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	<title>Spurensuche Harzregion e.V. </title>
	
	<link>www.spurensuche-harzregion.de</link>
	<description>Webseite des Vereins Spurensuche Harzregion</description>
	<pubDate>Tue, 02 Aug 2011 17:22:00 +0200</pubDate>
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	<language>de-de</language>
	<item> 
		<title><![CDATA[Austellung zur Harzburger Front in Wolfenb&uuml;ttel]]></title>
		<link>http://www.spurensuche-harzregion.de/?publikationen/120</link>
		<comments></comments>
		<pubDate>Tue, 02 Aug 2011 17:22:00 +0200</pubDate>

		<creator>PV</creator>
		
		<category><![CDATA[publikationen]]></category>
				<keywords><![CDATA[harzburger front,ausstellung,wolfenb&uuml;ttel,vortr&auml;ge,frieden,kirche,rechtsextremismus,schyga,weimar]]></keywords>
		<description><![CDATA[Vortragsmanuskript: Die Formierung des "Rechtsextremismus der Mitte"]]></description> 
			<content><![CDATA[
<b>Peter Schyga, Hannover<br><br>
Die Formierung des "Rechtsextremismus der Mitte" im Weimar der
Weltwirtschaftskrise</b><sup>1</sup><br><br>
"Rechtsextremismus der Mitte" lautet der zentrale Bestandteil des Titels meines heutigen
Vortrags. Eine historische Einordnung, also des Wann und Wo, dieses in drei Worten
beschriebenen gesellschaftspolitischen Befundes l&auml;sst er erst einmal au&szlig;en vor.
Dieser Teil der Vortrags&uuml;berschrift zitiert eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung
zum Rechtsextremismus. Er fasst zugleich die Quintessenz von zeitgen&ouml;ssischen
Forschungsergebnissen und publizistischen Wortmeldungen zur NS-Bewegung in der
Republik von Weimar zusammen.<br><br>
Beides wird Thema meiner Ausf&uuml;hrungen sein. Der Schwerpunkt liegt dabei nat&uuml;rlich auf der
Geschichte der Jahre 1930 bis 1933 und hier bei dem Versuch, den Prozess der Formierung
der NS-Bewegung n&auml;her nachzuzeichnen. Dies ist ja sowieso ein Projekt unserer Ausstellung
zur Harzburger Front mit offenem Ende.<br><br>
Warum mir eine Verlinkung von Vergangenheit und Gegenwart im Interesse von
Erkenntnisgewinn sinnvoll erscheint, werden meine Ausf&uuml;hrungen darlegen. Sie sind
gewisserma&szlig;en auch ein Experiment, Ihnen Teile der gesellschaftswissenschaftlichen Welt
von Weimar n&auml;her zu bringen, die ich auch f&uuml;r ein Gegenwartsverst&auml;ndnis f&uuml;r n&uuml;tzlich halte -
bei allen notwendigen r&uuml;ckblickenden Einschr&auml;nkungen und manch inhaltlicher sowie
methodischen Kritik. Beider werde ich mich enthalten - wir k&ouml;nnen in der anschlie&szlig;enden
Aussprache dazu kommen.<br><br>
Die kleinen Forschungsdesiderate, die wir im Rahmen der Begleitprogramme, der Vortr&auml;ge
und kulturellen Darbietungen unserer Ausstellung zur Harzburger Front der interessierten
&ouml;ffentlichkeit anbieten, f&uuml;hren uns immer wieder zur&uuml;ck in die Forschung und Publizistik
jener Zeit. Dabei sind wir geleitet von der Frage nach dem, was war. Was hat sich im Lokalen
und Regionalen zugetragen - auf Seiten der T&auml;ter, der Zuschauer der Opfer. Was waren ihre
Taten, Motive, Antriebskr&auml;fte f&uuml;r ihr jeweiliges Tun oder Lassen? Wie war die
Stimmungslage, welche Hoffnungen und Erwartungen hegten Menschen der damaligen Zeit?
Wir greifen zur&uuml;ck auf Beobachtungen, Analysen, auch auf formulierte &auml;ngste oder
Hoffnungen der Zeitgenossen, um uns dem Warum - der zentralen Frage begreifender
Geschichtswissenschaft zu n&auml;hern.<br><br>
Manch erhellende Wiederentdeckung ist im Schrifttum der damaligen Zeit zu finden. Eine
m&ouml;chte ich Ihnen heute n&auml;her bringen: die Forschungen des Soziologen Theodor Geiger. Dies
aus mehreren Gr&uuml;nden: Geiger war teilhabender politisch aktiver Zeitgenosse und Forscher

der noch ziemlich neuen und suchenden Wissenschaft Soziologie. Und er war ein Neuerer in
seinem Fach, denn er befasste sich nicht nur mit den soziografisch, wie es damals hie&szlig;, zu
erfassenden Daten f&uuml;r seine gesellschaftlicher Analyse. Er bewegte sich zudem - mit
&auml;hnlichen Motiven aber formulierter Distanz zu Versuchen der damaligen Sozialpsychologie
im Umfeld des Instituts f&uuml;r Sozialforschung - in teilnehmender Beobachtung, um
Mentalit&auml;ten und Einstellungen gesellschaftlicher Gruppen und Schichten zu erfassen,
Einstellungen, die sich in der Politik und im Politischen ausdr&uuml;cken. Und nicht zuletzt: er
lehrte und forschte an der TU Braunschweig, beobachtete die Menschen dieser Region genau.
Ich dachte mir, dieser regionale Bezug k&ouml;nnte sie interessieren und zum Zuh&ouml;ren motivieren.
<br><br><b>Gesellschaftliche Ver&auml;nderungen</b><br><br>
Die soziale und politische Situation in Weimar verlangte nach innovativen Ans&auml;tzen, um die
Zeit und ihre Menschen verstehen zu k&ouml;nnen. Verstehen, um politisch klug handeln zu
k&ouml;nnen.<br><br>
Die gesellschaftliche Differenzierung war fortgeschritten. Bewegliche Menschenmassen
pr&auml;gten das Bild der St&auml;dte mit ihren Pendlerstr&ouml;men von den Wohnkasernen zur Fabrik und
zur&uuml;ck. Neue Medien erreichten mit ihren Botschaften von Information, Unterhaltung und
auch Propaganda fast alle Bev&ouml;lkerungskreise. Das Verh&auml;ltnis zwischen Stadt und Land
ver&auml;nderte sich durch Mobilit&auml;ts- und Kommunikationsm&ouml;glichkeiten. Das Land &auml;nderte sich
durch zunehmende Kapitalisierung im Zuge verst&auml;rkter Weltmarktintegration. Das
Fabriksystem hatte sich mit dem tayloristischen Fordismus entscheidend gewandelt.
Flie&szlig;band
und
Massenproduktion
ver&auml;nderten
die
Arbeitsbeziehungen
in
der
Industriearbeiterschaft. Eine neue Schicht dienstleistender Angestellter in Verwaltung und
Distribution breitete sich aus. Frauen dr&auml;ngten in den neuen Kaufh&auml;usern, den Kontoren und
B&uuml;ros auf den Arbeitsmarkt. Sie waren nun eine eigenst&auml;ndige soziale und mit dem Wahlrecht
seit 1918 auch politische Kraft geworden.<br><br>
In Weimar lebende Menschen waren in gro&szlig;en Teilen im Kaiserreich aufgewachsen. Doch die
Gesellschaft war eine andere geworden. Die noch in der Kaiserzeit als g&uuml;ltig angenommene
soziale und politische Dreiteilung der Gesellschaft differenzierte sich. Dort gab es die
staatstragende und Gesellschaft beherrschende Kapitalistenklasse und ihr adeliges Pendant,
die Besitzer der Produktionsmittel, Herren &uuml;ber das Finanzwesen, Grund und Boden und
Statthalter staatlichen Gewaltmonopols. Ihnen gegen&uuml;ber stand die besitzlose, politischer
Rechte weitgehend beraubter und deshalb revolution&auml;re, zumindest auf soziale Reformen und
Demokratie dr&auml;ngende Arbeiterklasse. Daneben existierten die Mittelschichten des Gewerbes

und Handels, der kulturellen, wissenschaftlichen und pers&ouml;nlichen Dienstleistungen, die in
monarchischem Untertanengeist um ihren politischen und sozialen Status rangen.
Ich wei&szlig;, dies ist grob gezeichnet, doch feststellen kann man es trotzdem. Zugleich sollte im
Bewusstsein bleiben: Die Zeit des Deutschen Reichs nach 1871 war kein bleierner Stillstand,
sondern ist eine ungeheuer dynamische Periode &ouml;konomischen und sozialen Wandels
gewesen. Von der Reichsgr&uuml;ndung bis zum 1. Weltkrieg st&uuml;rmte das Land in seinem
&ouml;konomischen Potential vom Underdog unter die gro&szlig;en Vier der Weltwirtschaft. Doch diese
Dynamik war politisch, sozial und kulturell gefesselt: im Innern als Klassenkampf von oben,
nach au&szlig;en in Kolonialpolitik und imperialistischem Expansionsdrang. Die gesellschaftliche
Dynamik konnte sich erst mit der formellen politischen Freiheit und den gesellschaftlichen
Errungenschaften nach der Revolution von 1918 entfalten. Sie konnte destruktiv wirken oder
durch kluge Politik in konstruktive Bahnen gelenkt werden. So hei&szlig;t retrospektiv die
Weichenstellung im Deutschland der Nachkriegszeit. Es ging darum, politische Freiheit in
wirkende Tat umzusetzen. Darauf mussten sich alle politischen Kr&auml;fte des Landes einstellen
und das in hoch unbehaglichen Zeiten:<br><br>
In weiten Kreisen - bis tief in die Organisationen der Arbeiterbewegung hinein - wurde die
Kriegsniederlage als nationale, auch das eigene Ego demontierende Dem&uuml;tigung empfunden,
der
Friedensvertrag
von
Versailles
erst
recht.
Freikorpsterror,
Fememorde
und
Putschversuche schienen Politik zu ersetzen. Materielle Not demoralisierte. Die Protagonisten
der Republik, also die Sozialdemokratie, die Gewerkschaften und die b&uuml;rgerlichen Parteien
von Zentrum, DVP und DDP waren aufgefordert, den zentrifugalen, die Republik
bedrohenden sozialen Verwerfungen und politischen Friktionen entgegenzutreten. Was sich
im Krieg mit der Massenbewegung der "Vaterlandspartei" schon angedeutet hatte, sich
1918/19 in den großen so genannten nationalen Verb&auml;nden wie Stahlhelm, Alldeutscher
Verband etc. in gewisser Weise fortsetzte, schien nun zu Beginn der 30er Jahre einen neuen
Schub zu bekommen: Bislang schweigende, h&ouml;chstens murrende gesellschaftliche Kr&auml;fte
verschafften sich Aufmerksamkeit und politisches Gewicht.<br>
Der gro&szlig;e Zeitgeschichtsschreiber Arthur Rosenberg, vom Fach Althistoriker, kritischer
Zeitgenosse, Politiker der USPD, dann der KPD bis zu seinem Austritt 19272, schrieb in
seinem Buch Die Geschichte der Weimarer Republik:<br>
"In den Jahren 1924 bis 1928 haben die deutschen Mittelklassen, ebenso die Angestellten und
Beamten, die den b&uuml;rgerlichen Parteien angeh&ouml;rten, sich im Allgemeinen die Republik
gefallen lassen. Sie hatten nichts gegen die Weimarer Republik, solange in Deutschland unter
dieser Staatsform Ruhe und Frieden herrschten und man einigerma&szlig;en den Lebensunterhalt
verdienen konnte. Die Abgeordneten der Deutschen Volkspartei und der Deutschnationalen

behielten im Allgemeinen die Stimmen ihrer W&auml;hler, auch wenn sie im Parlament f&uuml;r
Regierungskoalitionen und den Dawesplan eingetreten waren. Damit waren jedoch die
deutschen Mittelschichten ebenso wenig wie die Kapitalisten zu &uuml;berzeugten Anh&auml;ngern der
Demokratie und der Republik geworden. Bei jeder ernsten Krise waren sie bereit, der
demokratischen Republik den R&uuml;cken zu kehren."3<br><br>
Die Mittelschichten setzten sich politisch von der Einf&uuml;gung ins Bestehende ab und
sammelten sich in einer Bewegung seiner Negation. Der Mittelstand, die Mittelschicht, die
Mittelklassen, wie immer wir die wachsenden Teile der Bev&ouml;lkerung bezeichnen, die
zwischen beiden Hauptklassen standen, wollten sich nun zunehmend weder Weimar noch
eine Republik &uuml;berhaupt "gefallen lassen" - wie es Rosenberg so trefflich formulierte. Die
Wahlergebnisse der Jahre nach 1928 geben &uuml;ber diesen Bruch in den politisch artikulierten
Einstellungen Aufschluss:<br>
Die NSDAP erhielt bei den Reichstagswahlen v. 14. September 1930 18,3 % der Stimmen, sie
sa&szlig; mit 107 Abgeordneten im Reichstag. Die Stimmen und- Abgeordnetenzahl der DNVP
hatte sich fast halbiert (7,0%, 41 Abgeordnete). Am 10. April 1932 stimmten 36,8% der
W&auml;hlerinnen und W&auml;hler gegen die Ikone deutscher Herrlichkeit, Hindenburg, f&uuml;r einen
Reichspr&auml;sidenten Hitler und ein Jahr sp&auml;ter bei den Wahlen zum 6. Reichstag gaben ihm
37,3% der Wahlbev&ouml;lkerung die Stimme. Das waren 13,75 Millionen Menschen, zusammen
mit den 2,17 Millionen DNVP-W&auml;hlern also fast 15 Millionen bei 37 Millionen abgegebenen
Stimmen. Nur 4 Jahre zuvor, bei den Reichstagswahlen im September 1928, hatte die
Hitlerpartei etwas &uuml;ber 810.000 Stimmen erzielt, die DNVP 4,4 Millionen.
Diese dramatische politische Entwicklung suchte man damals zu erkl&auml;ren, ihren sozialen
Wurzeln - so es diese geben sollte - auf die Spur zu kommen. Denn es galt gerade auf Seiten
der
demokratischen
Arbeiterbewegung
und
der
anderen
Republikaner,
diesem
antidemokratischen, autorit&auml;tsfixiertem und zunehmend gewaltt&auml;tigem Treiben wirkungsvoll
entgegen zu treten, um Republik und Demokratie zu sichern.<br>
Die Sozialwissenschaft der Weimarer Zeit war dem grau- oder wei&szlig;gekittelten deutschen
Michel auf der Spur. Theodor Geiger schrieb in einem 1930 ver&ouml;ffentlichten Aufsatz zur
Analyse des "alten" und "neuen Mittelstandes" von beiden Teilen als dem "gesegneten Boden
ideologischer Verwirrung", der sich aus der drohenden Abstiegserfahrung von der Mitte in
die Armut speiste. Er erkannte, dass "die falsche Scham &uuml;ber den Abstieg sich oft genug in
Hass und Verachtung &auml;u&szlig;ert"4, denn, wie ein anderer ber&uuml;hmter Soziologe, Georg Simmel,
schon 1908 erkannt hatte: "Der Mittelstand allein hat eine obere und unter Grenze, und zwar
derart, dass er fortw&auml;hrend sowohl von dem oberen wie von dem unteren Stand Individuen
aufnimmt und an beide solche abgibt."5 Er hofft auf den Aufstieg und f&uuml;hlt sich st&auml;ndig vom
Abstieg bedroht.<br><br>
Theodor Geiger hat sich seine Erkenntnisse nicht aus den Fingern gesogen oder dem
Augenschein nach geurteilt. Auf eine bedeutende Arbeit, die 1932 erschienene Untersuchung
"Die soziale Schichtung des deutschen Volkes,"6 will ich mich heute konkret beziehen, seine
1926 erschiene Schrift "Die Masse und ihre Aktion"7, in der er die Bewegungsenergien von
Gruppen als Massenerscheinung untersuchte, im Hinterkopf behalten.
Geiger wurde 1928 an die TU Braunschweig gebeten. Diese Berufung war ein bewusster Akt
der neuen sozialdemokratischen Landesregierung, das Bildungswesen von Grund auf zu
reformieren. Zu diesem Vorhaben geh&ouml;rte auch, politisch nahestehende Wissenschaftler, von
denen es in Weimar nicht allzu viele gab, an die Hochschule zu holen. Geiger, geboren 1891,
hatte die Revolution aktiv miterlebt, die Zerschlagung der M&uuml;nchner R&auml;terepublik hautnah
erfahren. Er f&uuml;hlte sich dem republikanisch-sozialdemokratischen Milieu verbunden. Er war
sich bewusst, dass die Anforderung an die Wertfreiheit seiner wissenschaftlichen T&auml;tigkeit
immer mit den pers&ouml;nlichen Erfahrungen und dem Miterleben als politischer Mensch, als
B&uuml;rger eines Gemeinwesens korrespondierte.<br><br>
Braunschweig wurde unvermutet zu einem Springquell seiner Forschung. Denn hier, in einem
ab 1927 sozialdemokratischen Musterland, in einem Soziotop, das idealtypisch f&uuml;r das soziale
Gef&uuml;ge und die politische Entwicklung des Reichs anmutete, entwickelte sich die
nationalsozialistische Bewegung in atemberaubendem Tempo. Seine Forschungen um den
Zusammenhang zwischen dem Klassen- bzw. Schichtendasein von gesellschaftlichen
Gruppen und ihren sich in Habitus und politischem Handeln ausdr&uuml;ckenden Mentalit&auml;ten
fanden hier ihre zwei Pole von Erkenntnis:<br>
Basis seines "soziographischen Versuchs auf statistischer Grundlage" - so der Untertitel
seiner Studie - bildeten die Daten und Fakten &uuml;ber die Ver&auml;nderungen der Sozialstruktur,
entnommen der damals neuesten Erwerbsstatistik von 1925. Interpretieren konnte er dies
Material auf der Grundlage genauer Beobachtung seines nahen gesellschaftlichen Umfelds.
<br><br><b>Der Freistaat Braunschweig</b><br><br>
Zu diesem Umfeld lassen Sie mich einige Worte sagen:
Mit 46,2% der Stimmen bei der Landtagswahl vom 27. November 1927 errang die SPD 24
von 48 zu vergebenen Mandaten. Ohne parlamentarische Mehrheit, auf punktuelle
Unterst&uuml;tzung der DDP (2 Sitze) oder auch der KPD (2 Sitze) setzend, wurde Heinrich Jasper
am 14. Dezember 1927 mit Unterst&uuml;tzung der beiden KPD-Abgeordneten Paul Gmeiner und
Ernst Winter zum Ministerpr&auml;sidenten gew&auml;hlt. Gleichzeitig &uuml;bernahm er die Verantwortung
f&uuml;r das Finanzressort. Gustav Steinbrecher (Inneres und Arbeit) und Hans Sievers
 
(Volksbildung, Justiz) standen ihm als Minister f&uuml;r das operative Gesch&auml;ft der Exekutive zur
Seite. Braunschweig hatte als einziges Land im deutschen Reich zu dieser Zeit eine
sozialdemokratische Alleinregierung. Bei den Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 konnte die
Reichs-SPD zwar ihre desastr&ouml;sen Ergebnisse der zwei Wahlg&auml;nge von 1924 (4.5. u. 7.12.)
einigerma&szlig;en wettmachen, aber die wahlerfolgreichen Jahre der Revolutionszeit waren
vorbei. 29,8 % erhielt die SPD reichsweit. Da waren die 45,6% im Reichstagswahlkreis
S&uuml;dhannover-Braunschweig einsame Spitze. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass die
KPD, die im linken Lager Konkurrenz bildete, mit 3,5% der Stimmen in S&uuml;dhannover-
Braunschweig marginalisiert war. Reichsweit erreichte sie 10,6 Prozent, nur in Franken und
Niederbayern schnitt sie schlechter ab als in Braunschweig.8<br><br>
Auf die spezifischen Gr&uuml;nde f&uuml;r den sozialdemokratischen Erfolg kann ich hier nicht n&auml;her
eingehen; er h&auml;ngt aber mit der besonderen Geschichte der Vereinigung von SPD und USDP
in den Nachrevolutionsjahren zusammen. 9Nur soviel sei angemerkt: Hier trat de facto die
SPD der USPD, die doppelt so viele Mitglieder hatte, bei - in fast allen Teilen Deutschlands
war dies umgekehrt. Die Partei des Jahres 1927 war keine radikal andere als zum Zeitpunkt
der Vereinigung, ihre radikal-reformistische Linke hatte immer noch erheblichen Einfluss.
Diese hatte ihre feste Verankerung in der Arbeiterschaft nicht verloren, w&auml;hrend der
reformerisch-parlamentarische Fl&uuml;gel, zu dem Heinrich Jasper z&auml;hlte, durch seine sachlich-
pragmatische Politik in Regierung 1922-1924 und Opposition bis 1927 &uuml;berzeugend auch f&uuml;r
W&auml;hlerschichten an der Peripherie der b&uuml;rgerlichen Mittelschichten wirkte. Die SPD stellte
sich 1927 als pragmatische Linke mit staatstragender Kompetenz dar, und das nahmen ihr die
W&auml;hlerinnen und W&auml;hler eben zu dieser Zeit ab.<br><br>
Die SPD habe sich "daran(ge)macht, Braunschweig zum sozialistischen Musterland der
deutschen Republik auszubauen", wie Bernd Rother, der Biograph der Braunschweigischen
Sozialdemokratie von Weimar, unter Berufung auf die Zeitgenossen meinte.10 Unter
Ministerpr&auml;sident
Republikanisierung
Heinrich
des
Jasper
standen
Staatsapparats
und
die
Reform
des
Bildungswesens,
die Konsolidierung der
L&auml;nder-
die
und
Gemeindefinanzen ganz oben auf der Agenda des politischen Handelns. Im Wahlkampf 1927
war es unter Einsatz moderner Propagandamethoden gelungen, diese Botschaft unters Volk zu
bringen und Bev&ouml;lkerungskreise au&szlig;erhalb der bewegten Arbeiterschaft f&uuml;r die Jaspersche
SPD-Politik zu gewinnen. Doch es gelang der Partei nicht, massiv in neue, nicht proletarische
Kreise der Bev&ouml;lkerung vorzudringen. Obwohl die Reformen seit 1927/28 eher kleinteilig,
fast immer auf Kompromiss bedacht angeschoben wurden, setzten die politischen Gegner im
Parlament, auf der Stra&szlig;e, in Redaktionen und politischen Klubs auf Fundamentalopposition.
Und sie hatten durchschlagenden Erfolg.
<br><br>
Bei den Septemberwahlen 1930 &uuml;berfl&uuml;gelte die NSDAP ihr Ergebnis von 1927 mit &uuml;ber
67.000 Stimmen um das 6-fache. Sie kam auf 22,2 % der W&auml;hlerstimmen und erh&ouml;hte ihre
Pr&auml;senz im Landtag von einem auf 9 Mandate. Die B&uuml;rgerliche Einheitsliste, hervorgegangen
aus Wahlvereinigungen zur Sicherung unterschiedlicher Besitzst&auml;nde, erzielte knapp 80.000,
die letzten b&uuml;rgerlichen Demokraten der DDP noch 9.200 Stimmen. Die SPD konnte ihr
Rekordergebnis von 1927 nicht halten, kam aber dennoch auf f&uuml;r Weimarer Verh&auml;ltnisse
beachtliche 41 % gleich 125.000 Stimmen. Daf&uuml;r gab es 17 Sitze im Landtag. Die b&uuml;rgerliche
Einheitsliste bildete zusammen mit der NSDAP eine Koalitionsregierung.<br>
Die SPD mochte ihre Niederlage nicht richtig einsehen, besser: sie verstand nicht, was vor
sich gegangen war - &uuml;brigens bis heute nicht: "Insgesamt war das Wahlergebnis im Land
Braunschweig weniger eine Niederlage der SPD als vielmehr ein Sieg der NSDAP,"11 urteilt
Martin Gruber, Rother zitierend, der sich auf die Zeitgenossen bezieht, j&uuml;ngst in seiner
Biografie zu Heinrich Jasper und f&uuml;gt hinzu: "Zwischen beiden politischen Lagern gab es
keine gro&szlig;en Verschiebungen, die wirklich gro&szlig;en Ver&auml;nderungen vollzogen sich innerhalb
des rechten Lagers mit dem rasanten Aufstieg der NSDAP mit gro&szlig;en Stimmengewinnen bis
weit in alle Teile des B&uuml;rgertums."12 Von politischer Klugheit zeugt solch eine Einsch&auml;tzung
nicht. Sie kommt einem vor wie das Pfeifen im Walde angesichts realer Furcht. Denn: Wenn
eine Partei wie die NSDAP, die offen die Republik abschaffen, die Macht der
Arbeiterbewegung zerschlagen wollte und die Gewalt als legitimes Recht und Mittel von
Politik propagierte, binnen nicht einmal drei Jahren eine solche Wahlanh&auml;ngerschaft
mobilisieren konnte, h&auml;tten alle Alarmglocken schrillen m&uuml;ssen. Wenn dann im Zuge der
Regierungsbildung auch f&uuml;r Braunschweig deutlich wurde, dass die b&uuml;rgerlichen Kr&auml;fte nicht
den geringsten Ber&uuml;hrungsscham gegen&uuml;ber den auf Gesetz- und Verfassungsbruch geeichten
Nationalsozialisten empfanden, dann zeigte sich zweierlei: Die "Verschiebungen" im so
genannten rechten Lager hatten eine neue Qualit&auml;t bekommen - b&uuml;rgerliche Demokraten
waren n&auml;mlich praktisch verschwunden und damit langj&auml;hrige B&uuml;ndnispartner der
Sozialdemokratie.<br><br>
Die
"Verschiebung"
im
b&uuml;rgerlichen
Lager
hat
damit
die
Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zwischen den Lagern rechts und links fundamental ge&auml;ndert. Fundamental
deshalb, weil der neue Rechtsextremismus nicht eine andere Republik wollte, sondern gar
keine. Stattdessen eine besonders autorit&auml;re Form von Herrschaft. Das konnte man damals
wissen. Heute erst recht. Welch vernichtenden Totalitarismus eine Herrschaft der NSDAP
hervorbringen w&uuml;rde, konnte 1930 keiner wissen oder auch nur erahnen. Aus dem Wissen-
K&ouml;nnen ergab sich damals eine entscheidende Frage: Wie konnte es in solch kurzer Zeit zu
dieser manifesten Explosion republikfeindlicher, brandgef&auml;hrlicher militanter Kr&auml;fte
kommen? Einer Antwort war Geiger auf der Spur.
<br><br>
Die NSDAP in Braunschweig hatte neue, bislang wahlabstinente Menschen, insbesondere
Frauen mobilisieren k&ouml;nnen. Die Wahlbeteiligung lag bei &uuml;ber 90% im Unterschied zu 76%
im Jahr 1927. Ihr W&auml;hlerInnenanteil erh&ouml;hte sich wie schon erw&auml;hnt von 3,7% auf 22,2 bei
den Landtagswahlen und stieg dann nochmals auf 26,7% bei den Reichstagswahlen - weit
&uuml;ber dem Reichsdurchschnitt von 18,3%.<br><br>
Nach Geigers Untersuchungen vom Beginn der 30er Jahre haben diese Verschiebungen viel
mit den Ver&auml;nderungen in den Klassenverh&auml;ltnissen und den schichtenspezifischen
Mentalit&auml;ten zu tun. Ich kann hier seine umfassende statistische Sozialanalyse nat&uuml;rlich nicht
referieren, nur ein wesentliches Ergebnis sei genannt: Geiger unterschied: "Oberschicht
(Kapitalisten)" mit einem Bev&ouml;lkerungsanteil von 0,92 %. Die "Mittelschicht" unterteilte er
in "alten Mittelstand (17,77 %) und neuen Mittelstand (17,95 %)", das "Kleinb&uuml;rgertum"
nannte er "Proletaroide 12,65 %" und als die "Unterschicht, das Proletariat" machte er 50,71
% der Bev&ouml;lkerung aus.13 Die Mittelschicht z&auml;hlte also etwa die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung. In
seinem "soziographischem Versuch", wie er seine Studie nannte, betrachtete er die sozialen
Schichtungen viel differenzierter als hier angedeutet. Er ging den unterschiedlichen
Einkommens- bzw. Reproduktionsquellen nach: Nebenerwerbsbauern, Bergleute mit Deputat,
Arbeiter mit eigener Kleinlandwirtschaft, Tagel&ouml;hner mit kleiner Werkstatt, Handwerker mit
Verlagsvertr&auml;gen, auch Dauererwerbslose oder heruntergekommene Bohemiens und viele
mehr geh&ouml;rten zu seinem Bild der Binnendifferenzierung des neuen Klassengebildes. Deren
unterschiedliche Mentalit&auml;ten suchte er zu erfassen, um Typisierungen vorzunehmen. Er kam
zu dem Schluss, der sich fast versteckt, in einem 13-seitigen Exkurs mit der &uuml;berschrift "Die
Mittelst&auml;nde im Zeichen des Nationalsozialismus" findet, in den seine Sozialstudie m&uuml;ndet.
"Kurzum: wo die Frage nach der gegenw&auml;rtigen sozialen Schichtung des deutschen Volkes
aufgeworfen wird, richtet sich heute mit Grund das Hauptinteresse nicht mehr nach links,
sondern auf die Mitte. Das Problem des sogenannten Mittelstandes ist aber gegenw&auml;rtig
untrennbar mit dem Problem des Nationalsozialismus verquickt."14
1927 waren die Angeh&ouml;rigen dieser Schicht politisch im lokalen und regionalen Raum noch
weitgehend an kleinteilige &ouml;konomische Partikularinteressenverb&auml;nde gebunden. Wenige
w&auml;hlten die Sozialdemokratie, manche &uuml;bten politische Enthaltsamkeit. Neben den
reichsweiten Parteien DNVP, DVP oder DDP hie&szlig;en die Verb&auml;nde f&uuml;r Spezialinteressen in
Braunschweig wie in vielen anderen Orten des Reichs in der Zeit von etwa 1924 bis 1930:
Wirtschaftliche
Einheitsliste,
Partei
der
Haus-
und
Grundbesitzer,
B&uuml;rgerpartei,
Mittelstandpartei etc. Bei den Reichstagswahlen w&auml;hlten deren Anh&auml;nger Zentrum, wenn sie
konfessionell gebunden waren, DNVP, wenn sie ihre Ablehnung der Republik zum Ausdruck

bringen wollten, DVP und DDP, wenn sie sich mit der Republik arrangiert hatten, NSDAP
oder v&ouml;lkische Sekten, wenn sie "System"feindschaft ausdr&uuml;cken wollten.
Diese breite Mittelschicht war &ouml;konomisch eine ziemlich diffuse soziologische Kategorie, wie
eben angedeutet. Der Universit&auml;tsprofessor, Schullehrer, Beamte, Redakteur oder Pfarrer
z&auml;hlte zu diesem Kreis ebenso wie der kleine Unternehmer und Gewerbetreibende,
Kleinbauer und Landwirt ebenso wie der H&auml;ndler und Handwerker, der Handlungsgehilfe
oder der auf Aufstieg geeichte gewerkschaftlich oder nicht organisierte Arbeiter - auch, und
das
soll
in
diesem
Zusammenhang
nicht
verschwiegen
werden,
so
manche
Gewerkschaftsbeamter.
Die spezifischen normativen und ordnungspolitischen Vorstellungen in der so sehr amorphen
Mitte &uuml;ber die Gesellschaft und von sich selbst bleiben eng an das Bestehende gebunden -
wenn dies in ihren Augen funktionierte. Sie sind ebenso stark beeinflusst von dem Gedanken
an die "gute alte Zeit". Die war noch gar nicht so lange her und ob sie gut war, mag dahin
gestellt sein.
"Vor 50, 60 Jahren noch ausschlaggebende Macht in der damaligen Gesellschaft, ist der
Mittelstand der gewerblich Selbst&auml;ndigen der Zahl nach und noch viel mehr in seiner
gesellschaftsdynamischen Bedeutung abgefallen. Diese Geltungseinbuße scheint mir -
bewussterma&szlig;en oder im psychischen Untergrund - sehr viel mehr als die wirtschaftliche
Bedr&auml;ngnis die nerv&ouml;se Gereiztheit des Besitzmittelstands zu motivieren. Der relative
Schwund seines sozialen Gewichts und Prestiges dr&uuml;ckt den werbenden Mittelstand gar sehr
und l&auml;sst ihn seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch schw&auml;rzer sehen, als sie sind. ...
Die allgemeine wirtschaftliche Existenznot aller Volksschichten trifft bei ihm mit dem seit
langem hoffnungslos getragenen Schmerz &uuml;ber den Verlust seiner gesellschaftlichen Position
zusammen."15<br><br>
So Geigers Beobachtung &uuml;ber einen Teil dieses so genannten Mittelstandes.<br>
Und er fasst zusammen: "Je heftiger das mittlere und kleine Eigentum bedroht ist - durch
Wirtschaftskrisis oder dadurch, dass die Expansion des Gro&szlig;kapitals den Kleinbesitz an
Produktionsmitteln in der Hand des Eigent&uuml;mers entwertet - desto eifers&uuml;chtiger und
fanatischer wird der Eigentumsgedanke verteidigt."16
Diese mittleren Schichten f&uuml;hlten sich Klassenkampf und Parteienstreit nicht zugeh&ouml;rig. Dass
sich das Proletariat offen dazu bekannte und damit seinen Teilhabeanspruch am sozialen und
politischen Leben anmeldete, fanden sie absto&szlig;end, weil bedrohlich. Im Kaiserreich, obwohl
objektiv nur Untertanen, hatten sich diese Kreise selbstbewusst f&uuml;r den wertvollsten
Bestandteil der Gesellschaft gehalten. Die Emanzipation der Arbeiterbewegung nahmen sie
als Gefahr wahr, ihr Gef&uuml;hl von Sicherheit und Zuversicht schrumpfte sowieso, erst recht als
 
in der krisenhaften Entwicklung der Wirtschaft mit dem Verlust von Produktionsmitteln der
Verlust der lang gepflegten Existenz drohte.<br>
Ein nur kurzer Hinweis - seine Er&ouml;rterung w&uuml;rde den Vortrag sprengen - sei hier
eingeschoben, Geiger geht relativ ausf&uuml;hrlich drauf ein: Man darf die Entwicklung innerhalb
des Proletariats nicht aus dem Auge verlieren. Die sich entwickelnde Produktionsweise des
tayloristischen Fordismus und auch die organisatorische Festigung - manche meinen
Selbstverkrustung - der Arbeiterbewegung zeigten Folgen. Das "st&auml;hlerne Geh&auml;use" (Max
Weber) fordistischer Produktion und b&uuml;rokratischer Organisation fesselte die Kraft der
Arbeiterbewegung weil, wie Eduard Bernstein vorausgesehen hatte, sich Teile dem Habitus
des Mittelstandes ann&auml;herten und sich von den menschlichen "Anh&auml;ngseln der Maschinen"
(Marx) entfernten. Sie waren zwar auch gefangen, aber in dieser Gefangenschaft materiell
relativ abgesichert, ganz anders noch als ihre V&auml;ter. Der sozialdemokratische Lebensentwurf
des individuellen Aufstiegs durch Leistung, durch Lernen und Weiterbildung erlebte eine
kurze Bl&uuml;te, auch weil er durch die Sozial- und Bildungspolitik in den Kommunen gef&ouml;rdert
wurde. In die Arbeiterklasse fra&szlig;en sich neue Widerspr&uuml;che: der wachsenden Zahl
fordistischer Produktionsarbeiter, schnell ersetzbar und in prek&auml;ren Verh&auml;ltnissen lebend,
stand eine materiell relativ abgesicherte proletarische Leistungs- und Funktionselite
gegen&uuml;ber. Partei-, Bildungs-, Gewerkschaftsvereine und Kommunalverwaltungen bildeten
einen wachsenden Apparat der Bestandssicherung, der sich von den Lebenswelten derjenigen,
die sie bezahlten, entfernte. &uuml;brigens auch dies eine Erscheinung, die im Land Braunschweig
als idealtypisch zu beobachten ist. 17<br><br>
Zur&uuml;ck zu Geiger: Zum empirisch-qualitativen Bestandteil seiner Untersuchung, also der
teilnehmende Beobachtung betont er: "Das Problem verantwortlicher Staatspolitik in
Th&uuml;ringen, Braunschweig usf. ist zu karg, um Schl&uuml;sse daraus zu ziehen und die Bewegung
selbst k&ouml;nnte mit Recht Verwahrung dagegen einlegen, weil sie in kleinen L&auml;ndern, noch
dazu durch Koalitionspartner gehemmt, die Linie ihrer Absichten nicht klar verfolgen k&ouml;nne.
Es bleibt nur die Beurteilung auf Grund des Eindrucks, den der gewissenhafte Beobachter
vom Stil der Bewegung, vom Verhalten ihrer Organe, von der Entwicklung ihres Anhangs
gewinnt. Diese Dinge sind f&uuml;r die Zukunft der Bewegung &uuml;brigens auch viel wesentlicher als
Programmpunkte."18<br><br>
Die eine nicht zu untersch&auml;tzende Einsicht, wenn man bedenkt, das etwa die SPD ungeheure
Energie darauf verwendete, das irrlichternde Programm der NSDAP zu zerpfl&uuml;cken - ein
v&ouml;llig sinnlose T&auml;tigkeit in der t&auml;glichen Auseinandersetzung angesichts des inhaltlichen
Voluntarismus’ der Partei und ihrer F&uuml;hrungsorgane. Geiger schaut dann genau hin, woher
der Zulauf f&uuml;r die NSDAP kommt. Ich erspare mir eine ausf&uuml;hrliche Wiedergabe. Nur soviel:
 
Dass aus den Reihen der erwerbslosen jungen Arbeiter Teile der "kasernierten Kampfgarden
der Partei" rekrutiert w&uuml;rden, sieht er, doch sie w&auml;ren keine St&uuml;tze der Bewegung. Der
"Arbeitslose sucht Brot, wo er es findet, seine Handlungsweise pflegt begreiflicherweise oft
mehr aus Not als durch &uuml;berzeugung bestimmt zu sein."19 Die Arbeiterbewegung h&auml;lt er f&uuml;r
weitgehend immun. Was er herausstellt, ist die Wirkkraft der Negation: "Wichtig ist jetzt
allein: gegen den bestehenden Staat nicht f&uuml;r ein neues Deutschland ist er (der Zorn der
Hakenkreuzler, P.S.) entflammt."20 Oder anders formuliert:<br>
"Mag aber die Bewegung in ihren Verlautbarungen ausrufen, mag sie selbst davon &uuml;berzeugt
sein, ihre Scharen seien einheitlich und positiv auf das Ideal eines k&uuml;nftigen starken
Volksstaats gerichtet; die psychischen Motive ihres Erfolges sind ohne Zweifel weithin -
besonders in den seit 1930 gewonnenen hellen Haufen - weniger in der Begeisterung f&uuml;r
einen neuen Staat und ein irgendwie neuformiertes Volk zu finden, als in Regungen des Zorns
und der Entt&auml;uschung gegen&uuml;ber dem bestehenden Staat, Regungen, die gruppenweise aus
verschiedenen Quellen gespeist sind ... Die Sturzwelle der Hitlerbewegung ist - von der
Jugend der Schreibstuben, H&ouml;rs&auml;le und Schulzimmer weislich abgesehen! (ob er sich hier
nicht sehr get&auml;uscht hat!? P.S.) - keineswegs idealistisch, sie ist nicht einmal
blutsnaturalistisch, sondern h&ouml;chst wirtschaftsmaterialistisch - eben nur im negativen Sinne.
Man d&uuml;rfte vielleicht sagen: entt&auml;uschte, aussichtslos- und hilflos gewordene oder ihrer selbst
noch nicht sichere Materialismen fingen an, ihre eigne Verzweiflung oder Ratlosigkeit f&uuml;r
idealistische Begeisterung zuhalten."21<br><br>
Und er fasst zusammen: "Ein B&uuml;rgertum, das seine weltanschauliche Orientierung, Erbgut der
48er
und
70er
Jahre,
in
Interessens&auml;ngsten
verloren
hatte,
das
in
positiv
wirtschaftsbestimmtem Sozialdenken seine Einheit nicht finden konnte, warf sich der eignen
Verzweiflung in die Arme", und damit in die der NSDAP.22
Lassen sie mich res&uuml;mieren: Geiger geht davon aus, dass die die sozialen Bedingungen des
Lebens der Subjekte in einer klassenspezifischen Gruppe oder Schicht die Mentalit&auml;ten, also
Einstellungen, Verhaltensweisen Alltagshandlungen, auch politische Pr&auml;ferenzen pr&auml;gen. Er
definiert Mentalit&auml;t: "Die Mentalit&auml;t ... ist geistig-seelische Disposition, ist unmittelbare
Pr&auml;gung des Menschen durch seine soziale Lebenswelt und die von ihr ausstrahlenden, an ihr
gemachten Lebenserfahrungen. ... Mentalit&auml;t ist ein Begriff der Sozial-Charakterlogie."23
Aus seiner Untersuchung folgt allgemein: Status&auml;ngste, die keineswegs real sein m&uuml;ssen, die
nicht unmittelbar mit der H&ouml;he des Einkommens verbunden sind, die auch wenig mit Bildung
zu tun haben m&uuml;ssen, beruhen auf einer tats&auml;chlichen oder als Bedrohung wahrgenommenen
Ver&auml;nderung sozialer Verh&auml;ltnisse. Ver&auml;nderungen - ganz gleich ob soziostrukturelle,
politische oder kulturell-habituelle - werden als Bedrohung wahrgenommen. Man wehrt man
 
sich, indem diese in aufplusternder Selbsterh&ouml;hung negiert werden, und wendet sich
Bewegungen zu, die dieser negativen Selbsterh&ouml;hung Selbsterm&auml;chtigung versprechen.
Die NS-Ideologie zog Menschen an, die einen bevorzugten Platz in einer autorit&auml;ren
Harmonie von Gemeinschaft suchten. Sie war attraktiv, weil sie Tatendrang verk&ouml;rperte und
die Chance zum Mittun bot. Im einzelnen Subjekt schlummernde Einstellungen und
Mentalit&auml;ten konnten sich auf &ouml;ffentlicher B&uuml;hne im Bund mit Gleichgesinnten pr&auml;sentieren.
Der Stammtisch kroch aus seiner verrauchten Nische.
Ich m&ouml;chte in diesem Zusammenhang einen der bedeutendsten Kritiker und gleichzeitig
demokratischen Verteidiger von Weimar, den Herausgeber der Weltb&uuml;hne Carl v. Ossietzky,
zu Wort kommen lassen: Im Januar des Jahres 1933 zeichnete er zugespitzt und in einem
anderen Sprachduktus als der Soziologe das Charakterbild der Anh&auml;nger und F&ouml;rderer der
NS-Bewegung:<br>
"Die Hitlerpartei betont gern ihre Andersartigkeit, und sie darf in der Tat nicht mit
hergebrachten Normen gemessen werden. W&uuml;rde sie heute j&auml;h in Atome zerspringen, so
bliebe doch das Faktum bestehen, dass sie noch vor kurzem f&uuml;nfzehn Millionen W&auml;hler
gefunden hat. Sie muss also nicht nur einem politischen Bed&uuml;rfnis sondern auch einer
speziellen deutschen Gem&uuml;tslage entsprechen. Ihre Brutalit&auml;t, Gro&szlig;m&auml;uligkeit und
Hirnlosigkeit haben nicht abschreckend, sondern anziehend gewirkt und bedingungslose
Gefolgschaft gefunden. Das bleibt eine nicht leicht zu beseitigende Tatsache.
Die Nationalsozialistische Partei hat f&uuml;r f&uuml;nfzehn Millionen Deutsche genau das erf&uuml;llt, was
sie sich unter einer politischen Partei vorgestellt haben. Niemals ist das deutsche B&uuml;rgertum
in einem S&auml;kulum so ehrlich gegen sich gewesen wie in diesen paar Jahren
nationalsozialistischen Wachstums. Da gab es nicht mehr intellektuellen Aufputz, nicht mehr
geistige Anspr&uuml;che, nicht mehr akademische Fassade reicherer Jahrzehnte. Der &ouml;konomische
Zusammenbruch hat die innere Rohheit, die plumpe Geistfeindlichkeit, die harte Machtgier
b&uuml;rgerlicher Schichten - Eigenschaften, die sich sonst halb anonym hielten oder in private
Sph&auml;re ableiteten - offen blo&szlig; gelegt."24<br><br>
Lassen sie mich das bisher er&ouml;rterte verallgemeinern:<br>
Bei drohender oder nur eingebildeter Gefahr materieller Verschlechterung, bei Drohung von
Statusverlusten und in habitueller &uuml;berlegenheitshybris k&ouml;nnen sich die Mentalit&auml;ten
ideologischer Gen&uuml;gsamkeit in aggressive Anspruchshandlungen gegen die vermeintlichen
Gef&auml;hrder verwandeln. Gef&auml;hrder werden zu Auszugrenzenden. Feindbilder werden
konstruiert, in denen sich die Negation Objekte ihrer Selbstbest&auml;tigung sucht. Dass solche
Feindimanigation keinerlei Realit&auml;tsgehalt ben&ouml;tigt, kennen wir aus der NS-Geschichte, zeigt
uns die Geschichte aller totalit&auml;ren Bewegungen.
 <br><br>
<b>Ein Sprung ins Jetzt</b><br><br>
Mit dieser Verallgemeinerung kann man in die Gegenwart gelangen. Dabei ist es nat&uuml;rlich
nicht nur intellektuell unredlich, sondern auch analytisch falsch und politisch irre f&uuml;hrend,
quasi mittels eines Gleichheitszeichen Analogien zwischen Vergangenheit und Gegenwart
herzustellen, doch sind Vergleiche, die &auml;hnlichkeiten und Unterschiede abw&auml;gen, nicht nur
zul&auml;ssig, sondern auch analytisch hilfreich.<br><br>
Die soziale Mitte hat sich in der Bundesrepublik geweitet, insofern ist an der Schelskyschen
Bild der Zwiebel etwas dran. Aufstiegs- und relative Wohlstandsversprechen wurden f&uuml;r
manchen eingel&ouml;st. Die von Geiger damals diagnostizierte latente materielle Unsicherheit
bedeutender Teile der Bev&ouml;lkerung bis tief in die Arbeiterschaft schien lange Zeit beseitigt.
Die deutsche politische Mitte der Gegenwart ist eine andere als in den 30er Jahren, sie ist eine
andere als in die 60er oder 70er Jahren, denn in ihr hat sich eine im demokratischen
Gemeinwesen gefestigte Schicht von citoyens herausgebildet. Doch andere Teile in ihr,
n&auml;mlich diejenigen, f&uuml;r die sich die Bundesrepublik vorwiegend wegen der Einl&ouml;sung des
Versprechens von sozialer Sicherheit legitimierte, beginnen sich zu h&auml;uten angesichts der
Tatsache, dass die soziale Unsicherheit gr&ouml;&szlig;er wird, sich die Kluft zwischen arm und reich
spreizt, der pers&ouml;nliche Aufstieg keineswegs gesichert ist und der Abstieg droht. Das lange
geltende Versprechen an die Kinder: "Ihr sollt es mal besser haben" ist weitgehend obsolet
geworden.<br><br>
In der neuen alten Bundesrepublik &auml;nderte sich erst leise aber merklich das politische
Verhalten eines bedeutenden Teiles der Mitte und zuerst vor allem ihres zahlenm&auml;&szlig;ig
zunehmenden sozialen Randes. Man verweigerte per Wahlenthaltung die Zustimmung zum
republikanischen Parlamentarismus und privatisierte, verharrte sozusagen im stillen Protest
des Indifferenten. Nun artikulieren aber Teile dieser Mitte und gerade die gut situierten, eine
andere Art Aufm&uuml;pfigkeit. Sie k&uuml;ndigen wortgewaltig und selbsterhebend zentrale Elemente
eines demokratischen und sozialen Konsens’ auf. Alltagsbeobachtungen zu politischen und
sozialen Absetzbewegungen, zur Radikalisierung von Sprache und ausgrenzender Tat, zur
Stigmatisierung und Abwertung des Anderen aus der Welt der Mitte werden durch
wissenschaftliche Untersuchungen best&auml;tigt:<br>
Die neuen Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Forschungsgruppe um Wilhelm
Heitmeyer aus Bielefeld formulieren Zustand und Einstellungen dieser Mittelb&uuml;rger: "Die
Mitte in der Krise" lautet der Titel der FES-Studie zu "rechtsextremen Einstellungen in
Deutschland 2010". Die Autoren betonen, gest&uuml;tzt auf ihre Erhebungen und Umfragen: "Die
Bedrohung der Demokratie ist nicht von den R&auml;ndern, sondern aus der Mitte der Gesellschaft
 
heraus zu verstehen." "Das Ph&auml;nomen (Rechtsextremismus, P.S.) steht der Gesellschaft
scheinbar gegen&uuml;ber, entspringt aber aus ihrer Mitte". 25<br>
Es ist also nicht so, dass, wie noch in den ersten FES-Studien26 angenommen, unser Problem
darin liegt, dass der Rechtsextremismus vom "Rand zur Mitte" eindringt, sozusagen die Mitte
von au&szlig;en bedroht. Andersherum wird ein Schuh draus: der Rechtsextremismus macht der
Mitte Angebote, die Teile von ihr gern aufgreifen m&ouml;chten. Wir k&ouml;nnen diesen Vorgang in
fast allen europ&auml;ischen L&auml;ndern beobachten. Das Potenzial in der Mitte ist bei uns genauso
vorhanden wie in Europa.27 Dies ist eine steil anmutende, manches Selbstverst&auml;ndnis
provozierende Aussage, deren Gehalt die Studie untermauert. Ich kann das hier nur anrei&szlig;en.
35,6 Prozent der Deutschen sind der Meinung: "Die Bundesrepublik ist durch die vielen
Ausl&auml;nder in einem gef&auml;hrlichen Ma&szlig; &uuml;berfremdet" (S.78). Davon, dass "die Ausl&auml;nder nur
hierher kommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen", sind 47,6 Prozent &uuml;berzeugt (S.78).
Diese Abgrenzungsstrategie zwecks Selbsteinschluss in eine vorgestellte Welt des
Volksganzen manifestiert sich besonders in islamfeindlichen Aussagen: 55,4 Prozent haben
allgemein Verst&auml;ndnis f&uuml;r Vorurteile gegen&uuml;ber Muslimen: "Ich kann es gut verstehen, dass
manchen Leuten Araber unangenehm sind". Noch mehr (58,4%) sind pers&ouml;nlich der
Meinung: "F&uuml;r Muslime sollte in Deutschland die Religionsaus&uuml;bung erheblich eingeschr&auml;nkt
werden." (S.134)<br><br>
Dass diese massiver werdende Ausgrenzung des Fremden mit einem bis in formulierten
Rassismus reichenden Nationalchauvinismus einhergeht, ist schon in vorangegangenen
Untersuchungen deutlich geworden. 16,4 % meinen "eigentlich sind die Deutschen anderen
V&ouml;lkern von Natur aus &uuml;berlegen" (S.80) und 27,3 Prozent halten es f&uuml;r "das oberste Ziel der
deutschen Politik, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm
zusteht"(S.77). Logischerweise w&uuml;rde dies am besten unter autorit&auml;r-diktatorischen
Verh&auml;ltnissen erreicht werden k&ouml;nnen, weshalb 23,6 % der Deutschen der Meinung sind:
"Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft
verk&ouml;rpert." (S.76)28<br><br>
Auf eine &auml;hnliche Studie Deutsche Zust&auml;nde. Folge 9 aus Bielefeld gilt es erg&auml;nzend
hinzuweisen. Die Forschergruppe um Wilhelm Heitmeyer stellt auf der Grundlage
repr&auml;sentativer Ergebungen fest: "Der Anteil derjenigen, die sich durch die aktuellen
wirtschaftlichen Entwicklungen bedroht f&uuml;hlt, hat von 47% in 2009 auf 53% in 2010
signifikant zugenommen, was sich auch in aggressive Stimmungen niederschl&auml;gt."29 Als
Folge ermitteln die ForscherInnen:
"Wir
verzeichnen
f&uuml;r
die
Gesamtbev&ouml;lkerung
einen
signifikanten
Anstieg
von
Islamfeindlichkeit (die Erhebung fand noch vor der Sarrazin-Debatte statt), der Einforderung
 
von Etabliertenvorrechten und Israel-bezogenem Antisemitismus. ... Besonders auff&auml;llig ist
die Entwicklung in den h&ouml;heren Einkommensgruppen. ... Hier beobachten wir, anders als in
den Analysen &uuml;ber alle Einkommensgruppen, einen signifikanten Anstieg fast aller
Vorurteile, mit Ausnahme von Sexismus und der Abwertung von Behinderten. Eine subjektiv
empfundene Krisenbetroffenheit, so der Anschein, f&uuml;hrt ins Vorurteil. Ein Trend, der sich
auch im Jahr 2010 in aller Deutlichkeit fortsetzt."30
Der beiden Studien gemeinsame signifikante Untersuchungsbefund lautet: Auch wenn die
allgemeine wirtschaftliche Lage als sich verschlechternd beurteilt wird, wird "der individuelle
objektive Wohlstandverlust subjektiv nicht wahrgenommen"31. Man f&uuml;hlt sich selbst noch
nicht betroffen, sieht sich aber bedroht. Gleichzeitig wird die Abgrenzung zu den sozial
Schwachen und dem Anderen &uuml;berhaupt allgemein sch&auml;rfer gezogen.
Diese Haltung zeige, dass sich sozialdarwinistische Vorstellungen der neoliberalen Ich-
Unternehmerideologie weiter durchsetzten. Dabei werde das klassische (sozialdemokratische)
Leistungsprinzip durch "das Prinzip des Erfolgs ersetzt". "Das unternehmerische Selbst, aktiv
produziert mit Hilfe von Regierungs- und Sozialtechnologien wie Empowerment- und
Managementprogrammen, Kreativit&auml;ts-, Kommunikations- und Kooperationstechniken,
popul&auml;rer Ratgeberliteratur, Trainingsmanualen, Lehrb&uuml;chern und Erfolgsratgebern, fungiert
so als eine &uuml;bersetzung des politischen Programms wohlfahrtsstaatlichen R&uuml;ckbaus."32 Diese
Erfolgsideologie findet sich in allen Formaten gesellschaftlichen Daseins und Darstellens -
bei DSDS genauso wie bei einem Power-Managerseminar der SZ, in Trainingseinheiten f&uuml;r
Hartz-IV-Empf&auml;nger ebenso wie bei universit&auml;ren Vorgaben f&uuml;r einen Referatvortrag eines
Bacheloraspiranten.<br><br>
Noch formiert sich bei uns eine Bewegung des mit Vorurteilen und Ressentiments gef&uuml;llten
Ego-Mittelstandes anders als in weiten Teilen Europa nicht in Parteipolitik. Noch "will der
Lodenmantel nichts mit der NPD zu tun haben", wie Heitmeyer gegen&uuml;ber der taz meinte,
doch die Mentalit&auml;ten und Potenziale f&uuml;r eine rechtspopulistische Bewegung mit
rechtsextremistischen Orientierungen sind gegenw&auml;rtig. Dass sie sich formiert, h&auml;ngt weniger
- auch wenn es sie geben muss - von irgendwelchen charismatischen F&uuml;hrerfiguren ab, wie
auf dem H&ouml;hepunkt des Sarrazinhypes vielfach kolportiert wurde. Wohlstand- und
Erfolgsgockelei sind mit den sozialen Forderungen und antikapitalistischen Einsprengseln der
deutschen Neonationalsozialisten in der heutigen Form noch nicht kompatibel. Doch der
Bodensatz f&uuml;r Gemeinsames ist bereitet: ausgrenzende, sozialdarwinistische und rassistische
Feindbilder; Selbstbehauptung in Etabliertenvorrechten bzw. Hineindienen in sie,
antieurop&auml;ische und antiglobale Deutscht&uuml;melei.
<br><br>
Einstellungen k&ouml;nnen sich zu antidemokratischen Bewegungen entwickeln, wenn ihnen nicht
entgegengetreten wird. Nehmen wir in diesem Zusammenhang den oft wohlfeil
hingeworfenen Spruch "Aus der Geschichte lernen" ernst: Das Erarbeiten historischer
Erkenntnis dient der Bildung politischer Urteilskraft heute. Wenn unsere Ausstellung einen
kleinen Beitrag dazu leistet, hat sie ihren Sinn erf&uuml;llt.
Ich hoffe, meine Ausf&uuml;hrungen heute k&ouml;nnen ebenso verstanden werden.<br><br>
<hr>
<small>
1
Vortrag im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung "Harzburger Front - im Gleichschritt zur Diktatur"
in Wolfenb&uuml;ttel am 26, Juni 2011.
<br><br>2
Vgl. zu Leben und Werk vergleiche die Beitr&auml;ge in: Rudolf W. M&uuml;ller u. Gert Sch&auml;fer 1986: Arthur Rosenberg
zwischen Alter Geschichte und Zeitgeschichte, Politik und politischer Bildung. Reihe Zur Kritik der
Geschichtsschreibung Band 4, G&ouml;ttingen/Z&uuml;rich.
<br><br>3
Alfred Rosenberg 1972 (13): Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt a. Main (EVA) S. 171. Nach
seinem 1928 ver&ouml;ffentlichten Buch Die Entstehung der Deutschen Republik 1971-1918 erschien die Geschichte
der Deutschen Republik im Exil 1935 in Karlsbad. Beide B&auml;nde wurden 1955 bzw. 1961 von Kurt Kersten neu
herausgegeben.
<br><br>4
Theodor Geiger 1930: Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit. Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie
55, S.637-654, 641,646.
<br><br>5
Georg Simmel 1908: Soziologie. &uuml;ber die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt a. Main, S. 451f.
<br><br>6
Theodor Geiger 1932: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziografischer Versuch auf statistischer
Grundlage, Stuttgart. Faksimilenachdruck 1987 Stuttgart (Ferdinand Enke Verlag).
<br><br>7
Theodor Geiger 1926: Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolutionen, Stuttgart.
Faksimilenachdruck 1987 Stuttgart (Ferdinand Enke Verlag)
<br><br>8
Vgl. Alfred Milatz 1965: W&auml;hler und Wahlen in der Weimarer Republik. Schriftenreihe der Bundeszentrale f&uuml;r
politische Bildung Heft 66, Bonn, Tab. S.90.
<br><br>9
Vgl. ausf&uuml;hrlicher: &uuml;berarbeitete Version meines Vortrags im Rahmen der Veranstaltungsreihe zu Band 2 der
Schriftenreihe Braunschweigische Biographien Martin Grubert: "Heinrich Jasper. Anwalt der Demokratie 1875-
1945" der Stiftung Nord/LB-&ouml;ffentliche am 23. M&auml;rz 2011 in Bad Harzburg. pdf auf www.kliopes.de
<br><br>10
Vgl. Bernd Rother 1990: Die Sozialdemokratie im Land Braunschweig 1918 bis 1933, S. 212 ff.
<br><br>11
Ebenda S.225.
<br><br>12
Martin Grubert 2009: Anwalt der Demokratie. Heinrich Jasper 1875-1945, Braunschweig Gruber, S.368.
<br><br>13
Vgl. Geiger 1932/1987 a.a.O.,, S.73.
<br><br>14
Geiger 1932/1987 a.a.O., S. 109.
<br><br>15
Geiger 1932/1987 a.a.O., S. 89,88.
<br><br>16
Ebenda S.109.
<br><br>17
Vgl. Hinweis FN 9.
<br><br>18
Ebenda S. 110.
<br><br>19
Ebenda S.111.
<br><br>20
Ebenda S. 117.
<br><br>21
Ebenda S. 118.
<br><br>22
Ebenda S. 121.
<br><br>23
Ebenda S. 77, 78.
<br><br>24
Carl v. Ossietzky 1933: Winterm&auml;rchen, in: Die Weltb&uuml;hne, 3. Jan. 1933 Nr.1 29. Jg. S. 4. Carl v. Ossietzky
war kurz vorher aus dem Kerker entlassen worden, in den ihn die Republik wegen Enth&uuml;llungen &uuml;ber die
Reichswehr f&uuml;r 18 Monate eingesperrt hatte. Wenige Wochen sp&auml;ter wurde er von den NS-Machthabern ins KZ
verbracht. Er starb 1938 an den Folgen der erlittenen Haft.
<br><br>25
Oliver Decker, Marliese Wei&szlig;mann, Johannes Kiess, Elmar Br&auml;hler 2010: Die Mitte in der Krise.
Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010, Herausgegeben von Nora Langenbacher (FES), Berlin, S.28.
Vgl. dazu meine Besprechung: Die deutsche Mitte - neue Studien zum Rechtsextremismus, in Kommune 2/11 29. Jg. S. 32-
33 u. 58.
<br><br>26
Vgl. dazu Peter Schyga 2007: Auch "deutsche Zust&auml;nde" haben eine Geschichte. &uuml;ber die Zunahme
rechtsextremistischer Weltbilder in der "Mitte", in: Kommune 1/07, 25. Jahrgang, S. 29-31
<br><br>27
Vgl. dazu: Andreas Zick, Beate K&uuml;pper, Hinna Wolf 2010: Wie feindselig ist Europa? Ausmaße
Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in acht L&auml;ndern, in: Wilhelrm Heitmeyer (Hg.) Deutsche Zust&auml;nde
Folge 9., Frankfurt a. Main, S.39-60.
<br><br>28
Vgl. dazu meine Aufs&auml;tze: Auch "deutsche Zust&auml;nde" haben eine Geschichte. &uuml;ber die Zunahme
rechtsextremistischer Weltbilder in der "Mitte", in: Kommune Nr. 1/07, S.29-31 und: Rechtsextremistische
Einstellungen in den Regionen. Zu aktuellen Studien &uuml;ber die Entwicklung des Rechtsextremismus, in:
Kommune Nr. 2/09, S.63.
<br><br>29
Heitmeyer, Wilhelm 2010, Disparate Entwicklungen in Krisenzeiten, Entsolidarisierung und
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in: ders. (Hg.), Deutsche Zust&auml;nde. Folge 9., Frankfurt a. Main, S. 13-
33.
<br><br>30
Eva Gro&szlig;, Daniela Krause 2011: Krisenwahrnehmungen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in:
Loccumer Initiative Kritischer WissenschaftlerInnen (Hrsg.) 2011: Mit der Krise leben? Europ&auml;ische Konflikte,
innergesellschaftliche Verwerfungen, Perspektiven. Reihe Kritische Interventionen Heft 12, Hannover (Offizin),
S.27-28.
<br><br>31
O. Decker u.a. a.a.O., S.116.
<br><br>32
Eva Gross, Julia Gundlach, Wilhelm Heitmeyer 2010: Die &ouml;konomisierung der Gesellschaft. Ein N&auml;hrboden
f&uuml;r Menschenfeindlichkeit in oberen Status- und Einkommensgruppen, in: Heitmeyer (Hrsg.) a.a.O., S.140. Vgl.
dazu meine Besprechung: Die deutsche Mitte - neue Studien zum Rechtsextremismus, in Kommune 2/11 29. Jg. S. 32-33

</small>
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