=true&srcid=1IPh0ueHwQTN8xNUnCDC9EF7JFQSpbKUfHGndX05qEuXQwP6CHzaCWdwGnvb-&hl=de">Rede als PDF (Google Docs)</a>
<br><br>
<Peter Schyga<br>
<b>Harzburger Front 1931: Die Mitte und der Rechtsextremismus</b><sup>1</sup><br><br>
Als ich dar&uuml;ber nachdachte, was ich heute erz&auml;hlen soll, fiel mir eine Begebenheit ein. Vor fast genau zwei Jahren hatte ich mit Herrn Ludwig Hoffmann ein kleines anregendes Gespr&auml;ch. Wir trafen uns bei der Er&ouml;ffnung der station&auml;ren Version dieser Ausstellung in der Wandelhalle in Bad Harzburg. Nach dem anstrengenden Einf&uuml;hrungsprogramm meinte er bei Sekt und Selters, das Betrachten der Ereignisse vom Oktober 1931 zeige klarer, wie es zur Mach&uuml;bernahme der Nationalsozialisten kommen konnte. Auch sei es f&uuml;r ihn und andere, die sich in der Gegenwart mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzen m&uuml;ssten, frappierend, welch ideologische und programmatische N&auml;he dieser Kr&auml;fte zu den Wegbereitern der Nazis damals h&auml;tten.<br><br>
Dies Lob h&ouml;rte ich gern, es schmeichelte auch, das gebe ich offen zu, denn genau dies wollen wir mit der Ausstellung erreichen: Wir haben den Anspruch, &uuml;ber die Darstellung und Kommentierung von Geschichte die Sinne f&uuml;r politisches Urteilsverm&ouml;gen in der Gegenwart zu sch&auml;rfen.<br><br>
Ich werde heute also nicht die Ausstellung referieren, das w&auml;re ja per se langweilig und erm&uuml;dend. Ich werde einen Aspekt ihres Gehalts n&auml;her betrachten, indem ich die treibenden Kr&auml;fte, die damals in Bad Harzburg beteiligt waren, n&auml;her untersuche.<br><br>
Zu dieser Entscheidung haben mich auch die &auml;u&szlig;eren Umst&auml;nde dieser Veranstaltung bewogen. Zum einen wei&szlig; ich um das Ringen gegen den Rechtsextremismus heute in dieser Stadt und in der Region. Es liegt also besonders nahe, Bez&uuml;ge der Geschichte zu heute herzustellen, ohne in phrasierende Analogien zu verfallen. Zum anderen wird die Ausstellung mit dem Titel im "Gleichschritt zur Diktatur" hier in Wernigerode im Rahmen der &ouml;rtlichen Erinnerungs- und Gedenkaktivit&auml;ten zum 27. Januar 1945, dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, gezeigt. Damit wird ein terminlich-formaler Zusammenhang zwischen 1931 und Auschwitz hergestellt, der sich inhaltlich nicht unbedingt sofort erschlie&szlig;t, &uuml;ber den es also nachzudenken lohnt.<br><br>
Ganz gewiss standen die zentralen Elemente von nationalsozialistischer Politik ab 1933 - totalit&auml;re Unterdr&uuml;ckung, V&ouml;lkermord, Vernichtungskrieg und Ausrottung der Juden Europas - nicht am Horizont der allermeisten Menschen, die in dieser Weimarer Zeit lebten - wohl auch nicht der Mehrheit der Teilnehmenden an Aufmarsch und Kundgebung. Dennoch halt ich es f&uuml;r v&ouml;llig legitim und im Rahmen zeitgeschichtlicher Diagnose f&uuml;r fruchtbar, &uuml;ber diesen Zusammenhang nachzudenken. <br><br>
Deshalb werde ich die Akteure nicht nur als Individuen, sondern auch als politisch-soziologische Kategorie in den Blick nehmen.<br><br>
Damit, so der weitere Schritt meines &ouml;ffentlichen Nachdenkens, erreicht man bei Beachtung der konkreten Situationen eine Stufe von Abstraktion, die es m&ouml;glich macht, Motivations- und Handlungsfelder in der Politik zu erfassen, die ein Lernen aus der Geschichte zu erm&ouml;glichen.<br>
Die Terror- und Vernichtungsdynamik startete nicht in Bad Harzburg, doch ihre Wurzeln waren hier geerdet, die inneren Triebkr&auml;fte ihrer Akteure wurden hier
geweckt. Die heiligen Schw&uuml;re m&ouml;rderischer NS-Politik lassen sich bis hierin verfolgen. Den NS-Geboten "Du sollst deinen F&uuml;hrer ehren und ihm gehorchen", "Du sollst falsch Zeugnis reden wider dem Anderen", "Du sollst stehlen und rauben", "Du sollst deinen n&auml;chsten, der anderer Meinung ist als du, denunzieren, zerst&ouml;ren, wegsperren oder vertreiben lassen" bis hin zu Himmlers Gebot "Du sollst t&ouml;ten" folgten bald die Massen.<br><br>
Hier wurde der Knoten gel&ouml;st, der latente Einstellungen und Ansichten im Privaten, am Stammtisch, im Kriegerverein, bei irgendwelchen Weihen gefangen hielt. Bad Harzburg bewirkte, dass schwelende antidemokratische und antirepublikanische Einstellungen und Verhaltensmuster sich Raum verschaffen konnten hin zur bedingungslosen Unterst&uuml;tzung der Nationalsozialisten. <br><br>
Der gro&szlig;e Zeitgeschichtsschreiber Arthur Rosenberg, vom Fach Althistoriker, kritischer Zeitgenosse, Politiker der USPD, dann der KPD bis zu seinem Austritt 1927<sup>2</sup>, schrieb in seinem Buch Die Geschichte der Weimarer Republik &uuml;ber die "St&uuml;tzen der Gesellschaft" - rufen Sie sich bitte das ber&uuml;hmte Bild von George Grosz f&uuml;r das folgende Zitat in Erinnerung: "In den Jahren 1924 bis 1928 haben die deutschen Mittelklassen, ebenso die Angestellten und Beamten, die den b&uuml;rgerlichen Parteien angeh&ouml;rten, sich im Allgemeinen die Republik gefallen lassen. Sie hatten nichts gegen die Weimarer Republik, solange in Deutschland unter dieser Staatsform Ruhe und Frieden herrschten und man einigerma&szlig;en den Lebensunterhalt verdienen konnte. Die Abgeordneten der Deutschen Volkspartei und der Deutschnationalen behielten im Allgemeinen die Stimmen ihrer W&auml;hler, auch wenn sie im Parlament f&uuml;r Regierungskoalitionen und den Dawesplan eingetreten waren. Damit waren jedoch die deutschen Mittelschichten ebenso wenig wie die Kapitalisten zu &uuml;berzeugten Anh&auml;ngern der Demokratie und der Republik geworden. Bei jeder ernsten Krise waren sie bereit, der demokratischen Republik den R&uuml;cken zu kehren."<sup>3</sup>
Der Mittelstand, die Mittelschicht, die Mittelklassen, wie immer wir die Teile der Bev&ouml;lkerung bezeichnen, die zwischen beiden Hauptklassen standen - die damals soziologisch noch ziemlich genau zu definieren waren -, wollten sich nun zunehmend weder Weimar noch eine Republik &uuml;berhaupt "gefallen lassen" - wie es Rosenberg so trefflich formulierte. Die Wahlergebnisse der Jahre nach 1928 geben &uuml;ber diesen Bruch in den politisch artikulierten Einstellungen Aufschluss: Die NSDAP hatte bei den Reichstagswahlen v. 14. September 1930 18,3 % der Stimmen erhalten, sie sa&szlig; mit 107 Abgeordneten im Reichstag. Die Stimmen und- Abgeordnetenzahl der DNVP hatte sich fast halbiert (7,0%, 41 Abgeordnete). Am 10. April 1932 stimmten 36,8% der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler gegen die Ikone deutscher Herrlichkeit, Hindenburg, f&uuml;r einen Reichspr&auml;sidenten Hitler und ein Jahr sp&auml;ter bei den Wahlen zum 6. Reichstag gaben ihm 37,3% der Wahlbev&ouml;lkerung die Stimme. Das waren 13,75 Millionen Menschen, zusammen mit den 2,17 Millionen DNVP-W&auml;hlern also fast 15 Millionen bei 37 Millionen abgegebenen Stimmen. Nur 4 Jahre zuvor, bei den Reichstagswahlen im September 1928, hatte die Hitlerpartei etwas &uuml;ber 810.000 Stimmen erzielt, die DNVP 4,4 Millionen.<br><br>
Dazwischen lag Bad Harzburg. Was wollten die Teilnehmenden - dies waren nur einige Tausend, die aber Millionen Anh&auml;nger im Reich repr&auml;sentierten - eigentlich? Was waren ihre Ziele, ihr Ansinnen, ihre Motive, ihre Antriebskr&auml;fte? Welcher Bilder und Vorstellungen von ihrer damaligen Gegenwart und Zukunft herrschten vor? Was sie wollten, haben sie in der "Resolution von Bad Harzburg" formuliert. Sie wollten eine Diktatur der Volksgleichen bei politischer Vernichtung des Anderen, die ohne Bedenken auch physischer Natur sein konnte. Sie wollten eine Zerschlagung des Rechts und der politischen und sozialen Kultur der Aufkl&auml;rung und Moderne. Sie wollten die Herstellung deutscher Gr&ouml;&szlig;e durch die Revision der Ergebnisse des 1. Weltkriegs.<br><br>
Wir haben diese Akteure in der Ausstellung als T&auml;ter gekennzeichnet, als T&auml;ter, die die Zerst&ouml;rung von Republik und Demokratie aktiv betrieben, als T&auml;ter, die sich zur auch gewaltsamen Durchsetzung ihrer Ziele bekannten. Die Resolution von Bad Harzburg formulierte die Selbsterm&auml;chtigung einer radikalen Minderheit, eine Selbsterm&auml;chtigung, die mit jedem Propagandaerfolg, jeder Wahl in Kommunen und Provinzen zunehmend in aggressive, machthungrige Hybris hineinwuchs. Ich m&ouml;chte diese hier im Zugriff auf den Text der Resolution4 noch einmal kurz zusammenfassen:<br>
Ziel der Politik sei die St&auml;rkung der "blutsm&auml;&szlig;igen Verbundenheit des deutschen Volkes" in einem "starken Staat", der "die zur Herbeif&uuml;hrung einer wahren
Volksgemeinschaft notwendigen sozialen Ma&szlig;nahmen durchf&uuml;hren" m&uuml;sse. Den "Klassenkampf" gelte es nieder zu halten, den "Kulturbolschewismus" auszuschalten
und den "Blutterror des Marxismus" zu bek&auml;mpfen, der "politischen, wirtschaftlichen und milit&auml;rischen Entmannung Deutschlands" durch die "Regierungen und
Staatsapparate" der Gegenwart entgegenzutreten. Auch wenn das Wort "Judenrepublik" nicht fiel, war der aggressive Antisemitismus dieses Pamphlets gegenw&auml;rtig. Denn ein Begriff wie "Kulturbolschewismus" meinte die kritische j&uuml;dische Intelligenz im Kulturbetrieb, hinter der Floskel von der St&auml;rkung der
"heimischen Wirtschaft" bei Zur&uuml;ckweisung "weltwirtschaftlicher Utopien (und) einer Politik der Unterw&uuml;rfigkeit dem Ausland gegen&uuml;ber" steckte das Feindbild vom j&uuml;dischen Weltfinanzkapital. Die Resolution ging &uuml;ber die von Seiten der Rechtsnationalisten bislang verbreiteten Schm&auml;hungen der Republik und ihrer Repr&auml;sentanten hinaus. Sie sagte ihnen den Kampf an - auch die bewaffnete Aktion. <br><br>
Den Versammelten war es mit dem Sturz der Reichsregierung Br&uuml;ning und der sozialdemokratisch gef&uuml;hrten Regierung Braun in Preu&szlig;en ernst. So hie&szlig; es: "Im vollen Bewusstsein der damit &uuml;bernommenen Verantwortung erkl&auml;ren wir, dass die in der nationalen Opposition stehenden Verb&auml;nde bei kommenden Unruhen wohl Leben und Eigentum, Haus, Hof und Arbeitsstelle derjenigen verteidigen werden, die sich mit uns offen zur Nation bekennen, dass wir es aber ablehnen, die heutige Regierung und das heute herrschende System mit dem Einsatz unseres Blutes zu sch&uuml;tzen."<br><br>
Um ihren Gewaltcharakter und das Monstr&ouml;se ihres Vorhabens zu unterstreichen "verlangen (wir) von allen Volksgenossen Pflichterf&uuml;llung und Opfer." In Kenntnis der Tatsache, dass sich die Rechte prinzipiell als Opfer des "Systems" sah, schon das Vorhandensein von Republik und Demokratie als pers&ouml;nliche und nationale Verletzung und Erniedrigung gebrandmarkt wurde, die man nicht opferwillig hinnehmen k&ouml;nnte, ging die Willenserkl&auml;rung von Bad Harzburg &uuml;ber die Rechtfertigung schon lang praktizierter Gewaltattacken als angebliche Notwehrma&szlig;nahme hinaus: Sie rechtfertigte Gewalt als Mittel "nationaler" Politik.
Damit erhielten Hitlers Sturmabteilungen, die effektivsten Truppen des rechten Stra&szlig;enterrors, den Blankoscheck, den sie schon eine Woche sp&auml;ter mit dem Marsch der 100.000 in Braunschweig demonstrativ einl&ouml;sen sollten.<br><br>
Die Bedeutung des Treffens von Bad Harzburg lag dabei nicht etwa in der Gemeinsamkeit des Schwurs gegen Weimar. Diese Einheit gab es so nicht, weshalb
der Tag von Harzburg in der Geschichtsschreibung oft gering gesch&auml;tzt wird, weil er - eine eher hintergr&uuml;ndige Erwartung der Historiografie als tats&auml;chliche Absicht -, die Einheitsfront von Rechts nicht hergestellt hat. Die Bedeutung lag in der Formulierung eines gemeinsamen Willens, die es Hitler und der NSDAP erm&ouml;glichten, in hohem Ma&szlig;e das Potenzial an noch unartikulierten Republikgegnern auf ihre Seite in der Fraktion der Republikfeinde zu ziehen.
Harzburg bewirkte zudem einen strategischen Mobilisierungsschub der Tat zugunsten der NSDAP und zwar dort, wo es drauf ankam - auf dem Land, in der Provinz. Im Zentrum Berlin t&ouml;nte zwar Gauleiter Goebbels, dort gab es auch zuhauf die aufmerksam beobachteten Stra&szlig;enschlachten, doch das Deutsche Reich war in dieser Zeit ein agrarisch-handwerklich-gewerbetreibend strukturiertes Land mit einigen wenigen industriellen und damit auch proletarisch dominierten Zentren. Im Weser- Emsgebiet, im Land Schaumburg-Lippe, dem westlichen Schleswig-Holstein, im L&uuml;neburger Land, in Th&uuml;ringen, dem heutigen Brandenburg, um nur den norddeutschen Raum zu betrachten5, hatte die NSDAP schon 1930 Wahlmehrheiten erzielt. Ab 1931 regierte sie in Braunschweig und Erfurt mit. Der Einfluss der NSDAP und ihres agrarpolitischen Apparates unter der Leitung von Richard Walther Darré, dem sp&auml;teren F&uuml;hrer des Reichsn&auml;hrstands und Agrarminister, war seit den Protesten des Landvolks von 1928 auf dem Land so stark gewachsen, dass nach Harzburg der direkte Zugriff auf die deutschnational gepr&auml;gte F&uuml;hrung des Reichslandbundes, einer hoch einflussreichen Lobbyorganisation, m&ouml;glich wurde.<br><br>
Unmittelbar nach Harzburg, im Dezember 1931, setze Richard Walther Darré, Chef des agrarpolitischen Apparates der NSDAP und sp&auml;terer Reichsbauernf&uuml;hrer und
Agrarminister, die Aufnahme seines Stellvertreter Werner Willikens in den Vorstand des Reichslandbundes durch. Das war mehr als ein formaler Akt, mehr als eine Personalentscheidung, es war der Einstieg in die Dominanz dieses einflussreichen Verbandes - ein politisch deshalb bedeutsamer Vorgang, weil die von Darré ausgedachte NS-Ideologie des urdeutschen Arierbauern als zentrales Glied v&ouml;lkischer Gemeinschaft nun ein reichsweit repr&auml;sentatives Gremium besetzt hatte.<br><br>
Den Millionen Antirepublikanern offerierte die NS-Bewegung eine Vision, ein besonderes Angebot, n&auml;mlich eine Ideologie, ein aus Bildern, Mythen, &auml;ngsten
geflicktes Welt- und individuelles Selbstverst&auml;ndnis, das in politische Tat umgesetzt werden sollte. Die in Mobilit&auml;t, Aufmarsch, Radikalit&auml;t von der NSDAP demonstrierte St&auml;rke versprach Tatkraft und energiegeladene Umsetzung von Mittelstandstr&auml;umen. Es ging um eine Ideologie, die viele Wurzeln im besonderen deutschen Weg in die Moderne hatte, es ging um eine Weltanschauung, deren Kern Ausgrenzung und innerer Zusammenschluss war oder, mit einem Begriff aus der neueren Soziologie gesprochen, die getragen wurde von der Einstellung einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Die NS-Ideologie zog Menschen an, die eine autorit&auml;re Harmonie von Gemeinschaft wollten, sie war attraktiv weil sie Tatendrang verk&ouml;rperte und die Chance zum Mittun bot.<br><br>
Ein Zeitgenosse zeichnete wenige Wochen vor dem 30. Januar 1933 das Charakterbild der Anh&auml;nger und F&ouml;rderer der NS-Bewegung:<br>
"Die Hitlerpartei betont gern ihre Andersartigkeit, und sie darf in der Tat nicht mit hergebrachten Normen gemessen werden. W&uuml;rde sie heute j&auml;h in Atome zerspringen, so bliebe doch das Faktum bestehen, dass sie noch vor kurzem f&uuml;nfzehn Millionen W&auml;hler gefunden hat. Sie muss also nicht nur einem politischen Bed&uuml;rfnis sondern auch einer speziellen deutschen Gem&uuml;tslage entsprechen. Ihre Brutalit&auml;t, Gro&szlig;m&auml;uligkeit und Hirnlosigkeit haben nicht abschreckend, sondern anziehend gewirkt und bedingungslose Gefolgschaft gefunden. Das bleibt eine nicht leicht zu beseitigende Tatsache.<br><br>
Die Nationalsozialistische Partei hat f&uuml;r f&uuml;nfzehn Millionen Deutsche genau das erf&uuml;llt, was sie sich unter einer politischen Partei vorgestellt haben. Niemals ist das deutsche B&uuml;rgertum in einem S&auml;kulum so ehrlich gegen sich gewesen wie in diesen paar Jahren nationalsozialistischen Wachstums. Da gab es nicht mehr intellektuellen Aufputz, nicht mehr geistige Anspr&uuml;che, nicht mehr akademische Fassade reicherer Jahrzehnte. Der &ouml;konomische Zusammenbruch hat die innere Rohheit, die plumpe Geistfeindlichkeit, die harte Machtgier b&uuml;rgerlicher Schichten - Eigenschaften, die sich sonst halb anonym hielten oder in private Sph&auml;re ableiteten - offen blo&szlig; gelegt. … Der gro&szlig;e v&ouml;lkische F&uuml;hrer mit dem &auml;u&szlig;ern und den All&uuml;ren eines Zigeunerprimas mag seine Saison haben und mit dieser abbl&uuml;hen. Was er an b&ouml;sen und h&auml;sslichen Instinkten hervorgerufen hat, wird nicht so leicht verwehen und f&uuml;r lange Jahre noch das gesamte &ouml;ffentliche Leben in Deutschland verpesten."<sup>6</sup><br><br>
Gewiss, diese letzten S&auml;tze in einem Aufsatz Carl von Ossietzkys vom 3. Januar 1933 klingen in ihrer Prognose heute merkw&uuml;rdig. Das liegt aber nur daran, dass sich zur Jahreswende 1932/33 kaum jemand außerhalb der F&uuml;hrungsriege der Nationalsozialisten vorstellen konnte, welchen Terror diese Bewegung sofort
fl&auml;chendeckend aus&uuml;ben sollte, zu welchen Verbrechen die NS-Politik f&uuml;hren w&uuml;rde, und zu welchen Verbrechen Deutsche f&auml;hig sein w&uuml;rden.<br><br>
Seine Prognose war viel zu optimistisch, die Realit&auml;t sollte seine Vorstellungskraft &uuml;berbieten. Doch, und darauf kommt es hier wesentlich an: Der Autor der Weltb&uuml;hne hat mit diesen Worten als scharfer Beobachter seiner Zeit die Kr&auml;fte beschrieben, die Hitlers Politik der damaligen Gegenwart trugen. Ich m&ouml;chte einen der Menschen, die Ossietzky im Sinn hatte, ausschnittsweise zitieren:<br><br>
Dr. Otto Gillen, Kulturredakteur der Goslarschen Zeitung schwelgte unter der &uuml;berschrift "Der deutsche Tag von Bad Harzburg":<br>
"Die Bewegung, die mit unwiderstehlicher wachsender Gewalt Millionen erfasst und entbrannt hat, und die in vielen St&uuml;rmen, die bis ins letzte Dorf hinein das deutsche Vaterland durchflutet, sammelt sich in Harzburg in einem Becken, dessen Damm unter der Gewalt des gesammelten Drucks schier zu zerspringen drohte, um alles Morsche, Faule und Halbe hinwegzuschwemmen. … Wohin am sah, &uuml;berall begegnete am siegesfrohen und hart entschlossenen Gesichtern, Gesichtern, denen man es ansah, dass es diesen Menschen ernst ist …"<sup>7</sup> Ein halbes Jahr sp&auml;ter, rief dieser Autor und seine Zeitung zur Wahl Hitlers als Reichspr&auml;sident auf, 18 Monate nach Harzburg kriegte er sich in seinen t&auml;glichen Kolumnen und w&ouml;chentlichen Kulturbeitr&auml;gen gar nicht mehr ein im Erg&ouml;tzen an seinem F&uuml;hrer und der neuen Zeit.<sup>8</sup><br><br>
Die Sozialwissenschaft der Weimarer Zeit war dem grau- oder wei&szlig;gekittelten deutschen Michel schon l&auml;nger auf der Spur. Der Soziologe Theodor Geiger etwa
sprach in seiner 1930 vorgenommenen Analyse des "alten" und "neuen Mittelstandes" von beiden Teilen als dem "gesegneten Boden ideologischer Verwirrung", der sich aus der drohenden Abstiegserfahrung von der Mitte in die Armut speiste. Er erkannte, dass "die falsche Scham &uuml;ber den Abstieg sich oft genug in Hass und Verachtung &auml;u&szlig;ert"<sup>9</sup>, denn wie ein anderer ber&uuml;hmter Soziologe, Georg Simmel, schon 1908 erkannt hatte: "Der Mittelstand allein hat eine obere und unter Grenze, und zwar derart, dass er fortw&auml;hrend sowohl von dem oberen wie von dem unteren Stand Individuen aufnimmt und an beide solche abgibt."<sup>10</sup> Er hofft auf den Aufstieg und f&uuml;hlt sich st&auml;ndig vom Abstieg bedroht.<br><br>
Hell und klar denkende Menschen waren damals dennoch wie vor den Kopf geschlagen, was in ihrer Welt geschah. Sebastian Haffner etwa fragte, wie konnte es
sein, dass eine Mehrheit im Fr&uuml;hjahr 1933 pl&ouml;tzlich "verschwunden" war, eine Mehrheit, die doch wusste, was mit Hitler bevor stand. "Was ist mit Ihnen? Geh&ouml;ren sie wirklich zu diesem Irrenhaus? Merken sie nicht, was mit ihnen geschieht - und was in ihrem Namen geschieht? Billigen sie es etwa gar? Was sind das f&uuml;r Leute? Was sollen wir von ihnen halten? Tats&auml;chlich stecken hinter diesen Unerkl&auml;rlichkeiten sonderbare seelische Vorg&auml;nge und Erfahrungen - h&ouml;chst seltsame, h&ouml;chst enth&uuml;llende Vorg&auml;nge, deren historische Auswirkungen noch nicht abzusehen sind."<sup>11</sup><br><br>
Der Mittelstand war die St&uuml;tze der NS-Bewegung. Hinter den schon erw&auml;hnten Zahlen der W&auml;hlerwanderung verbarg sich diese &ouml;konomisch ziemlich diffuse soziologische Kategorie. Der Universit&auml;tsprofessor, Schullehrer, Beamte, Redakteur oder Pfarrer z&auml;hlte zu diesem Kreis ebenso wie der kleine Gewerbetreibende, H&auml;ndler und Handwerker, der Handlungsgehilfe oder der auf Aufstieg geeichte gewerkschaftlich nicht organisierte Arbeiter - auch, und das soll in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden, so manche Gewerkschaftsbeamter.<br><br>
Der amerikanische Soziologe Seymour Lipset dementierte auf der Grundlage genauer Untersuchungen zur Weimarer Zeit die in den Nachkriegsjahren beliebte Auffassung, nach der die Extremisten zur Diktatur neigen w&uuml;rden, die Gem&auml;&szlig;igten der Mitte aber Garanten der Demokratie seien. Er hob hervor, dass die inhaltlich, weltanschauliche N&auml;he von Nationalsozialismus und damaligem liberalen Demokratismus, etwa dargestellt in den deutschen Volksparteien unterschiedlicher nationalistischer Pr&auml;gung, eng gewesen sei. Er nannte "Hitler, ein(en) Extremist(en) der Mitte" denn dieser konnte auf diese z&auml;hlen "je weiter die wirtschaftliche und soziale Krise in Deutschland sich ausbreitete."<sup>12</sup><br><br>
Bei dieser m. E. nach die Tatsachen treffenden Analyse, bleibt die Frage offen, warum in einer den Mittelschichten &ouml;konomisch mindestens ebenso bedrohlich erscheinenden Zeit, n&auml;mlich der Inflationsjahre mit ihrem H&ouml;hepunkt 1923, die Hitlerpartei und &auml;hnliche Gruppierungen so gar nicht profitieren konnten, wohl aber 8 Jahre sp&auml;ter.<br><br>
Real waren etwa die Mittelschichten als Geldbesitzer von der Inflation 1923 viel drastischer betroffen als von der Weltwirtschaftskrise seit 1929, die die Arbeiterklasse und das Kleinbauerntum beutelte. Doch die Inflationszeit war von relativ kurzer Dauer, die Weltwirtschaftskrise barg perspektivisch dauernde soziale Unsicherheit.<br><br>
Ein zentraler Unterschied zu 1923 war: 1923 war die NSDAP - trotz des Putschversuchs in M&uuml;nchen - noch ein kleiner Haufen, das rechtsextremistische Lager
sehr zersplittert. Den nach Auswegen aus ihrer Misere Suchenden fehlte eine Figur der Verhei&szlig;ung, der sie sich anschlie&szlig;en konnten, die Erl&ouml;sung versprach, ohne dass sich f&uuml;r sie etwas grundlegend &auml;ndern w&uuml;rde.<br><br>
Dieser Mittelstand ist zwar eine soziologische Kategorie, doch als solche eng an eine bestimmte Ideologie, eine Weltsicht gebunden. Der Mittelstand ist mit spezifischen normativen und ordnungspolitischen Vorstellungen der Gesellschaft von sich selbst eng an das Bestehende gebunden. Seine Glieder ordnen sich neben die Hauptklassen - und die waren damals noch sehr ausgepr&auml;gt, weit weniger fragmentiert als heute - als statusfixierte Tr&auml;ger von Ruhe, Ordnung und Ausgleich ein. Sie begreifen sich als Garanten von tradierten, in paternalistischen Strukturen verankerten Normen. Sie haben mit Klassenkampf und Parteienstreit nichts zu tun - allerdings nur solange als etwa Abstiegserfahrungen Einzelschicksale bleiben, zumindest als solche wahrgenommen werden, solange - und das ist sozialpsychologisch zwar ein verst&ouml;render aber zentraler Befund - solange die Vorstellung oder die Angst vor dem Abstieg nicht um sich greift. Doch wenn der manifest droht, dann l&ouml;sen sich diese lockeren Bande auf. Wenn dann ein Angebot, auf dem politischen Markt Erl&ouml;sung verspricht, gibt’s kein Halten mehr. Mit Hitler bot sich nun die vision&auml;re Chance, aus der Vereinzelung in eine Masse einzutauchen, deren F&uuml;hrer nicht nur Bestandsschutz, sondern Herrschaft versprach.<br><br>
Man kann es, so zynisch es klingen mag, auch drastischer ausdr&uuml;cken: Das Versprechen der Herstellung von Rasseherrschaft bot dem Mittelstand die Garantie der sozialen, psychologischen und politischen Arterhaltung - bei entsprechender Botm&auml;&szlig;igkeit. Doch die aufzubringen war der Deutsche ge&uuml;bt, oder um mit Max
Weber zu sprechen: "Politisch betrachtet war und ist der Deutsche in der Tat der spezifische ‚Untertan’ im innerlichsten Sinn des Wortes und war daher das Luthertum die ihm ad&auml;quate Religiosit&auml;t."<sup>13</sup> 30 Jahre nach Verfassen dieser Zeilen sollte die lutherische Religiosit&auml;t durch nationalsozialistische Heilsversprechen abgel&ouml;st werden, und der deutsche Untertan entwickelte sich zum Untatentan, denn ihm wurde Erl&ouml;sung durch Herrschaft angeboten.<br><br>
Bei der Betrachtung und Analyse dieses Formierungsprozesses des Rechtsextremismus in Weimar, d&uuml;rfen wir die andere Seite nicht ganz au&szlig;er Acht lassen.
Dass diese Bewegung so erfolgreich werden konnte, lag nicht nur an ihrer St&auml;rke, auch nicht nur an dem Willen des aggressiven Finanzkapitals zur offenen terroristischen Diktatur, sie wissen, wen ich paraphrasiere, sondern ganz zentral an der Schw&auml;che der Kr&auml;fte, die pr&auml;destiniert gewesen w&auml;ren, sie zu bek&auml;mpfen: Der Arbeiterbewegung und den b&uuml;rgerlichen Demokraten. Ich kann auch das hier nicht weiter ausf&uuml;hren, sondern will nur kurz den gro&szlig;en Analytiker des NS-Regimes Franz Neumann zu Wort kommen lassen, der zu den sozialdemokratischen Gebrechen der Weimarer Zeit meinte:<br>
"Das naive Vertrauen auf soziale Reform, Erziehung und Rechtsstaatlichkeit kann die Demokratie selbst gef&auml;hrden. Sie alle dr&uuml;cken den unpolitischen Charakter des Volkes aus, sie verleugnen oder wollen nicht wissen, dass der Kampf um die Macht der Agent des geschichtlichen Fortschritts ist, das hei&szlig;t der Kampf um die Kontrolle der Zwangsorganisationen, um Polizei, um Justiz, um Armee, um B&uuml;rokratie und Au&szlig;enpolitik"<sup>14</sup>, und - k&ouml;nnte man erg&auml;nzen - der Kampf um die Medien und Meinungshoheit in der Gesellschaft.<br><br>
Die Erarbeitung und Umsetzung von Strategien zur Eroberung und Sicherung der politischen Macht, die den sozialen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen, den ideologischen
Verfasstheiten und den &ouml;konomischen Bedingungen gerecht gewesen w&auml;re, waren ganz gewiss keine St&auml;rke der Arbeiterbewegung und ihrer Parteien. Diese Schw&auml;che
wurde begleitet von einer kolossalen Selbst&uuml;bersch&auml;tzung, die in ziemlich diffusen Vorstellungen vom Sozialismus wurzelte. Noch zu Silvester 1932 hatte etwa der Braunschweigische Volksfreund, das Organ der regionalen SPD, getitelt: "1932: Faschismus geschlagen 1933: Sozialismus erringen"<sup>15</sup> -
eine tragische Demonstration von Politikunf&auml;higkeit. Nun - es w&auml;re unredlich, aus diesen Fehlern, die wir in der Retrospektive klar sehen k&ouml;nnen, irgendwelche Vorw&uuml;rfe zu konstruieren genauso wie der aufrechte und
mutige Kampf vieler Genossen der Linken gew&uuml;rdigt werden muss. Doch wir d&uuml;rfen, wir m&uuml;ssen aus politischen Fehlern der Geschichte lernen - deshalb betreiben wir &uuml;berhaupt Geschichtsforschung. Und eine grundlegende Lehre die ich hier hervorheben will, heißt: Um den materiellen Bestand von Demokratie muss st&auml;ndig gerungen werden. Nichts ist in unserem Gemeinwesen selbstverst&auml;ndlich, wenn wir uns nicht seiner Pflege widmen. Dieser Aufgabe kommen wir oft nur sehr z&ouml;gerlich und mehr rhetorisch als praktisch nach.<br><br>
Der schon erw&auml;hnte Arthur Rosenberg hatte seinen Lesern 1928 ins Stammbuch geschrieben: "Die Eigenart der politischen Entwicklung Deutschlands hat es mit sich gebracht, dass bei uns das leere politische Schlagwort, die Illusion und die politische Lebensl&uuml;ge ein viel gr&ouml;ßere Rolle spielt als bei andern V&ouml;lkern."<sup>16</sup> Nun hat sich bis heute wohl der zweite Teil dieser Aussage relativiert, beim ersten Teil bin ich mir dessen gar nicht so sicher.<br><br>
Lassen sie mich also zum Schluss meiner Ausf&uuml;hrungen nur kurz auf eine zentrale, tief verwurzelte und dabei doch irrige Vorstellung vom Zustand unseres Gemeinwesens, auf unserer heutige politische Lebensl&uuml;ge hinweisen: das ist der Glaube an die demokratische Vitalit&auml;t und Stabilit&auml;t der deutschen Mitte. Dieses so kaum definierbare, von allen Parteien umworbene, hofierte und geh&auml;tschelte Wesen bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte und gesamtdeutscher Gegenwart, scheint sich zu ver&auml;ndern. Um das so wirkungsm&auml;chtige Bild von der Zwiebel, der Schelskyschen "nivellierten Mittelstandsgesellschaft", dem angeblichen Garanten von Ruhe, Ordnung und Wohlstand, zu bem&uuml;hen: Die Mitte beginnt sich zu h&auml;uten angesichts der Tatsache, dass die soziale
Unsicherheit gr&ouml;&szlig;er wird, sich die Kluft zwischen arm und reich spreizt, der pers&ouml;nliche Aufstieg keineswegs gesichert ist und der Abstieg droht.
In der neuen alten Republik &auml;nderte sich erst leise aber merklich das Verhalten eines bedeutenden Teiles der Mitte und vor allem ihres zahlenm&auml;&szlig;igen zunehmenden sozialen Randes. Man verweigerte per Wahlenthaltung die Zustimmung zum republikanischen Parlamentarismus und privatisierte, verharrte sozusagen im stillen Protest des Indifferenten. Nun artikulieren aber Teile dieser Mitte eine andere Art Aufm&uuml;pfigkeit. Sie k&uuml;ndigen wortgewaltig und selbsterhebend zentrale Elemente eines demokratischen und sozialen Konsens’ auf. Sekundiert von einem egomanischen Narzissmus vorlebenden Worth&uuml;lsenjongleur
Peter Sloterdijk, der den Reichen r&auml;t, sich ihrer Pflichten als Citoyen zu entledigen, um sich in feudal-paternalistische G&ouml;nnermanier zu gefallen, erhebt sich ein wachsender Teil unserer Gesellschaft in eitler, selbstgef&auml;lliger Pose &uuml;ber das Gemeinwesen. Diese Kreise wollen in Hamburg der Mehrheitsgesellschaft eine Schulform aufzwingen, die ihre Z&ouml;glinge von den Unterschichten, wie sie die Armen zu nennen pflegen, abgrenzt. Diese Kreise johlen wie Sekundaner in polizeigesicherten Versammlungen ihrem neuen Star Sarrazin zu, weil er ihnen die Gewissheit gibt, sie seien etwas besonderes, eine besonders erhaltenswerte Art in einer sich fragmentierenden Gesellschaft. Sie d&uuml;rfen endlich wieder das Wort "asozial" in den Mund nehmen, ohne dabei sich selbst zu meinen. Diese Kreise sind der Meinung, dass Schwache in unserer Gesellschaft zu viel Unterst&uuml;tzung bekommen und der Islam und seine Gottesh&auml;user sowieso Teufelszeug sind. Diese Kreise haben nun vor&uuml;bergehend einen Haupt- und viele Nebensprecher gefunden, die ihre Gene ganz Klasse finden und
sie ermuntern, die Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben, die Erosion unseres Gemeinwesens zu forcieren.<br><br>
Neben sei nur bemerkt: Nicht nur die Titel des Hauptwerks von Oswald Spengler aus dem Jahr 1918 und des Pamphlets von Thilo Sarrazin sind sich sehr &auml;hnlich. Damals "der Untergang des Abendlandes", heute "Deutschland wird abgeschafft."<br><br>
Feststellen m&uuml;ssen wir auch: Im Zuge ihres Versuchs, eine medial-kulturelle Hegemonie zu erobern - seinen ersten H&ouml;hepunkt hatte diese Strategie vor zwei Jahren im kollektiven 68er-Bashing - produzieren diese Kreise richtig heftigen Geschichtsrevisionismus. Petra Steinbach verlegt die Kriegstreiberei nach Polen, professorale Feuilletonisten sp&uuml;len im Angriff auf die neue Untersuchung zum Ausw&auml;rtigen Amt deren Akteure im Dritten Reich und danach weich. In vielen Orten der Republik machen sich selbst ernannte Chronisten auf, historische Erkenntnis der letzten Jahrzehnte durch Anekdoten und auch platte L&uuml;gen17 zu entstellen.<br><br>
Diese Alltagsbeobachtungen aus der Welt der Mitte werden durch wissenschaftliche Untersuchungen best&auml;tigt: Die neuen Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer aus Bielefeld formulieren Zustand und Einstellungen dieser Mittelb&uuml;rger: "Die Mitte in der Krise" lautet der Titel der FES- Studie zu "rechtsextremen Einstellungen in Deutschland 2010" Die Autoren betonen, gest&uuml;tzt auf ihre Erhebungen und Umfragen: "Die Bedrohung der Demokratie ist nicht von den R&auml;ndern, sondern aus der Mitte der Gesellschaft heraus zu verstehen." "Das Ph&auml;nomen (Rechtsextremismus, P.S.) steht der Gesellschaft scheinbar gegen&uuml;ber, entspringt aber aus ihrer Mitte". <sup>18</sup><br><br>
Es ist also nicht so, dass, wie noch in den ersten FES-Studien19 angenommen, unser Problem darin liegt, dass der Rechtsextremismus vom "Rand zur Mitte" eindringt, sozusagen die Mitte von au&szlig;en bedroht. Andersherum wird ein Schuh draus: der Rechtsextremismus macht der Mitte Angebote, die Teile von ihr gern aufgreifen m&ouml;chten. Wir k&ouml;nnen diesen Vorgang in fast allen europ&auml;ischen L&auml;ndern beobachten. Die Parteien und Organisationen der &auml;u&szlig;ersten Rechten bieten f&uuml;r schwer durchschaubare &ouml;konomische und dr&auml;ngende soziale Probleme einfachste L&ouml;sungen wie Ausl&auml;nder raus oder Kopftuch ab, raus aus der EU f&uuml;r eine nationale Wirtschaft und so weiter. Sie haben in Europa dort einen Schub bekommen, wo sie die Chance hatten, Regierungspolitik mitzubestimmen etwa in D&auml;nemark oder den Niederlanden, wo die Mitte also die Chance sah, Macht auszu&uuml;ben. In Frankreich prognostizieren die Beobachter einen Zustimmungsschub des Front National nach der F&uuml;hrungs&uuml;bergabe von Jean-Marie Le Pen an seine Tochter. Der Front National stellt sich auf, um breite W&auml;hlerschichten, die bislang Sarkozy oder den Gaullisten folgten, zu rekrutieren. Bei uns halten sich die Wahlerfolge der Rechtsextremisten in Grenzen. Das liegt aber wesentlich an deren Unf&auml;higkeit, eine Politik, die Machtteilhabe versprechen k&ouml;nnte, zu entwickeln. Das Potenzial in der Mitte ist bei uns genauso vorhanden wie in
Europa.<br><br>
Die Heitmeyergruppe konstatiert: "Der Anteil derjenigen, die sich durch die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen bedroht f&uuml;hlt, hat von 47% in 2009 auf 53% in 2010 signifikant zugenommen, was sich auch in aggressive Stimmungen niederschl&auml;gt.<sup>20</sup><br>
Als Folge stellt die Forschungsgruppe fest: "Wir verzeichnen f&uuml;r die Gesamtbev&ouml;lkerung einen signifikanten Anstieg von Islamfeindlichkeit (die Erhebung
fand noch vor der Sarrazin-Debatte statt), der Einforderung von Etabliertenvorrechten und Israel-bezogenem Antisemitismus. … Besonders auff&auml;llig ist die Entwicklung in den h&ouml;heren Einkommensgruppen. … Hier beobachten wir, anders als in den Analysen &uuml;ber alle Einkommensgruppen, einen signifikanten Anstieg fast aller Vorurteile, mit Ausnahme von Sexismus und der Abwertung von Behinderten. Eine subjektiv empfundene Krisenbetroffenheit, so der Anschein, f&uuml;hrt ins Vorurteil. Ein Trend, der sich auch im Jahr 2010 in aller Deutlichkeit fortsetzt."<sup>21</sup><br>
Ich will mit diesen kurzen Hinweisen aus den aktuellen Rechtsextremismusstudien, die eigentlich Studien &uuml;ber die Mitte sind, zum Ende kommen. Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung ganz zum Schluss, die sich auf Probleme des t&auml;glichen Umgangs der Mitte mit dem Rechtsextremismus bezieht. In der h&ouml;chst aufschlussreichen Studie zur Politik der NPD in den Kreistagen hier im Land findet sich eine Bemerkung, die ernst zu nehmen ist. Ich zitiere: "Im Kreistag des Landkreises Harz war es in der Regel Peter Lehmann, der Fraktionsvorsitzende von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen, der sich der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Initiativen der NPD stellte. … Lehmann zeigte sich angesichts der Passivit&auml;t seiner Kollegen entt&auml;uscht. Die getroffene Vereinbarung (die NPD zu ignorieren, P.S.) stelle einen ‚Instrumentenkasten’ f&uuml;r die politische Auseinandersetzung mit der NPD dar. Die hierin formulierten M&ouml;glichkeiten wurden zu seinem Bedauern nicht voll ausgenutzt, weil (so Lehmann, P.S.) diese einfachste M&ouml;glichkeit, den Einbringer, in diesem Fall die NPD, reden zu lassen, weiter keine Debatte zu f&uuml;hren, den Antrag […] einstimmig abzulehnen, weil das so einfach ist und so funktioniert."<sup>22</sup><br><br>
Peter Lehmann fordert, wenn ich ihn richtig verstehe, die Auseinandersetzung mit programmatischen Inhalten und Ideologie des Rechtsextremismus ein, um derenfundamentalen Gegensatz zu unserer Moral und unseren demokratischen Werten herauszuarbeiten. <br><br>
Werden wir uns bewusst, dass es bei der Auseinandersetzung mit den neuen Nationalsozialisten gar nicht so sehr um diese geht, sondern um die Gewinnung
derjenigen, die aus dem schwierigen und anstrengenden demokratischen Miteinander unseres Gemeinwesen abzudriften drohen.<br><br>
Wenn wir eine Lehre aus Bad Harzburg 1931 ziehen wollen, dann diese.<br><br><hr width="30%">
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<sup>1</sup> Redaktionell &uuml;berarbeiteter und erg&auml;nzter Vortrag zur Er&ouml;ffnung der Ausstellungspr&auml;sentation "Harzburger Front. Im Gleichschritt zur Diktatur" in Wernigerode am 20. Jan. 2011. Die dortige Pr&auml;sentation des Vereins Spurensuche Harzregion wurde organisiert in Kooperation mit der Stadt Wernigerode, dem F&ouml;rderkreis Mahn- und Gedenkst&auml;tte Veckenstedter Weg im Geschichts- und Heimatverein Wernigerode und der Hochschule Harz. Schirmherr der Ausstellung ist Holger H&ouml;velmann, Innenminister des Landes Sachsen -Anhalt.<br>
<sup>2</sup> Vgl. zu Leben und Werk vergleiche die Beitr&auml;ge in: Rudolf W. M&uuml;ller u. Gert Sch&auml;fer 1986: Arthur Rosenberg zwischen Alter Geschichte und Zeitgeschichte, Politik und politischer Bildung. Reihe Zur Kritik der Geschichtsschreibung Band 4, G&ouml;ttingen/Z&uuml;rich.<br>
<sup>3</sup> Alfred Rosenberg 1972 (13): Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt a. Main (EVA) S. 171. Nach seinem 1928 ver&ouml;ffentlichten Buch Die Entstehung der Deutschen Republik 1971-1918 erschien die Geschichte der Deutschen Republik im Exil 1935 in Karlsbad. Beide B&auml;nde wurden 1955 bzw. 1961 von Kurt Kersten neu herausgegeben.<br>
<sup>4</sup> Vollst&auml;ndig dokumentiert und von mir kommentiert in dem Projekt 100(0) Schl&uuml;sseldokumente Dokumente zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert der Universit&auml;t Erlangen in: www.1000dokumente.de <br>
<sup>5</sup> Vgl. Alfred Milatz 1965: W&auml;hler und Wahlen in der Weimarer Republik. Schriftenreihe der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung Heft 66, Bonn, Karte 12.<br>
<sup>6</sup> Carl v. Ossietzky 1933: Winterm&auml;rchen, in: Die Weltb&uuml;hne, 3. Jan. 1933 Nr.1 29. Jg. S. 4. Carl v. Ossietzky war kurz vorher aus dem Kerker entlassen worden, in den ihn die Republik wegen Enth&uuml;llungen &uuml;ber die Reichswehr f&uuml;r 18 Monate eingesperrt hatte. Wenige Wochen sp&auml;ter wurde er von den NS-Machthabern ins KZ verbracht. Er starb 1938 an den Folgen der erlittenen Haft.<br>
<sup>7</sup> Goslarsche Zeitung v. 12.10.1931. vgl. auch: Peter Schyga 2007: "Mob und Elite" oder vom Herrenwahn Intellektueller in: Spurensuche Goslar e.V. (Hg.) Harzburger Front von 1931 - Fanal zur Zerst&ouml;rung einer demokratischen Republik. Historisches Ereignis und Erinnern in der Gegenwart. Eine Dokumentation. Clausthal-Zellerfeld, S.19-27<br>
<sup>8</sup> Vgl. dazu auch die zahlreichen Zitate in: Peter Schyga 2009: Kirche in der NS-Volksgemeinschaft - Selbstbehauptung, Anpassung und Selbstaufgabe. Die ev.-luth. Gemeinden in Goslar, der Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus, Hannover.<br>
<sup>9</sup> Theodor Geiger 1930: Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit. Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie
55, S.637-654, 641,646.<br>
<sup>10</sup> Georg Simmel 1908: Soziologie. &uuml;ber die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt a. Main, S. 451f.<br>
<sup>11</sup> Sebastian Haffner 2000(5): Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, Stuttgart/M&uuml;nchen, S.173.<br>
<sup>12</sup> Seymour M. Lipset 1959: Der "Faschismus", die Linke, die Rechte und die Mitte. In Ernst Nolte (Hg.) 1984: Theorien &uuml;ber den Faschismus, K&ouml;ln, S.456,461.<br>
<sup>13</sup> Max Weber 2005: Wirtschaft und Gesellschaft, Zweiter Teil, Frankfurt a. Main (Verlag 2001); S. 830 (Zweiter Teil Kap. IX 4. Abschnitt).<br>
<sup>14</sup> Franz Neumann 1967: Demokratischer und autorit&auml;rer Staat. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt a. Main, S. 255<br>
<sup>15</sup> Zit. n.: Martin Grubert 2010: Heinrich Jasper (1875-1945). Anwalt der Demokratie, Braunschweig, S.381 <br>
<sup>16</sup> Arthur Rosenberg 1928: Die Entstehung der Deutschen Republik 1871-1918, Berlin. Zit. n. Gert Sch&auml;fer: Die Geschichtsschreibung und politische Erfahrung bei Arthur Rosenberg. In R.W. M&uuml;ller/G. Sch&auml;fer a.a.O., S. 115.<br>
<sup>17</sup> Ein Beispiel aus der N&auml;he: Im "Uhlenklippelspiegel", dem Mitteilungsblatt (Auflage 800) des Bad Harzburger Geschichtsvereins, darf in fast jeder Nummer ein Hans Kuhne Geschichtsf&auml;lschung betreiben. Ein Beispiel: Unter dem Titel: "Gegen das Vergessen. Ein bisschen Geschichte f&uuml;r jedermann" wird die Hitlersche Kriegstreiberei und Eroberungspolitik in Friedenssehnsucht gekleidet und den Alliierten die Verantwortung f&uuml;r den 2. Weltkrieg auferlegt: "Die Hoffnung der Menschen in Deutschland auf ein baldiges Kriegsende nach dem Polenfeldzug erf&uuml;llte sich nicht. Der am 30. November 1939 ausgebrochene finnisch-russische Winterkrieg machte deutlich, dass die M&auml;chte, die eine Kriegserweiterungspolitik betrieben, f&uuml;r Friedensverhandlungen im gro&szlig;en Rahmen kein Verst&auml;ndnis aufbrachten. Den zun&auml;chst rein europ&auml;ischen Krieg wollten sie nicht ausklingen lassen." (Nr. Nov. 2010, S.42)<br>
<sup>18</sup> Oliver Decker, Marliese Wei&szlig;mann, Johannes Kiess, Elmar Br&auml;hler 2010: Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010, Herausgegeben von Nora Langenbacher (FES), Berlin, S.28 u. 58. <br>
<sup>19</sup> Vgl. dazu Peter Schyga 2007: Auch "deutsche Zust&auml;nde" haben eine Geschichte. &uuml;ber die Zunahme rechtsextremistischer Weltbilder in der "Mitte", in: Kommune 1/07, 25. Jahrgang, S. 29-31<br>
<sup>20</sup> Heitmeyer, Wilhelm 2010, Disparate Entwicklungen in Krisenzeiten, Entsolidarisierung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in: ders. (Hg.), Deutsche Zust&auml;nde. Folge 9., Berlin, S. 13-33.<br>
<sup>21</sup> Eva Gro&szlig;/Daniela Krause 2011: Krisenwahrnehmungen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, S. 3-4 MS. Vortrag auf der Tagung "Mit der Krise Leben" v. 12.-13-Nov.2010 in Hannover. Wird ver&ouml;ffentlicht in: Loccumer Initiative Kritischer WissenschaftlerInnen (Hg.) 2011: Krise ohne Ende. Reihe Kritische Interventionen Heft 12, Hannover (Offizin).<br>
<sup>22</sup> Pascal Begrich, Thomas Weber, Roland Roth 2010: Die NPD in den Kreistagen Sachsen-Anhalts. Forschungsbericht zur kommunalpolitischen Arbeit der extremen Rechten sowie zu Formen und Strategien der demokratischen Auseinandersetzung, Magdeburg, S.77.

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