<?xml version="1.0" encoding="ISO-8859-1"?>
<rss version="2.0">

<channel>
	<title>Spurensuche Harzregion e.V. </title>
	
	<link>www.spurensuche-harzregion.de</link>
	<description>Webseite des Vereins Spurensuche Harzregion</description>
	<pubDate>Mon, 28 Mar 2011 16:35:00 +0100</pubDate>
	<generator></generator>

	<language>de-de</language>
	<item> 
		<title><![CDATA[Politisches Fr&uuml;hjahr 1933: Terror und Gewalt - Begeisterung und Jubel]]></title>
		<link>http://www.spurensuche-harzregion.de/?publikationen/112</link>
		<comments></comments>
		<pubDate>Mon, 28 Mar 2011 16:35:00 +0100</pubDate>

		<creator>PV</creator>
		
		<category><![CDATA[publikationen]]></category>
				<keywords><![CDATA[seesen,verein,spurensuche harzregion,mitgliederversammlung,pressemitteilung]]></keywords>
		<description><![CDATA[Vortrag von Dr. Peter Schyga]]></description> 
			<content><![CDATA[

Am So. 27. M&auml;rz 2011 gedachte die SPD Vienenburg und das "Vienenburger B&uuml;ndnis gegen Rechts" der Verfolgung und Marterung von zahlreichen B&uuml;rgerInnen des Ortes durch Nationalsozialisten am 27.03.1933. Peter Schyga wurde  zu einem anschlie&szlig;enden Vortrag eingeladen. Auf Wunsch der anwesenden Zuh&ouml;rerInnen und DiskutantInnen ver&ouml;ffentlichen wir seinen Beitrag an dieser Stelle. <br><br>
<a href="https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=explorer&chrome=true&srcid=1kBqBgl20WRCWKICn2SV_GB8hxpSqiwM_-aiNadOBUvRXR7Op5-HLRJ-SshLu&hl=de">Datei als PDF (Google-Vorschau)</a><br><br>
Peter Schyga:<br>
<b>Politisches Fr&uuml;hjahr 1933: Terror und Gewalt - Begeisterung und Jubel</b><sup>1</sup><br><br>
Sie haben heute wie jedes Jahr am 27. M&auml;rz an die Opfer der ersten Terrorakte hier am Ort nach Installation des NS-Regimes am 30. Januar 1933 erinnert. Der Gedenkstein in der Heilerstra&szlig;e h&auml;lt diese Taten und ihre Opfer im Ged&auml;chtnis. Das ehrt Sie und diese Stadt. Solch gedenkendes Erinnern ist keineswegs &uuml;berall selbstverst&auml;ndlich. Zwar ist im Fr&uuml;hjahr 1933 &auml;hnliches an nahezu jedem Ort des damaligen Deutschen Reichs geschehen ist, doch mir jedenfalls ist in der n&auml;heren Umgebung kein solcher Gedenkort bekannt. Oft wird im Lokalen so getan, als sei das Dritte Reich einfach so &uuml;ber die Deutschen gekommen, als habe es keine Akteure, keine T&auml;ter, keine Beifallsbekunder und Zuschauer gegeben, als sei zudem die Macht&uuml;bergabe an Hitlerziemlich reibungslos und prinzipiell friedlich - es habe ja irgendwie doch dieRichtigen getroffen - vor sich gegangen, als sei nicht viel Blut geflossen, als h&auml;tte es
keine Beleidigungen, Dem&uuml;tigungen Verfolgungen von Nachbar zu Nachbar gegeben. Der Bericht des SA-Sturms 39 Vienenburg vom November 1934 &uuml;ber die Gewalttaten gegen &ouml;rtliche Demokraten am 27. M&auml;rz 1933 handelt davon, dass "(wir durch) Mut und Einsatzbereitschaft ... in den Tagen der Revolution im M&auml;rz allein &uuml;ber 50 Verhaftungen in unserem Dorf durchgef&uuml;hrt haben. Dieser Kampf (sei) &auml;u&szlig;erst schwer gewesen, da wir Zweidrittel der Dorfbewohner als Kommunisten, Sozialdemokraten und auch Deutschnationale als Gegner hatten."<sup>2</sup><br><br>
Nun - feiges und erb&auml;rmliches Tun als heroische Tat darzustellen und dabei gegen&uuml;ber den Vorgesetzten und der Nachwelt zu &uuml;bertreiben, geh&ouml;rte zu einer Eigenschaft der Angeh&ouml;rigen von NSDAP, SA und SS. Und dennoch &auml;u&szlig;ert sich im Verbrechen und dem Reden dar&uuml;ber der Kern dieser Bewegung: Der feige, charakterlose, im tiefsten Innern unterw&uuml;rfige deutsche Untertan hatte sich in gewaltt&auml;tigem Ausbruch Macht verschafft. Der lustvoll-sadistische Hitlerknecht tobte sich an wehrlosen Menschen, seinen Nachbarn und Arbeitskollegen aus, stellte sie einem mittelalterlichen Brauch gleich an den Pranger, um dann in staatstragender legalistischer Pose zu behaupten: "Nachdem sind sie abgef&uuml;hrt und dem Richter &uuml;berbracht" worden. Und:- Beifall ist ihm gewiss gewesen. Solche Verfolgungsszenen mit &ouml;ffentlichen Spie&szlig;rutenl&auml;ufen k&ouml;nnen &uuml;berall zu dieser Zeit beobachtet werden. In Braunschweig diente das "Volksfreundehaus" der AOK, ein &ouml;ffentlicher Ort der Soziademokratie, als Folterkeller; in Goslar trieben die Nazis den SPD-Senator S&ouml;ffge und den j&uuml;dischen
Mitb&uuml;rger Hochberg auf einem Fleischerkarren durch die Stadt.<sup>3</sup> Es gab johlende Zuschauer, einige waren versch&auml;mt, kaum einer emp&ouml;rte sich oder griff ein. Der Historiker Michael Wildt hat viele solcher F&auml;lle der "Selbsterm&auml;chtigung" der NS-Volksgemeinschaft beschrieben.<sup>4</sup> Da brauchte es keinen Befehl von oben, das machten die Volksgenossen und -genossinnen ganz von sich aus, genauso wie sie Gesch&auml;fte von Juden beschmierten, Sozialdemokraten, Demokraten und Kommunisten peinigten.<br><br>
Was NS-Aktivisten mit den Menschen, die sie zu Feinden deklarierten, anstellten, wissen wir oft, wenn nicht, m&uuml;ssen wir es erforschen. Wie es dazu kommen konnte, dar&uuml;ber wurde oft und lange der Mantel des Schweigens und des Nicht-Nachdenkens gebreitet.<br><br>
Ich will heute einige Worte zu dem Wie sagen. Dabei kann ich nicht in die lokalen historischen Details gehen - die kenne ich leider nicht und konnte sie mir auch nicht f&uuml;r diesen Vortrag heute aneignen. Dazu bedarf es schon gewissenhafter Forschung, die Zeit und materielle Ressourcen ben&ouml;tigt. Ich m&ouml;chte also auf die allgemeine politische Lage in der Region eingehen, beschreiben und erkl&auml;ren, was sich hier ereignet hat und insbesondere die Triebkr&auml;fte der NS-Bewegung und ihrer Unterst&uuml;tzer beleuchten. Irrt&uuml;mer und Fehler der damaligen demokratisch-republikanischen Zeitgenossen sollen in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden. Und nicht nur, weil diese Veranstaltung vom "Vienenburger B&uuml;ndnis gegen Rechts" organisiert wird, sondern weil es uns alle angehen sollte, kann sich dieser oder jene Hinweis auf bestimmte Parallelen zwischen Heute und Gestern ergeben, der ernst genommen werden sollte: Es geht n&auml;mlich Gestern wie Heute um den "Rechtsextremismus der Mitte" - ich komme darauf zur&uuml;ck.<br><br>
Am 12. Mai 1930 gab es wohl es die erste Versammlung der NSDAP hier am Ort: "Arbeiter der Stirn und der Faust! Reichstagsabgeordneter Wagner spricht heute,
Montag, 12. Mai, abends 8 Uhr im Kaisersaal zu dem Thema "Untergang oder deutsche Revolution" Eintritt 50 Pf. (Erwerbslose und Rentner nur 20 Pf.) - Juden
haben keinen Zutritt! - Freie Aussprache".<sup>5</sup> Ich vermute, der hier genannte Wagner war der seit 1925 amtierende NSDAP- Gauleiter-Baden Robert Wagner, der eigentlich Backfisch hie&szlig;, aber den M&auml;dchennahmen seiner Mutter angenommen hatte, weil Backfisch f&uuml;r einen NS- K&auml;mpfer der ersten Stunde ziemlich unpassend klang. Er war schon 1923 beim Putschversuch von Hitler-Ludendorff in M&uuml;nchen dabei, einer der ersten und treuesten Gef&auml;hrten seines F&uuml;hrers und eifriger Wanderwahlk&auml;mpfer in deutschen Landen. In der Region Hannover-Braunschweig war er besonders eifrig unterwegs, wie ich aus meinen Forschungen &uuml;ber die Region wei&szlig;.<br><br>
Sie m&uuml;ssen sich die NSDAP der Jahre bis 1928 als straff gef&uuml;hrte Kaderorganisation vorstellen, deren Ortsgruppen personell schwach aufgestellt waren. Wanderagitatoren reisten durchs Land, die zunehmend Aufmerksamkeit erfuhren. In der Landkreishauptstadt Goslar etwa fand die erste gr&ouml;&szlig;ere NSDAP-Veranstaltung am 28. September 1925 im Kaisersaal statt. Die dortige Ortsgruppe von etwa 20 Leuten war f&uuml;r den ganzen Landkreis zust&auml;ndig und baute Zellen in den Ortschaften auf. Ihre Mitglieder agitierten r&uuml;hrig, vertrieben das NS-Propagandamaterial, waren auch oft in den b&uuml;rgerlichen Wahlvereinen, die die lokale Politik bestimmten, t&auml;tig. Als politische Sekte w&uuml;rde man diese Partei heute bezeichnen. Sie konnte auf Zustimmung sto&szlig;en und erfolgreich sein, weil sie alle Vorurteile, Ressentiments, &Auml;ngste, abstrusen Verschw&ouml;rungstheorien der damaligen Zeit begierig aufsaugte und sie Bilder einer heilen Zukunft
des volksgemeinschaftlichen Deutschtums, die im rechtsnationalistischen, v&ouml;lkischen und antisemitischen Lager schmorten, auf wenige 
Schlagworte reduzierten. Sie lieferten ein simples und eing&auml;ngiges Weltbild:<br>
<ul type="disc">
<li>Deutschsein ist etwas ganz besonderes.</li>
<li>Juden sind der Untergang der Deutschen und sowieso an allem schuld.</li>
<li>Marxisten aller Couleur sind verbolschewisierte Juden, die Deutschland dem
internationalen Finanzkapital ausliefern wollen.</li>
<li>Nicht um Klassenkampf gehe es, sondern um die St&auml;rkung der "schaffenden
St&auml;nde", um die Bildung einer Volksgemeinschaft der Rassegleichen.</li>
<li>N&ouml;tig sei es, dem System des Streits und deutscher Uneinigkeit durch einen
starken, durchgreifenden F&uuml;hrerstaat entschlossen entgegenzutreten.</li>
</ul>
Die NSDAP wirkte durch ihre damals moderne Propagandaarbeit, durch ihre Mobilit&auml;t und ihre permanente Pr&auml;senz auf der Stra&szlig;e als Zeichen von Beweglichkeit in vermeintlich starren Strukturen eines sich selbst blockierenden politischen Systems. So konnte sie in einigen Teilen des Reichs Bastionen errichten, von denen sie sich ausbreitete. Das naheliegende sozialdemokratisch regierte Braunschweig war so eine Bastion, auch die Kreisstadt Goslar, wo die Partei zu den Reichstagswahlen im Mai 1924 6,5 % der Stimmen erreicht hatte, bei den Wahlen 1928 9,6 %. Im Reichsdurchschnitt d&uuml;mpelte die NSDAP bei 2 - den Kommunalwahlen im November 1929 schon auf 25,2 % kam und bei den Reisttagswahlen 1930 28,4 % der Stimmen auf sich vereinte - alles Ergebnisse &uuml;ber dem Durchschnitt des Reichs.<br><br>
Als die Vienenburger Ergebnisse der Reichstagswahlen vom 14. September 1930 feststanden, mag bei vielen Republikanern Verwunderung, Erstaunen, Entsetzen gro&szlig; gewesen sein: Die NSDAP hatte 589 Stimmen erzielt, das entsprach einem Anteil von 22,8 %. Sie hatte ihre Stimmenzahl gegen&uuml;ber der letzten Wahl vom 20. Mai 1928 (8,2 %) mehr als verdreifacht. Die Weimarer Linke kam zusammen auf 931 Stimmen, davon entfielen auf die SPD 740 (= 28,6 %) und die KPD 231 (= 11 %) Noch zwei Jahre zuvor war die SPD mit 40,3 % bei weitem st&auml;rkste Partei gewesen. Rechnet man die Stimmen der KPD hinzu, kamen beide linke Parteien auf 51,8 Prozent. Rechnet man f&uuml;r 1928 das republikanische Lager der wechselnden Weimarer Koalitionen, also SPD, Zentrum, DVP und Wirtschaftspartei zusammen, kommt man auf 75,9 %. Dieses Weimarer Lager schaffte es 1930 auf gerade mal 53,4 %, wobei ber&uuml;cksichtigt werden muss, dass die Wirtschaftspartei ihren demokratischen Anstrich gerade ablegte. Die NSDAP konnte vor allem von Wahlberechtigten aus den Reihen der Nichtw&auml;hler profitieren ebenso wie zwei Jahre sp&auml;ter am 31.7.1932, als sie 1414 Stimmen von 2931 abgegeben erhielt. Das entsprach 48 %. Die SPD kam auf 21 Prozent, die KPD auf 12 %, das Zentrum auf 13 %. Dies Ergebnis der Sozialdemokraten entsprach fast dem Reichsdurchschnitt, die Gewinne der Nationalsozialisten waren hier deutlich h&ouml;her (Reich 37,3 %). Im Vergleich zu den Ergebnissen des Landkreises Goslar, der sich in Bev&ouml;lkerungs- und Erwerbsstruktur kaum von den Ortschaften Vienenburgs unterschied, schnitten beide Parteien &uuml;berdurchschnittlich nach unten (SPD) bzw. nach oben (NSDAP) ab.<br><br>
Feststellen k&ouml;nnen wir, dass die NSDAP sowohl von den rechtsnationalistischen b&uuml;rgerlichen Kr&auml;ften Stimmen auf ihre Seite ziehen konnten, als auch wahlabstinente B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger f&uuml;r sich mobilisieren konnte. Binnen vier Jahren erh&ouml;hte sich ihre Unterst&uuml;tzung von 180 Menschen auf 1414 bei einer Zunahme der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler von 2190 auf 2931 (1932). 1928 etwa hatten die Sozialdemokraten noch 883 Wahlunterst&uuml;tzer 1932 waren es bei wie gesagt steigender W&auml;hlerzahl nur noch 637, fast ein Drittel weniger.<sup>6</sup><br><br>
Ich will Sie nun wirklich nicht l&auml;nger mit Zahlenmaterial qu&auml;len, doch mir kam es darauf an zu zeigen, in welcher Dynamik die NSDAP republikanische Stellungen &uuml;berrollen konnte. Ich habe keine Grundlage zu beurteilen, wie der rasante und  &uuml;berproportionale Aufstieg der NSDAP hier zu erkl&auml;ren ist. Vielleicht hat die Harly- Katastrophe vom 8. Mai 1930, in dessen Verlauf viele Arbeiter im Bergwerk, in den weiterverarbeitenden Gewerken und den abh&auml;ngigen Handwerksbetrieben arbeitslos wurden und mit der damit verbundenen Armut manche H&auml;ndler in die Pleite begleiteten, damit zu tun - aber das ist jetzt Spekulation. Gewiss kann man bei gr&uuml;ndlicher Recherche Genaues herausbekommen. Heute steht die Ann&auml;herung an die Antwort auf die Frage nach dem Warum &uuml;berhaupt im Vordergrund. Dazu ist der Blick aufs allgemeine Geschehen im Reich n&uuml;tzlich. Die Gesellschaft war in rasanter Ver&auml;nderung begriffen, die sozialen Verh&auml;ltnisse wandelten sich im Vergleich zu der erst wenige Zeit zur&uuml;ckliegenden Kaiserzeit dramatisch. Die kurzen Zeitr&auml;ume muss man sich immer vor Augen halten. Leute, die 1930 im besten Alter - wie man so sagt - waren, hatten die Kaiserzeit bewusst miterlebt, den Krieg, die Revolutionen, die B&uuml;rgerkriegszust&auml;nde und die Inflationskrise 1923. Die relativ jungen Aktivisten der 1930er-NSDAP waren zu Kriegsausbruch Jugendliche, die Kriegerfantasien entwickelten, weil sie nicht mitk&auml;mpfen durften und diese dann bei der Lekt&uuml;re von Ernst J&uuml;ngers "Stahlgewittern", beim paramilit&auml;rischen Gehabe im Stahlhelm und der SA weiterlebten. Der Anf&uuml;hrer der Gau-HJ, Hartmann Lauterbacher, sp&auml;terer Gauleiter von S&uuml;d-Hannover-Braunschweig (ab 1941/42) war 1909 geboren. Ihre Oberanf&uuml;hrer waren auch noch jung, Hitler (1889 geboren) gerade mal vierzig Jahre alt, Goebbels (1897 geboren) knapp &uuml;ber 30. Sie alle geh&ouml;rten zu dem gro&szlig;en Kreis derjenigen, die sich nicht nie mit der Republik anfreunden konnten, denen gesellschaftliche Offenheit, demokratisches Leben und die fortschreitende Emanzipation der Arbeiterbewegung ein graus war. Politisch war das eingetreten, was der gro&szlig;e Geschichtsschreiber und 
kritische Zeitgenosse Arthur Rosenberg<sup>7</sup> in seinem Buch Die Geschichte der Weimarer Republik beschrieb:<br><br>
"In den Jahren 1924 bis 1928 haben die deutschen Mittelklassen, ebenso die Angestellten und Beamten, die den b&uuml;rgerlichen Parteien angeh&ouml;rten, sich im
Allgemeinen die Republik gefallen lassen. Sie hatten nichts gegen die Weimarer Republik, solange in Deutschland unter dieser Staatsform Ruhe und Frieden herrschten und man einigerma&szlig;en den Lebensunterhalt verdienen konnte. ... Bei jeder ernsten Krise waren sie bereit, der demokratischen Republik den R&uuml;cken zu kehren."<sup>8</sup>
Die damalige Sozialwissenschaft war diesem Prozess insofern auf der Spur, als sie die gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen erforschte und die aus ihnen entwachsenen neuen Mentalit&auml;ten analysierte. Der Soziologe Theodor Geiger etwa, 1930 vom sozialdemokratischen Bildungsminister des Freistaats Braunschweig Hans Sievers an die TH Braunschweig berufen, sprach in seiner 1930 vorgenommenen Analyse des "alten" und "neuen Mittelstandes" von beiden Teilen als dem "gesegneten Boden ideologischer Verwirrung", der sich aus der drohenden Absiegserfahrung von der Mitte in die Armut speiste. Er unterschied: "Oberschicht (Kapitalisten) 0.92 %". Die "Mittelschicht" unterteilte er in "alter Mittelstand 17,77 % und neuer Mittelstand 17,95 %" das Kleinb&uuml;rgertum nannte er "Proletaroide 12,65 % und die Unterschicht, das Proletariat (macht) 50,71% aus".9 Die Mittelschicht umfasste also etwa die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung. In seinem "soziographischem Versuch", wie er seine Studie nannte, versuchte er also, die sozialen Schichtungen differenzierter zu betrachten und ihre
typischen Mentalit&auml;ten zu erfassen. <br><br>
Er erkannte, dass "die falsche Scham &uuml;ber den Abstieg sich oft genug in Hass und Verachtung &auml;u&szlig;ert"<sup>10</sup>, denn wie ein anderer ber&uuml;hmter Soziologe, Georg Simmel, schon 1908 erkannt hatte: "Der Mittelstand allein hat eine obere und unter Grenze, und zwar derart, dass er fortw&auml;hrend sowohl von dem oberen wie von dem unteren Stand Individuen aufnimmt und an beide solche abgibt."<sup>11</sup> Er hofft auf den Aufstieg und f&uuml;hlt sich st&auml;ndig vom Abstieg bedroht. Die Mittelschicht wurde die St&uuml;tze der NS-Bewegung. 1927/28 waren die Angeh&ouml;rigen dieser Schicht noch weitgehend an spezielle Verb&auml;nde gebunden, die ihre Teilinteressen vertreten sollten. Nur wenige w&auml;hlten die Sozialdemokratie, manche &uuml;bten politische Enthaltsamkeit. Bei Reichstagswahlen hielten sie sich DNVP, DVP oder DDP. Zu den Kommunalwahlen banden sie sich an Verb&auml;nde f&uuml;r Spezialinteressen, die in vielen anderen Orten des Reichs in der Zeit von etwa 1924 bis 1930: Wirtschaftliche Einheitsliste, Partei der Haus- und Grundbesitzer, B&uuml;rgerrechte Partei etc. hie&szlig;en. Auch hier bin ich, was Vienenburg betrifft, &uuml;berfragt. Diese Mittelschicht war &ouml;konomisch eine ziemlich diffuse soziologische Kategorie.<br><br>
Der Universit&auml;tsprofessor, Schullehrer, Beamte, Redakteur oder Pfarrer z&auml;hlte zu diesem Kreis ebenso wie der kleine Gewerbetreibende, H&auml;ndler und Handwerker, der Handlungsgehilfe oder der auf Aufstieg geeichte gewerkschaftlich oder nicht organisierte Arbeiter - auch, und das soll in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden, so manche Gewerkschaftsbeamter. Die spezifischen normativen und ordnungspolitischen Vorstellungen der Mitte &uuml;ber die Gesellschaft und von sich selbst sind eng an das Bestehende gebunden - wenn dies in ihren Augen funktioniert.<br><br>
Ihre Glieder ordnen sich neben die Hauptklassen - und die waren damals noch sehr ausgepr&auml;gt, weit weniger aufgef&auml;chert als heute - als statusgl&auml;ubige Tr&auml;ger von Ruhe, Ordnung und Ausgleich ein. Sie begreifen sich als Garanten von tradierten, in hergebrachten Familienstrukturen verankerten Normen. Sie haben mit Klassenkampf und Parteienstreit nichts zu tun - allerdings nur solange als etwa Abstiegserfahrungen Einzelschicksale bleiben, zumindest als solche wahrgenommen werden, solange - und das ist sozialpsychologisch zwar ein verst&ouml;render aber zentraler Befund - solange die Vorstellung oder die Angst vor dem Abstieg nicht um sich greift. Nicht tats&auml;chliche Not, sondern die Angst davor befl&uuml;gelt diffuse Fantasien von Schuldigen und Feindbildern.<br><br>
Im Kaiserreich, obwohl objektiv nur Untertanen, hielten sich diese Kreise selbstbewusst f&uuml;r den wertvollsten Bestandteil der Gesellschaft. Die Emanzipation der Arbeiterbewegung nahmen sie als Gefahr wahr, ihr Gef&uuml;hl von Sicherheit und Zuversicht schrumpfte. Als in der Wirtschaftskrise 1929/30 der Abstieg manifest drohte, l&ouml;sten sich die lockeren Bande zur bestehenden Ordnung auf. Man lie&szlig; sich die Republik nicht mehr "gefallen". Man war gegen sie und wusste nicht so richtig, wohin mit seiner Angst und Wut. Als dann ein Angebot auf dem politischen Markt Erl&ouml;sung versprach, gab es kein Halten mehr. Mit Hitler bot sich nun die vision&auml;re Chance, aus der Vereinzelung in eine Masse einzutauchen, deren F&uuml;hrer nicht nur Bestandsschutz, sondern die Illusion von Herrschaft versprach, Herrschaft auch &uuml;ber das so verachtete Proletariat. Sie hatten 1933 den Sieg errungen, nun wollten sie den politischen Gegner
so vernichten, dass er sich nicht mehr erheben konnte. <br><br>
Warum verachteten diese eigentlich &ouml;konomisch desolaten Kr&auml;fte die "Proletaroiden", wie Geiger sie nannte, und die nach Aufstieg schielenden Mittelschichten der drei&szlig;iger Jahre die Arbeiterbewegung so sehr, dass sie auch als Individuen, als Nachbarn, Vereinskollegen mit solch fanatischem Hass gegen sie vorgingen? Schlosser, Arbeiter, Bergleute waren die Zielscheibe des SA-Kesseltreibens am 27. M&auml;rz 1933.Vordergr&uuml;ndig haben gewiss die Gegenwehrma&szlig;nahmen der Hitlergegner in den hitzigen und oft nicht gewaltfreien Streitereien der Zeit nach 1930 zu pers&ouml;nlichen Feindschaften gef&uuml;hrt. Die SPD hatte im Dezember 1931 als Reaktion auf die Harzburger Front und den Marsch der 100.000 Nazis in Braunschweig eine Woche sp&auml;ter die Eiserne Front gegr&uuml;ndet. Dieser Zusammenschluss aus SPD, Reichbanner Schwarz-Rot-Gold, einem seit 1924 bestehendem &uuml;berparteilichem B&uuml;ndnis gegen rechtsextremistische
Republikfeinde, den sozialistischen Gewerkschaften und Arbeitersportvereinen sollte den Verteidigungskampf gegen die politische und soziale Reaktion organisieren. Die KPD, in der Region mit einer stabilen Anh&auml;ngerschaft, die immerhin etwa 10% der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler umfasste, vertreten, trat mit ihrem
Rotfrontk&auml;mpferbund gegen die Nazis an - und das nicht nur mit Worten. Diese Abwehrorganisationen sch&uuml;tzten die von gewaltt&auml;tigen Nazibanden bedrohten
Veranstaltungen, stellten sich deren Propagandaz&uuml;gen in den Weg und betrieben Anti- NS-Propaganda. Wir wissen aufgrund fehlender Forschung nicht, was im heutigen Vienenburg genau ablief. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass die NSDAP hier sittsamer und friedfertiger aufgetreten ist als in anderen Teilen des Landkreises oder im benachbarten Freistaat Braunschweig.<br><br>
Hinter dem Hass auf die Republik und die Arbeiterbewegung verbarg sich auch der Neid auf deren Lebensleistung. Gerade in der traditionsreichen Sozialdemokratie galt Lernen und Bildung als Schl&uuml;ssel zum individuellen Aufstieg, ein Aufstieg, der aber seine Wurzeln nicht verriet, sondern dem Milieu verhaftet blieb. Mit Regierungsbeteiligungen im Reich, in L&auml;ndern und Kommunen st&uuml;tzte die SPD dieses Bestreben nach einem besseren Leben: vom Wohnungsbau, Kultur-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen bis hin zum Kampf um ein emanzipatorisches Schulwesen pr&auml;gte sozialdemokratische Politik diesen Weg zum Sozialismus, wie man sich ihn damals gemeinhin vorstellte. Diese Politik drohte Privilegien von Stand, Besitz und Herkommen zu zerschlagen. Kultur und Kunst, freies Leben und Selbstbestimmung erschreckten den untert&auml;nigen B&uuml;rger. In den f&uuml;nf Ortschaften Vienenburgs waren die Sozialdemokraten nicht nur politisch st&auml;rkste Kraft, sondern bildeten ein eng verbundenes Milieu demokratisch-republikanischer Lebenswelt und Kultur. Hier in Vienenburg konnte man von der Gegenseite hautnah sozialdemokratische Politik - gerade in den Jahren 1927-1930 - betrachten: mit sehns&uuml;chtiger Anerkennung, gelb vor Neid oder wutschnaubend vor Angst um Einfluss und Macht. Die Sozialdemokratie hatte sich vielerorts eine Gemeinschaft geschaffen, auf die verstohlen w&uuml;nschend geschaut und die auch deshalb mit Hass verfolgt wurde. Diese Einstellungen werden auch in Meldungen der b&uuml;rgerlichen Zeitungen deutlich:<br><br>
"Herr Thielemann kneift!" Herr Thielemann aus Braunschweig, durch seine Angriffe gegen Klagges unr&uuml;hmlich bekannt, sollte am Freitag in einer Versammlung
der 'Eisernen Front' sprechen. Es hatten sich ganze 70 M&auml;nnlein und Weiblein eingefunden. Nachdem man noch eine Stunde vergeblich auf den fehlenden Zustrom
der H&ouml;rer gewartet hatte, wurde den 16 NSDAPlern, die im Saale anwesend waren erkl&auml;rt, dass ihnen keine Aussprache gew&auml;hrt w&uuml;rde. Darauf verlie&szlig;en diese den Saal, da sie ohne Gegenrede den Vortrag nicht anh&ouml;ren wollten. Warum kneift man vor einfachen Bergarbeitern, so fragte die Nationalsozialistische
Betriebszellen- Organisation?" (Otto Thielemann war SPD-Funktion&auml;r aus Braunschweig, P.S.)<br><br>
Ganz abgesehen davon, dass hier die GZ offen Partei f&uuml;r die Nazis ergreift - das war halt ihre Linie seit der Jahreswende 1931/32 - k&uuml;ndet der schon schmerzhaft bem&uuml;ht geh&auml;ssige Ton von erheblicher Aggression.<br>
Auch die n&auml;chste Meldung zeigt dies:<br>
"Die 'Heisere Front' hatte von hier und vor allen Dingen aus der weiteren Umgegend ihre Anh&auml;nger zu einer Demonstration zusammengezogen. Auf R&auml;dern und
Motorr&auml;dern durchfuhren sie unseren Ort und heisere Sprechch&ouml;re st&ouml;rten den Sonntagsfrieden durch den lieblichen Ruf 'Hitler verrecke!' An der Ecke der
Osterwiecker Stra&szlig;e kam es zu einem Zusammensto&szlig; mit national gesinnten Personen, der aber ohne ernste Folgen verlief. Diese 'Demonstration' war durch ihren Gegensatz zu dem geschulten und erzogenen Auftreten der SA eine wirkungsvolle Werbung f&uuml;r die NSDAP".<sup>12</sup><br><br>
Die b&uuml;rgerlichen Bl&auml;tter der Umgebung, die Goslarsche Zeitung, die Harzburger Zeitung, die Branschweigische Landeszeitung, um nur die zu nennen, die ich aus
eigener Recherche beurteilen kann, hatten ihren auf Hindenburg geeichten deutschnationale Kurs verlassen und unterst&uuml;tzten bei intensiver Hetze gegen die
Sozialdemokratie die Nationalsozialisten: "Unser Kandidat hei&szlig;t Hitler", lautete nicht nur der verschw&ouml;rerische Schlachtruf der Goslarschen Zeitung zur Reichspr&auml;sidentenwahl im Fr&uuml;hjahr 1932. In den Medien zeigte sich der Charakter der b&uuml;rgerlichen Existenzen zuerst. Bevor der deutsche Michel im Pulk des Mobs mit dem Kn&uuml;ppel auf die Stra&szlig;e ging, um Demokraten, Linke und Juden zu hetzen, heizte ihm die Presse ein.<br><br>
Der amerikanische Soziologe Seymour Lipset ermittelte auf der Grundlage genauer Untersuchungen zur Weimarer Zeit, woher die Truppen der Nazis kamen. Er
dementierte die in den Nachkriegsjahren beliebte Auffassung, nach der die Gem&auml;&szlig;igten der Mitte Garanten der Demokratie seien. Er hob hervor, dass die
inhaltliche, weltanschauliche N&auml;he von Nationalsozialismus und damaligem liberalen Demokratismus, etwa dargestellt in den deutschen Volksparteien unterschiedlicher nationalistischer Pr&auml;gung, eng gewesen sei. Er nannte "Hitler, ein(en) Extremist(en) der Mitte" denn dieser konnte auf diese z&auml;hlen "je weiter die wirtschaftliche und soziale Krise in Deutschland sich ausbreitete."<sup>13</sup><br><br>
Besinnen wir uns dieser historischen Analysen und schauen auf die Gegenwart. Bei den j&uuml;ngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt sind fast 48 % der Berechtigten dem Urnengang ferngeblieben und 40.000 haben die NPD gew&auml;hlt. Wenn in diesem Land nur 57 % der Bev&ouml;lkerung des Bundeslandes der Meinung sind, dass sich "in den letzten 20 Jahren seit der Einheit die Demokratie eher zum Positiven entwickelt hat"<sup>14</sup>, dann bedeutet diese Skepsis und Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber einem Gemeinwesen, das f&uuml;r sein Funktionieren auf die aktive Teilhabe der B&uuml;rgerInnen angewiesen ist, eine schwere Hypothek. Demokratieferne bis rechtsextremistische Einstellungen am organisierten Rechtsextremismus festzumachen, greift deshalb zu kurz.<br><br>
So lautet auch der gemeinsame Tenor neuer wissenschaftlicher Studien zum Zustand unserer Gesellschaft. Wenn die vom organisierten Rechtsextremismus vertretenen Einstellungen, Vorstellungen, Vorurteile und ideologischen Weltbilder sich nicht in parlamentarisch-politischen Erfolgen niederschlagen, hei&szlig;t das ja nicht, dass diese nicht viel weiter verbreitet sind, als W&auml;hlerstimmen anzeigen. Die j&uuml;ngste Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Rechtsextremismus15 nimmt "Die Mitte in der Krise" in einen doppelten Blick: Einmal wird der Wandel von Verhalten und Einstellungen der "Mitte" in der gegenw&auml;rtigen Wirtschafts- und Gesellschaftskrise theoretisch und historisch untermauert empirisch erfasst. Zum anderen wird die Krise, in der sich die gesellschaftliche Mitte befindet, diskutiert.<br><br>
"Wenn die demokratische Gesellschaft von rechtsextremer Einstellung in Frage gestellt wird, dann &auml;u&szlig;ert sich hier ein Problem der Gesellschaft selbst, das aufgekl&auml;rt werden muss."<sup>16</sup><br><br>
Einige ausgew&auml;hlte Daten aus dem umfangreichen empirischen Material seien genannt:<br>
<ul type="disc">
<li>35,6 Prozent der Deutschen sind der Meinung: "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausl&auml;nder in einem gef&auml;hrlichen Ma&szlig; &uuml;berfremdet" (S.78).</li>
<li>Davon, dass "die Ausl&auml;nder nur hierher kommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen", sind 47,6 Prozent &uuml;berzeugt (S.78).</li>
</ul><br>
Diese Abgrenzungsstrategie zwecks Selbsteinschluss in eine vorgestellte Welt desVolksganzen manifestiert sich besonders in islamfeindlichen Aussagen:<br>
<ul type="disc">
<li>55,4 Prozent haben allgemein Verst&auml;ndnis f&uuml;r Vorurteile gegen&uuml;ber Muslimen: "Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Araber unangenehm sind".</li>
<li>Noch mehr (58,4%) sind pers&ouml;nlich der Meinung: "F&uuml;r Muslime sollte in Deutschland die Religionsaus&uuml;bung erheblich eingeschr&auml;nkt werden." (S.134)</li>
</ul>
Dass diese massiver werdende Ausgrenzung des Fremden mit einem bis in formulierten Rassismus reichenden Nationalchauvinismus einhergeht, ist schon in
vorangegangenen Untersuchungen deutlich geworden.
<ul type="disc">
<li>16,4 % meinen "eigentlich sind die Deutschen anderen V&ouml;lkern von Natur aus
&uuml;berlegen" (S.80) und</li>
<li>27,3 Prozent halten es f&uuml;r "das oberste Ziel der deutschen Politik, Deutschland
die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht"(S.77).</li>
<li>Logischerweise w&uuml;rde dies am besten unter autorit&auml;r-diktatorischen Verh&auml;ltnissen erreicht werden k&ouml;nnen, weshalb</li>
<li>23,6 % der Deutschen der Meinung sind: "Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft verk&ouml;rpert." (S.76)<sup>17</sup></li>
</ul>
Die Autoren betonen: "Die Bedrohung der Demokratie ist nicht von den R&auml;ndern, sondern aus der Mitte der Gesellschaft heraus zu verstehen." "Das Ph&auml;nomen steht der Gesellschaft scheinbar gegen&uuml;ber, entspringt aber aus ihrer Mitte", denn der wirtschaftliche Wohlstand, der als "narzisstische Plombe" wirkt, br&ouml;ckelt massiv, die Plombe ist br&uuml;chig geworden.<sup>18</sup><br><br>
Wenn man sich vor dem Hintergrund solcher Forschungsergebnisse19 Sarrazin und seine im doppelten Sinn gutbetuchten Klaqueure ansieht und anh&ouml;rt, kann man
erahnen, wie sich die NPD in ihrem Slogan sonnt. Mit dem Spruch "NPD...aus der Mitte des Volkes" schwingt sich diese Partei zum Organ der Befindlichkeit der
deutschen Mitte auf. Gewiss entspringt diese gro&szlig;mannss&uuml;chtige Parole eher dem Drang nach anerkennender Wahrnehmung durch Teile der deutschen Mitte als einer Realit&auml;tsdiagnose. Aber: haben sie so Unrecht? Steckt hinter der beflissenen Ausgrenzungspraxis gegen&uuml;ber dem Rechtsextremismus nicht die Wunschvorstellung, dass sich die Mitte gegen&uuml;ber dem als rechten Rand von Gesellschaft definierten Rechtsextremismus immun zeigen m&ouml;ge? Ich denke, der Alltag zeigt und die eben zitierten Untersuchungen belegen: Teile der Mitte leben in rechtsextremistischen Einstellungen und Weltbildern und verkaufen dies als gesundes Volksempfinden, das nichts mit Rechtsextremismus zu tun habe.<br><br>
Ich denke, diese Man&ouml;ver zu erkennen und um die in der Mitte vertretenen Einstellungen zu ringen, wird im Kampf gegen den Rechtsextremismus sinnvoll sein.
So bekommt man die M&ouml;glichkeit, ihm sein Zustimmungs- und W&auml;hlerreservoir streitig zu machen. Denn dass die NPD um die 5%-Marke d&uuml;mpelt, liegt nicht daran,
dass ihr die W&auml;hler und Unterst&uuml;tzer prinzipiell fehlen. In Frankreich hat der Front national mit der neuen Ikone Marine Le Pein gerade bei den Kantonswahlen 18% der Stimmen, 2% mehr als die UMP gewonnen. In Ungarn regiert der Rechtsextremismus im b&uuml;rgerlichen Gewand, in den Niederlanden hat er an der Macht teil. W&auml;chst hier in Deutschland aus dem b&uuml;rgerlichen Lager ein seri&ouml;s erscheinender, attraktiv wirkender und eloquenter Prediger der Ausgrenzung und des antiglobalen Deutschtums hervor, dann werden wir &auml;hnliche Verh&auml;ltnisse haben: die NPD wird samt ihren Kameradschaften zur Haudrauf-Truppe
einer rechtspopulistischen Bewegung mutieren. Dies, denke ich, gilt es zu bedenken, wenn wir gegen Rechts und f&uuml;r Demokratie eintreten. Die vom Rat der Stadt Vienenburg am 27. Febr. 2007 beschlossen Resolution gegen Rechtsextremismus und f&uuml;r Demokratie<sup>20</sup> gilt es also mit Leben zu erf&uuml;llen.<br><br>
Vielleicht sollte in diesem Zusammenhang mal dar&uuml;ber nachgedacht werden, die Geschichtsseite von Lengde im Internet zu korrigieren. Dort steht noch ein Text, in dem der Autor meint: "&Uuml;ber die Zeit des 'Tausendj&auml;hrigen Reiches' in Lengde m&ouml;chte ich ohne Kommentar hinweg gehen. Wie &uuml;berall, so gab es auch in Lengde etliche 'Schwarze Schafe' - von welcher Seite man es auch immer betrachtet. Denunziationen f&uuml;hrten sogar so weit, dass einige Lengder zur Schein-Exekution auf den Dorfplatz gef&uuml;hrt wurden. - Wie gesagt, zu viele unserer Lengder Zeitgenossen waren zu sehr beteiligt, als dass jene Zeit zu sehr in Erinnerung gebracht werden sollte".<sup>21</sup><br><br>
Sie wissen es doch besser.<br><br><br><hr width="70%">
<small>1 Vortrag anl&auml;sslich der Gedenkveranstaltung der SPD-Vienenburg an die am 27.M&auml;rz 1933 von Nationalsozialisten gequ&auml;lten B&uuml;rgerInnen Vienenburgs. Aus der Einladung: "Sehr geehrte Damen und Herren, im M&auml;rz 1933 wurden Vienenburger B&uuml;rgerInnen von den Nazis verhaftet und im ehemaligen Gemeindehaus in der Heilerstra&szlig;e gequ&auml;lt und gefoltert. Aus diesem Anlass veranstalten die Vienenburger Sozialdemokraten allj&auml;hrlich am Mahnmal in der Heilerstra&szlig;e ein Gedenken mit Festansprache und Kranzniederlegung, begleitet vom Posaunenchor der evangelischen Kirchengemeinde. Gleichzeitig m&ouml;chten wir Sie auf eine Veranstaltung des Vienenburger "B&uuml;ndnis gegen Rechts" mit dem Historiker Dr. Peter Schyga aus Hannover mit dem Thema aufmerksam machen, die im Anschluss an die Gedenkstunde stattfindet. Zu beiden Veranstaltungen laden wir Sie recht herzlich ein."<br>
2 Dokument aus Vienenburg, das mich erreicht hat und dessen genaue Quelle noch ermittelt werden muss.<br>
3 Zu den Ereignissen und der allgemeinen politischen und sozialen Geschichte Goslars in dieser Zeit vgl. Peter Schyga 1999: Goslar 1918-1945. Von der nationalen Stadt zur Rechbauernstadt des Nationalsozialismus, Bielefeld.<br>
4 Michael Wildt 2007: Volksgemeinschaft als Selbsterm&auml;chtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg (Hamburger Edition).<br>
5 <a href="http://lengde-info.de.tl/geschichte htm">http://lengde-info.de.tl/geschichte htm</a>; 21.03.11<br>
6 Die Wahlergebnisse sind ff Ausgaben der Goslarschen Zeitung entnommen:15.9.1939,; 1.8.1932; 7.11.1932<br>
7 Vgl. zu Leben und Werk vergleiche die Beitr&auml;ge in: Rudolf W. M&uuml;ller u. Gert Sch&auml;fer 1986: Arthur Rosenberg zwischen Alter Geschichte und Zeitgeschichte, Politik und politischer Bildung. Reihe Zur Kritik der Geschichtsschreibung Band 4, G&ouml;ttingen/Z&uuml;rich.<br>
8 Alfred Rosenberg 1972 (13): Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt a. Main (EVA) S. 171. Nach seinem 1928 ver&ouml;ffentlichten Buch Die Entstehung der Deutschen Republik 1971-1918 erschien die Geschichte der Deutschen Republik im Exil 1935 in Karlsbad. Beide B&auml;nde wurden 1955 bzw. 1961 von Kurt Kersten neu
herausgegeben.<br>
9 Vgl. Theodor Geiger 1932: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage, Stuttgart 1932, S.73<br>
10 Theodor Geiger 1930: Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit. Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie 55, S.637-654, 641,646.<br>
11 Georg Simmel 1908: Soziologie. &Uuml;ber die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt a. Main, S. 451f.<br>
12 Beide Meldungen aus der Goslarschen Zeitung v. 11.7.32. Verfasst von einem Lokalredakteur mit dem K&uuml;rzel Rs.<br>
13 Seymour M. Lipset 1959: Der "Faschismus", die Linke, die Rechte und die Mitte. In Ernst Nolte (Hg.) 1984: Theorien &uuml;ber den Faschismus, K&ouml;ln, S.456,461.<br>
14 Everhard Holtmann, Tobias Jaeck, Kerstin V&ouml;lkl 2010: Sachsen-Anhalt-Monitor 2010, Magdeburg, Tab.S.27.vIm Text hei&szlig;t es: "Nur 30% ziehen eine negative Bilanz." Als ob dies etwas Positives sei. <a href="http://www.sachsen-anhalt.de/LPSA/fileadmin/Elementbibliothek/Bibliothek_Politik_und_Verwaltung/Bibliothek_LpB/Landespoliti k/Sachsen_Anhalt_Monitor_2010_II.pdf">http://www.sachsen-anhalt.de/LPSA/fileadmin/Elementbibliothek/Bibliothek_Politik_und_Verwaltung/Bibliothek_LpB/Landespoliti k/Sachsen_Anhalt_Monitor_2010_II.pdf</a>.<br>
15 Oliver Decker, Marlies Wei&szlig;mann. Johannes Kiess, Elmar Br&auml;hler 2010: Die Mitte in der Krise. Rechtsextremistische Einstellungen in Deutschland, herausgegeben von Nora Nonnenmacher, Friedrich-Ebert- Stiftung Forum Berlin, Berlin. Erh&auml;ltlich als pdf unter www.fes-gegen-rechtsextremismus.de.<br>
16 O. Decker u.a. a.a.O., S.38.<br>
17 Vgl. dazu meine Aufs&auml;tze: Auch "deutsche Zust&auml;nde" haben eine Geschichte. &Uuml;ber die Zunahme rechtsextremistischer Weltbilder in der "Mitte", in: Kommune Nr. 1/07, S.29-31 und: Rechtsextremistische Einstellungen in den Regionen. Zu aktuellen Studien &uuml;ber die Entwicklung des Rechtsextremismus, in: Kommune Nr. 2/09, S.63.<br>
18 O. Decker u.a, a.a.O., S.28, 58, 40-41.<br>
19 Vgl. auch: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.) 2010: Deutsche Zust&auml;nde. Folge 9, Frankfurt a. Main<br>
Vgl. <a href="http://www.vienenburg.eu/home/resolution-grechts.html">www.vienenburg.eu/home/resolution-grechts.html</a>. (21.03.11) Hilfreich f&uuml;r die tagt&auml;gliche Auseinadersetzung mit der NPD scheint mir eine genaue empirische Untersuchung aus Sachsen-Anhalt, einem St&uuml;tzpunkt der Rechtsextremen, zu sein. Vgl. Pascal Begrich, Thomas Weber, Roland Roth 2010: Die NPD in
den Kreistagen Sachsen-Anhalts. Forschungsbericht zur kommunalpolitischen Arbeit der extremen Rechten sowie zu Formen und Strategien der demokratischen
Auseinandersetzung, Magdeburg; <a href="http://www.sachsenanhalt.de/LPSA/fileadmin/Elementbibliothek/Bibliothek_Hingucken/Menuepunkt1/6.10.npdbrosch.pdf">http://www.sachsenanhalt.de/LPSA/fileadmin/Elementbibliothek/Bibliothek_Hingucken/Menuepunkt1/6.10.npdbrosch.pdf</a>.<br>
21 <a href="http://lengde-info.de.tl/geschichte htm">http://lengde-info.de.tl/geschichte htm</a>; 21.03.11<br>

</small>

]]></content>
		</item>
	</channel>
</rss> 
