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    <title>Spurensuche Harzregion e.V. </title>
    
    <link>www.spurensuche-harzregion.de</link>
    <description>Webseite des Vereins Spurensuche Harzregion</description>
    <pubDate>Fri, 22 Jun 2012 22:40:00 +0100</pubDate>
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    <language>de-de</language>
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        <title><![CDATA[Goslar und die Harzburger Front - die Radikalisierung des B&uuml;rgertums.]]></title>
        <link>http://www.spurensuche-harzregion.de/?publikationen/131</link>
        <comments></comments>
        <pubDate>Fri, 22 Jun 2012 22:40:00 +0100</pubDate>

        <creator>PV</creator>
        
        <category><![CDATA[publikationen]]></category>
                <keywords><![CDATA[harzburger front,ausstellung,wanderung,goslar,kreishaus]]></keywords>
        <description><![CDATA[Vortrag im Rahmen der Ausstellungspr&auml;sentation am 26.4.2012 im Kreishaus Goslar]]></description> 
            <content><![CDATA[

<b>Peter Schyga, Hannover</b><br><br>
<iframe src="https://docs.google.com/file/d/0B98B44Dkmovia3FlMThXNUE1eW8/preview" width="98%" height="500"></iframe>
Text als <a href="https://docs.google.com/file/d/0B98B44Dkmovia3FlMThXNUE1eW8/edit">PDF</a><br><br>
In seinem j&uuml;ngst erschienen Buch Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation vergleicht
der Trierer Historiker Lutz Raphael die politischen, sozialen und ideologischen
Bewegungen in den L&auml;ndern Europas zwischen 1914 und 1945.
Dabei zeigt er zentrale - wie man heute manchmal sagt - mentale Gemeinsamkeiten
im Europa der Zwischenkriegszeit auf, ohne in Relativismus zu verfallen:
Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus, radikaler Antibolschewismus geh&ouml;rten
&uuml;berall in Europa zum Allgemeingut nationalliberaler und konservativer Kreise - auch
in gefestigten Demokratien. Imperiale Politik und Anspr&uuml;che waren vielerorts eine
Selbstverst&auml;ndlichkeit wie nationale Selbstbehauptung, weshalb solche Tendenzen im
Deutschland der Nachkriegszeit zwar von au&szlig;en mit einigem Argwohn betrachtet
wurden, aber als normal galten und deshalb auch nach 1933 bis 1938 als hinnehmbar
erachtet wurden. "Rassehygienisches" und sozialdarwinistisches Gedankengut
schwirrte nicht nur in europ&auml;ischer Wissenschaft und Geisteswelt umher, sondern
erfuhr in den 30er Jahren in einigen L&auml;ndern auch politische Umsetzung.
So schienen etlichen Regierungen der europ&auml;ischen Nachbarl&auml;nder die eugenische
Gesetzgebung der Nationalsozialisten 1933 und sogar zentrale Elemente der
antij&uuml;dischen Rassegesetze - einem in b&uuml;rgerlichen Kreisen weit verbreiteten
europ&auml;ischen Antisemitismus entsprechend - wenig bemerkenswert. Raphael spricht
von einem "kulturellen Code, der in den europ&auml;ischen Gesellschaften grassierte". <sup>1</sup><br><br>
In diesem europ&auml;ischen Konglomerat gilt es die Besonderheiten der deutschen
Entwicklung hervorzuheben, Besonderheiten, die nicht irgendwann nach 1933 zum
Ausdruck kamen, sondern sich schon im Prozess der Zerst&ouml;rung von Weimar und der
Machthergabe an die Nationalsozialisten massiv zeigten.
"Nur im deutschen Fall kam es zu einer dauerhaften Fusion der radikal rassistischen,
antisemitischen Str&ouml;mungen mit dem national-chauvinistischen bzw.
nationalkonservativen Lager. W&auml;hrend in allen anderen L&auml;ndern die radikalen
Str&ouml;mungen nach Art der Hitlerbewegung eine Randexistenz f&uuml;hrten und auch
organisatorisch von den nationalkonservativen Richtungen getrennt blieben, wurden
diese im deutschen Fall so absorbiert, dass sie im "Dritten Reich" ihren Platz fanden
und vor allem auch in das Weltanschauungsfeld des Nationalsozialismus integriert
wurden. ...Das imperialistische Erbe aus Kaiserreich und Erstem Weltkrieg war in der
deutschen Nachkriegsgesellschaft breiter verankert als in der italienischen. ... Die
kollektive Verdr&auml;ngung der Niederlage im Ersten Weltkrieg und die daraus
resultierende moralische Ablehnung des Versailler Friedens schufen einen idealen
kollektiven Resonanzboden f&uuml;r die nationalsozialistische Inszenierung der
Volksgemeinschaft, bei der es immer auch um die Wiederherstellung von
Gro&szlig;machtstatus und Weltgeltung ging.<br><br>
Diese Dimension sicherte dem Regime die Unterst&uuml;tzung der Eliten, vom preu&szlig;ischen
Adel bis zu den rheinisch-westf&auml;lischen Unternehmern, den nationalkonservativen
oder nationalliberalen Hochschullehrern und der Ministerialb&uuml;rokratie. Kulturellv&ouml;lkische
und rassenbiologische Deutungen und Motive wurden dabei immer wieder
miteinander vermischt."<sup>2</sup><br><br>
Damit sind einige Motive f&uuml;r den Schulterschluss zwischen den traditionellen und
herrschenden deutschen Eliten und den neuen Kr&auml;ften der NS-Bewegung genannt, der
am 11. Oktober 1931 beim Treffen der "nationalen Front" in Bad Harzburg hergestellt
wurde.<br><br>
Man mag mit einigem Recht diesem Tag mehr symbolische als realpolitische
Bedeutung zumessen wollen. Man mag, wie in Teilen der Historiografie oft
wiederbelebte Tradition aus der Nachkriegszeit, den Dissens zwischen Hitler und
seinen national-chauvinistischen B&uuml;rgerpartnern betonen. Doch dabei wird zumindest
zweierlei verkannt:<br>
Im strategischen Ziel, die Krise der kapitalistischen Wirtschaftsordnung durch eine
Zerschlagung der Arbeiterbewegung und ihres politischen Aktionsfeldes, der
demokratischen Republik, nachhaltig zu &uuml;berwinden und eine imperiale Stellung
Deutschlands herzustellen, waren sich die Protagonisten einig. Man studiere nur die
Reden im Kurhaus.<br><br>

Und - man darf heute an eine in die Jahre gekommene aber weiterhin g&uuml;ltige
Erkenntnis, die in der j&uuml;ngeren Historiografie - Raphael reiht sich hier ein - gern
unterschlagen wird, erinnern:<br>
Der "Sozialismus" der NSADP versprach, die Kapitalbesitzverh&auml;ltnisse unangetastet
zu lassen und die Klassengegens&auml;tze zugunsten der Kapitaleigner mit
Gemeinnutzidelogemen und legalistischen Gesetzgebungseifer garniert gewaltsam zu
unterdr&uuml;cken. Die NSDAP versprach der entscheidende Rammbock gegen die in
Weimar und in ganz Europa geltend gemachten gesellschaftlichen
Emanzipationsanspr&uuml;che der Arbeiterklasse zu sein. Soweit die strategische
Ausrichtung von Bad Harzburg.<br><br>
In der unmittelbaren Gegenwart manifestierte sich dieser Akt sofort und wirksam in
der politischen Realit&auml;t. Auf der Kundgebung riefen die F&uuml;hrer vor ihren uniformierten
Verb&auml;nden und aufmerksamem Publikum zum Sturz der Regierungen von
Reichskanzler Br&uuml;ning und Ministerpr&auml;sident Braun (Preu&szlig;en) auf und verlangten die
Einsetzung einer "wirklichen Nationalregierung" durch den Reichspr&auml;sidenten v.
Hindenburg. Ihre Misstrauensantr&auml;ge am 16. Oktober gegen das 2. Kabinett Br&uuml;ning
scheiterten nur knapp. Zwei Tage sp&auml;ter demonstrierte Hitler mit dem Marsch der
100.000 SA-K&auml;mpfer im benachbarten Braunschweig seine Macht und bewies
Dominanz gegen&uuml;ber den rechtsnationalistisch-b&uuml;rgerlichen Kreisen von Bad
Harzburg. Die Nationalsozialisten in den Koalitionsregierungen der L&auml;nder
Braunschweig und Th&uuml;ringen wurden gest&auml;rkt. Grundlegende Revisionen
demokratischer Errungenschaften pr&auml;gten dort die Politik. In Braunschweig w&uuml;tete der
NS-Mob mit R&uuml;ckendeckung und tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung der staatlichen Beh&ouml;rden.
Der Charakter einer Politik der "Nationalen Regierungen" wurde mit der Entlassung
des Kabinetts Br&uuml;ning am 30. Mai 1932 deutlich. Franz von Papen bildete das
Kabinett der "nationalen Konzentration". Nach dem erzwungenen R&uuml;cktritt des
republikloyalen Reichswehrministers Groener am 13. Mai &uuml;bernahm nun General v.
Schleicher dieses Amt. 10 Tage nach Aufl&ouml;sung des Reichstags am 4 Juni wurde das
SA-Verbot vom 13. April wieder aufgehoben. Am 29 Juli gelang der Regierung
Papen/Schleicher mit dem so genannten Preu&szlig;enschlag in einem staatsstreich&auml;hnlichen
Man&ouml;ver die Absetzung der gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden preu&szlig;ischen Regierung Braun-
Severing.<br><br>

Dass gegen diesen Putsch anders als noch 1920 beim Kapp-Putschversuch von Seiten
der Arbeiterbewegung keine Gegenwehr organisiert werden konnte, ist ein deutliches
Zeichen ihrer Schw&auml;che. Und diese war nicht nur Ausdruck von politischer und
ideologischer Zerstrittenheit, sondern Ergebnis konsequenter Sozial- und
Arbeitsmarktspolitik der herrschenden Klasse in Politik und Wirtschaft. Ein leerer,
demoralisierter Magen k&auml;mpft nicht.<br><br>
Ich will Sie jetzt nicht mit weiteren Einzelheiten des deutschen Weges zur Diktatur
behelligen, nur soviel l&auml;sst sich retrospektiv sagen: Der Anfang vom Ende Weimars
war eingel&auml;utet, und - Bad Harzburg motivierte und mobilisierte die Teile der breiten
deutschen Mittelschichten, die sich bis dahin die Republik in indifferenter Distanz
"gefallen" lie&szlig;en, die "bei jeder ernsten Krise bereit waren, der demokratischen
Republik den R&uuml;cken zu kehren,"<sup>3</sup> um beim Angriff auf Demokratie und Republik
mitzutun, wie der zeitgen&ouml;ssische Historiker Arthur Rosenberg einmal formulierte.
Bevor ich in Schilderung und Analyse fortfahre, lassen Sie mich einige kurze
Bemerkungen &uuml;ber anscheinend nicht zu &uuml;berwindende Friktionen beim Herstellen
von Geschichtsbildern einflechten.<br><br>
Es gibt gegen&uuml;ber dem historischen Blick, der immer ein r&uuml;ckw&auml;rts gerichteter ist, den
in manchen Kreisen wohl ewig beliebten Einwand, er ber&uuml;cksichtige die Lebens- und
Gef&uuml;hlslage der in damaliger Gegenwart lebenden und handelnden Menschen nicht
hinreichend, w&uuml;rde also Urteile provozieren, die der historischen Lage nicht
angemessen seien. Mit anderen Worten, man werde den Menschen in ihrer Zeit nicht
gerecht.<br><br>
Hinter dieses Empathie heischenden, sich oft auf das Rankesche Diktum des "Sagen,
was war" berufenden Begriffs von Geschichte verbirgt sich die Vorstellung,
Vergangenheit erkl&auml;re sich durch sich selbst. Dass in dieser Folie von
Vergangenheitsbetrachtung immer auch ein Rechtsfertigungsmodus eingeschwei&szlig;t ist,
der Verantwortungen von Handelnden entsorgt, scheint ein willkommener zentraler
Effekt. Das sprichw&ouml;rtliche R&auml;dchen erh&auml;lt eine Nichtbedeutung im Getriebe des
gro&szlig;en Weltengangs, sein Handeln wird durch ihn quasi legitimiert.<br><br>
Die moderne, aktuell im Geschichtsinterpretationswesen des Sozialpsychologen
Harald Welzer Aufmerksamkeit generierende Form dieser Sichtweise, spricht von
situativen Handlungsoptionen, von Referenzrahmen, in denen sich Menschen quasi

gefesselt bewegen w&uuml;rden. Diese Betrachtungsweise soll den retrospektiven
Betrachter in die damalige Gegenwart versetzen. Die historische Gegenwart wird dann
so inszeniert, dass Handlungen zumindest schl&uuml;ssig, wenn nicht alternativlos
erscheinen. Damit wird der Beobachter in die Rolle eines Teilhabers gedr&auml;ngt, mit der
Frage, "was h&auml;tte ich getan?" konfrontiert und so in die Suggestion von
Unausweichlichem gezwungen.<br><br>
Mit Geschichte, der es um Wissen und Kenntnis, um Begreifen und qualifiziertes
Urteil geht, hat das dann allerdings nichts mehr zu tun. Vielmehr wird sie ersetzt durch
suggestive Imagination von selektiv vermitteltem Vergangenem.<br><br>
Wir erarbeiten uns Geschichte, indem wir zeitgen&ouml;ssisches Handlungen, Diagnosen
und Artikulationen in immer wieder in neu vermittelte Zusammenh&auml;nge von Taten,
Handeln, und formulierten Gedanken bringen, die uns die Quellen liefern. Vor allem
m&uuml;ssen die Menschen, die Geschichte machen - und da rede ich von allen, die wir als
Handelnde erfassen k&ouml;nnen -, als Akteure ernst nehmen, auch diejenigen, die als
Verlierer geschichtlicher Prozesse zu oft vergessen sind.<br><br>
Hannah Arendt betonte, dass es im Politischen nicht um "ein Handeln aus
Verantwortung geht, sondern dass erst durch das Handelns Verantwortung entsteht."<sup>4</sup><br><br>
Sie ging soweit zu sagen, dass wir "Verantwortung tragen f&uuml;r Handlungen und
Ereignisse, sogar wenn wir sie nicht kontrollieren oder nicht einmal antizipieren
k&ouml;nnen."<sup>5</sup> Vor diesem Erkenntnishintergrund beobachten wir retrospektiv Wort und
Tat, Wollen und Intention, Durchf&uuml;hrung und Ergebnis. Dabei befragen wir die sp&auml;ter
sich oft distanzierenden Akteure allerdings auch, ob sie nicht 1933 genau das erreichen
wollten, was bis zum Februar 1943 mit ihrer aktiven Teilhabe Wirklichkeit geworden
schien - Herrenmenschenherrschaft in Europa. Die Handelnden von Harzburg und ihre
nachahmenden Mitmacher ersetzten b&uuml;rgerschaftliche Verantwortung durch
Selbsterm&auml;chtigung, um ein Konglomerat von Partikularinteressen im Namen des
Volkes, der Nation oder Gottes durchzusetzen. Damit &uuml;bernahmen sie Verantwortung
f&uuml;r die Zukunft. Wir haben als Teile eines demokratischen politischen Gemeinwesens
die Aufgabe, uns der Verantwortung auch dieser Geschichte zu stellen.<br>
Ich werde also Menschen hier vor Ort in den Blick nehmen, diesen und jenen
vergleichenden Exkurs anrei&szlig;en. Dies geschieht heute paraphrasierend, mehr l&auml;sst
solch eine Veranstaltung nicht zu.<br><br>

Ihnen ist ja bekannt, dass ich zum Goslar der NS-Zeit und Teilen der Vorgeschichte
schon einige, wie ich meine, grundlegende Untersuchungen, ver&ouml;ffentlicht habe.<sup>6</sup> Im
Arbeitszusammenhang von Spurensuche Harzregion sind zus&auml;tzliche spezielle
Untersuchungen dazugekommen. Mancher mag diese Schriften kennen. &Ouml;ffentlicher
Widerspruch wurde nie artikuliert. Ich wei&szlig; jedoch ebenso wie sie, dass es wirksamere
Mittel gibt, historische Wahrheit in Nischen versauern zu lassen, um altbackene
Vorurteile und interessegeleitete Geschichtsdeutung zu erhalten, als &ouml;ffentlichen
Disput. Preisgekr&ouml;nte Anerkennung gibt es in dieser Stadt eher f&uuml;r wohlfeile
Affirmation. Um mich also nicht zu wiederholen und Sie vors&auml;tzlich zu langweilen,
werde ich heute auf die Darstellung der allgemeinen Entwicklung in dieser Stadt
verzichten. Ich versuche diese und jene Besonderheit - so sie denn existierte -
darzulegen: Kann man neben den eben angedeuteten und gleich weiter zu
konkretisierenden allgemeinen Tendenzen einer antirepublikanischen Radikalisierung
des deutschen B&uuml;rgertums Spezifika in der politischen Haltung der Goslarer
autochthonen Eliten ausmachen?<br><br>
Lassen Sie mich zur Einf&uuml;hrung eine zeitgen&ouml;ssische Wahrnehmung zum Zustand des
deutschen B&uuml;rgertums voranstellen:
"Alles scheint m&ouml;glich, scheint erlaubt gegen den Menschenanstand, und geht auch die
Lehre dahin, dass die Idee der Freiheit zum bourgeoisen Ger&uuml;mpel geworden ist, ...
(es) erscheint die lehrweise abgeschaffte Freiheit nun wieder in zeitgem&auml;&szlig;er Gestalt
als Verwilderung, Verh&ouml;hnung einer als ausgedient verschrienen humanit&auml;ren
Autorit&auml;t, als Losb&auml;ndigung der Instinkte, Emanzipation der Rohheit, Diktatur der
Gewalt. ... Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit
entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heilsarmee-All&uuml;ren, Massenkrampf,
Budengel&auml;ut, Halleluja und derwischm&auml;&szlig;igem Wiederholen monotoner Schlagworte,
bis alles Schaum vor dem Munde hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung
epileptische Ekstase, Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer
proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verh&uuml;llt ihr Antlitz."<sup>7</sup><br><br>
So formulierte der deutsche Dichter Thomas Mann als B&uuml;rger der Weimarer Republik
im Oktober 1930, also wenige Wochen nach den f&uuml;nften Reichstagswahlen, bei denen
6,5 Millionen W&auml;hlerinnen und W&auml;hler (= 18,3%) den Nationalsozialisten zu 107

Mandaten verholfen hatten. [In Goslar votierten 3.800 der 13.700 W&auml;hler f&uuml;r die
NSDAP, die damit hier 28,4 % also 10 % mehr als im Reichsdurchschnitt erhielt.]
Der deutsche Nationaldichter der Moderne sprach sozusagen vor Seinesgleichen. Er
beschwor im Beethovensaal in Berlin das deutsche B&uuml;rgertum, den Nationalsozialisten
energisch entgegenzutreten, weil diese im Begriff w&auml;ren, die deutsche Kulturnation zu
zertreten. Und er ging in dieser Rede einen f&uuml;r seine Verh&auml;ltnisse gewaltigen Schritt
weiter. Er empfahl seinen Zuh&ouml;rern, &uuml;ber den Abdruck der Rede im Berliner Tageblatt
einen Tag sp&auml;ter auch dem lesenden B&uuml;rgertum, die Unterst&uuml;tzung der
Sozialdemokratie. Er begr&uuml;ndete dies ausf&uuml;hrlich. Ich beschr&auml;nke hier seinen Appell
auf wenige Zitate:<br>
"Die sozialistische Klasse ist, im geraden Gegensatz zum b&uuml;rgerlich-kulturellen
Volkstum, geistfremd nach ihrer &ouml;konomischen Theorie, aber sie ist geistfreundlich in
der Praxis - und das ist, wie heute alles liegt, das Entscheidende."<sup>8</sup><br><br>
Th. Mann schlie&szlig;t mit den Worten: Wenn er seiner &Uuml;berzeugung Ausdruck verleihe,
"dass der politische Platz des deutschen B&uuml;rgertums heute an der Seite der
Sozialdemokratie ist, so verstehe ich das Wort -politisch- im Sinn dieser [er meint der
nationalen] inneren und &auml;u&szlig;eren Einheit. Marxismus hin, Marxismus her, - die
geistigen &Uuml;berlieferungen deutscher B&uuml;rgerlichkeit gerade sind es, die ihr diesen Platz
anweisen; denn nur der Au&szlig;enpolitik, die der deutsch-franz&ouml;sischen Verst&auml;ndigung
gilt, entspricht eine Atmosph&auml;re im Innern, in der b&uuml;rgerliche Gl&uuml;cksanspr&uuml;che wie
Freiheit, Geistigkeit, Kultur &uuml;berhaupt noch Lebensm&ouml;glichkeit besitzen."<sup>9</sup><br><br> Soweit das
Bild von Gegenwart eines auch damals nicht unbedeutenden Zeitgenossen.
Man kann aus sp&auml;terer Sicht durchaus der Meinung sein, dass Th. Mann die
R&uuml;ckgratsstabilit&auml;t des deutschen B&uuml;rgertums, seine innere demokratische St&auml;rke und
politische Gestaltungsf&auml;higkeit und seinen Gestaltungswillen idealistisch beurteilt hat.<br><br>
Doch er hatte sehr klar gezeigt, dass ein aktiver Zusammenschluss um Republik,
Demokratie und Recht, der die zerst&ouml;rerischen Kr&auml;fte eind&auml;mmen k&ouml;nnte, das Gebot
der Stunde w&auml;re. &Uuml;ber des Gemeinb&uuml;rgers geistige Befindlichkeit irgendwo im
Bereich schwadronierender Neoromantik, esoterisch anmutendem Kulturpessimismus
und aggressiv-nationalistischem Revanchismus machte er sich allerdings keine
Illusionen.<br><br>

Wie wir wissen, ging sein Appell ins Leere. Es ist anders gekommen. Statt sich hehrer
Werte b&uuml;rgerlicher Tradition Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Br&uuml;derlichkeit, Th.
Mann spricht von "demokratischer Moralit&auml;t" - zu besinnen und um deren
Durchsetzung in der Politik und im Politischen zu ringen, hat sich das deutsche
B&uuml;rgertum in seiner Mehrheit in einem politisch-symbolischen Akt mit Hitlers
Nationalsozialisten verb&uuml;ndet.<br><br>
Dieser wurde umrahmt von hymnischer Gottesanbeterei und martialischem
Gleichschritt der SA- und Stahlhelmeinheiten, ihn begleiteten entgeistigte, Gewalt
beschw&ouml;rende, nach Macht d&uuml;rstende, Vernichtung androhende Reden im Harzburger
Kurhaus, dem Versammlungsort. Dort hatte sich viel Prominenz eingefunden:
Es redeten in der Reihenfolge: Hugenberg, Hitler, Seldte, Duesterberg, der F&uuml;hrer des
Reichslandbundes Graf von Kalckreuth, der ehemalige und sp&auml;ter von Hitler wieder
ins Amt gesetzte Reichsbankpr&auml;sident Hjalmar Schacht, Justizrat Cla&szlig;, F&uuml;hrer des
Alldeutschen Verbandes, General Graf v. d. Goltz, F&uuml;hrer der nationalen Verb&auml;nde.
Dieser Schulterschluss wurde schriftlich festgehalten in der Resolution von Bad
Harzburg. Sie weist den Weg in die Diktatur, in ihr sind zudem wesentliche
Grundpfeiler der Politik nach dem 30. Januar 1933 vorweggenommen:<br>
Die gemeinsame Entschlie&szlig;ung formuliert den Akt: Die Abschaffung der Grundrechte,
die Zerschlagung der Arbeiterbewegung zugunsten einer nationalen
Wirtschaftsgemeinschaft, die &Auml;chtung kultureller Befreiung, die Revanche f&uuml;r
Versailles und die Schaffung einer Volksgemeinschaft der Rassegleichen. Alle Redner
beschworen mit unterschiedlicher Betonung den Kampf gegen Bolschewismus,
Sozialdemokratie und internationales Judentum, k&uuml;ndeten von der bevorstehenden
nationalen Erhebung Deutschlands.<br><br>
Das Presseecho in Deutschland war gro&szlig;. Im Ausland erfuhr Hjalmar Schachts
Vortrag, vom Redakteur der GZ als "sensationell" hervorgehoben, besondere
Beachtung, weil er nicht nur die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Republik
grunds&auml;tzlich verwarf, sondern dar&uuml;ber hinaus den Entwurf einer nationalen,
weitgehend autarken Volkswirtschaftsgemeinschaft propagierte. Schacht gerierte sich
als parteipolitisch unabh&auml;ngiger Fachmann und formulierte in Erweiterung und
Radikalisierung seiner Denkschrift gegen den Young-Plan vom 6. 12. 1929

Grunds&auml;tze nationalsozialistischer Wirtschafts- und Sozialpolitik, die er selbst ab Mitte
1933 mit umsetzen sollte.<br><br>
Wie wurde dies Treffen hier in Goslar aufgenommen? Wenn man als Historiker solche
Frage formuliert, wei&szlig; man, dass eine Antwort nur aus selektiven Wahrnehmungen
bestehen kann. Diese Einschr&auml;nkung in Kauf nehmend, ist es angemessen der
Berichterstattung und Kommentierung in der Goslarschen Zeitung einen
repr&auml;sentativen Charakter zuzuschreiben. Dies historiografische Verfahren legitimiert
sich aus meinem Wissen um die kulturelle und politische Meinungsf&uuml;hrerschaft dieses
Blatts in der Stadt.<br><br>
Die umfangreiche Berichterstattung &uuml;ber das Ereignis in der Nachbarstadt und die
ausf&uuml;hrliche Dokumentation<sup>10</sup> der Reden im Kurhaus wurden durch einen Kommentar
des als deutsche Geistesgr&ouml;&szlig;e sich verstehenden Redakteurs Dr. Otto Gillen
eingerahmt. Ich m&ouml;chte Ihnen diesen - wenigstens in Ausz&uuml;gen - nicht vorenthalten,
stellte er doch einen radikalen Gegenentwurf zu Th. Manns kritischer
Gegenwartsanalyse dar. Dieser Kommentar ist Ausdruck der eben erw&auml;hnten
Selbsterm&auml;chtigung. Eine Provinzzeitung erhebt sich zum Sprecher eines imaginierten
Volkswillens. Und: sie sammelt nach und nach, aber in rasanter Beschleunigung eine
Mehrheit der Kommunalb&uuml;rger hinter ihre politische Position, B&uuml;rger, die sich nun
selbst als Teil eines eingebildeten Volkswillens begreifen. Unter der &Uuml;berschrift (GZ
v. Mo., d. 12. 10. 1931) "Das Volk steht auf" hei&szlig;t es:<br>
"Der gro&szlig;e historische Tag der nationalen Einigung im benachbarten Bad Harzburg ist
vor&uuml;ber, ein Tag, der allen, die daran teilnehmen konnten, unvergesslich bleiben wird.
Sonne und milde Herbstluft, die Farbe des Laubwaldes und der unz&auml;hligen Fahnen,
Girlanden, Blumen, Uniformen und Musik, das alles verwob sich zu einer ungeheuren
Symphonie, von deren stark pulsierenden Rhythmen all die Tausende, die sich um ihre
F&uuml;hrer scharten, fasziniert wurden.
Die Atmosph&auml;re dieses unvergesslichen Harzburger Sonntags, deren belebende Kraft
sich niemand zu entziehen vermochte, war nichts anderes, als der auf kleinem Raum
zusammengeballte Geisteswille des neuen Deutschlands, des Deutschlands der
Zukunft, das zu verwirklichen der letzte Sinn der Harzburger Tagung geworden ist.
Die Bewegung, die mit unwiderstehlichen wachsender Gewalt Millionen von
deutschen Herzen und Hirnen erfasst und entbrannt hat, und die in vielen St&uuml;rmen, die

bis ins letzte Dorf hinein das deutsche Vaterland durchflutet, sammelt sich in Harzburg
in einem Becken, dessen Damm unter der Gewalt des gesammelten Drucks schier zu
zerspringen drohte, um alles Morsche, Faule und Halbe hinwegzuschwemmen.
Und doch, getreu dem Grundsatz der nationalen Bewegung, durch sich selbst und
durch den Geist zu wirken, standen alle diese von nationaler Leidenschaft bewegten
Menschen im Banne einer bewundernsw&uuml;rdigen Disziplin. Die Ordnung, die erste
Grundlage jeder Staatsidee, waltete &uuml;ber allem und gab dem Tag das Gepr&auml;ge
absoluter Klarheit und Sicherheit.<br><br>
Es war ein &uuml;berw&auml;ltigender Eindruck, die Tausende uniformierter Mannen der
nationalen Bewegung zum Feldgottesdienst am Hang der Liegewiese im Kalten Tal
aufgestellt zu sehen, ein Wald inmitten der W&auml;lder, ein imposantes Bild h&ouml;chster
menschlicher Ordnung, eine organisierte, von einem Willen beseelte Masse, &uuml;ber der
die Fahnen und Standarten als Symbole des neuen Deutschlands stolz und
unersch&uuml;tterlich standen und als dann, nachdem das "Herr mach uns frei" des
Niederl&auml;ndischen Dankgebetes verklungen war, die Geistlichen von der Kanzel
herunter auf ihre aufr&uuml;ttelnde, Herz und Seele bewegenden Worte &uuml;ber die lautlos
verharrende Menge sprachen, teilte sich das lichte Gew&ouml;lk, und die Sonne tr&auml;ufelte
mildes Licht wie einen Segen des Himmels &uuml;ber die un&uuml;bersehbare Gemeinde.
Wohin man sah, &uuml;berall begegnetet man siegesfrohen und hart entschlossenen
Gesichtern, Gesichtern, denen man es ansah, dass es diesen Menschen ernst ist, um die
Gestaltung der deutschen Geschichte, ganz gleich, ob es sich um uniformierte
Anh&auml;nger der nationalen Bewegung oder um die Zuschauer handelte, im Grunde war
da kein Unterschied. Wo immer einer der F&uuml;hrer auftaucht, wurde er von allen, die in
seiner N&auml;he waren, mit st&uuml;rmischer Begeisterung begr&uuml;&szlig;t. Die Einigung der Parteien,
Gruppen, Verb&auml;nde, die der Sinn des Tages war, war bereits im Geist und in der
Wahrheit vollzogen, ehe es offiziell Form gewann. Das Volk selbst, das zu Tausenden
die Stra&szlig;en und Pl&auml;tze f&uuml;llt, hatte sie vorbereitet und vollzogen. Und diesen Willen des
Volkes, alles Trennende hintan zu stellen um des einen gro&szlig;en Zieles willen, gaben die
prominenten Redner der Nachmittagskundgebung im Kurhaus kraftvollen und klaren
Ausdruck..."<sup>11</sup><br><br>
Ich interpretiere jetzt nicht, ich wollte Ihnen nur den "Geist von Goslar" im O-Ton
n&auml;herbringen. Etwas sp&auml;ter komme ich auf die in diesen Zeilen ausgedr&uuml;ckten

anma&szlig;enden Selbsterm&auml;chtigungsfantasien, die sich in grausamer Tat verwirklichen
sollten, zur&uuml;ck.<br><br>
Ich behaupte nicht, dass Gillen die Stimmung der gesamten Goslarer Bev&ouml;lkerung
wiedergibt. Das sozialdemokratische Organ etwa, die Harzer Volkszeitung, spottete
wie andere republikanische Bl&auml;tter in Verkennung des Ernstes der Lage und
verh&auml;ngnisvoller &Uuml;berheblichkeit &uuml;ber die "nationale T&uuml;melei" der uniformierten
Partei- und Stahlhelmgarden. Auch gab es noch demokratische Republikaner aus den
Mittelschichten, die sich ihren Standesgenossen verweigerten. &Uuml;ber diesen Kreis
wissen wir &uuml;brigens noch viel zu wenig. Vielleicht k&ouml;nnen die Forschungen zu
Katharina von Kardorff-Oheimb hier Licht ins Unwissen bringen.<sup>12</sup>
Doch wie die &ouml;rtliche Vor- und Nachgeschichte zeigt, konnte sich der von der GZ in
Worte gegossene "Geist von Bad Harzburg" in Goslar breiter Zustimmung sicher sein.
Bei den Reichspr&auml;sidentenwahlen (13.3. u.10.4.1932), wenige Monate nach dem
"nationalen Tag" von Bad Harzburg erhielt der Kandidat Hitler im 2. Wahlgang
insgesamt 7.968 Stimmen von 15.889 Wahlberechtigten, das waren 56,2%. Dies
Ergebnis lag fast 20 Prozentpunkte &uuml;ber dem Reichsdurchschnitt. Hindenburg, &uuml;ber
lange Jahre Liebling des nationalen B&uuml;rgertums und seiner &ouml;rtlichen Zeitung, kam mit
&uuml;ber 2.000 Stimmen weniger nur auf 40,6%, fast 13 Prozentpunkte unter
Reichsdurchschnitt.<br><br>
Die GZ hatte zur Wahl Hitlers aufgerufen, &uuml;ber alle NS-Wahlveranstaltung ausf&uuml;hrlich
berichtet und sich dabei des journalistischen Ethos der objektiven Berichterstattung
entledigt. Frank Heine hat das in seiner als Buch erschienen Nachrichtensammlung zur
GZ ausschnittsweise dokumentiert.<sup>13</sup> Die hohe Wahlbeteiligung von fast 90% - und
damit h&ouml;her als sonst &uuml;blich in der Stadt - zeugt von einem hohen Mobilisierungsgrad.
Dieser hatte sich schon seit Mitte Ende 1930 in hoher Publikumsresonanz bei NSPropagandaveranstaltungen
gezeigt. Kaum eine Versammlung der Nazis - meistens im
Kaisersaal, dem heutigen Odeon - war nicht &uuml;berf&uuml;llt, egal wie prominent die
jeweiligen ausw&auml;rtigen Redner waren.<br><br>
Wer waren diese Handlenden, von denen sich etliche bald aktiv am politischen Leben
in der Stadt beteiligen sollten. Der verdienstvollen Flei&szlig;arbeit von Liselotte Krull<sup>14</sup>
verdanken wir eine in Teilen aussagekr&auml;ftige Analyse des W&auml;hlerverhaltens. Sie
ermittelte &uuml;berdurchschnittliche Zustimmung zu Hitler in st&auml;dtischen Wahlkreisen mit

einem relativ hohen Anteil an Angestellten und Beamten sowie Selbst&auml;ndigen. Diese
lagen dort bei &uuml;ber 65 bzw. &uuml;ber 70%. Die Ergebnisse der Reichspr&auml;sidentenwahl sind
f&uuml;r eine politische Lagebeurteilung im Ort deshalb aussagekr&auml;ftig, weil sich die
DNVP-W&auml;hler im zweiten Wahlgang mangels eines eigenen Kandidaten gezwungen
sahen, zwischen Hitler und Hindenburg zu entscheiden. Ohne sie jetzt mit
Zahlenarithmetik qu&auml;len zu wollen, sei zur Anschauung der Stimmbezirk X, - ich
nenne ihnen einige Stra&szlig;ennamen aus der Gegend: Oberer Triftweg, Claustor
Promenade, v. Garssenstr. etc., ein Wohnquartier der Wohlhabenden - n&auml;her
betrachtet:<br>
Bei den Reichstagswahlen am 14.9.1930 entschieden sich von den knapp 1000
W&auml;hlern dieses Bezirks 259 =27% f&uuml;r die NSDAP und 206 =21,4% f&uuml;r die DNVP;
Staatspartei und DVP erhielten noch 7,8 bzw.14,4% der Stimmen. Als bei der
Reichspr&auml;sidentenwahl noch der DNVP-Kandidat D&uuml;sterberg zur Verf&uuml;gungstand
votierten hier 22,1% f&uuml;r ihn und 49,8% f&uuml;r Hitler. Hindenburg bevorzugten 25,7%.
Als D&uuml;sterberg im 2. Wahlgang ausgefallen war, w&auml;hlten 28,5% Hindenburg und 70,6
% Hitler.<br><br>
Es geschah also genau das, was sachkundige zeitgen&ouml;ssische Beobachter allgemein
wahrgenommen hatten: Die deutsche Mitte radikalisierte sich.
Der Soziologe Theodor Geiger, 1928 vom damaligen sozialdemokratischen
Ministerpr&auml;sidenten Heinrich Jasper als Professor an die TU Braunschweig berufen,
schrieb in einem 1930 ver&ouml;ffentlichten Aufsatz zur Analyse des "alten" und "neuen
Mittelstandes" von beiden Teilen als dem "gesegneten Boden ideologischer
Verwirrung", der sich aus der drohenden Abstiegserfahrung von der Mitte in die
Armut speiste.<sup>15</sup><br><br>
In einem "soziographischem Versuch", wie er eine auf teilnehmende Beobachtung und
statistische Befunde gest&uuml;tzte Studie von 1932<sup>16</sup> nannte, suchte er unterschiedlichen
Mentalit&auml;ten in den sozialen Schichtungen zu erfassen. Geiger unterschied:
"Oberschicht (Kapitalisten)" mit einem Bev&ouml;lkerungsanteil von 0,92 %. Die
"Mittelschicht" unterteilte er in "alten Mittelstand (17,77 %) und neuen Mittelstand
(17,95 %)", das "Kleinb&uuml;rgertum" nannte er "Proletaroide 12,65 %". Die
"Unterschicht, das Proletariat" machte nach ihm 50,71 % der Bev&ouml;lkerung aus.<sup>17</sup> Die
neuen Mittelschichten, denen seine besondere Aufmerksamkeit galt, waren also fast

auf die H&auml;lfte der Erwerbst&auml;tigen bzw. -f&auml;higen angewachsen. Auf die Tatsache, dass
diese Entwicklung von Seiten der Arbeiterparteien systematisch ignoriert wurde, und
deshalb Optionen f&uuml;r diese Schichten integrierendes politisches Handeln str&auml;flich
vernachl&auml;ssigt wurden, kann ich heute nicht eingehen.<sup>18</sup>
Geigers Beobachtungen der politischen Verh&auml;ltnisse im Reich und insbesondere vor
seiner Haust&uuml;r in Braunschweig m&uuml;ndeten in einem Exkurs mit der &Uuml;berschrift "Die
Mittelst&auml;nde im Zeichen des Nationalsozialismus". "Kurzum: wo die Frage nach der
gegenw&auml;rtigen sozialen Schichtung des deutschen Volkes aufgeworfen wird, richtet
sich heute mit Grund das Hauptinteresse nicht mehr nach links, sondern auf die Mitte.<br><br>
Das Problem des sogenannten Mittelstandes ist aber gegenw&auml;rtig untrennbar mit dem
Problem des Nationalsozialismus verquickt."<sup>19</sup> Und er suchte nach Gr&uuml;nden:<br>
"Vor 50, 60 Jahren noch ausschlaggebende Macht in der damaligen Gesellschaft, ist
der Mittelstand der gewerblich Selbst&auml;ndigen der Zahl nach und noch viel mehr in
seiner gesellschaftsdynamischen Bedeutung abgefallen. Diese Geltungseinbu&szlig;e
scheint mir - bewussterma&szlig;en oder im psychischen Untergrund - sehr viel mehr als
die wirtschaftliche Bedr&auml;ngnis die nerv&ouml;se Gereiztheit des Besitzmittelstands zu
motivieren. Der relative Schwund seines sozialen Gewichts und Prestiges dr&uuml;ckt den
werbenden Mittelstand gar sehr und l&auml;sst ihn seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten
noch schw&auml;rzer sehen, als sie sind. ... Die allgemeine wirtschaftliche Existenznot aller
Volksschichten trifft bei ihm mit dem seit langem hoffnungslos getragenen Schmerz
&uuml;ber den Verlust seiner gesellschaftlichen Position zusammen." <sup>20</sup>
Geiger fasst zusammen: "Je heftiger das mittlere und kleine Eigentum bedroht ist -
durch Wirtschaftskrisis oder dadurch, dass die Expansion des Gro&szlig;kapitals den
Kleinbesitz an Produktionsmitteln in der Hand des Eigent&uuml;mers entwertet - desto
eifers&uuml;chtiger und fanatischer wird der Eigentumsgedanke verteidigt."<sup>21</sup>
Diese mittleren Schichten fanden es absto&szlig;end, weil bedrohlich, dass die
Arbeiterschaft ihren Teilhabeanspruch am sozialen und politischen Leben
selbstbewusst einforderte. Zwar war ihre klein- oder mittelst&auml;ndische Konkurrenz
unbehaglich und l&auml;stig - z&auml;hlen Sie mal im Einwohnerbuch nach, wie viele Schneider,
Schuster oder andere Kleingewerbetreibende sich hier Konkurrenz machten - doch
f&uuml;hlten sie sich sozusagen schicksalsm&auml;&szlig;ig verbunden. Nach oben waren sie wie nach

unten von Vorurteilen und &Auml;ngsten befallen. Man f&uuml;hlte sich der kapitalkr&auml;ftigen
Konkurrenz ausgeliefert.<br><br>
Indem die Nationalsozialisten dieser Konkurrenz massiv und ununterbrochen das
Gesicht der Juden, insbesondere des so genannten Handels- und Finanzjuden
&uuml;berstreiften, erhielt der Kleinb&uuml;rger einen imaginierten Feind, den er f&uuml;r sein eigenes
Konkurrenzversagen verantwortlich machen konnte.<br><br>
Die Stadt (im Landkreis sah es etwas anders aus) Goslar fiel vom ermittelten
reichsweiten Sozialprofil ziemlich ab. Nach den mir bekannten Daten war der Anteil
der Arbeiterschaft geringer, der der Selbst&auml;ndigen, Angestellten und Beamten h&ouml;her
als im Reichsdurchschnitt. Nimmt man Oker mit seiner proletarischen Mehrheit hinzu,
erh&auml;lt man andere Verh&auml;ltnisse. Doch Oker war kein Bestandteil des Politik- und
Verwaltungsbezirks, es geh&ouml;rte zudem zum Land Braunschweig. Doch die objektiven
Lebensverh&auml;ltnisse - und das ist die entscheidende Aussage von Geiger, die mit
anderen zeitgen&ouml;ssischen Untersuchungen etwa des Instituts f&uuml;r Sozialforschung
&uuml;bereinstimmt, - sagen &uuml;ber die Vorstellungen der Mittelklassenangeh&ouml;rigen von sich
selbst, also &uuml;ber ihre politischen und lebensweltlichen Einstellungen und
Verhaltensmuster wenig aus. Diese Einstellungen - und das gilt es sich immer wieder
zu vergegenw&auml;rtigen - hatten wenig bis gar nichts mit unmittelbarer, irgendwie
messbarer sozialer Wirklichkeit zu tun.<br><br>
In Goslar gab es beispielsweise kein aufm&uuml;pfiges, geschweige denn revolution&auml;res
Proletariat. Gediegene b&uuml;rgerlich-republikanische Sozialdemokraten hatten bei einem
W&auml;hlerstimmenanteil um die 30 Prozent seit der Revolution in st&auml;dtischen
Angelegenheiten fruchtbare Zusammenarbeit mit den verschiedenen in
Partikularinteressen zersplitterten Mittelschichten ge&uuml;bt. In den gro&szlig;en Bergbaukrisen
der 20er Jahre und auch 1931 standen die Einwohner der Stadt ziemlich einheitlich um
L&ouml;sungen bem&uuml;ht hinter ihrem Magistrat, in dem auch der Sozialdemokrat S&ouml;ffge sa&szlig;.
Die j&uuml;dischen Goslarer galten als Mitb&uuml;rger, soweit wir das aus den Quellen und
entsprechenden Monografien beurteilen k&ouml;nnen. J&uuml;dische Kurg&auml;ste mieden Goslar
weitgehend, weil sie um die antisemitische Tourismuspolitik des einflussreichen
Hotelbesitzers und Verbandsfunktion&auml;rs Heinrich Pieper wussten. Dramatisch zu
nennende Folgen der Wirtschaftskrise waren in Goslar nicht auszumachen. Weder gab
es haufenweise Konkurse noch Massenentlassungen. Denn die klugen und energischen

Krisenintervention der republikanischen Stadtf&uuml;hrung unter B&uuml;rgermeister Klinge
konnten etwa die Schlie&szlig;ungsabsichten des Rammelsbergs durch die Unterharzer
Berg- und H&uuml;ttenwerke abmildern. Anders als etwa in der Nachbarstadt Bad Harzburg
hatte die Verwaltung den st&auml;dtischen Haushalt einigerma&szlig;en in Griff, brach hier nicht
eine Hausbank zusammen, riss wie dort ein dramatischer Einbruch des
Fremdenverkehrs keine L&ouml;cher in die Kassen von Betrieben und Stadtkasse.<br><br>
Nationalsozialistische Kommunalpolitik konnte keine Alternative anbieten, sie hielt
keinerlei konstruktive Vorschl&auml;ge bereit. Im Nachbarort profilierte sich der NSDAPFraktionsvorsitzende
und sp&auml;tere B&uuml;rgermeister Hermann Berndt neben seinen
&uuml;blichen Parteitiraden lokalpolitisch mit Attacken gegen die Stadtf&uuml;hrung, indem er
konkrete Sparkursvorhaben unterbreitete. Solch kommunalpolitischer Kurs war
zumindest diskussionsw&uuml;rdig. Von &auml;hnlicher Sachpolitik seitens der
Nationalsozialisten konnte in Goslar nicht die Rede sein. Unter F&uuml;hrung des sp&auml;teren
NS-B&uuml;rgermeisters Droste bestand ihr Handeln aus kleinteiliger Meckerei und
Obstruktionspolitik. Noch nicht einmal lokale Demagogen und Parteieinpeitscher gab
es in ihren Reihen.<br><br>
Geiger charakterisierte die allgemeine politische Lage in den Mittelschichten: "Ein
B&uuml;rgertum, das seine weltanschauliche Orientierung, Erbgut der 48er und 70er Jahre,
in Interessens&auml;ngsten verloren hatte, das in positiv wirtschaftsbestimmtem
Sozialdenken seine Einheit nicht finden konnte, warf sich der eignen Verzweiflung in
die Arme", und damit in die der NSDAP.<sup>22</sup> "Wichtig ist jetzt allein: gegen den
bestehenden Staat, nicht f&uuml;r ein neues Deutschland ist er (der Zorn der Hakenkreuzler,
P.S.) entflammt."<sup>23</sup> Dies Urteil, 1930/31 gef&auml;llt, traf f&uuml;r Goslar nach dem Tag von
Harzburg zu. Die Mehrheit der Goslarer Wahlbev&ouml;lkerung lief mit Hurra zu den
Hakenkreuzfahnen &uuml;ber, ohne dass jemand handfeste, rational erfassbare Gr&uuml;nde
ausmachen k&ouml;nnte. Das Einreihen in die Phalanx der "Negation", wie Hannah Arendt
einen Kern der NS-Bewegung einmal charakterisierte, war Motiv genug.<br><br>
Nun kam diese Haltung allerdings nicht von ungef&auml;hr. Es gab hier zwar keine
traditionell starke parteipolitisch ausgerichtete kommunal organisierte Bewegung des
Antirepublikanismus oder des Nationalsozialismus. Weder DNVP oder Stahlhelm
noch NSDAP konnten als organisierte Kr&auml;fte ma&szlig;geblich das politische Leben

pr&auml;gen. Die Mittelschichten hingen drei, manchmal vier Wahlorganisationen
&ouml;konomischer Partikularinteressen an.<br><br>
Das war etwa in einer anderen Nachbarstadt, in Wernigerode, ganz anders. Dort hatten
Stahlhelm und DNVP eine r&uuml;hrige Anh&auml;ngerschaft, die Werniger&ouml;der Zeitung leistete
sich etwa regelm&auml;&szlig;ig redaktionelle Beilagen unter dem Titel "Der Frontk&auml;mpfer.
Sonderbeilage f&uuml;r den Stahlhelm und s&auml;mtliche sonstigen vaterl&auml;ndischen Verb&auml;nde
der nationalen Front". Die NSDAP unter ihrem Anf&uuml;hrer Alfred B&ouml;ttcher, einem Arzt
und antisemitischen Demagogen besonderer G&uuml;te, entwickelte sich nach R&uuml;ckschl&auml;gen
1925/26 schnell zu einer mitgliederstarken Randaletruppe, die mit ihrem Parteib&uuml;ro
mitten im Stadtzentrum am Markt viel Aufhebens machte. Man stritt sich mit den
Stahlhelmern ebenso vehement wie mit Sozialdemokraten, lokal rekrutierte SAVerb&auml;nde
demonstrierten Herrschaftswillen auf den Stra&szlig;en.<br><br>
Nichts bis wenig von alledem in Goslar. Trotz mancher Provokation und
martialischem Auftritt kann das Erscheinungsbild der lokalen Partei kaum die
Anziehungskraft der Hitlerbewegung erkl&auml;ren. Das war nach meiner Beobachtung
auch gar nicht n&ouml;tig. Denn Teile der einheimischen Eliten - gerade die sprach- und
meinungsm&auml;chtigsten - organisierten sich und ihr Umfeld selbstreferenziell, wie man
heute sagen w&uuml;rde. Ihr kulturell-ideologisches Selbstverst&auml;ndnis war N&auml;hrboden und
Motor akkumulierender geistiger Verwahrlosung, die in politische Handlungsmacht
zugunsten des "Behemoth"<sup>24</sup> m&uuml;ndete. Zur kulturell-intellektuellen Elite in einer
norddeutschen Kleinstadt z&auml;hlten Redakteure, Schullehrer, manch Richter und Anwalt
und die Pastoren der ev.-luth. Kirchengemeinden.<sup>25</sup>
Zur sich selbst im antidemokratischen Radikalismus befeuernden einheimischen Elite
m&uuml;ssen hier einige Stichworte gen&uuml;gen. Ich habe diesen Prozess anderswo ausf&uuml;hrlich
geschildert. Der so genannte Goslarer Schulkampf anl&auml;sslich der Verfassungsfeiern
1929 kann als ein turning point bezeichnet werden. Gymnasialsch&uuml;ler protestierten
beim Sportfest demonstrativ gegen die Farben der Republik und schm&uuml;ckten sich
demonstrativ mit schwarz-wei&szlig;-rot. Die preu&szlig;ischen Kultusbeh&ouml;rde in Berlin dr&auml;ngte
auf Sanktionen, das einheimische B&uuml;rgertum emp&ouml;rte sich &uuml;ber den
Selbstbehauptungswillen der Republik und den Anspruch des reformerischen
Kultusminister Becker, die Schulen zu Erziehungseinrichtungen im Geist der
Aufkl&auml;rung zu formen.<sup>26</sup> Den Republikgegnern in der Stadt bot sich im Laufe der

Auseinandersetzung ein Forum f&uuml;r ihre nationalistisch-revanchistisch
republikfeindliche Propaganda. Die NSDAP, ein eigentlich unbedeutender Haufen,
verstand es, sich zum Sprachrohr der "Emp&ouml;rten" aufzuschwingen, indem sie den
staatlichen Organen und ihren lokalen Repr&auml;sentanten Legitimation und Autorit&auml;t
absprach. Die selbst&uuml;berhebende Erm&auml;chtigung, im Interesse der "nationalen Sache"
aktiv zu handeln, trug der NSDAP Anerkennung von Seiten des sich als
deutschnational bezeichnenden B&uuml;rgertums, inklusive der Zeitung und
meinungsstarker Lehrer zu. Selbst in Autorit&auml;tsh&ouml;rigkeit gefangen imponierte ihm die
flegelhafte und auftrumpfende Aufm&uuml;pfigkeit, mit der die Parteisoldaten auftraten.
Im Zuge der weiteren Auseinandersetzungen um das so genannte Volksbegehren
gegen den Young-Plan in der zweiten H&auml;lfte 1929 und dem Versuch, 1931 per
Volksabstimmung den Preu&szlig;ischen Landtag aufzul&ouml;sen, um Preu&szlig;en von den Roten zu
befreien, wie es im Aufruf vom 11. Mai 1931 hie&szlig;, f&uuml;hlten sich die im Streit mit der
Republik erhitzten und verh&auml;rteten Gem&uuml;ter der nationalistischen Rechten zunehmend
den Nationalsozialisten verbunden. Die Ergebnisse der Reichspr&auml;sidentenwahl vom
Fr&uuml;hjahr 1932 hatte ich erw&auml;hnt.<br><br>
Res&uuml;mieren wir mit weiteren Zeitgenossen diesen Prozess. Carl v. Ossietzky schrieb in
seiner Zeitschrift "Weltb&uuml;hne" im Januar 1933 mit dem Titel Winterm&auml;rchen<sup>27</sup>:<br>
"Die Hitlerpartei betont gern ihre Andersartigkeit, und sie darf in der Tat nicht mit
hergebrachten Normen gemessen werden. ... Die Nationalsozialistische Partei hat f&uuml;r
f&uuml;nfzehn Millionen Deutsche genau das erf&uuml;llt, was sie sich unter einer politischen
Partei vorgestellt haben. Niemals ist das deutsche B&uuml;rgertum in einem S&auml;kulum so
ehrlich gegen sich gewesen wie in diesen paar Jahren nationalsozialistischen
Wachstums. Da gab es nicht mehr intellektuellen Aufputz, nicht mehr geistige
Anspr&uuml;che, nicht mehr akademische Fassade reicherer Jahrzehnte. Der &ouml;konomische
Zusammenbruch hat die innere Rohheit, die plumpe Geistfeindlichkeit, die harte
Machtgier b&uuml;rgerlicher Schichten - Eigenschaften, die sich sonst halb anonym hielten
oder in private Sph&auml;re ableiteten - offen blo&szlig; gelegt."<sup>28</sup><br><br>
Und Sebastian Haffner fragte wenig sp&auml;ter, wie konnte es sein, dass eine Mehrheit im
Fr&uuml;hjahr 1933 pl&ouml;tzlich "verschwunden" war, eine Mehrheit, die doch wusste, was mit
Hitler bevor stand. "Was ist mit Ihnen? Geh&ouml;ren sie wirklich zu diesem Irrenhaus?
Merken sie nicht, was mit ihnen geschieht - und was in ihrem Namen geschieht?

Billigen sie es etwa gar? Was sind das f&uuml;r Leute? Was sollen wir von ihnen halten?
Tats&auml;chlich stecken hinter diesen Unerkl&auml;rlichkeiten sonderbare seelische Vorg&auml;nge
und Erfahrungen - h&ouml;chst seltsame, h&ouml;chst enth&uuml;llende Vorg&auml;nge, deren historische
Auswirkungen noch nicht abzusehen sind."<sup>29</sup>
Wie konnten so viele in ganz kurzer Zeit Moral und Anstand, B&uuml;rgerdisziplin und
nachbarliche Empathie ablegen, sich in Massenhysterie suhlen, in Aggressivit&auml;t
austoben und in Machtgehabe erg&ouml;tzen? Wie konnte schier eschatologische
Heilserwartung, jeder Ratio und &uuml;berliefertem gesunden Menschenverstand
entbehrende Verve niedere Kr&auml;fte und Instinkte in Wort und Tat freisetzen, die sich
gegen Nachbarn, Mitb&uuml;rger und Kollegen in widerw&auml;rtiger Weise austobten?
Rufen Sie sich die S&auml;tze von Otto Gillen in Erinnerung, S&auml;tze voll verkl&auml;rendem
v&ouml;lkisch-nationalen, radikal antidemokratischem Pathos, S&auml;tze die die gewaltt&auml;tige
Selbsterm&auml;chtigung der "nationalen Leidenschaft" zur Durchsetzung von
Partikularinteressen gegen "Volksfremde" formulierten. Sie k&ouml;nnen die zitierten
Zeilen Gillens stellvertretend f&uuml;r die schier unendliche Menge gedruckter Worte zur
NS-geistigen Aufr&uuml;stung der Stadtbev&ouml;lkerung durch die Zeitung nehmen. Von
unersch&ouml;pflicher Sendungsemphase getrieben formten Schriftleitung und Redakteure
ihre Zeitung zu einem antirepublikanischen Kampfblatt, das in seiner ideologischen
Ausrichtung den NS-Parteibl&auml;ttern voranging.<br><br>
Lassen Sie mich mit der Wiederholung eines zentralen Satzes aus dem vorhin zitierten
Kommentar von Otto Gillen allm&auml;hlich zum Ende kommen: "Wohin man sah, &uuml;berall
begegnetet man siegesfrohen und hart entschlossenen Gesichtern, Gesichtern, denen
man es ansah, dass es diesen Menschen ernst ist, um die Gestaltung der deutschen
Geschichte, ... Das Volk selbst, das zu Tausenden die Stra&szlig;en und Pl&auml;tze f&uuml;llt, hatte
sie vorbereitet und vollzogen."<br><br>
Sowieso gleich das ganze Volk repr&auml;sentierend sah sich das Goslarer
Bildungsb&uuml;rgertum - ob man Liberale und Demokraten ausnehmen kann ist die Frage
- prinzipiell gern als Aktivposten von 1000-j&auml;hriger Reichsgeschichte, die in den
Mauern der Stadt als Relikte pr&auml;sent waren. Geschichte hatte hier nicht nur eine
Identit&auml;t vermittelnde Wirkung, sie hatte heroischen Klang und verlangte nach
heldischer Zukunft.<br><br>

Wie ernst diese Volks-B&uuml;rger die Gestaltung deutscher Geschichte, f&uuml;r die sie
Gestaltungslizenz beanspruchten, nahmen, erfuhr im Fr&uuml;hjahr 1933 der
sozialdemokratische Stadtsyndikus Wandschneider, als er ebenso wie der Redakteur
der Harzer Volkszeitung Pasch aus der Stadt gejagt wurde. Aktive Geschichtsgestalter
schlugen den republikanische Polizeioffizier Ostheeren der brutal zusammen.
Deutsche Geschichtskultur wurde gefeiert, als der Sozialdemokrat S&ouml;ffge und der
j&uuml;dische Kaufmann Hochberg im Mai 1933 auf einem Fleischerkarren, einer
mittelalterlichen Prangerprozession gleich, durch die Stadt gezerrt wurden. Zur
Gestaltung von zuk&uuml;nftiger Geschichte geh&ouml;rten die gewaltsame Eroberung des
Gewerkschaftshauses und die Einlieferung von Sozialdemokraten, Gewerkschaftern
und Kommunisten in Schutzhaft und ins Konzentrationslager. Die Boykott- und
Drangsalierungsaktionen gegen j&uuml;dische Mitb&uuml;rger am 1. April 1933, eigentlich
Parteiangelegenheiten, fanden in Goslar unter Leitung eines b&uuml;rgerlichen
"Aktionsausschusses zur Abwehr der Judenhetze" statt. Ihm geh&ouml;rten die f&uuml;hrenden
Mitglieder das "NS-Kampfbundes f&uuml;r den gewerblichen Mittelstand" an, alles mehr
oder minder gestandene einheimische Handwerker und Kaufleute. Das von Hannah
Arendt gegei&szlig;elte B&uuml;ndnis von "Mob und Elite" war hergestellt.
Ein Jahr nach diesen Volkstaten der NS-B&uuml;rger-Bewegung in Goslar res&uuml;mierte der
Vorsitzende des "Kampfbundes f&uuml;r deutsche Kultur", Redakteur Otto Gillen:
"Um die Entwicklung der Ereignisse in ihrem tieferen Kern verstehen zu k&ouml;nnen, ist es
daher unerl&auml;sslich, sich vorurteilslos, aber ohne falsche R&uuml;cksichten mit der
Judenfrage zu besch&auml;ftigen. Erst durch die Erkenntnis des Fremdrassigen kommen wir
zum vollen Bewusstsein unseres eigenen Wesens und Wollens. Wenn wir uns klar
dar&uuml;ber sind, was wir abzulehnen haben, wissen wir um so deutlicher, was wir mit
ganzem Herzen suchen und f&ouml;rdern m&uuml;ssen ... Darum war es ein Akt der Notwehr,
wenn das deutsche Volk durch den Nationalsozialismus das Judentum aus allen den
Stellen beseitigte, die f&uuml;r unser &ouml;ffentliches Leben von entscheidender Bedeutung sind.<br><br>
Durch gesetzliche Ma&szlig;nahmen ist das Notwendige getan worden, und niemand auf der
Welt hat das Recht, dem deutschen Volk zu verbieten, Ordnung und Sauberkeit in
seinem eigenen Haus zu schaffen. Es geht schlie&szlig;lich um uns, unsere Kultur, unsere
Kinder und unsere Zukunft. Aber es m&ouml;ge niemand glauben, dass mit den gesetzlichen
Ma&szlig;nahmen alles getan sei, und man nun die Judenfrage als gel&ouml;st betrachten kann.

Die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des j&uuml;dischen Einflusses erfordert von uns doppelte Anspannung
aller Kr&auml;fte, h&ouml;chste Selbstdisziplin, gl&auml;ubigen Aufbauwillen und
verantwortungsbewusste kulturelle Tat. Auf dem Tr&uuml;mmerfeld, das uns die
judenfreundliche November-Republik hinterlassen hat, gilt es nun ein neues,
artbewusstes und volksverbundenes Kulturleben aufzubauen, wie es allenthalben mit
der dem Nationalsozialismus eigenen Sicherheit kraftvoll in die Wege gesetzt ist."<sup>30</sup>
Thomas Mann hatte 1930 von notwendiger "demokratischer Moralit&auml;t" gesprochen,
"Geistfreundlichkeit" in der Praxis angemahnt, die Achtung der Menschenw&uuml;rde
eingefordert.<br><br>
Die NS-Volksgemeinschaft der ehemaligen B&uuml;rger strebte auch in Goslar mit
fliegenden Fahnen der "artbewussten" Barbarei entgegen.
<br><br>
------------------
<br><br>
<small>
<ol>
<li> Lutz Raphael 2012: Imperiale Gewwalt und mobilisierte Nation. Europa 1914-1945.</li>M&uuml;nchen (C.H. Beck, S.
212.
<li> Ebenda, S, 212-213.</li>
<li> Alfred Rosenberg 1972 (13): Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt a. Main (EVA) S. 171. Nach
seinem 1928 ver&ouml;ffentlichten Buch Die Entstehung der Deutschen Republik 1971-1918 erschien die Geschichte
der Deutschen Republik im Exil 1935 in Karlsbad. Beide B&auml;nde wurden 1955 bzw. 1961 von Kurt Kersten neu
herausgegeben.</li>
<li> <Waltraud Meints 2004: Im Schatten des Terror. Zugleich ein Vorwort, in: dies. u. Katherine Klinger (Hrsg.)
Politik und Verantwortung. Zur Aktualit&auml;t von Hannah Arendt, Hannover (Offizin) S.11.</li>
<li> Margaret Donovan 2004: Politische Verantwortung in "interessierten Zeiten", in: Meints/Klinger a.a.O., S.69.</li>
<li> Peter Schyga 1999: Goslar 1918-1945 Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des
Nationalsozialismus, Bielefeld. Ders. 2006."Es gilt diesen Pestherd in allen Winkel Europas auszurotten. Die
Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 in Goslar, Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 1 (Hg. Verein
Spurensuche Goslar), Clausthal-Zellerfeld. Ders. 2009: Kirche in der NS-Volksgemeinschaft -
Selbstbehauptung, Anpassung und Selbstaufgabe. Die ev.-luth. Gemeinden in Goslar, der Reichsbauernstadt des
Nationalsozialismus. Hg. v. Helmut Liersch im Auftrag der Propstei Goslar, Hannover.</li>
<li> Thomas Mann, 1930: Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft, gehalten am 17. Oktober 1930 im
Beethovensaal zu Berlin in: Th. Mann Werke Bd. 3 Reden und Aufs&auml;tze, Frankfurt a. Main 1990, S. 879-890</li>
<li> Ebenda S.884</li>
<li> Ebenda S.889-890</li>
<li> Die Reden wurden in der GZ abgedruckt. Sie sind auf www.harzburger-front.de dokumentiert.</li>
<li> Goslarsche Zeitung v. 12. 10. 1931.</li>
<li> Ich verweise hier auf das Projekt Frauenorte Niedersachsen des Landesfrauenrates Niedersachsen e.V. "Auf
Kathinkas Spuren in Goslar" zu forschen.</li>
<li> Frank Heine 1998: Der nationale Kandidat hei&szlig;t Hitler. Die Goslarsche Zeitung und der Aufstieg der NSDAP
1928 bis 1933. Bielefeld.</li>
<li> Lieselotte Krull 1982: Wahlen und Wahlverhalten in Goslar w&auml;hrend der Weimarer Republik. Goslar.</li>
<li> Theodor Geiger 1930: Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit. Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie
55, S.637-654, 641,646</li>
<li> Theodor Geiger 1932: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziografischer Versuch auf statistischer
Grundlage, Stuttgart. Faksimilenachdruck 1987 Stuttgart (Ferdinand Enke Verlag).</li>
<li> So neu war diese Differenzierung nicht. Der ganze "Revisionismusstreit" um Eduard Bernstein in der SPD
drehte sich um die Ver&auml;nderung der Klassenverh&auml;ltnisse, um die Tatsache, dass sich eine Mittelklasse
herausbildete, auf die die Arbeiterpartei zuzugehen h&auml;tte. Geiger lieferte hier die Daten f&uuml;r eine gesellschaftliche
Entwicklung, die gerade von den Arbeiterparteien ignoriert wurde.</li>
<li> Seit dem "Revisionismusstreit" der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts stand dieses Thema eigentlich auf der
Tagesordnung der SPD. Doch ihr "revolution&auml;rer Attentismus" (D.Groh), ihre sp&auml;tere Politik der
arbeitermilieuformierten Abkapselung bei gleichzeitigen Zugest&auml;ndnisse an die Unternehmerverb&auml;nde machte
diese Partei - bis auf wenige Widersprecher in den eigenen Reihen - blind f&uuml;r den dramatischen
21
gesellschaftlichen Wandel. Vgl. dazu meinen Vortrag zu Heinrich Jaspers v. 23.3.2011 in Bad Harzburg; pdf auf
<a href="http://www.kliopes.de">www.kliopes.de</a></li>
<li> Geiger 1932/1987 a.a.O., S. 109.</li>
<li> Geiger 1932/1987 a.a.O., S. 89,88.</li>
<li> Ebenda S.110</li>
<li> Ebenda S. 121</li>
<li> Ebenda S.117</li>
<li> Nach diesem Ungeheuer aus der der j&uuml;dischen Eschatologie benannte Franz Neumann seine bahnbrechende,
heute immer noch wegweisende, leider zu oft ignorierte Analyse des Nationalsozialismus. Behemoth Ausdruck
von: Ein Unstaat, ein Chaos, ein Zustand der absoluten Gesetz- und Rechtlosigkeit. Franz Neumann 1984
(1977): Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Herausgegeben, &uuml;bersetzt
(zusammen mit Hedda Wagner) und mit einem ausf&uuml;hrlichen Nachwort von Gert Sch&auml;fer, Frankfurt a. Main.
Das Original ist 1942 bei Octagon Books New Yorkerschienen und 1944 erweitert worden.</li>
<li> Vgl. detailliert und ausf&uuml;hrlich zum Verhalten der Pastoren und ihren Gemeinden: Schyga 2009. Die
weitgehende Akzeptanz bis Unterst&uuml;tzung (Pastor Holtermann war SA-Mitglied) der NS-Bewegung wich bald
einer zunehmenden Skepsis bis hin zu Ablehnung und widerst&auml;ndigen Handlungen. An erster Stelle Pastor
Holtermann.</li>
<li> Ausf&uuml;hrlich in Schyga 1999, Kapitel 4.1.</li>
<li> Die Weltb&uuml;hne, 29. Jg. v. 3. Januar 1933 S. 3-4.</li>
<li> Diese Worte stammen aus der Feder von Carl v. Ossietzky kurz nachdem ihn die Republik aus dem Kerker, in
den sie ihn wegen Enth&uuml;llungen &uuml;ber die Reichswehr f&uuml;r 18 Monate eingesperrt hatte, entlassen hatte. Wenige
Wochen sp&auml;ter wurde er von den NS-Machthabern ins KZ verbracht. Er starb 1938 an den Folgen der erlittenen
Haft.</li>
<li> Sebastian Haffner 2000 (5): Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, Stuttgart/M&uuml;nchen,
S.173.</li>
<li> GZ v. 19.4.1934</li>
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