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	<title>Spurensuche Harzregion e.V. </title>
	
	<link>www.spurensuche-harzregion.de</link>
	<description>Webseite des Vereins Spurensuche Harzregion</description>
	<pubDate>Thu, 01 Aug 2002 00:00:01 +0000</pubDate>
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	<language>de-de</language>
	<item>
		<title><![CDATA[Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker]]></title>
		<link>http://www.spurensuche-harzregion.de/?publikationen/2</link>
		<comments></comments>
		<pubDate>Thu, 01 Aug 2002 00:00:01 +0000</pubDate>

		<creator>PV</creator>
		
		<category><![CDATA[publikationen]]></category>
				<keywords><![CDATA[mittelbau-dora,oker,wegzeichenprojekt,westharz,marsch des labens]]></keywords>

		<description><![CDATA[Das Wegzeichenprojekt Westharz

und der Marsch des Lebens]]></description>
			<content><![CDATA[<b>Margret Klinger, Joachim
Neander, Dirk Schirmer, Firouz Vladi, Jens-Christian Wagner (Arbeitsgemeinschaft
Spurensuche in der S&uuml;dharzregion)</b>

<p><b>Friedhart Knolle, Frank Jacobs,
Wolfgang Janz (Spurensuche Goslar e.V.)</b>
<br>&nbsp;
<br>&nbsp;
<p><b>Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker:</b>
<p><b>Das Wegzeichenprojekt Westharz</b>
<p><b>und der Marsch des Lebens</b>
<br>&nbsp;
<p><b>Eine Spurensuche auf der Route
der</b>
<p><b>Todesm&auml;rsche der S&uuml;dharzer
KZ-H&auml;ftlinge</b>

<p><b>vom April 1945 im Westharz und
&uuml;ber das</b>
<p><b>Gedenken an ihre Leiden und Opfer</b>
<br>&nbsp;
<p>*
<p><b>Internet-Kurzfassung des Originaltextes</b>
<p>
<hr WIDTH="100%">
<br>Die sich des Vergangenen nicht
erinnern,
<br>sind dazu verurteilt, es noch einmal
zu erleben.
<br><i>(George Augustin Nicolas de
Santayana, 1863-1952)</i></center>

<hr WIDTH="100%">
<br>&nbsp;
<p><b>1. Das Wegzeichenprojekt</b>
<p><b>Die Todesm&auml;rsche der Mittelbau-Lager</b>
<p>In den ersten Apriltagen des Jahres 1945 wurden allein im s&uuml;dlichen
und westlichen Harzvorland aus dem KZ Mittelbau-Dora und seinen zahlreichen
Au&szlig;enlagern zwischen Osterode und Sangerhausen &uuml;ber 40.000 KZ-H&auml;ftlinge
nach Nordwesten in Marsch gesetzt. Vier Wochen sp&auml;ter, bei Kriegsende,
waren gut ein Viertel davon tot: verhungert, verdurstet, erstickt, erschlagen,
erschossen, bei lebendigem Leibe verbrannt oder an Krankheiten (vor allem
an Typhus) gestorben. Nicht ohne Grund nannte der britische Historiker
Gerald Reitlinger die KZ-Evakuierungen <i>"das letzte und schlimmste der
von den Nazis im Kriege begangenen Massenverbrechen."</i>
<p>Auf dem mit 34 km gr&ouml;&szlig;ten dieser Gewaltm&auml;rsche &uuml;berquerten
ca. 3.500 H&auml;ftlinge aus dem KZ Mittelbau-Dora am 8. April 1945 den
Harz von Osterode nach Oker. Vier Tage vorher waren ca. 450 H&auml;ftlinge
des KZ Gandersheim zu einem Marsch &uuml;ber Bad Grund und Clausthal-Zellerfeld
in Richtung Wernigerode aufgebrochen, wo die &Uuml;berlebenden am 7. April
ankamen. Wernigerode war auch das Ziel des Gewaltmarsches von 800 noch
"gehf&auml;higen" H&auml;ftlingen der 1.150 Mann umfassenden III. SS-Baubrigade.
Diese waren am 6. April 1945 von den KZ-Au&szlig;enlagern in Osterhagen,
N&uuml;xei und Mackenrode nach Wieda aufgebrochen; sie marschierten von
dort am n&auml;chsten Tag nach Braunlage, nachdem noch in der Nacht in
Wieda sechs Mann beim Einsturz der total &uuml;berbelegten dreist&ouml;ckigen
Bettgestelle ums Leben gekommen waren. Sehr eindringlich werden Willk&uuml;r,
Qualen und Tod, denen die H&auml;ftlinge w&auml;hrend der M&auml;rsche
und Bahntransporte ausgesetzt waren, in mehreren gleich nach dem Kriege
publizierten Erinnerungsberichten festgehalten: Aim&eacute; Bonifas, Albert
van Dijk und Marcel Orset.

<p>Die etwa 3.500 H&auml;ftlinge, die am 8. April 1945 &uuml;ber den
Harz getrieben wurden, geh&ouml;rten zum sogenannten "Letzten Transport"
des Lagers Dora. Ein am Abend des 5. April 1945 aus etwa 50 G&uuml;terwaggons
zusammengestellter Zug sollte die letzten 4.000 Insassen des Lagers Dora
nach Neuengamme transportieren. Schon w&auml;hrend der zweit&auml;gigen
Fahrt von Nordhausen nach Osterode ermordeten die SS-Bewacher Dutzende
von H&auml;ftlingen, so in Tettenborn und am Osteroder S&uuml;dbahnhof.
Dort endete der Eisenbahntransport, weil die Weiterfahrt nach einem Luftangriff
auf den Bahnhof nicht mehr m&ouml;glich war. Der Transportf&uuml;hrer entschloss
sich daher, die Gefangenen zu Fu&szlig; &uuml;ber den Harz zu treiben.
Am fr&uuml;hen Morgen des 8. April 1945 lie&szlig; die SS am Osteroder
S&uuml;dbahnhof etwa 3.500 H&auml;ftlinge vor den Waggons antreten - etwa
400 "Marschunf&auml;hige" blieben zur&uuml;ck - und anschlie&szlig;end
unter SS-Bewachung durch Osterode, Freiheit und Lerbach in Richtung Clausthal-Zellerfeld
marschieren. Auf dem Weg wurden immer wieder H&auml;ftlinge, die nicht
mehr mithalten konnten, von ihren Bewachern erschossen. Am Mittag des 8.
April erreichten die ersten Marschgruppen Clausthal-Zellerfeld. In den
Nachmittagsstunden schleppte sich die zwei Kilometer lange Marschkolonne
durch die von Einheimischen ges&auml;umten Stra&szlig;en. Einzelne Deutsche
machten zaghafte Versuche, den durstigen H&auml;ftlingen Wasser zu reichen,
wurden von den Bewachern jedoch daran gehindert. Die Mehrheit verhielt
sich distanziert-indifferent; manche - meist waren es die J&uuml;ngeren
- zeigten den H&auml;ftlingen auch offenen Hass.

<p>Nach Erreichen des Waldes am n&ouml;rdlichen Stadtrand von Clausthal-Zellerfeld
erschoss die SS erneut H&auml;ftlinge, die am Ende ihrer Kr&auml;fte waren.
Anschlie&szlig;end wurde die Kolonne &uuml;ber Schulenberg in das Okertal
getrieben. Auch dabei schossen die Bewacher immer wieder H&auml;ftlinge
nieder. Schlie&szlig;lich erreichten die &Uuml;berlebenden dieses Todesmarsches
am sp&auml;ten Abend den Bahnhof in Oker. Dort wurden sie in G&uuml;terwaggons
gepfercht. Nun schloss sich eine Irrfahrt durch die heutigen Bundesl&auml;nder
Sachsen-Anhalt und Brandenburg an, die am 14. April 1945 im KZ Ravensbr&uuml;ck
endete. Auch dort blieben die noch Lebenden nicht lange, denn knapp zwei
Wochen sp&auml;ter wurde auch dieses Lager vor der Roten Armee ger&auml;umt.
F&uuml;r die Dora-H&auml;ftlinge bedeutete das den zweiten Todesmarsch,
diesmal zu Fu&szlig; nach Nordwesten. Die &Uuml;berlebenden wurden Anfang
Mai 1945 im westlichen Mecklenburg-Vorpommern von Amerikanern und Sowjets
befreit.

<p>Heute geh&ouml;ren Begriffe wie "Auschwitz" oder "Buchenwald" zur
kollektiven Erinnerung. Von den Todesm&auml;rschen wei&szlig; man dagegen
wenig. Von den Morden im diffusen "Osten" oder in den vermeintlich hinter
W&auml;ldern versteckten gro&szlig;en Konzentrationslagern nichts gewusst
zu haben, konnte man sich leicht einreden. Die Tat wurde gleichsam exterritorialisiert.
Die Todesm&auml;rsche fanden dagegen in aller &Ouml;ffentlichkeit statt,
und gerade deshalb wurde die Erinnerung daran verdr&auml;ngt, h&auml;tte
sie doch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld bedeutet.
<p>Mit dem Generationswechsel ist jedoch in den vergangenen Jahren ein
Perspektivwechsel eingetreten. Den Erben der T&auml;tergeneration wird
nun langsam bewusst, was die NS-Verfolgten schon lange wissen: Die NS-Verbrechen
fielen nicht aus dem Himmel, und sie befanden sich auch nicht im isolierten,
gesellschaftslosen Raum. Sie geh&ouml;rten sp&auml;testens im Krieg mit
der Pr&auml;senz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und den Insassen
von Hunderten von KZ-Au&szlig;enlagern zum Kriegsalltag der deutschen Bev&ouml;lkerung.

<p>Die Erinnerung an die NS-Verbrechen und ihre Opfer wachzurufen und
zur Auseinandersetzung mit diesem lange verdr&auml;ngten Teil der Lokalgeschichte
beizutragen, ist der Zweck des Wegzeichenprojektes. Diesen Sinn erf&uuml;llen
die aufgestellten Gedenksteine jedoch nur, wenn sie dazu beitragen, dass
wir gegen&uuml;ber der heutigen Politik die Augen nicht verschlie&szlig;en
und eine politische und moralische Haltung entwickeln, die rechtsextreme
Gewalttaten zu verhindern hilft.
<p>W&auml;hrend dieses Geschehen im Ostharz schon fr&uuml;h aufgearbeitet
und an geeigneten St&auml;tten mit Gedenkeinrichtungen dokumentiert wurde,
so um Gardelegen und am S&uuml;dharz im Kreis Nordhausen, sind die umfangreicheren
Ereignisse und Verbrechen, die sich auf der nieders&auml;chsischen Harzseite
abspielten, vergessen oder verdr&auml;ngt worden. Es ist das Verdienst
von Joachim Neander aus Clausthal-Zellerfeld, zusammen mit Sch&uuml;lern
des Robert-Koch-Gymnasiums in Clausthal durch Archivrecherchen und Zeitzeugenbefragungen
diese Ereignisse bis in ersch&uuml;tternde Details hinein recherchiert
und im Rahmen einer Dissertation (NEANDER 1997) publiziert zu haben. Dr.
Joachim Neander erhielt daf&uuml;r 1998 den Kulturpreis des Regionalverbandes
Harz e.V.

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Projektbeteiligte und Unterst&uuml;tzer</b>
<p>Den Ansto&szlig; zum Wegzeichenprojekt Westharz gab der Wunsch ehemaliger
H&auml;ftlinge des KZ Mittelbau-Dora, durch Gedenksteine an die Fu&szlig;m&auml;rsche
im Rahmen der Lageraufl&ouml;sung zu erinnern. Diesen Wunsch trugen sie
1999 an die KZ-Gedenkst&auml;tte Mittelbau-Dora und die Arbeitsgemeinschaft
Spurensuche in der S&uuml;dharzregion heran. Die Arbeitsgemeinschaft nahm
den Wunsch in Kooperation mit den Berufsbildenden Schulen (BBS) im Landkreis
Osterode auf. Die Einbeziehung von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen
wurde von Vertretern der ehemaligen H&auml;ftlinge aus den S&uuml;dharzer
KZ-Lagern in der Sitzung des H&auml;ftlingsbeirates am 3.10.1999 ausdr&uuml;cklich
begr&uuml;&szlig;t.

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Zur p&auml;dagogischen Zielsetzung</b>
<p>Das BBS-Projekt bietet die M&ouml;glichkeit der Revision des politischen
und historischen Unterrichts im Sinne einer Verwirklichung des ganzheitlichen
Ansatzes (kognitive, sozio-affektive und psychomotorische Ziele). Mit seiner
Hilfe k&ouml;nnen die Sch&uuml;ler/-innen Regionalgeschichte entdecken
und selbstt&auml;tig den Spuren der Vergangenheit nachgehen. Die &uuml;ber
die Faktenvermittlung hinaus beabsichtigte Betroffenheit soll Verst&auml;ndnis
wecken, politisches Interesse hervorrufen und Wege politischer Beteiligung
zeigen. Insgesamt steht das Projekt im Kontext handlungsorientierten Unterrichts.
Besonders wertvoll sind die Kontakte mit Zeitzeugen, insbesondere den &Uuml;berlebenden
der Todesm&auml;rsche und der Konzentrationslager. Dieses Modell zeigt
neue Wege der Zusammenarbeit auf. Neben der &Ouml;ffnung der Schulen gegen&uuml;ber
dem Geschehen in der Region sollen Erfahrungen in der Kooperation mit au&szlig;erschulischen
Partnern gesammelt werden.

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Die Stelen</b>
<p>Es werden ca. 20 Stelen zur Markierung folgender Marschstrecken im
Westharz aufgestellt: Osterode - Clausthal-Zellerfeld - Oker, Wieda - Braunlage
und Gandersheim - M&uuml;nchehof - Bad Grund - Clausthal-Zellerfeld - Braunlage.
Bei den Stelen handelt es sich um von den BBS Osterode im Rahmen des Unterrichts
hergestellte Betonprismen mit dreieckiger Grundfl&auml;che, oben angeschr&auml;gt,
mit 90 cm H&ouml;he und 25 cm Seitenst&auml;rke. Auf den beiden der Stra&szlig;e
zugewandten Seiten befindet sich ein Dreieck als Symbol der farbigen H&auml;ftlingskennzeichnungen
auf der KZ-Kleidung, der sog. "Winkel", darunter steht "April 1945", auf
der anderen Seite "Todesmarsch".
<p>Als Aufstellungsorte wurden unter wissenschaftlicher Betreuung von
Dr. Joachim Neander &uuml;berwiegend Stellen besonderer Vorkommnisse (meist
Erschie&szlig;ungen) ausgew&auml;hlt. Da die Todesm&auml;rsche &uuml;ber

&ouml;ffentliche Stra&szlig;en f&uuml;hrten, folgt das Gedenken notwendigerweise
diesen Spuren; die Stelen m&uuml;ssen von den Stra&szlig;en aus wahrgenommen
werden k&ouml;nnen. Die Standorte wurden unter Ber&uuml;cksichtigung von
Verkehrssicherheit und Stra&szlig;enunterhaltung ausgew&auml;hlt.
<p>Die erste Stele zur Erinnerung an den Todesmarsch Osterode - Oker
wurde am 11. Juli 2000 in Anwesenheit &uuml;berlebender H&auml;ftlinge
durch den Osteroder Landrat Bernhard Reuter mit gro&szlig;er &ouml;ffentlicher
Beteiligung eingeweiht. Sie steht auf einem Rasenstreifen oberhalb des
Osteroder Ortsteils Freiheit. Nach Passieren des Ortes ermordete die SS
hier einen franz&ouml;sischen H&auml;ftling.

<p>Zur Einweihung eingeladen wurde von den Sch&uuml;lern und Sch&uuml;lerinnen
der BBS I und II Osterode. Dr. Joachim Neander sprach &uuml;ber die Evakuierung
der KZ gegen Kriegsende als letztem NS-Massenverbrechen. Auch die ehemaligen
H&auml;ftlinge des KZ Mittelbau-Dora, Leopold F. Claessens aus Belgien,
Max Dutillieux aus Frankreich und Ewald Hanstein aus Bremen, waren gekommen,
um bei der Gedenkfeier zu sprechen und im Anschluss in ausf&uuml;hrlichen
Gespr&auml;chen Sch&uuml;lern und Sch&uuml;lerinnen &uuml;ber Erlebtes
zu berichten.
<p>Eine weitere &ouml;ffentliche Steleneinweihung erfolgte am 24. September
2000 im Rahmen der Buchpr&auml;sentation "Zwangsarbeit im Raketentunnel
- Geschichte des Lagers Dora" des ehemaligen H&auml;ftlings und franz&ouml;sischen
Historikers Andr&eacute; Sellier, veranstaltet durch die KZ-Gedenkst&auml;tte
Mittelbau-Dora und den Verband der franz&ouml;sischen Deportierten "Amicale
des D&eacute;port&eacute;s &agrave; Dora-Ellrich, Harzungen et Kommandos
Annexes" unter Schirmherrschaft des Deutsch-Franz&ouml;sischen Kulturrates.

<p>Hierbei wurden eine Stele vor der Kirche in Clausthal zur Erinnerung
an den Marsch von Osterode nach Oker aufgestellt und eine weitere Stele
vor der Zellerfelder Kirche zur Erinnerung an die &Uuml;bernachtung der
Gandersheimer H&auml;ftlinge in der Kirche; es war eine Kooperation von
Sch&uuml;lern der Robert-Koch-Schule mit den Berufsbildenden Schulen Osterode.
Der Autor Andr&eacute; Sellier und andere Deportierte des KZ Mittelbau-Dora
nahmen an der Gedenkveranstaltung ebenso teil wie Angeh&ouml;rige, Freunde
und Sch&uuml;ler/-innen aus Worbis und Eupe. Dr. Jens-Christian Wagner
, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der S&uuml;dharzregion
und Mitarbeiter der Gedenkst&auml;tte Buchenwald, beschrieb die Todesm&auml;rsche
aus der Sicht des Historikers, w&auml;hrend Andr&eacute; Sellier von seinen
pers&ouml;nlichen Erinnerungen an den Marsch durch Clausthal-Zellerfeld
berichtete. Im Anschluss an die Vortr&auml;ge fand eine von Sch&uuml;lern/-innen
der BBS Osterode und Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in
der S&uuml;dharzregion zusammengestellte Ausstellung zum EXPO-Projekt Spurensuche
und den Todesm&auml;rschen im Westharz reges Interesse.

<p>Am 23. April 2001, etwa am 56. Jahrestag des Todesmarsches, wurde
eine Gedenkst&auml;tte mit Stele am Bahnhof Oker der &Ouml;ffentlichkeit
&uuml;bergeben. Hier waren noch zwei polnische H&auml;ftlinge ums Leben
gekommen; sie fanden sp&auml;ter auf dem Goslarer Friedhof "Hildesheimer
Stra&szlig;e" ihre letzte Ruhest&auml;tte.
<p>Am Totensonntag, den 25. November 2001 wurde die Gedenkstele an der
ev.-luth. Trinitatis-Kirche in Braunlage unter aktiver Mitwirkung der Kirchengemeinde
eingeweiht.
<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Erleben und Nachvollziehen</b>
<p>Die Todesmarsch-Stelen sprechen nicht unmittelbar f&uuml;r sich.
Man wird sie entlang der Stra&szlig;en im Harz vereinzelt entdecken; ein
r&auml;umlicher oder historischer Zusammenhang erschlie&szlig;t sich dabei
noch nicht. Auch muss vermieden werden, dass die Stelen zum Halten z.B.
an gef&auml;hrlichen Kurven einladen. Deshalb soll der Hintergrund in Textform
verf&uuml;gbar gemacht werden, insbesondere als Faltblatt, im Internet
auf den Seiten der Harzer Spurensuche-Gruppen, mit Hilfe von Erl&auml;uterungstafeln
an wenigen ausgew&auml;hlten Standorten und letztlich mit einer Tafel an
der
Fassade des Bahnhofes Oker, dem Endpunkt der "Gro&szlig;en Harz&uuml;berquerung".
Die Texterstellung in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche
in der S&uuml;dharzregion soll Teil des politischen bzw. historischen Unterrichts
an den BBS in Osterode sein.
<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Nachsatz</b>
<p><i>"Ich spreche frei von Ha&szlig;. Ich hege gegen niemanden den
Wunsch nach Rache. Ich gebe nur zu bedenken, da&szlig; die Anf&uuml;hrer
und Befehlsgeber ihr Handwerk nicht h&auml;tten ausf&uuml;hren k&ouml;nnen,
wenn sie nicht die aktive Unterst&uuml;tzung von so vielen gehabt h&auml;tten.
Vieles war &ouml;ffentlich - wie man die Verhafteten aus den Wohnungen
holte, was hier in Nordhausen getrieben wurde, oder die Transporte in Vieh-
und Kohlewaggons, die ja offen waren. Erlaubt mir, da&szlig; ich meine
verst&ouml;rten Gedanken der Gegenwart zuwende und einige Folgerungen zu
formulieren versuche. Da wir doch genauer als viele, viele andere wissen,
was Todes&auml;ngste sind, meine ich, da&szlig; wir eine Verpflichtung
haben, in diese Welt zu schreien. Never again! Nie wieder! Auch wissen
wir, da&szlig; wir viel zu schwach sind, die bestialische Brutalit&auml;t,
mit der sich Menschen allerorts verfolgen, zu mildern. Dennoch haben wir
zumindest die Pflicht, wo immer es m&ouml;glich ist, lautstark das f&uuml;nfte
Gebot anzumahnen: Du sollst nicht t&ouml;ten!" </i>(SALZ 2000).

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>2. Die KZ-Evakuierung zu Kriegsende
- das letzte NS-Massenverbrechen</b>
<p><b>Rede anl&auml;&szlig;lich der
Steleneinweihung in Osterode-Freiheit am 11. Juli 2000</b>
<p>Bei den R&uuml;ckzugsbewegungen der deutschen Truppen wurden - etwa
ab Mitte 1944 - auch die Konzentrationslager ger&auml;umt, Personal und
Insassen in vom Gegner noch nicht unmittelbar bedrohtes Gebiet verbracht.
Warum eigentlich? Warum verlie&szlig; die SS nicht einfach die Lager und
&uuml;berlie&szlig; die H&auml;ftlinge ihrem Schicksal - was in der Tat,
zumal in den letzten Kriegswochen, gelegentlich vorkam? Oder warum sprengte
sie die Lager nicht mitsamt den Insassen in die Luft - was Hitler nach
einer viel zitierten Quelle befohlen haben soll, was aber nirgendwo stattfand?

<p>Wir kommen der Antwort ein St&uuml;ck n&auml;her, wenn wir uns die
Doppelfunktion des KZ im NS-Herrschaftsapparat gegen Kriegsende vergegenw&auml;rtigen.
Das KZ war zwar immer noch in erster Linie Terrorinstrument gegen bestimmte,
von der NS-Ideologie ausgegrenzte Menschengruppen sowie Systemgegner, aber
zugleich auch eines der letzten gr&ouml;&szlig;eren Reservoire an Arbeitskr&auml;ften
f&uuml;r die deutsche R&uuml;stungswirtschaft und - in den Wunschvorstellungen
der NS-F&uuml;hrung - f&uuml;r den geplanten Wiederaufbau Deutschlands
nach Kriegsende. Eine wichtige Rolle spielten zudem die KZ-H&auml;ftlinge
in den letzten beiden Monaten des Krieges bei Himmlers Geheimverhandlungen
mit den Alliierten &uuml;ber einen separaten Waffenstillstand.
<p>Aber nur H&auml;ftlinge, die sich im Gewahrsam der SS befanden, konnten
in der R&uuml;stung, als Faustpfand bei Verhandlungen mit dem Gegner oder
gar f&uuml;r den Wiederaufbau Deutschlands eingesetzt werden. Daher war
die F&uuml;hrungsetage der SS nicht daran interessiert, die Lagerinsassen
allesamt umzubringen oder sie gar ohne "Gegenleistung" dem Feind zu &uuml;berlassen,
sondern sich mit dem Instrument der M&auml;rsche m&ouml;glichst lange den
Zugriff zumindest auf diejenigen H&auml;ftlinge zu erhalten, die noch halbwegs
bei Kr&auml;ften waren und als Arbeiter oder Geiseln geeignet erschienen.
Diese Strategie kam aber auch dem Interesse der SS an der Basis, in den
Lagern, entgegen, bei KZ innerhalb Deutschlands auch dem Interesse von
Partei und Betrieben sowie der Bev&ouml;lkerung, die alle die "Kazettler"
so schnell wie m&ouml;glich loswerden wollten.

<p>F&uuml;r die R&auml;umung eines KZ hatte sich bis Ende 1944 ein bestimmter
Typus vom Ablauf in drei Phasen herausgebildet: Vorbereitungen, Abmarsch
des gesamten Lagers - bis auf die Schwerkranken, die zuweilen an Ort und
Stelle get&ouml;tet, meist aber sich selbst &uuml;berlassen in den Krankenbaracken
zur&uuml;ckblieben - und "Kontrolle" durch ein "Nachkommando" aus einigen
SS-Leuten und Funktionsh&auml;ftlingen. H&auml;ufig, vor allem bei den
Lagern im Osten, kamen nach dem Abzug des "Nachkommandos" noch Trupps der
Waffen-SS oder Wehrmacht und ermordeten die zur&uuml;ckgelassenen H&auml;ftlinge.
Den endg&uuml;ltigen Schlusspunkt unter die Existenz des Lagers setzte
erst seine Befreiung durch Truppen der Anti-Hitler-Koalition.
<p>Der Ausmarsch des Lagers war zugleich der Anfang einer neuen Phase
im "Evakuierungsprozess". Es begann der "Transport", wie es im SS-Jargon
hie&szlig;, das Verbringen der H&auml;ftlinge in ein vom Gegner noch nicht
unmittelbar bedrohtes Gebiet. Was sich dabei abspielte, besonders in den
Monaten M&auml;rz und April 1945, wird in der Literatur durchg&auml;ngig
als "chaotischer", "irrationaler" Prozess beschrieben. So haben es die

&Uuml;berlebenden der Transporte empfunden, und ihre Sichtweise ist von
der Fachwelt weitgehend und ungepr&uuml;ft &uuml;bernommen worden.
<p>Dabei erkl&auml;rt sich schon ein Teil des vermeintlichen "Chaos"
durch die zahlreichen Fehler bei Orts- und Zeitangaben, die sich in den
Erlebnisberichten &Uuml;berlebender sowie in den Akten der Ermittlungsverfahren
finden, die alliierte und deutsche Justizbeh&ouml;rden nach Kriegsende
wegen der zahlreichen, bei den Evakuierungen begangenen Gewaltverbrechen
eingeleitet hatten. Zum Eindruck des "Chaotischen" hat ferner beigetragen,
dass die Transporte oft umgeleitet werden mussten (etwa infolge von Luftangriffen),
oder dass sich bei Fu&szlig;m&auml;rschen durch Aufspaltung und Zusammenschl&uuml;sse
eine Vielzahl von Routenvarianten ergaben.
<p>Vor allem wird &uuml;bersehen, dass das f&uuml;r die KZ zust&auml;ndige
"Zentralamt" D I in Oranienburg bei Berlin bis zur letzten Minute bem&uuml;ht
war, das Evakuierungsgeschehen im Griff zu behalten. Bis Ende April 1945
wurden detaillierte Evakuierungspl&auml;ne f&uuml;r die Lager aufgestellt,
und w&auml;hrend der Evakuierungen hatte jeder Transportf&uuml;hrer mindestens
einmal t&auml;glich bei D I telefonisch Bericht zu erstatten und Anweisungen
entgegenzunehmen. Das galt auf jeden Fall f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;eren
Transporte (mit einigen hundert bis mehreren tausend Teilnehmern) und begrenzte
deutlich den Entscheidungsspielraum der Transportf&uuml;hrer. Lassen Sie
uns daher Abschied nehmen von der "Chaos-Theorie" und akzeptieren, dass
die Evakuierung der Konzentrationslager ein durchaus strukturierter Prozess
mit eigener Logik war (die es zum Teil noch zu entschl&uuml;sseln gilt).

<p>F&uuml;r den "Transport" benutzte die SS - schon aus Bewachungsgr&uuml;nden
- mit Vorliebe die Bahn. Die H&auml;ftlinge wurden zu achtzig bis gelegentlich
weit &uuml;ber einhundert Mann in ungeheizte, zuweilen sogar offene G&uuml;terwaggons
gepfercht. W&auml;hrend der mehrere Tage dauernden Fahrt erhielten sie
selten, oft gar nicht, etwas zu essen oder zu trinken, und in der Regel
gab es nicht einmal einen Abortk&uuml;bel im Waggon. Die Wachen postierten
sich im Bremserh&auml;uschen oder in der N&auml;he der T&uuml;r (bei geschlossenen
Waggons) bzw. in den vier Ecken (bei offenen Waggons).
<p>In den Waggons herrschte eine drangvolle Enge. Die bis zur Reglosigkeit
Zusammengepressten k&auml;mpften um jeden Liter Luft zum Atmen, um jeden
Quadratdezimeter Platz zum Ausruhen. Ein makabres Nullsummenspiel: Was
der eine hinzu gewann, wurde einem anderen in gleichem Ma&szlig;e fortgenommen.
Wo es den politisch Bewussten unter den H&auml;ftlingen nicht gelungen
war, die Disziplin - die ja auch immer Selbstdisziplin war und dem Selbsterhalt
des H&auml;ftlings diente - auch unter den erschwerten Bedingungen eines
Transports aufrechtzuerhalten, richteten sich die Aggressionen der H&auml;ftlinge
oft auch gegeneinander: St&auml;rkere erschlugen Schw&auml;chere, Nichtjuden
trampelten Juden tot. Auch manch verhasster Kapo wurde nachts heimlich
erw&uuml;rgt.

<p>Hunger, Durst und Durchfall forderten im Verein mit Luftmangel in
den geschlossenen - mit K&auml;lte in den offenen - Waggons unz&auml;hlige
Opfer unter den H&auml;ftlingen, lie&szlig;en sie oft den letzten Rest
an Selbstachtung verlieren, rissen Tabuschranken nieder. So verrichteten
Durchfallkranke ihre Notdurft mitten im Wagen, ins Essgeschirr, lie&szlig;en
den Kot auf die Kameraden fallen, und Durstige tranken in ihrer Qual nicht
nur verschmutztes Wasser, sondern sogar den eigenen Urin. Und wer starb,
starb einsam im "KZ auf R&auml;dern". Denn das Abgestumpftsein gegen den
allt&auml;glichen Tod war Teil des seelischen Schutzpanzers, ohne den ein
&Uuml;berleben im Lager nicht m&ouml;glich war.
<p>Viele Tote gingen auf das Konto von Willk&uuml;rakten der SS, die
oft aus nichtigem Anlass H&auml;ftlinge w&auml;hrend der Fahrt erschoss.
Immer wieder versuchten auch einige, auf einer der zahlreichen Langsamfahrstrecken
aus dem fahrenden Zug zu springen und zu fl&uuml;chten. Nur wenige hatten
Gl&uuml;ck dabei. Die meisten starben im Kugelhagel der Wachposten, ehe
sie eine Deckung erreichten. Wenn der Zug hielt, sprangen die Wachen herunter
und stellten sich als Postenkette auf. Ein Verlassen der Waggons war den
H&auml;ftlingen in der Regel nicht erlaubt. Auch in den seltenen F&auml;llen,
in denen sie f&uuml;r eine Weile aussteigen durften, mussten sie dicht
am Zug bleiben. Mancher von ihnen hat den Versuch, aus einem nahegelegenen
Bach oder Teich seinen Durst zu stillen, mit dem Leben bezahlt.

<p>Eisenbahnz&uuml;ge waren im Fr&uuml;hjahr 1945 ein beliebtes Ziel
alliierter Jagdbomberangriffe geworden. Dabei gab es viele Tote unter den
H&auml;ftlingen, denn KZ-Transporte waren nicht besonders gekennzeichnet
und sahen von weitem wie normale G&uuml;terz&uuml;ge aus. W&auml;hrend
der Luftangriffe versuchten H&auml;ftlinge oft zu fl&uuml;chten. Nur wenige
hatten dabei Gl&uuml;ck. Viele wurden noch in der N&auml;he des Zuges von
den Wachen erschossen. Auf diejenigen, die entkommen konnten, machten SS,
Hitlerjugend und "Volkssturm" gnadenlos Jagd. So markierten Tote neben
den Gleisen die Spur der Evakuierungsz&uuml;ge. Die Leichen der unterwegs
Gestorbenen wurden vielfach in einem eigens f&uuml;r diesen Zweck bestimmten
Waggon gesammelt, gelegentlich ausgeladen und in einem Massengrab verscharrt.
Oft warf man sie aber einfach w&auml;hrend der Fahrt aus dem Waggon, wie
zum Beispiel bei den Evakuierungstransporten aus Auschwitz im Januar 1945.
<p>Nicht immer und an jedem Ort lie&szlig;en sich jedoch die Evakuierungstransporte
mit der Bahn oder einem anderen geschlossenen Transportmittel (Schiff,
LKW) durchf&uuml;hren. Dann musste zu Fu&szlig; marschiert werden, was
die SS nur sehr ungern tat. Denn zum einen bestand das Wachpersonal zu
dieser Zeit &uuml;berwiegend aus &auml;lteren M&auml;nnern, die kaum noch
die Kondition f&uuml;r tagelange Fu&szlig;m&auml;rsche hatten. Das waren
oft ehemalige Soldaten, die f&uuml;r den KZ-Wachdienst abkommandiert und
der SS eingegliedert worden waren.

<p>Vor allem aber war das Konzentrationslager von seiner Konzeption
her eine "geschlossene Anstalt" mit klar definierten Grenzen: sozialen
Grenzen im Binnenverh&auml;ltnis zwischen Personal und Insassen, r&auml;umlichen
Grenzen im Au&szlig;enverh&auml;ltnis zwischen Lager und Au&szlig;enwelt.
Beide Grenzziehungen lie&szlig;en sich bei einem Fu&szlig;marsch nur schwer
aufrechterhalten, zumal wenn dieser mehrere Tage dauerte, durch un&uuml;bersichtliches
Gel&auml;nde f&uuml;hrte und einem der Feind st&auml;ndig auf den Fersen
war.
<p>So wurden die Binnengrenzen bei Fu&szlig;m&auml;rschen oft durchl&auml;ssig.
Bewacher, ebenfalls von den Strapazen des Marsches ersch&ouml;pft, und
H&auml;ftlinge urinierten eintr&auml;chtig nebeneinander in den Stra&szlig;engraben,
und H&auml;ftlinge halfen SS-Leuten beim Tragen der Rucks&auml;cke gegen
Zigaretten und Brot. Zum Problem f&uuml;r die SS wurde aber vor allem die
Sicherung der Grenze nach au&szlig;en. Die Marschkolonne war das "KZ auf
Wanderschaft". Nicht mehr der Stacheldraht, ortsfest verankert und sichtbar,
markierte die Grenze zwischen Innen und Au&szlig;en, sondern der wandernde
unsichtbare Linienzug, mit dem man sich die SS-Wachm&auml;nner der Postenkette
rund um die einzelnen Marschbl&ouml;cke verbunden denken musste. Auch die
Marschbl&ouml;cke selbst, oft mehrere hundert Meter voneinander entfernt,
waren nicht mehr physisch miteinander verbunden, wie etwa die Waggons eines
Transportzuges durch die st&auml;hlernen Kupplungen.

<p>Aber auf Fu&szlig;m&auml;rschen war das Lager nicht nur in seiner
Form (als geschlossene Anstalt) gef&auml;hrdet, sondern auch in seiner
Existenz. Denn der Gegner, vor dem man sich auf der Flucht befand, dr&uuml;ckte
aufs Tempo. Daher auch die gnadenlose Antreiberei. Es gibt wohl keinen
Bericht &Uuml;berlebender, in dem nicht erw&auml;hnt w&uuml;rde, dass die
SS jeden H&auml;ftling erschoss, der aus Ersch&ouml;pfung nicht mehr weiter
konnte. Daher auch der Name "Todesm&auml;rsche", den die H&auml;ftlinge
diesen Transporten zu Fu&szlig; gaben. Es ist m&uuml;&szlig;ig, dar&uuml;ber
zu diskutieren, ob es f&uuml;r diese T&ouml;tungen Befehle von h&ouml;herer
Stelle gab, ob die SS-M&auml;nner auf generelle Anweisung eines Lagerkommandanten
handelten oder aus eigenem Antrieb.

<p>Offizielle Weisungen sahen sogar eine durchaus humane Behandlung
der "ausfallenden Marschierer" vor, etwa sie zu sammeln und auf Schlitten
oder Pferdewagen dem Fu&szlig;transport hinterher zu schicken. Auch sollen
einzelne Lagerf&uuml;hrer ausdr&uuml;cklich verboten haben, H&auml;ftlinge
zu erschie&szlig;en. Nur half das dem vor Schw&auml;che zusammengebrochenen
H&auml;ftling wenig. Er hinderte den Transport am z&uuml;gigen Vorankommen,
bedrohte dadurch die Sicherheit jedes einzelnen SS-Mannes und hatte damit
in der Kriegslogik des "Er oder Ich" sein Leben verwirkt.
<p>Wie bei den Bahntransporten, waren auch auf den Fu&szlig;m&auml;rschen
Hunger und Durst, Schmerzen und K&auml;lte die st&auml;ndigen Begleiter
der H&auml;ftlinge. Auch hier erschoss die SS scheinbar wahllos einzelne
Gefangene. Und immer wieder wird von Massent&ouml;tungen berichtet. So
etwa bei Palmnicken in Ostpreu&szlig;en Ende Januar 1945, wo mehrere Tausend
j&uuml;dische KZ-H&auml;ftlinge, &uuml;berwiegend Frauen, ins Meer getrieben
und erschossen wurden, oder bei Gardelegen in der Altmark, wo in der Nacht
des 13. April 1945 in einer gro&szlig;en Feldscheune &uuml;ber tausend
H&auml;ftlinge bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Nur jeweils eine
Handvoll &uuml;berlebte diese Massaker.

<p>Auf allen Evakuierungsm&auml;rschen machten sich Aufl&ouml;sungstendenzen
bemerkbar. Vor allem im April 1945 kam es h&auml;ufig vor, dass sich gr&ouml;&szlig;ere
Marschkolonnen teilten und getrennte Wege nahmen oder dass sich kleinere
Gruppen einer gr&ouml;&szlig;eren Marschs&auml;ule anschlossen. Nicht wenige
H&auml;ftlinge, vor allem Deutsche, aber auch Tschechen und Polen mit guten
deutschen Sprachkenntnissen, passten eine Aufmerksamkeitsl&uuml;cke ihrer
Bewacher ab, um zu fliehen, oftmals mit Erfolg. Auch SS-Personal und "belastete"
Funktionsh&auml;ftlinge nutzten g&uuml;nstige Gelegenheiten, einzeln oder
in kleinen Gruppen den Transport zu verlassen und in Zivilkleidung unterzutauchen.
<p>Zuweilen entstanden auch innerhalb der SS Spannungen, Streitigkeiten,
ja sogar etwas wie eine Meuterei, eine Situation, die geistesgegenw&auml;rtige
H&auml;ftlinge zur Flucht auszunutzen wussten. Andere flohen im Schutze
der Dunkelheit und versteckten sich, vornehmlich in den einsamen Waldgebieten
Norddeutschlands.
<p>Wenn sie Gl&uuml;ck hatten und nicht von der SS, von deutschen Soldaten
oder Zivilisten aufgegriffen wurden - was in der Regel ihren Tod bedeutete
- konnten sie sich solange verbergen, bis sie von alliierten oder sowjetischen
Truppen befreit wurden.

<p>Das Verhalten der deutschen Zivilbev&ouml;lkerung gegen&uuml;ber
H&auml;ftlingen auf Evakuierungstransporten hing stark von der Situation
ab, in der man einander begegnete. Grunds&auml;tzlich sahen die Deutschen,
verhetzt durch die NS-Propaganda, in den Insassen der Konzentrationslager
h&ouml;chst gef&auml;hrliche Verbrecher. Dort, wo die SS die H&auml;ftlinge
auf Distanz hielt, etwa beim Halt eines Transportzugs auf einem Unterwegsbahnhof,
brauchte sich der "brave, anst&auml;ndige Deutsche", wie er sich so gern
von seinem "F&uuml;hrer" titulieren lie&szlig;, nicht zu f&uuml;rchten.
Seine &uuml;bliche Reaktion war Gleichg&uuml;ltigkeit: Man nahm mit den
Augen wahr, hatte aber nichts gesehen; zumindest haben es die H&auml;ftlinge
so empfunden. Waren jedoch H&auml;ftlinge aus einem Transport geflohen,
so beteiligte sich die Zivilbev&ouml;lkerung, M&auml;nner, Frauen, Kinder,
eifrig an den zynisch "Hasenjagd" genannten Mordaktionen.

<p>Die meisten Begegnungen zwischen H&auml;ftlingen und der Zivilbev&ouml;lkerung
ergaben sich auf den Todesm&auml;rschen, die durch Hunderte kleiner und
gro&szlig;er St&auml;dte und D&ouml;rfer kamen, deren Augenzeugen Hunderttausende
deutscher B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger wurden. Es ist auff&auml;llig,
wie unterschiedlich deren Reaktionen den jeweils Beteiligten in Erinnerung
geblieben sind. Von deutscher Seite wird durchg&auml;ngig das berichtet,
was unter Historikern "die Legende vom Butterbrot" genannt wird: Man habe
Mitleid mit den Gefangenen empfunden und versucht, wo es nur irgend m&ouml;glich
gewesen sei, ihnen Wasser zu geben und Brot oder Kartoffeln zum Essen zuzustecken,
und das stets unter erheblichem pers&ouml;nlichen Risiko.
<p>Die ehemaligen H&auml;ftlinge haben meist anderes in Erinnerung.
Das Spektrum berichteten Verhaltens reicht von brutaler Aggression bis
zu stumpfer Gleichg&uuml;ltigkeit, und nur sehr selten wird von Hilfsbereitschaft
erz&auml;hlt. Wie es der israelische Historiker Shmuel Krakowski, &Uuml;berlebender
von Auschwitz, formuliert hat: <i>"Es stimmt, es gab Ausnahmen [...] Aber
diese waren so selten, dass sie nur den Beweis daf&uuml;r liefern, dass
es wirklich M&ouml;glichkeiten gab, Menschenleben zu retten, wenn die Deutschen
nur mehr Zivilcourage und menschliches Empfinden gezeigt h&auml;tten und
weniger Loyalit&auml;t zum Naziregime - und w&auml;re es nur w&auml;hrend
der letzten Wochen und Tage des Krieges gewesen."</i>

<p>Der Transport als "KZ auf R&auml;dern" bzw. "auf Wanderschaft" unterstand
bis zur Ankunft im Aufnahmelager weiterhin der Befehlsgewalt des Kommandanten
des abgebenden bzw. in Aufl&ouml;sung befindlichen Lagers. Er und die h&ouml;heren
Chargen der Lager-SS k&uuml;mmerten sich jedoch unterwegs in der Regel
nicht um den Transport selbst. Man fuhr in privaten oder lagereigenen Kraftwagen
vor, hinter oder neben dem Transport her, wenn man es nicht vorgezogen
hatte, sich samt Fahrzeug "abzusetzen", wie etwa Richard Baer, der letzte
Kommandant von Auschwitz und danach von Mittelbau-Dora, bei den Evakuierungen
dieser Lager.
<p>Die Befehlsgewalt &uuml;ber den Transport hatte der Lagerkommandant
in der Regel an einen seiner SS-F&uuml;hrer oder Unterf&uuml;hrer delegiert,
den er zum "Transportf&uuml;hrer" ernannt hatte. Mit dem Eintreffen im
Aufnahmelager ging die Befehlsgewalt &uuml;ber H&auml;ftlinge und SS-Personal
auf den Kommandanten des aufnehmenden Lagers &uuml;ber. F&uuml;r die H&auml;ftlinge
bedeutete das unter anderem, dass sie sich erneut der entw&uuml;rdigenden
Aufnahmeprozedur zu unterziehen hatten und neue H&auml;ftlingsnummern erhielten.
Die Neuzug&auml;nge wurden bis etwa Mitte April 1945 unverz&uuml;glich
zum Arbeitseinsatz eingeteilt bzw. an Au&szlig;enkommandos weitergeleitet.
Tote, die mit den Transporten ankamen, wurden gar nicht erst registriert.

<p>War bei einem Transport zu Fu&szlig; damit zu rechnen, dass in K&uuml;rze
ein gegnerischer Truppenverband die Marschkolonne einholen w&uuml;rde,
so pflegte die SS die Flucht zu ergreifen, wobei sie manchmal noch ein
letztes Blutbad unter den H&auml;ftlingen anrichtete. Meist machte sie
sich aber heimlich aus dem Staube, ohne die H&auml;ftlinge weiter zu behelligen.
Zuweilen l&ouml;ste auch ein Transportf&uuml;hrer wegen der Aussichtslosigkeit
der milit&auml;rischen Lage den ganzen Transport auf eigene Verantwortung
auf und stellte sogar den H&auml;ftlingen Entlassungsscheine aus. Es dauerte
dann in der Regel nicht mehr lange, bis die ersten amerikanischen oder
sowjetischen Panzer erschienen und den H&auml;ftlingen ihre Befreiung brachten.
<p>Der Historiker Martin Broszat hat gesch&auml;tzt, dass von den ca.
720.000 H&auml;ftlingen, die sich Mitte Januar 1945 in den KZs befanden,
ein Drittel das Kriegsende nicht erlebte oder kurz darauf an den Folgen
der KZ-Haft verstarb. Diese Sch&auml;tzung hat auch im Lichte neuerer Forschungen
Bestand. Etwa drei Viertel dieser Toten, also rund 180.000 Mann, d&uuml;rften
dabei auf das Konto der Lagerevakuierungen gehen.

<p>Mag auch einem Au&szlig;enstehenden das hektische Hin- und Herschieben
der H&auml;ftlinge von Lager zu Lager, das scheinbar ziellose Umherfahren
und -marschieren im immer rascher schrumpfenden Rest des einstigen "Gro&szlig;deutschen
Reiches" als "so irrsinnig wie nutzlos",&nbsp; "ohne irgend einen vern&uuml;nftigen
Grund" erscheinen: Der SS der Konzentrationslager half es, sie vor dem
Frontdienst zu bewahren und sich durch rechtzeitiges "Untertauchen" der
gerechten Strafe f&uuml;r ihre Verbrechen zu entziehen. Nicht mehr als
etwa vier Prozent aller SS-Leute, die in Konzentrationslagern Dienst getan
hatten, wurden nach Kriegsende vor Gericht gestellt, und die meisten dieser
Verfahren, vor allem die vor (west-)deutschen Gerichten, endeten mit Einstellung
oder Freispruch.
<p><i>Dr. phil. Joachim Neander, freier Mitarbeiter des Panstwowe Muzeum
Auschwitz-Birkenau w Oswiecimiu, Krak&oacute;w, Polen</i>
<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>3. Ausz&uuml;ge aus Zeitzeugenberichten
zu den Todesm&auml;rschen</b>

<p><b>Interview mit dem ehemaligen
H&auml;ftling F. (Joachim Neander, 1993)</b>
<p>Herr F. kam 1937 als Kommunist ins KZ Buchenwald, war dann bei der
SS-Baubrigade in Duisburg eingesetzt mit Aufr&auml;umarbeiten nach Bombenangriffen,
kam dann nach Wieda und war dort offenbar in der Lagerk&uuml;che t&auml;tig,
die auch das Essen f&uuml;r die Au&szlig;enkommandos (Osterhagen, N&uuml;xei
etc.) zubereitete. Er und seine Kameraden wurden im Zuge der Evakuierung
von Wieda aber zu Fu&szlig; nach Dora verbracht. An den Evakuierungstransport
mit der Bahn kann er sich noch teilweise erinnern. Er wei&szlig; noch,
dass der Zug lange in Tettenborn liegen blieb, weil die Maschine defekt
war, dass dann noch eine andere Lok mit weiteren Wagen dazu kam, dass es
insgesamt ein riesig langer Zug war und dass sie vor Osterode nicht weiter
konnten und aussteigen mussten.
<p><i>"Wir wurden gefragt, wer sich den Fu&szlig;marsch zutraut, soundso
viel Kilometer",</i> erinnert er sich noch. Wer Transportf&uuml;hrer oder
-begleiter war, wei&szlig; er nicht mehr, aber: <i>"Die Bewachung war sehr
streng. ... Wir sind waggonweise marschiert, so wie wir eingeladen wurden,
eine besondere Einteilung gab es nicht. Reden durften wir miteinander,
also mit dem Nebenmann, nicht &uuml;ber ein, zwei Reihen hinweg. Wer nicht
mehr laufen konnte, wurde erschossen, wir sind an manchen Toten vorbeigekommen
... Der ganze Harz ist ja voller klarer B&auml;che, aber wer aus dem Bach
trinken wollte, kam nicht mehr hoch, wurde erschossen ... Kontakte mit
der Bev&ouml;lkerung hatten wir keine, die Stra&szlig;en waren wie leergefegt,
die Leute standen hinter den Fenstern."</i> Auf die Frage, ob er sich erinnern
k&ouml;nne, dass Einwohner den H&auml;ftlingen etwas zu essen oder trinken
gegeben h&auml;tten, wie von Zeitzeugen aus der Bev&ouml;lkerung oft berichtet
wird, sagte er nur, das k&ouml;nne durchaus sein, es sei ja eine sehr lange
Marschkolonne gewesen, aber er k&ouml;nne sich selbst an so etwas nicht
erinnern. Wichtig zum &Uuml;berleben sei immer gewesen: <i>"Man mu&szlig;

bei der Masse bleiben."</i>
<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Bericht von Frau E. &uuml;ber den fr&uuml;hen 8. April 1945 in Osterode
(Joachim Neander, 1993)</b>
<p><i>"Wir kamen von der Johanniskirche, meine Mutter und ich. Es war
am wei&szlig;en Sonntag 1945, und die Messe war sehr fr&uuml;h, fr&uuml;her
als &uuml;blich, weil man nicht wu&szlig;te, wann die Amerikaner kommen
und ob es K&auml;mpfe geben w&uuml;rde. Wir wohnten heute wie damals in
der Scheerenberger Stra&szlig;e, etwa gegen&uuml;ber dem Haus der Jugend.
Etwa auf der H&ouml;he Bleichestelle begegnete uns der Zug der Gefangenen.
Sie kamen von der S&ouml;sebr&uuml;cke her und nahmen die ganze Fahrbahn
ein. Ob sie in F&uuml;nferreihen gingen..., kann ich nicht mehr sagen.
Einige wurden auch getragen, von zweien, die die H&auml;nde so gekreuzt
hatten und den dann trugen. Andere wurden gest&uuml;tzt von anderen. Was
ich noch ganz genau in Erinnerung habe: Neben dem Zug ging ein SS-Mann,
der hatte eine Peitsche in der Hand, mit einem ganz kurzen Stiel, aber
einer ganz langen ledernen Leine, der schlug die immer &uuml;ber den Leuten,
die Stra&szlig;e war ja von dem ganzen Zug eingenommen, und ich meine,
die Leine ging ganz dar&uuml;ber hinweg, so lang war die, und als er uns
sah, der hatte so stechende Augen, an die kann ich mich noch so genau erinnern,
ich dachte damals, so sieht der Teufel aus, ich sehe den immer noch mit
der Peitsche vor mir."</i>

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Interview mit Herrn G., Besch&auml;ftigter eines Osteroder Beerdigungsinstituts
(Joachim Neander, 1993)</b>
<p>G.: <i>"Ich bin da selbst nicht mitgewesen, das waren Leute von uns,
die die Leichen ausgegraben haben. Das war so ca. 1948-49, da war so eine
Kommission aus G&ouml;ttingen, die Leichen lagen im Wald vom Ende Lerbach
bis Heiligenstock, das waren eigentlich nur noch Knochen, die haben versucht,
die zu identifizieren."</i> N.: <i>"Wissen Sie, wo die Leichen lagen, gleich
hinter Lerbach - oder wo sonst?"</i> G.: <i>"Die waren da verteilt, &uuml;berall
am Wege im Wald."</i> N.: <i>"Haben Sie eine Ahnung, wie viele das gewesen
sein k&ouml;nnten?"</i> G.: <i>"Das m&uuml;ssen so ungef&auml;hr 8 Leichen
gewesen sein. Ich war ja selbst nicht dabei. Der Chef, der das am besten
wu&szlig;te, ist tot, und der andere, der da mit war, ist nach Amerika
ausgewandert. Die bekamen so ganz einfache S&auml;rge, Wohlfahrtss&auml;rge."</i>

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Andr&eacute; Mouton: Unverhoffte Wiederkehr aus dem Harz, Goslar
1999 (S. 179-181)</b>
<p>[Sonntag, 8. April 1945, morgens] <i>Der Todesmarsch. Wir haben seit
Mittwoch, dem 4. April, um 6 Uhr morgens, nichts mehr zu uns genommen...
Wir erhalten eine Dose Fleisch f&uuml;r drei Personen. Die SS ist sich
nicht dar&uuml;ber klar wovon sie spricht, wenn wir 35 Kilometer in unserem
Zustand zu Fu&szlig; gehen sollen. Wir lecken die Konservendose bis in
die letzte Ecke aus. F&uuml;r uns ist es gef&auml;hrlich, dieses Fleisch,
dessen Fett ziemlich geschmolzen ist, ohne Brot hinunterzuschlingen. Unser
Magen ist seit mehreren Tagen leer... Wir sind erst 10 oder 15 Kilometer
gelaufen und einige k&ouml;nnen schon nicht mehr. Viele wollen sich am
Stra&szlig;enrand niederlassen. Ein Fu&szlig;tritt, zwei Fu&szlig;tritte.
Wer dann nicht aufsteht, bleibt f&uuml;r immer liegen. Eine Revolverkugel
und die ewige Ruhe ist da.</i>

<p><i>Die M&uuml;digkeit lastet so schwer auf den M&auml;nnern, da&szlig;
sie sich nicht mehr um die Gefahr k&uuml;mmern. Sie werden unbedacht und
einige Augenblicke sp&auml;ter existieren sie nicht mehr. Wer dem Marsch
nicht folgen kann, wird auf der Stelle erschossen. Die SS will nicht das
Risiko eingehen, auch nur einen Mann am Leben zu lassen... Wir denken an
die Kameraden, die wir in Osterode zur&uuml;ckgelassen haben... Wir marschieren
in der Mitte der Stra&szlig;e, unsere Schutzengel an jeder Seite. Die kleine
Mannschaft von f&uuml;nf oder sechs, die wir bilden, befindet sich am Ende
der Kolonne. Im Vorbeigehen entdecken wir am Verlauf der Strecke im Graben
die K&ouml;rper unserer armen Kameraden, die gerade erschossen worden sind,
vielleicht insgesamt hundert.</i>
<p><i>Wir machen immer einmal Halt. Es ist dann einfach, sich hinzusetzen.
Weiterzugehen ist eine andere Sache. Einige von uns werden nicht weitergehen
k&ouml;nnen. Jedesmal, wenn sie versuchen aufzustehen, fallen sie wieder
hin. Die SS-Leute erschie&szlig;en alle, die sich von der Kolonne zur&uuml;ckfallen
lassen. Wir nehmen den Weg wieder auf, um die gleichen Szenen einige Kilometer
weiter wieder zu sehen. Was f&uuml;r ein Alptraum f&uuml;r den, der das
erlebt hat! Diese Bilder werden ihn sein Leben lang nicht verlassen.</i>

<p><i>Es ist Nacht. Wir durchqueren den Wald. Die Lust, in den Wald
zu entfliehen, juckt uns. Die Wachen sind aber zu zahlreich... Die Maschinenpistolen
werden knattern, bevor wir den Graben &uuml;berschritten haben. Unsere
wei&szlig;blaue oder schwarzwei&szlig;e Kleidung ist zu gut sichtbar. Wir
w&auml;ren ideale Ziele. Das w&auml;re selbstm&ouml;rderisch. In Osterode,
am Anfang des Marsches, haben sie selektiert. Sie machen das am Ende noch
einmal. Die schw&auml;chsten werden eliminiert. Als wir am Bahnhof ankommen,
haben nur die Widerstandsf&auml;higsten &uuml;berlebt. F&uuml;r wie lange
und zu welchen Bedingungen? Werden wir jetzt essen? Was f&uuml;r eine Reise
werden wir danach unternehmen?</i>
<p><i>Wir erreichen den Bahnhof von Oker. Wir sind m&uuml;de und ersch&ouml;pft.
Hinter uns in den Gr&auml;ben haben wir eine gro&szlig;e Anzahl unserer
Kameraden gelassen. Es ist elf Uhr abends... Die SS umstellt uns nach und
nach, so wie wir ankommen. Sie wollen nicht einen von uns lebend verlieren.
Viehwaggons erwarten uns. Wir steigen ein. Wir sind 136 pro Waggon.</i>

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Interview mit Margarete Westphal, B&uuml;rgermeisteramt Oker (Frank
Jacobs, 2001)</b>
<p>"<i>Ich, Margarete Westphal, geb. Politz, damals 22 Jahre alt, arbeitete
im Vorzimmer des B&uuml;rgermeisters im B&uuml;rgermeisteramt Oker. Am
Nachmittag des 8. Aprils 1945 erschien dort gegen 16 - 17 Uhr der Bahnhofsvorsteher
Herr Ra&szlig;feld und &uuml;berbrachte die Anordnung, dass s&auml;mtliche
freien G&uuml;terwaggons auf dem Bahnhof Oker bereitgestellt werden m&uuml;&szlig;ten,
da abends die Kazettler aus Dora nach ihrem Marsch &uuml;ber den Harz am
Bahnhof Oker verladen werden sollten. Die Stra&szlig;e aus dem Okertal
zum Bahnhof wurde eigens zu diesem Zweck gesperrt. Ich erinnere mich, dass
nach meinem Feierabend gegen 22 Uhr die ersten H&auml;ftlinge am s&uuml;dlichen
Ortseingang von Oker eintrafen. Ich stand zusammen mit dem Nachtw&auml;chter
an der Okerbr&uuml;cke und durfte die gesperrte Stra&szlig;e nicht &uuml;berqueren.
Wegen der Verdunkelung konnte man die H&auml;ftlingskolonne nur schemenhaft
erkennen, das Klappern der Holzschuhe wie bei einer Schafherde habe ich
aber noch deutlich im Ohr. Vor Erreichen des Bahnhofs wurden im Okertal
noch einige H&auml;ftlinge erschossen, Sch&uuml;sse am Bahnhof habe ich
nicht registriert. Erst nachdem die H&auml;ftlingskolonne passiert hatte,
durfte ich die Stra&szlig;e &uuml;berqueren, um meinen Heimweg fortzusetzen.
Vor der Verladung am Bahnhof Oker konnten 2 H&auml;ftlinge noch kurz vor
Ortseingang entweichen. Sie meldeten sich nach Einmarsch der Amerikaner
am 10.4.1945 und dem damit verbundenen Kriegsende in Oker im B&uuml;rgermeisteramt.
Beide ehemaligen H&auml;ftlinge blieben in Oker und heirateten dann sp&auml;ter
dort sogar."</i>

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>4. Der Marsch des Lebens</b>
<p>Die Idee zum "Marsch des Lebens" entwickelte Jean-Pierre Thiercelin,
Sohn eines verstorbenen Dora-H&auml;ftlings. Er setzte sich zusammen mit
der G&ouml;ttinger Gymnasiallehrerin Ren&eacute;e Grihon f&uuml;r die Verwirklichung
im Jahr 2000 ein.
<p>Jugendliche, Sch&uuml;ler/-innen, Lehrer/-innen, Angeh&ouml;rige
der regionalen Geschichtswerkst&auml;tten, Gedenkinitiativen und der KZ-Gedenkst&auml;tten,
insbesondere von Mittelbau-Dora, Zeitzeugen aus der Region sowie &Uuml;berlebende
der KZ-Lager und deren Angeh&ouml;rige gehen in Etappen &uuml;ber ca. vier
Jahre die historischen Route des Todesmarsches der 1.150 H&auml;ftlinge
der III. SS-Baubrigade (6. - 13. April 1945) ab zwischen den KZ-Au&szlig;enlagern
Osterhagen, N&uuml;xei und Mackenrode im S&uuml;dharz bis Gardelegen in
der Altmark, dem Ort des Massakers in der Feldscheune des Gutes Isenschnibbe.

<p>Sie tragen dabei wenige und geringf&uuml;gige Utensilien mit sich,
die jedoch f&uuml;r das &Uuml;berleben der Marschteilnehmer damals von
existenzieller Bedeutung waren. Diese Gegenst&auml;nde werden am jeweiligen
Etappenziel bei dem Repr&auml;sentanten der Gemeinde deponiert und im Folgejahr
wieder aufgenommen. Sie sollen am Marschziel in der Mahn- und Gedenkst&auml;tte
in Gardelegen &uuml;berreicht und dort dauerhaft verwahrt werden.
<p>Die erste Etappe verlief am 11. April 2000 von den KZ-Au&szlig;enlagern
Osterhagen, N&uuml;xei und Mackenrode bis zum ehemaligen Stammlager in
Wieda, wo eine Erinnerungstafel enth&uuml;llt wurde, und endete mit einer
Veranstaltung im Kurhaus der Gemeinde Wieda.
<p>Die zweite Etappe f&uuml;hrte am 23. April 2001 von Wieda bis Braunlage,
wo im Anschluss an den Marsch ausf&uuml;hrliche Gespr&auml;che stattfanden.
Am gleichen Tag wurden Stele und Tafel am Bahnhof Oker eingeweiht.

<p>Die dritte Etappe soll im April 2002 von Elend (Stelenenth&uuml;llung)
&uuml;ber Drei-Annen-Hohne und das Dr&auml;ngetal nach Wernigerode zum
Lager Steinerne Renne und letztlich zum KZ-Au&szlig;enlager mit der heutigen
Gedenkst&auml;tte Veckenstedter Weg f&uuml;hren; eine Teilstrecke k&ouml;nnte
mit der Harzquerbahn zur&uuml;ckgelegt werden, die damals den marschunf&auml;higen
Teil der H&auml;ftlinge transportierte. Vom Hauptbahnhof Wernigerode waren
die H&auml;ftlinge am 9. April 1945 zum Weitertransport, der f&uuml;r die
meisten vor Gardelegen endete, auf G&uuml;terwaggons verladen worden.</b>
<p>Der weitere Verlauf des Marsches des Lebens, der im April 2003 voraussichtlich
in Wernigerode beginnen wird, ist noch in Planung und der Ankunftstermin
in Gardelegen daher noch offen.

<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>&Uuml;ber die Initiatoren</b>
<p><b>Die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der S&uuml;dharzregion</b>
<p>Die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der S&uuml;dharzregion entstand
1997. Sie ist eine Vereinigung von Heimatforschern und Wissenschaftlern
des S&uuml;dharzes in Niedersachsen, Th&uuml;ringen und Sachsen-Anhalt.
Die gemeinsame Arbeit wird in viertelj&auml;hrlichen Treffen strukturiert.
Hinzu kommen Ma&szlig;nahmen und Ver&ouml;ffentlichungen einzelner Mitglieder,
Gruppen- und &Ouml;ffentlichkeitsarbeit sowie die Errichtung von Gedenkeinrichtungen.
Es besteht ein rotierendes Sprecheramt. Wer am Thema interessiert ist,
sei herzlich willkommen! Die Arbeitsgemeinschaft kooperiert eng mit der
KZ-Gedenkst&auml;tte Mittelbau-Dora, den Einrichtungen der Erwachsenenbildung,
den Berufsbildenden Schulen Osterode und den Vereinen Spurensuche Goslar
e.V. und "Jugend f&uuml;r Dora e.V.". Von Anfang an standen neben der Forschungst&auml;tigkeit
die Errichtung von St&auml;tten der Erinnerung, von Gedenksteinen und -tafeln
ebenso im Vordergrund wie Veranstaltungen, insbesondere zum 27. Januar
eines jeden Jahres als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus,
Exkursionen, Ver&ouml;ffentlichungen, Ausstellungen und Vortr&auml;ge.
Bedeutenden Raum nimmt das Wegzeichenprojekt Westharz zur Dokumentation
der drei Westharzer Todesm&auml;rsche vom April 1945 ein. Damit will die
Arbeitsgemeinschaft helfen, die Erinnerung wachzuhalten und so Folgerungen
auch f&uuml;r das eigene Verhalten in der Gegenwart zu ziehen. Diese aktive
Erinnerungsarbeit soll Zivilcourage wecken und das Engagement f&uuml;r
die Gestaltung einer demokratischen, die Menschenrechte achtenden Gesellschaft
st&auml;rken.

<p><b>Firouz Vladi</b>, D&uuml;na 9a, D-37520 Osterode am Harz, e-mail <a href="mailto:fvladi@t-online.de">fvladi@t-online.de</a>
<p><b>KZ-Gedenkst&auml;tte Mittelbau-Dora</b>, D-99734 Nordhausen, e-mail <a href="mailto:Gedenkstaette.mittelbau-dora@t-online.de">gedenkstaette.mittelbau-dora@t-online.de</a>
<p>
<hr WIDTH="100%">
<p><b>Der Verein "Spurensuche Goslar e.V."</b>
<p>Der Verein besteht seit 1998 als Zusammenschluss engagierter B&uuml;rgerinnen
und B&uuml;rger, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Geschichte
der w&auml;hrend der NS-Zeit in die Region Goslar und im Nordharzgebiet
verschleppten ZwangsarbeiterInnen aufzuarbeiten. Mit Unterst&uuml;tzung
der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung wurden Kontakte zur russischen Menschenrechtsorganisation
"Memorial" gekn&uuml;pft und die aktuellen Adressen von ehemaligen ukrainischen
ZwangsarbeiterInnen ausfindig gemacht werden, die in Goslar und Umgebung
Zwangsarbeit leisten mussten. Davon meldeten sich ca. 30 heute noch lebende
Zwangsarbeiter, die in ihren Briefen an den Verein ihre z.T. ersch&uuml;tternden
Erlebnisse w&auml;hrend der Verschleppung dokumentiert haben. In Ver&ouml;ffentlichungen
des Vereins wird die Rolle der beiden gr&ouml;&szlig;ten Betriebe in der
Region Goslar, die Zwangsarbeiter besch&auml;ftigten (Bergwerks- und H&uuml;ttenbetriebe
der sp&auml;teren Preussag AG Metall und Gebr. Borchers A.G./H.C. Starck),
kritisch beleuchtet. &Uuml;ber die reine historische Aufarbeitung des Themas
mit intensiver &Ouml;ffentlichkeitsarbeit, wissenschaftlichen Publikationen
und einer Wanderausstellung als Beitrag zur Aufarbeitung dieses verdr&auml;ngten
Kapitels Regionalgeschichte haben wir erreicht, dass sich das Rammelsberger
Bergbaumuseum intensiv und mittlerweile vorbildlich mit der Geschichte
der Preussag-Zwangsarbeit besch&auml;ftigt. Mit unserer Arbeit fanden wir
sogar anerkennende Erw&auml;hnung in der abschlie&szlig;enden Bundestagsdebatte
zum Stiftungsgesetz. Aktive MitarbeiterInnen sind uns herzlich willkommen!

<p><b>Vorsitzender Frank Jacobs</b>, PF 2505, 38615 Goslar, <a href="http://www.f-jacobs.de/"><img src="http://www.spurensuche-harzregion.de/images/ex.jpg" style="width:11px">&nbsp;www.f-jacobs.de</a>,
e-mail <a href="mailto:f-jacobs@t-online.de">f-jacobs@t-online.de</a>
<p><b>Friedhart Knolle</b>, Grummetwiese 16, 38640 Goslar, <a href="http://www.fknolle.de/"><img src="http://www.spurensuche-harzregion.de/images/ex.jpg" style="width:11px">&nbsp;www.fknolle.de</a>,
e-mail <a href="mailto:fknolle@t-online.de">fknolle@t-online.de</a>
<p><b>Wolfgang Janz</b>, Wasserstr. 15, 38644 Goslar, Tel./Fax 05321/81429

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