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    <title>Spurensuche Harzregion e.V. </title>
    
    <link>www.spurensuche-harzregion.de</link>
    <description>Webseite des Vereins Spurensuche Harzregion</description>
    <pubDate>Mon, 18 Jun 2012 20:26:00 +0100</pubDate>
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    <language>de-de</language>
    <item> 
        <title><![CDATA[Zur Einf&uuml;hrung in die Ausstellungspr&auml;sentation am 24.4.2012 im Kreishaus Goslar]]></title>
        <link>http://www.spurensuche-harzregion.de/?publikationen/129</link>
        <comments></comments>
        <pubDate>Mon, 18 Jun 2012 20:26:00 +0100</pubDate>

        <creator>PV</creator>
        
        <category><![CDATA[publikationen]]></category>
                <keywords><![CDATA[harzburger front,ausstellung,wanderung,goslar,kreishaus]]></keywords>
        <description><![CDATA[Rede]]></description> 
            <content><![CDATA[

<b>Peter Schyga, Hannover</b><br><br>
<iframe src="https://docs.google.com/viewer?authuser=0&srcid=1ubsTpljp3l3j-ir9389qZSDzqEz6j-owlxMO_NTJKH4t3ttQ5PWOktkl0RG8&pid=explorer&a=v&chrome=false&embedded=true" width="98%" height="500"></iframe>
Text als <a href="https://docs.google.com/file/d/1ubsTpljp3l3j-ir9389qZSDzqEz6j-owlxMO_NTJKH4t3ttQ5PWOktkl0RG8/edit">PDF</a><br><br>
Ich m&ouml;chte in dieser Einf&uuml;hrung etwas zu Sinn und Zweck der Ausstellung im 
Kontext von so genannter Erinnerungsarbeit sagen.<br>
Eine Anmerkung zur inhaltlichen Struktur der Pr&auml;sentation der Harzburger 
Ereignisse vom 11. Oktober 1931 sei gemacht, damit Sie sich beim Betrachten 
schneller zurechtfinden. <br><br>
<b>M&uuml;ndlich </b><br><br>
F&uuml;r Fragen, kritische Bemerkungen - auch f&uuml;r die Entgegennahme von Lob - 
stehen wir Ausstellungsmacher jederzeit zur Verf&uuml;gung -pers&ouml;nlich, per 
Internet, wie auch immer. <br><br>
Herzlich einladen m&ouml;chte ich Sie zu unseren beiden  Fachvortr&auml;gen, die 
Elemente der Ausstellung inhaltlich vertiefen, die  zudem nicht nur Platz f&uuml;r 
Diskussion einr&auml;umen, sondern diese ermuntern sollen. In meinem Vortrag am 
Do. zur Radikalisierung des B&uuml;rgertums nehme ich diese Entwicklung hier vor 
Ort n&auml;her in den Blick - auch im Vergleich zu anderen Orten der Region, den 
ich auf Grundlage eigener Forschungen ziehen kann. <br><br>
F&uuml;r n&auml;chsten Do. haben wir die Historikerin Anke Hoffstadt aus D&uuml;sseldorf 
eingeladen. Unter dem Titel "Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten in der 
Harzburger Front" wird sie die Rolle dieses gr&ouml;&szlig;ten Wehrverbandes von 
Weimar intensiv beleuchten. Es ist Thema ihrer j&uuml;ngst abgeschlossenen 
Dissertation, wir k&ouml;nnen uns also auf hohe Kompetenz freuen. Die Referentin 
wird zeigen, wie sehr sich die Akteure als Konkurrenten gegen&uuml;berstanden. 
Dabei wird deutlich, dass das "Projekt Harzburger Front" zwischen der NSDAP 
und Stahlhem/Hugenberg zu kaum einem Zeitpunkt als  kooperatives, 2
konzertiertes und partnerschaftliches Vorgehen zum  Sturz der Regierung 
gedacht war.  <br><br>
Jetzt also nur ein paar Gedanken zum Thema - salopp gesagt: was soll das 
Ganze? <br><br>
Sie wissen sicher, dass die urspr&uuml;ngliche Ausstellung f&uuml;r den Ort des damaligen 
Geschehens, Bad Harzburg, konzipiert und verwirklicht wurde. Ein intensiver 
&ouml;ffentlicher b&uuml;rgerschaftlicher Diskurs um die inhaltliche und gestalterische 
Bearbeitung dieses wichtigen Abschnitts deutscher Geschichte schuf einen 
politischen Konsens in der Stadt, der die Realisierung im Fr&uuml;hjahr 2009 
erm&ouml;glichte. Knapp 3 Jahre stand sie in der Wandelhalle, dann musste sie 
wieder entfernt werden. Auf die Gr&uuml;nde will ich jetzt nicht eingehen. 
Was sie ab heute hier sehen, ist die text- und bildidentische Wanderversion, die 
wir, auf Nachfrage au&szlig;erhalb der Stadt reagierend, nachtr&auml;glich erarbeitet und 
produziert haben. Sie wurde 2010 im nieders&auml;chsischen Landtag vom Pr&auml;sidium 
und Kultusministerium er&ouml;ffnet worden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung, die RosaLuxemburg-Stiftung (ich vergesse keine, wir haben bei allen parteinahen 
Stiftungen - Adenauer-, Naumann-, B&ouml;ll-Stiftung F&ouml;rderantr&auml;ge gestellt, es gab 
eben auch Ablehnung und/oder Ignoranz) gaben neben  der Stadt, dem 
Landtagspr&auml;sidium, Stiftung Nord/LB-&ouml;ffentliche und der Nieders&auml;chsischen 
Gedenkst&auml;ttenstiftung Mittel f&uuml;r die Realisierung dieser hier zu sehenden 
Wanderversion und f&uuml;r Anschlussforschungen. Seitdem reisen wir durch die 
Lande, sind mal l&auml;nger, mal k&uuml;rzer an den Orten pr&auml;sent. Dies ist unsere siebte 
Station. Und ich danke ausdr&uuml;cklich den hier Verantwortlichen, dass diese 
Pr&auml;sentation auch wgen der Unterst&uuml;tzung durch die  Sparkasse Goslar/Harz 
m&ouml;glich wurde. <br><br>
Dass diese Wanderung ganz gut funktioniert, liegt neben dem Engagement von 
Seiten unserer Kooperationspartner vor Ort, mit denen wir manch 
umfangreiches Begleitprogramm organisieren, auch am Thema und seiner 
Aufbereitung. Es geht ja nicht nur um ein lokales Ereignis, sondern allgemein 3
um die Formierung der die Republik st&uuml;rzenden Kr&auml;fte von Weimar: Zwar war 
Bad Harzburg 1931 kein willk&uuml;rlich gew&auml;hlter Ort, - es gab f&uuml;r die Initiatoren 
damals gewichtige politische und logistische Gr&uuml;nde, in die Stadt zu ziehen, so 
galt etwa das preu&szlig;ische Uniformverbot im Freistaat Braunschweig nicht - doch 
h&auml;tte diese Veranstaltung fast &uuml;berall im Reich &auml;hnliche Resonanz gefunden. 
Die Stimmung war &uuml;berall entsprechend.  <br><br>
Wir wollen im Rahmen dieser Ausstellungspr&auml;sentation ermuntern, den Weg der 
Nationalsozialisten an die Macht sowie ihre Machtsicherung und -entfaltung in 
der materiellen Herstellung und ideologischen Konstruktion von NSVolksgemeinschaft vor Ort zu erforschen und zu vermitteln. Es sollen also 
Hintergr&uuml;nde und Triebkr&auml;fte einer Bewegung und ihrer Unterst&uuml;tzer erforscht 
werden, die fast ein ganzes Volk hinter sich und ihre rassistisch, imperialverbrecherischen Taten sammeln konnte.  
Nun sind wir in Goslar - und ich behaupte, dass die wissenschaftliche Arbeit 
zum lokalen und regionalen Nationalsozialismus in den letzten etwa 20 Jahren 
erhebliche Ergebnisse zustande gebracht hat, der Prozess der weiteren 
Forschung deshalb noch lange nicht irgendwie abgeschlossen ist. Als an diesem 
Prozess seit Jahrzehnten aktiv Beteiligter fragt man sich manchmal - auch 
selbstkritisch -, was damit erreicht worden ist bzw. was damit erreicht werden 
soll.  <br><br>
Die Einbindung von Forschung in Buchdeckel kommt oft ihrer Versiegelung 
gleich, ihre Pr&auml;sentation im Internet bl&auml;ht vielfach nur die Informations- und 
Meinungswolken auf. Zwar werden Forschungsprodukte  im Unterschied zu 
fr&uuml;her zumeist freundlicher aufgenommen, doch der &ouml;ffentliche politische und 
kulturelle Raum wird durch sie kaum oder gar nicht ber&uuml;hrt. Diese Defizite sind 
allgemein zu beobachten und sie werden sp&uuml;rbar und  erfahrbar, wenn 
Geschichte in die &ouml;ffentliche Gegenwart gesp&uuml;lt wird, wenn politische 
Entscheidungen auf der Grundlage von historischer Urteilskraft gef&auml;llt werden 
m&uuml;ssen, wenn Meinungs- und Ansichtengebrabbel hoch  komplexe, aufgrund 4
unserer Vergangenheit zu Recht moralisch aufgeladene Sachdebatten &uuml;berlagern 
und beherrschen.  <br><br>
Ein paar Beispiele aus j&uuml;ngster Zeit unterstreichen m.E., wie notwendig die 
Erarbeitung und allgemeine - damit meine ich eine nicht auf Schulen und die 
Jugend konzentrierte - Vermittlung von historischem Wissen f&uuml;r politische 
Auseinandersetzungen ist. <br><br>
GRASS <br><br>
Wenn ein greiser deutscher Dichter &ouml;ffentlich zum Thema Israel irrlichtert, ist es 
kein Ausdruck von kollektiver Verantwortung gegen&uuml;ber unserer j&uuml;ngeren 
Geschichte, ihm seine adoleszente SS-Vergangenheit  bzw. sein Verschweigen 
dieses Sachverhalts vor die schm&ouml;kende Pfeife zu knallen.  
Von sozialpsychologischer Seite zu diagnostizieren, er habe sich &uuml;ber ein 
"Schweigeverbot" hinweggesetzt, weil er aufgrund seiner "Verstrickung" in die 
Nazizeit- welch ein Begriff f&uuml;r einen Mann Jahrgang 1927 - einen "verspannten 
Umgang mit dieser Vergangenheit" habe, wie es der neue Stern am nationalen 
Geschichtsdeutungshimmel, Harald Welzer, tut, hat einiges mit anma&szlig;ender 
Denunziation zu tun, wird der Komplexit&auml;t und Widerspr&uuml;chlichkeit unserer so 
hoch gelobten Vergangenheitsbearbeitung aber &uuml;berhaupt nicht gerecht. 
Angesichts der aus Umfragen ersichtlichen Tatsache, dass wohl eine Mehrheit 
der Deutschen und Europ&auml;er &auml;hnliche Ansichten vertritt, eingedenk des in vielen 
wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesenen latenten und offenen 
Antisemitismus, muss man sich schon die M&uuml;he machen, qualifiziert die 
verwirrende Gegenwart des Nahen und Mittleren Osten aus ihrer Geschichte zu 
begreifen: Einer Geschichte, die viel mit dem europ&auml;ischen Imperialismus und 
Kolonialismus, noch mehr mit dem europ&auml;ischen Projekt der Nationalsozialisten 
zur "Ausrottung der j&uuml;dischen Rasse" zu tun hat.  <br><br>
Ich will nur kurz zwei Worte aus dem Gedicht betrachten: Wenn man etwa die 
von Grass verwendeten Begriffe "Vernichtung" oder "Erstschlag" in &ouml;ffentlicher 
Debatte in ihren historischen Kontext stellt, kann  die Ungeheuerlichkeit ihrer 5
Verwendung in seinem Gedicht verstanden werden, k&ouml;nnen Anker f&uuml;r eine 
gesellschafts- und geschichtspolitische Debatte ausgeworfen werden, die 
dringend notwendig scheint. Anders etwa als der Begriff "Pr&auml;ventionsschlag" 
oder der im V&ouml;lkerrecht benutzte Begriff "pr&auml;emptiv", der die Intention einer 
Kriegsvermeidungsstrategie in sich birgt, ist das Wort "Erstschlag" ein Idiom 
f&uuml;r die Unvermeidlichkeit von Krieg, f&uuml;r das Krieg-Wollen, f&uuml;r das gewaltsame 
Erobern-Wollen, ein spezifisch nationalsozialistisches obendrein. <br><br> 
Wenn man aus Geschichtskenntnis wei&szlig;, dass der Krieg Hitlers gegen Polen und 
erst Recht gegen die Sowjetunion mit diesem Begriff propagandistisch als 
"Freiheitskampf im nationalen Selbstbehauptungswillen" transportiert wurde, 
kann die Dimension erfasst werden, die die &uuml;bertragung dieses Ausdrucks auf 
israelisches Staatshandeln bedeutet. Die "Erstschl&auml;ge" 1939 und 1941 von 
Anfang auf die systematische Vernichtung und Versklavung der mittelosteurop&auml;ischen V&ouml;lker, 1941 waren auf die verwaltungsm&auml;&szlig;ige Ausrottung des 
europ&auml;ischen Judentums angelegt. Die Verwendung des Begriffs - auch und 
gerade im Kontext mit dem der Vernichtung - unterstellt dem Staat Israel 
Hitlersche Intentionen. Er entlastet uns zudem, wie Hendryk M. Broder (WELTOnline v. 12.4.12) meinte, weil die Juden genauso schlimm seien wie wir in 
unserer Vergangenheit. <br><br>
Wenn Grass mit einem zeittypischen "es muss doch mal gesagt werden d&uuml;rfen", 
reagiert, k&ouml;nnen wir uns nicht mit emp&ouml;rter Larmoyanz und Seelendeutung 
begn&uuml;gen. Es gilt dem berechtigten Widerspruch die  n&ouml;tige Substanz f&uuml;r eine 
qualifizierte innergesellschaftliche zu verschaffen. Denn unser Problem in 
diesem Zusammenhang ist nicht, dass ein alter Mann mit Verdiensten um die 
Demokratie in unserem Land mal wieder wahrgenommen  werden will. Unser 
Problem ist, dass wir an Formen und Oberfl&auml;chen kritikasterhaftig kratzen, um 
neubelebten nationalistischen Ab- und Ausgrenzungstendenzen auszuweichen, 
auch um die notwendige Auseinandersetzung mit artikuliertem und 
praktiziertem Antisemitismus in unserem Land weich zu sp&uuml;len.  6
Etwa 20 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass "Juden zu viel Einfluss 
bei uns haben", etwas weniger &auml;u&szlig;ern sich, dass Juden wegen des Holocaust bei 
uns bevorzugt werden.<br><br>
2
 In als seri&ouml;s geltenden Medien ist etwa w&auml;hrend der 
Finanzkrisen das Wort vom "amerikanischen Ostk&uuml;stenkapital" gefallen, ein 
Begriff, der im Wissen um die Politik des NS-Regimes sofort als "J&uuml;disches USFinanzkapital" decodiert werden m&uuml;sste. Oder - kann man wirklich f&uuml;r eine 
Kritik am Anlagebetrug die Figur eines abzockenden Bankers karikaturistisch in 
die Gestalt eines "Viehjuden" aus goebbelscher antisemitischer 
Gebrauchsanleitung f&uuml;r den NS-Alltag kleiden, wie es eine bedeutende 
&uuml;berregionale Zeitung aus M&uuml;nchen im letzten Herbst getan hat? Ich bin 
gespannt, wann in gewissen globalisierungskritischen Kreisen der Begriff 
"Plutokratie" wieder hoch kommt. <br><br> 
FES <br><br>
Ein anderes kleines Beispiel f&uuml;r den unsachgem&auml;&szlig;en  und deshalb politisch 
verfehlten Umgang mit Geschichte:  <br>
Eine renommierte parteinahe Stiftung l&auml;sst mit aufkl&auml;rerischem Impetus eine 
Ausstellung zum Rechtsextremismus durch die Lande reisen. Soweit so gut. In 
ihr wird auch die Propaganda der Neonazis f&uuml;r eine  "Volksgemeinschaft" 
aufgegriffen. Doch dieser zentrale Begriff f&uuml;r das Verst&auml;ndnis &uuml;ber die NS-Zeit 
wird nicht auf seine NS-Konnotation, auf seine Bedeutung abgeklopft, sondern 
allein mit den Worten "fremdenfeindlich" und stammtischm&auml;&szlig;ig umschrieben. 
So wird die gute Absicht durch historiographische Schlamperei untergraben.  
Denn die neuen Nazis wissen sehr wohl um die Imagination einer 
widerspruchfrei scheinenden Exklusionsgemeinschaft. Sie machen damit oft 
erfolgreiche Basispolitik. Man muss sich also schon die M&uuml;he machen, 
historische Kontexte korrekt zu verorten und begreifbar zu machen, den 
Menschen also erkl&auml;ren, was denn Volksgemeinschaft in der NS-Zeit bedeutete: 
Der Zusammenschluss der deutschen Herrenrasse im europ&auml;ischen Raum bei 
Vernichtung von "Volks- und Artfremden". <br><br>
ALLG <br><br>
Wir brauchen gar nicht in die Ferne zu schweifen, um zu verstehen, wie sehr 
historischer Urteilskraft ben&ouml;tigt wird, um politische Debatten f&uuml;hren und 
sachgerechte Entscheidungen treffen zu k&ouml;nnen. Wie gern umgekehrt jedoch auf 
das Ringen um Kenntnis verzichtet wird, um eigene Einstellungen nicht 
&uuml;berpr&uuml;fen zu m&uuml;ssen, um keine stillen &uuml;bereinkommen historischen 
Beschweigens zu gef&auml;hrden, erfahren wir ja st&auml;ndig  in unserm Umfeld. Das 
f&auml;ngt mit problematischen Stra&szlig;ennamen an, &uuml;ber die Sachkompetenz zur 
Entscheidungsfindung oft gar nicht erst eingefordert wird, und h&ouml;rt bei Namen 
und Orten von Unrechtsideologie und -tat in der Nachbarschaft noch lange nicht 
auf. <br><br>
Gewiss, in unserm Land, auch in dieser Stadt ist in den letzten Dekaden 
Bemerkens- und Anerkennungswertes in Gedenkkultur und Geschichtspolitik 
geschehen. Ich wei&szlig; zu sch&auml;tzen, dass etwa B&uuml;rgermeister nun nicht nur am 
Totensonntag die Gr&auml;ber der gefallenen Deutschen besuchen, sondern auch der 
Opfer nationalsozialistischen Mordes und V&ouml;lkermordes am 27. Januar oder 9. 
November entsprechend gedenken. Solch Rituale sind f&uuml;r eine gesellschaftliche 
Verankerung von Gedenkkultur n&ouml;tig. Doch wenn ihr historischer Gehalt 
entleert wird, verlieren sie ihren politischen Sinn.  <br><br>
Dieser Sinn liegt in der &uuml;bernahme von gesellschaftlicher Verantwortung - auch 
f&uuml;r unsere Vorfahren. Diese Verantwortung sollte substanzieller Teil des 
Selbstverst&auml;ndnisses unseres Gemeinwesens sein. Daran gilt es stetig zu 
arbeiten.  <br><br>
Deshalb gilt: Wenn das Arbeiten an Geschichte im Gedenken zu kurz kommt, 
wird der aufrichtige und gut gemeinte hohe Anspruch "Aus der Geschichte 
lernen" rasch trivialisiert. Wird notwendige Kenntnis vernachl&auml;ssigt, kommt bei 
Einlassungen von Verantwortungs- und Entscheidungstr&auml;gern zu mehr oder 
weniger geeigneten Anl&auml;ssen im &ouml;ffentlichen Raum allzu oft ein Umgang mit 
Geschichte heraus, den der Zeithistoriker Norbert Frei j&uuml;ngst als 
"Erinnerungsgesummse" bezeichnet hat.Man meint es meistens zweifellos gut. 
Doch gut meinen, reicht nicht, es wirkt sogar kontraproduktiv, weil die 
Sichtweise des "Hauptsache man macht etwas" konkrete Auswirkungen auf die 
Arbeit an und damit des Wissens um Geschichte hat. Sie wird zunehmend 
vernachl&auml;ssigt. <br><br>
Ich wei&szlig;, dass oft ehrliches Bem&uuml;hen auch gerade im Lokalen vorhanden ist, 
doch praktische Verzagtheit, nicht nur aus politischen 
Opportunit&auml;tserw&auml;gungen, sondern auch aus mangelnder Kenntnis &uuml;ber den 
Charakter und Aufwand historiographischer Forschung kann manch gut 
gemeinte Initiative verschlei&szlig;en. Qualifizierte historische Forschung kann nicht 
als Teil von Verwaltungshandeln oder in feierabendlicher Heimarbeit 
hinreichend funktionieren und - sie muss zudem &ouml;ffentlich erfahrbar sein. Wenn 
n&auml;mlich "Gesummse", getragen von Ahnungen zu Geschichte, zum Ersatz 
dieser mutiert, wird der aufkl&auml;rerische Impetus von Gedenk und 
Erinnerungsakten konterkariert. Um dieser Tendenz zu begegnen sollten der 
Arbeit an Geschichte Mittel und Fachpersonal zur Verf&uuml;gung stehen, Mittel 
nicht nur f&uuml;r die Spezialinteressen der Entscheider und traditionellen 
Geschichtsdeuter, sondern Mittel, die nach Kriterien gesellschaftlicher 
Notwendigkeit verhandelt und entschieden werden.  <br><br>
Heute werden jedoch zunehmend Konzepte nachgefragt, die diese Arbeit 
betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzenkalk&uuml;len unterordnen, um etwa Historie 
als Tourismusmagnet vermarkten zu k&ouml;nnen. Das Leitmotiv dieser Art von 
Geschichtspolitik hei&szlig;t Darstellung, sowieso ein Lieblingsbegriff unserer 
medialen Welt, wenn Substanzlosigkeit zum Wert an sich stilisiert werden soll. 
History Events scheinen modern, wirken zudem auf die Verwalter klammer 
&ouml;ffentlicher Kassen attraktiv. Wenn etwa Gedenkst&auml;tten als touristische 9
Attraktion in Tourismuskonzepte eingebettet werden, muss das per se nichts 
Schlechtes sein. Doch wenn, wie hier und da zu beobachten, deren Gestaltung 
sich an Vermarktungskriterien orientiert, stimmt etwas nicht.  
Der politischen Pflicht zur Verantwortung wird die  Umwandlung von 
Geschichte zum touristischen Erlebnispark nicht gerecht.  
So bin ich erfreut, dass diese Ausstellung auf Einladung eines politischen 
Gremiums hier in Goslar einige Tage gezeigt werden  kann. Nutzen wir die 
Gelegenheit im Lernen und im sich verst&auml;ndigenden Diskurs Geschichtsarbeit 
auch hier voranzutreiben. <br><br>
--------------<br>
<small>1
 Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 5.4.2012 <br>
2
 Vgl. dazu etwa Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.) 2012: Deutsche Zust&auml;nde Folge 10, Frankfurt am Main. Vgl dazu 
auch: Peter Schyga 2012: Zehn Jahre "Deutsche Zustande", in Kommune, Nr. 2/12 30..Jg.; ders.: "Deutsche 
Zust&auml;nde", in der Krise, in Kommune Nr. 2/10 28. Jg. S.18; ders.: Rechtsextremistische Einstellungen in den 
Regionen. Zu aktuellen Studien &uuml;ber die Entwicklung des Rechtsextremismus, in Kommune Nr. 2/09 27.Jg. S. 
63; ders. Auch "deutsche Zust&auml;nde" haben eine Geschichte. &uuml;ber die Zunahme rechtsextremistischer Weltbilder 
in der "Mitte", in Kommune, Nr. 1/07 25. Jahrgang, S. 29-31 
</small>

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