- Forschungs- und Erinnerungsarbeit zu Zwangsarbeiterschicksalen und NS-Geschichte im Harzgebiet -
Dokumentation: Veranstaltung - Displaced Persons, Flüchtlinge und Vertrieben nach 1945
Vortrag und Präsentation der Veranstaltung vom 21. Januar 2016 in Jürgenohl

Publikationen zur Zeitgeschichte - insbesondere NS-Zeit und ihren Nachwirkungen
Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Konzept

Auschwitz und die Nachkriegszeit: Das Beschweigen und die Integration des IG-Farben Funktionärs aus Monowitz H. Schneider in die Stadtgesellschaft Goslars
Vortrag

UNSER HARZ: Gedenkstätte "Russenfriedhof" am Massengrab der Sprengstoff-Fabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld
Pressemitteilung zur Ausgabe Januar 2014

Dr. Peter Schyga. NS-Macht und evangelische Kirche in Bad Harzburg
Neuerscheinung.

Peter Lehmann: geachtet - geleugnet - geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode
Neuerscheinung. Pressemitteilung.

Frank Baranowski. Rüstungsproduktion in der Mitte Deutschlands 1929 - 1945
Neuerscheinung. Rezension

Nachreichung: Goslar und die Harzburger Front - die Radikalisierung des Bürgertums.
Vortrag im Rahmen der Ausstellungspräsentation am 26.4.2012 im Kreishaus Goslar

Nachreichung: Im Gleichschritt zur Diktatur? Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" in der Harzburger Front1
Vortrag

Nachreichung: Zur Einführung in die Ausstellungspräsentation am 24.4.2012 im Kreishaus Goslar
Rede

NS-Geschichte der Goslarer Fa. H.C. Starck aufgearbeitet - Bd. 5 "Spuren Harzer Zeitgeschichte"
Presseinformation

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Die Formierung des "Rechtsextremismus der Mitte"

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Frieden undenkbar?

Politisches Frühjahr 1933: Terror und Gewalt - Begeisterung und Jubel
Vortrag von Dr. Peter Schyga

Nachreichung: Rede von Peter Schyga während der Ausstellungseröffnung zur Harzburger Front in Wernigerode
Redeprotokoll

Auf den Spuren der NS-Kriegswirtschaft im Harz
Artikel zum Thema in "Der Zeppelin" erschienen

"Festung Harz - Die extreme Rechte im Landkreis Goslar und der niedersächsischen Harzregion"
Vortragsveranstaltung am Freitag, den 27. August um 19:00 Uhr, in der Jugendherberge Goslar, Rammelsberger Straߟe 25, Raum Rammelsberg

"Geschichte und Geschichten aus Hahndorf am Harz, Band 1"
Neue Chronik von Hahndorf erschienen

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Dokumentation des Symposiums

Der Reichsnährstand in der Reichsbauernstadt - Eine symbiotische Beziehung?
Redebeitrag von Dr. Peter Schyga auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Wie die Nazis die Bauern betrogen
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Das Erntedankfest als Einfallstor für die religiöse üœberhöhung des "Führers"
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Ausstellungskatalog - Neuerscheinung

Vorstellung der neuen Broschüre "NS-Zwangsarbeit in Seesen am Harz - ein fehlendes Kapitel Stadtgeschichte"
08.12.2009, 12:00Uhr, Bürgerhaus Seesen

Pressemitteilung
Dokumentation zur Harzburger Front aufgrund der großen Nachfrage in Neuauflage erschienen

Neuerscheinung: "Du sollst keinen Gott haben neben mir"
Neuerscheinung - Buchveröffentlichung am 09. Oktober 2009 in der Marktkirche

Katalog zur Ausstellung "Harzburger Front - Im Gleichschritt in die Diktatur"
Neuerscheinung - Ausstellungskatalog

Ein mahnendes Zeitdokument in Bildern
Neuerscheinung - NS-Zeit in Herzberg

Ausstellung Harzburger Front
Ausstellungsflyer zum Download

Beitrag in - Der Harly - Von Wöltingerode zum Muschelkalkkamm
Artikel über den Harly in der NS-ZEit

Neue Broschüre: Arbeiten für Groß-Deutschland - Zwangsarbeit in Bad Lauterberg
Pressemitteilung

Von der Ausgrenzung zur Vernichtung - Leben und Leiden Goslarer Juden 1933 - 1945
Ausstellung in der Marktkirche Goslar vom 09. - 26. Nov

Neuerscheinung - Zwangsarbeit bei Gebr. Borchers/H.C. Starck - "Briefe meines Vaters 1943 - 1945"
Im Februar 1943 wurde Max Dalkowski bei einer Straßenrazzia in Warschau festgenommen...

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 2
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Harzburger Front von 1931 - Fanal zur Zerstörung einer demokratischen Republik.

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 1
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Die Reichspogromnacht am 09./10. Nov 1938 in Goslar.

Holocaust-Gedenktag 2007
Dokumentation der Veranstaltung in Langelsheim

Die NS-Rüstungsaltlast "Werk Tanne"
Sprengstoffproduktion im Harz

Rundgang durch die "Reichsbauernstadt"
Stätten der NS-Herrschaft in Goslar

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 2
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 1
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

Buchbesprechung - Dr. Peter Schyga: Goslar 1918 - 1945
Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus - Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Quellen und Literaturverzeichnis
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 11
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 10
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 9
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 8
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 7
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 3
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 2
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 1
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

1944/45: Der Bau der Helmetalbahn
Sklavenarbeit mitten in unserer Heimat

Die verdrängte Vergangenheit
Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen, 65 Abb., 15-seitiger Dokumentenabdruck

Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar
Verein Spurensuche Goslar e.V., Wolfgang Janz, Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar, Goslar 2003

Spurensuche Goslar in der Bundestagsdebatte
Deutscher Bundestag, 114. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 6. Juli 2000

"Gebt uns unsere Würde wieder" - Die Briefe
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

"Gebt uns unsere Würde wieder"
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker
Das Wegzeichenprojekt Westharz und der Marsch des Lebens

Zur Einführung in die Ausstellungspräsentation am 24.4.2012 im Kreishaus Goslar

Peter Schyga, Hannover

Text als PDF

Ich möchte in dieser Einführung etwas zu Sinn und Zweck der Ausstellung im Kontext von so genannter Erinnerungsarbeit sagen.
Eine Anmerkung zur inhaltlichen Struktur der Präsentation der Harzburger Ereignisse vom 11. Oktober 1931 sei gemacht, damit Sie sich beim Betrachten schneller zurechtfinden.

Mündlich

Für Fragen, kritische Bemerkungen – auch für die Entgegennahme von Lob – stehen wir Ausstellungsmacher jederzeit zur Verfügung –persönlich, per Internet, wie auch immer.

Herzlich einladen möchte ich Sie zu unseren beiden Fachvorträgen, die Elemente der Ausstellung inhaltlich vertiefen, die zudem nicht nur Platz für Diskussion einräumen, sondern diese ermuntern sollen. In meinem Vortrag am Do. zur Radikalisierung des Bürgertums nehme ich diese Entwicklung hier vor Ort näher in den Blick – auch im Vergleich zu anderen Orten der Region, den ich auf Grundlage eigener Forschungen ziehen kann.

Für nächsten Do. haben wir die Historikerin Anke Hoffstadt aus Düsseldorf eingeladen. Unter dem Titel „Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten in der Harzburger Front“ wird sie die Rolle dieses größten Wehrverbandes von Weimar intensiv beleuchten. Es ist Thema ihrer jüngst abgeschlossenen Dissertation, wir können uns also auf hohe Kompetenz freuen. Die Referentin wird zeigen, wie sehr sich die Akteure als Konkurrenten gegenüberstanden. Dabei wird deutlich, dass das „Projekt Harzburger Front“ zwischen der NSDAP und Stahlhem/Hugenberg zu kaum einem Zeitpunkt als kooperatives, 2 konzertiertes und partnerschaftliches Vorgehen zum Sturz der Regierung gedacht war.

Jetzt also nur ein paar Gedanken zum Thema – salopp gesagt: was soll das Ganze?

Sie wissen sicher, dass die ursprüngliche Ausstellung für den Ort des damaligen Geschehens, Bad Harzburg, konzipiert und verwirklicht wurde. Ein intensiver öffentlicher bürgerschaftlicher Diskurs um die inhaltliche und gestalterische Bearbeitung dieses wichtigen Abschnitts deutscher Geschichte schuf einen politischen Konsens in der Stadt, der die Realisierung im Frühjahr 2009 ermöglichte. Knapp 3 Jahre stand sie in der Wandelhalle, dann musste sie wieder entfernt werden. Auf die Gründe will ich jetzt nicht eingehen. Was sie ab heute hier sehen, ist die text- und bildidentische Wanderversion, die wir, auf Nachfrage außerhalb der Stadt reagierend, nachträglich erarbeitet und produziert haben. Sie wurde 2010 im niedersächsischen Landtag vom Präsidium und Kultusministerium eröffnet worden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung, die RosaLuxemburg-Stiftung (ich vergesse keine, wir haben bei allen parteinahen Stiftungen – Adenauer-, Naumann-, Böll-Stiftung Förderanträge gestellt, es gab eben auch Ablehnung und/oder Ignoranz) gaben neben der Stadt, dem Landtagspräsidium, Stiftung Nord/LB-Öffentliche und der Niedersächsischen Gedenkstättenstiftung Mittel für die Realisierung dieser hier zu sehenden Wanderversion und für Anschlussforschungen. Seitdem reisen wir durch die Lande, sind mal länger, mal kürzer an den Orten präsent. Dies ist unsere siebte Station. Und ich danke ausdrücklich den hier Verantwortlichen, dass diese Präsentation auch wgen der Unterstützung durch die Sparkasse Goslar/Harz möglich wurde.

Dass diese Wanderung ganz gut funktioniert, liegt neben dem Engagement von Seiten unserer Kooperationspartner vor Ort, mit denen wir manch umfangreiches Begleitprogramm organisieren, auch am Thema und seiner Aufbereitung. Es geht ja nicht nur um ein lokales Ereignis, sondern allgemein 3 um die Formierung der die Republik stürzenden Kräfte von Weimar: Zwar war Bad Harzburg 1931 kein willkürlich gewählter Ort, – es gab für die Initiatoren damals gewichtige politische und logistische Gründe, in die Stadt zu ziehen, so galt etwa das preußische Uniformverbot im Freistaat Braunschweig nicht – doch hätte diese Veranstaltung fast überall im Reich ähnliche Resonanz gefunden. Die Stimmung war überall entsprechend.

Wir wollen im Rahmen dieser Ausstellungspräsentation ermuntern, den Weg der Nationalsozialisten an die Macht sowie ihre Machtsicherung und -entfaltung in der materiellen Herstellung und ideologischen Konstruktion von NSVolksgemeinschaft vor Ort zu erforschen und zu vermitteln. Es sollen also Hintergründe und Triebkräfte einer Bewegung und ihrer Unterstützer erforscht werden, die fast ein ganzes Volk hinter sich und ihre rassistisch, imperialverbrecherischen Taten sammeln konnte. Nun sind wir in Goslar – und ich behaupte, dass die wissenschaftliche Arbeit zum lokalen und regionalen Nationalsozialismus in den letzten etwa 20 Jahren erhebliche Ergebnisse zustande gebracht hat, der Prozess der weiteren Forschung deshalb noch lange nicht irgendwie abgeschlossen ist. Als an diesem Prozess seit Jahrzehnten aktiv Beteiligter fragt man sich manchmal – auch selbstkritisch –, was damit erreicht worden ist bzw. was damit erreicht werden soll.

Die Einbindung von Forschung in Buchdeckel kommt oft ihrer Versiegelung gleich, ihre Präsentation im Internet bläht vielfach nur die Informations- und Meinungswolken auf. Zwar werden Forschungsprodukte im Unterschied zu früher zumeist freundlicher aufgenommen, doch der öffentliche politische und kulturelle Raum wird durch sie kaum oder gar nicht berührt. Diese Defizite sind allgemein zu beobachten und sie werden spürbar und erfahrbar, wenn Geschichte in die öffentliche Gegenwart gespült wird, wenn politische Entscheidungen auf der Grundlage von historischer Urteilskraft gefällt werden müssen, wenn Meinungs- und Ansichtengebrabbel hoch komplexe, aufgrund 4 unserer Vergangenheit zu Recht moralisch aufgeladene Sachdebatten überlagern und beherrschen.

Ein paar Beispiele aus jüngster Zeit unterstreichen m.E., wie notwendig die Erarbeitung und allgemeine – damit meine ich eine nicht auf Schulen und die Jugend konzentrierte – Vermittlung von historischem Wissen für politische Auseinandersetzungen ist.

GRASS

Wenn ein greiser deutscher Dichter öffentlich zum Thema Israel irrlichtert, ist es kein Ausdruck von kollektiver Verantwortung gegenüber unserer jüngeren Geschichte, ihm seine adoleszente SS-Vergangenheit bzw. sein Verschweigen dieses Sachverhalts vor die schmökende Pfeife zu knallen. Von sozialpsychologischer Seite zu diagnostizieren, er habe sich über ein „Schweigeverbot“ hinweggesetzt, weil er aufgrund seiner „Verstrickung“ in die Nazizeit– welch ein Begriff für einen Mann Jahrgang 1927 – einen „verspannten Umgang mit dieser Vergangenheit“ habe, wie es der neue Stern am nationalen Geschichtsdeutungshimmel, Harald Welzer, tut, hat einiges mit anmaßender Denunziation zu tun, wird der Komplexität und Widersprüchlichkeit unserer so hoch gelobten Vergangenheitsbearbeitung aber überhaupt nicht gerecht. Angesichts der aus Umfragen ersichtlichen Tatsache, dass wohl eine Mehrheit der Deutschen und Europäer ähnliche Ansichten vertritt, eingedenk des in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesenen latenten und offenen Antisemitismus, muss man sich schon die Mühe machen, qualifiziert die verwirrende Gegenwart des Nahen und Mittleren Osten aus ihrer Geschichte zu begreifen: Einer Geschichte, die viel mit dem europäischen Imperialismus und Kolonialismus, noch mehr mit dem europäischen Projekt der Nationalsozialisten zur „Ausrottung der jüdischen Rasse“ zu tun hat.

Ich will nur kurz zwei Worte aus dem Gedicht betrachten: Wenn man etwa die von Grass verwendeten Begriffe „Vernichtung“ oder „Erstschlag“ in öffentlicher Debatte in ihren historischen Kontext stellt, kann die Ungeheuerlichkeit ihrer 5 Verwendung in seinem Gedicht verstanden werden, können Anker für eine gesellschafts- und geschichtspolitische Debatte ausgeworfen werden, die dringend notwendig scheint. Anders etwa als der Begriff „Präventionsschlag“ oder der im Völkerrecht benutzte Begriff „präemptiv“, der die Intention einer Kriegsvermeidungsstrategie in sich birgt, ist das Wort „Erstschlag“ ein Idiom für die Unvermeidlichkeit von Krieg, für das Krieg-Wollen, für das gewaltsame Erobern-Wollen, ein spezifisch nationalsozialistisches obendrein.

Wenn man aus Geschichtskenntnis weiß, dass der Krieg Hitlers gegen Polen und erst Recht gegen die Sowjetunion mit diesem Begriff propagandistisch als „Freiheitskampf im nationalen Selbstbehauptungswillen“ transportiert wurde, kann die Dimension erfasst werden, die die Übertragung dieses Ausdrucks auf israelisches Staatshandeln bedeutet. Die „Erstschläge“ 1939 und 1941 von Anfang auf die systematische Vernichtung und Versklavung der mittelosteuropäischen Völker, 1941 waren auf die verwaltungsmäßige Ausrottung des europäischen Judentums angelegt. Die Verwendung des Begriffs – auch und gerade im Kontext mit dem der Vernichtung – unterstellt dem Staat Israel Hitlersche Intentionen. Er entlastet uns zudem, wie Hendryk M. Broder (WELTOnline v. 12.4.12) meinte, weil die Juden genauso schlimm seien wie wir in unserer Vergangenheit.

Wenn Grass mit einem zeittypischen „es muss doch mal gesagt werden dürfen“, reagiert, können wir uns nicht mit empörter Larmoyanz und Seelendeutung begnügen. Es gilt dem berechtigten Widerspruch die nötige Substanz für eine qualifizierte innergesellschaftliche zu verschaffen. Denn unser Problem in diesem Zusammenhang ist nicht, dass ein alter Mann mit Verdiensten um die Demokratie in unserem Land mal wieder wahrgenommen werden will. Unser Problem ist, dass wir an Formen und Oberflächen kritikasterhaftig kratzen, um neubelebten nationalistischen Ab- und Ausgrenzungstendenzen auszuweichen, auch um die notwendige Auseinandersetzung mit artikuliertem und praktiziertem Antisemitismus in unserem Land weich zu spülen. 6 Etwa 20 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass „Juden zu viel Einfluss bei uns haben“, etwas weniger äußern sich, dass Juden wegen des Holocaust bei uns bevorzugt werden.

2 In als seriös geltenden Medien ist etwa während der Finanzkrisen das Wort vom „amerikanischen Ostküstenkapital“ gefallen, ein Begriff, der im Wissen um die Politik des NS-Regimes sofort als „Jüdisches USFinanzkapital“ decodiert werden müsste. Oder – kann man wirklich für eine Kritik am Anlagebetrug die Figur eines abzockenden Bankers karikaturistisch in die Gestalt eines „Viehjuden“ aus goebbelscher antisemitischer Gebrauchsanleitung für den NS-Alltag kleiden, wie es eine bedeutende überregionale Zeitung aus München im letzten Herbst getan hat? Ich bin gespannt, wann in gewissen globalisierungskritischen Kreisen der Begriff „Plutokratie“ wieder hoch kommt.

FES

Ein anderes kleines Beispiel für den unsachgemäßen und deshalb politisch verfehlten Umgang mit Geschichte:
Eine renommierte parteinahe Stiftung lässt mit aufklärerischem Impetus eine Ausstellung zum Rechtsextremismus durch die Lande reisen. Soweit so gut. In ihr wird auch die Propaganda der Neonazis für eine „Volksgemeinschaft“ aufgegriffen. Doch dieser zentrale Begriff für das Verständnis über die NS-Zeit wird nicht auf seine NS-Konnotation, auf seine Bedeutung abgeklopft, sondern allein mit den Worten „fremdenfeindlich“ und stammtischmäßig umschrieben. So wird die gute Absicht durch historiographische Schlamperei untergraben. Denn die neuen Nazis wissen sehr wohl um die Imagination einer widerspruchfrei scheinenden Exklusionsgemeinschaft. Sie machen damit oft erfolgreiche Basispolitik. Man muss sich also schon die Mühe machen, historische Kontexte korrekt zu verorten und begreifbar zu machen, den Menschen also erklären, was denn Volksgemeinschaft in der NS-Zeit bedeutete: Der Zusammenschluss der deutschen Herrenrasse im europäischen Raum bei Vernichtung von „Volks- und Artfremden“.

ALLG

Wir brauchen gar nicht in die Ferne zu schweifen, um zu verstehen, wie sehr historischer Urteilskraft benötigt wird, um politische Debatten führen und sachgerechte Entscheidungen treffen zu können. Wie gern umgekehrt jedoch auf das Ringen um Kenntnis verzichtet wird, um eigene Einstellungen nicht überprüfen zu müssen, um keine stillen Übereinkommen historischen Beschweigens zu gefährden, erfahren wir ja ständig in unserm Umfeld. Das fängt mit problematischen Straßennamen an, über die Sachkompetenz zur Entscheidungsfindung oft gar nicht erst eingefordert wird, und hört bei Namen und Orten von Unrechtsideologie und -tat in der Nachbarschaft noch lange nicht auf.

Gewiss, in unserm Land, auch in dieser Stadt ist in den letzten Dekaden Bemerkens- und Anerkennungswertes in Gedenkkultur und Geschichtspolitik geschehen. Ich weiß zu schätzen, dass etwa Bürgermeister nun nicht nur am Totensonntag die Gräber der gefallenen Deutschen besuchen, sondern auch der Opfer nationalsozialistischen Mordes und Völkermordes am 27. Januar oder 9. November entsprechend gedenken. Solch Rituale sind für eine gesellschaftliche Verankerung von Gedenkkultur nötig. Doch wenn ihr historischer Gehalt entleert wird, verlieren sie ihren politischen Sinn.

Dieser Sinn liegt in der Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung – auch für unsere Vorfahren. Diese Verantwortung sollte substanzieller Teil des Selbstverständnisses unseres Gemeinwesens sein. Daran gilt es stetig zu arbeiten.

Deshalb gilt: Wenn das Arbeiten an Geschichte im Gedenken zu kurz kommt, wird der aufrichtige und gut gemeinte hohe Anspruch „Aus der Geschichte lernen“ rasch trivialisiert. Wird notwendige Kenntnis vernachlässigt, kommt bei Einlassungen von Verantwortungs- und Entscheidungsträgern zu mehr oder weniger geeigneten Anlässen im öffentlichen Raum allzu oft ein Umgang mit Geschichte heraus, den der Zeithistoriker Norbert Frei jüngst als „Erinnerungsgesummse“ bezeichnet hat.Man meint es meistens zweifellos gut. Doch gut meinen, reicht nicht, es wirkt sogar kontraproduktiv, weil die Sichtweise des „Hauptsache man macht etwas“ konkrete Auswirkungen auf die Arbeit an und damit des Wissens um Geschichte hat. Sie wird zunehmend vernachlässigt.

Ich weiß, dass oft ehrliches Bemühen auch gerade im Lokalen vorhanden ist, doch praktische Verzagtheit, nicht nur aus politischen Opportunitätserwägungen, sondern auch aus mangelnder Kenntnis über den Charakter und Aufwand historiographischer Forschung kann manch gut gemeinte Initiative verschleißen. Qualifizierte historische Forschung kann nicht als Teil von Verwaltungshandeln oder in feierabendlicher Heimarbeit hinreichend funktionieren und – sie muss zudem öffentlich erfahrbar sein. Wenn nämlich „Gesummse“, getragen von Ahnungen zu Geschichte, zum Ersatz dieser mutiert, wird der aufklärerische Impetus von Gedenk und Erinnerungsakten konterkariert. Um dieser Tendenz zu begegnen sollten der Arbeit an Geschichte Mittel und Fachpersonal zur Verfügung stehen, Mittel nicht nur für die Spezialinteressen der Entscheider und traditionellen Geschichtsdeuter, sondern Mittel, die nach Kriterien gesellschaftlicher Notwendigkeit verhandelt und entschieden werden.

Heute werden jedoch zunehmend Konzepte nachgefragt, die diese Arbeit betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzenkalkülen unterordnen, um etwa Historie als Tourismusmagnet vermarkten zu können. Das Leitmotiv dieser Art von Geschichtspolitik heißt Darstellung, sowieso ein Lieblingsbegriff unserer medialen Welt, wenn Substanzlosigkeit zum Wert an sich stilisiert werden soll. History Events scheinen modern, wirken zudem auf die Verwalter klammer öffentlicher Kassen attraktiv. Wenn etwa Gedenkstätten als touristische 9 Attraktion in Tourismuskonzepte eingebettet werden, muss das per se nichts Schlechtes sein. Doch wenn, wie hier und da zu beobachten, deren Gestaltung sich an Vermarktungskriterien orientiert, stimmt etwas nicht. Der politischen Pflicht zur Verantwortung wird die Umwandlung von Geschichte zum touristischen Erlebnispark nicht gerecht. So bin ich erfreut, dass diese Ausstellung auf Einladung eines politischen Gremiums hier in Goslar einige Tage gezeigt werden kann. Nutzen wir die Gelegenheit im Lernen und im sich verständigenden Diskurs Geschichtsarbeit auch hier voranzutreiben.

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1 Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 5.4.2012
2 Vgl. dazu etwa Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.) 2012: Deutsche Zustände Folge 10, Frankfurt am Main. Vgl dazu auch: Peter Schyga 2012: Zehn Jahre „Deutsche Zustande“, in Kommune, Nr. 2/12 30..Jg.; ders.: „Deutsche Zustände“, in der Krise, in Kommune Nr. 2/10 28. Jg. S.18; ders.: Rechtsextremistische Einstellungen in den Regionen. Zu aktuellen Studien über die Entwicklung des Rechtsextremismus, in Kommune Nr. 2/09 27.Jg. S. 63; ders. Auch „deutsche Zustände“ haben eine Geschichte. Über die Zunahme rechtsextremistischer Weltbilder in der „Mitte“, in Kommune, Nr. 1/07 25. Jahrgang, S. 29-31


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