- Forschungs- und Erinnerungsarbeit zu Zwangsarbeiterschicksalen und NS-Geschichte im Harzgebiet -
09.11.2018, Einweihung des sechsten Bad Harzburger Geschichtspunkts am Schalom-Denkmal - gestiftet von Herrn Dirk Junicke.
Artikel und Video zur Einweihung des 6. Bad Harzburger Geschichtspunkts

20 Jahre Spurensuche Harzregion - Feier im Großen Heiligen Kreuz am 5. November 2018
Dokumentation der Rede von Dr. Peter Schyga, Verein Spurensuche

20 Jahre Spurensuche Harzregion - Feier im Großen Heiligen Kreuz am 5. November 2018
Dokumentation der Rede von Frank Heine, Goslarsche Zeitung

Zum Rechtsextremismus der Nachkriegszeit - Nachdenken über Begriffe und ihre historischen Bezüge
Dokumentation des Vortrags von Dr. Peter Schyga am 24.05.2018 im ehem. Standesamt Goslar

Steinsiek, Peter-Michael: Zwangsarbeit in den staatlichen Forsten des heutigen Landes Niedersachsen 1939 - 1945
Neuerscheinung

Zwangsarbeit in Liebenburg: Versuch einer Spurensuche
Präsentation des Vortrags von Dr. Friedhart Knolle in Liebenburg

Dokumentationsort Reichserntedankfest auf dem Bückeberg
Spurensuche Harzregion aus Goslar zur aktuellen Auseinandersetzung um das Projekt. Resolution

Markus Weber: "Das ist Deutschland und es gehört uns allen" Juden zwischen Akzeptanz und Verfolgung im Kurort Bad Harzburg
Buch, Sommer 2016

Peter Schyga: Goslar 1945 - 1953. Hoffnung - Realitäten - Beharrung.
Neuerscheinung

Dr. Peter Schyga. Über die Volksgemeinschaft der Deutschen
Neuerscheinung. Begriff und historische Wirklichkeit jenseits historiografischer Gegenwartsmoden

Dokumentation: Veranstaltung - Displaced Persons, Flüchtlinge und Vertrieben nach 1945
Vortrag und Präsentation der Veranstaltung vom 21. Januar 2016 in Jürgenohl

Publikationen zur Zeitgeschichte - insbesondere NS-Zeit und ihren Nachwirkungen
Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Konzept

Auschwitz und die Nachkriegszeit: Das Beschweigen und die Integration des IG-Farben Funktionärs aus Monowitz H. Schneider in die Stadtgesellschaft Goslars
Vortrag

UNSER HARZ: Gedenkstätte "Russenfriedhof" am Massengrab der Sprengstoff-Fabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld
Pressemitteilung zur Ausgabe Januar 2014

Dr. Peter Schyga. NS-Macht und evangelische Kirche in Bad Harzburg
Neuerscheinung.

Peter Lehmann: geachtet - geleugnet - geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode
Neuerscheinung. Pressemitteilung.

Frank Baranowski. Rüstungsproduktion in der Mitte Deutschlands 1929 - 1945
Neuerscheinung. Rezension

Nachreichung: Goslar und die Harzburger Front - die Radikalisierung des Bürgertums.
Vortrag im Rahmen der Ausstellungspräsentation am 26.4.2012 im Kreishaus Goslar

Nachreichung: Im Gleichschritt zur Diktatur? Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" in der Harzburger Front1
Vortrag

Nachreichung: Zur Einführung in die Ausstellungspräsentation am 24.4.2012 im Kreishaus Goslar
Rede

NS-Geschichte der Goslarer Fa. H.C. Starck aufgearbeitet - Bd. 5 "Spuren Harzer Zeitgeschichte"
Presseinformation

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Die Formierung des "Rechtsextremismus der Mitte"

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Frieden undenkbar?

Politisches Frühjahr 1933: Terror und Gewalt - Begeisterung und Jubel
Vortrag von Dr. Peter Schyga

Nachreichung: Rede von Peter Schyga während der Ausstellungseröffnung zur Harzburger Front in Wernigerode
Redeprotokoll

Auf den Spuren der NS-Kriegswirtschaft im Harz
Artikel zum Thema in "Der Zeppelin" erschienen

"Festung Harz - Die extreme Rechte im Landkreis Goslar und der niedersächsischen Harzregion"
Vortragsveranstaltung am Freitag, den 27. August um 19:00 Uhr, in der Jugendherberge Goslar, Rammelsberger Straße 25, Raum Rammelsberg

"Geschichte und Geschichten aus Hahndorf am Harz, Band 1"
Neue Chronik von Hahndorf erschienen

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Dokumentation des Symposiums

Der Reichsnährstand in der Reichsbauernstadt - Eine symbiotische Beziehung?
Redebeitrag von Dr. Peter Schyga auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Wie die Nazis die Bauern betrogen
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Das Erntedankfest als Einfallstor für die religiöse Überhöhung des "Führers"
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Ausstellungskatalog - Neuerscheinung

Vorstellung der neuen Broschüre "NS-Zwangsarbeit in Seesen am Harz - ein fehlendes Kapitel Stadtgeschichte"
08.12.2009, 12:00Uhr, Bürgerhaus Seesen

Pressemitteilung
Dokumentation zur Harzburger Front aufgrund der großen Nachfrage in Neuauflage erschienen

Neuerscheinung: "Du sollst keinen Gott haben neben mir"
Neuerscheinung - Buchveröffentlichung am 09. Oktober 2009 in der Marktkirche

Katalog zur Ausstellung "Harzburger Front - Im Gleichschritt in die Diktatur"
Neuerscheinung - Ausstellungskatalog

Ein mahnendes Zeitdokument in Bildern
Neuerscheinung - NS-Zeit in Herzberg

Ausstellung Harzburger Front
Ausstellungsflyer zum Download

Beitrag in - Der Harly - Von Wöltingerode zum Muschelkalkkamm
Artikel über den Harly in der NS-ZEit

Neue Broschüre: Arbeiten für Groß-Deutschland - Zwangsarbeit in Bad Lauterberg
Pressemitteilung

Von der Ausgrenzung zur Vernichtung - Leben und Leiden Goslarer Juden 1933 - 1945
Ausstellung in der Marktkirche Goslar vom 09. - 26. Nov

Neuerscheinung - Zwangsarbeit bei Gebr. Borchers/H.C. Starck - "Briefe meines Vaters 1943 - 1945"
Im Februar 1943 wurde Max Dalkowski bei einer Straßenrazzia in Warschau festgenommen...

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 2
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Harzburger Front von 1931 - Fanal zur Zerstörung einer demokratischen Republik.

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 1
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Die Reichspogromnacht am 09./10. Nov 1938 in Goslar.

Holocaust-Gedenktag 2007
Dokumentation der Veranstaltung in Langelsheim

Die NS-Rüstungsaltlast "Werk Tanne"
Sprengstoffproduktion im Harz

Rundgang durch die "Reichsbauernstadt"
Stätten der NS-Herrschaft in Goslar

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 2
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 1
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

Buchbesprechung - Dr. Peter Schyga: Goslar 1918 - 1945
Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus - Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Quellen und Literaturverzeichnis
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 11
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 10
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 9
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 8
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 7
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 3
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 2
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 1
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

1944/45: Der Bau der Helmetalbahn
Sklavenarbeit mitten in unserer Heimat

Die verdrängte Vergangenheit
Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen, 65 Abb., 15-seitiger Dokumentenabdruck

Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar
Verein Spurensuche Goslar e.V., Wolfgang Janz, Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar, Goslar 2003

Spurensuche Goslar in der Bundestagsdebatte
Deutscher Bundestag, 114. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 6. Juli 2000

"Gebt uns unsere Würde wieder" - Die Briefe
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

"Gebt uns unsere Würde wieder"
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker
Das Wegzeichenprojekt Westharz und der Marsch des Lebens

20 Jahre Spurensuche Harzregion - Feier im Großen Heiligen Kreuz am 5. November 2018 - Rede von GZ-Redakteur Frank Heine

20 Jahre Spurensuche Harzregion

Feier im Großen Heiligen Kreuz am 5. November 2018

Rede von GZ-Redakteur Frank Heine



1. Zitat Anfang

"Heil Hitler, Heil Hitlermann", schrie der kleine Hamburger Junge am diesem 6. Februar 1933, einem Montag, während Nationalsozialisten und feldgraue Stahlhelm-Soldaten im Fackelschein an ihm vorbeimarschierten. Luise Solmitz, eine Lehrerin, hatte sich schon eine halbe Stunde früher am Straßenrand eingefunden, um dem Moment "nationaler Erhebung" beizuwohnen. Der Wettergott hatte mitgespielt, es war trocken und windstill. Dann rauschten die Braunhemden wie "Wellen im Meer" an ihr vorbei. Ein "prachtvoller Anblick" sei dies gewesen, notierte sie in ihr Tagebuch, all die "phantastischen Baretts, Stiefel u. Stulpen im zuckenden Licht der Fackeln, die Schläger, die Fahnen". Ein Moment für die Ewigkeit: "Wir waren wie berauscht vor Begeisterung, geblendet vom Licht der Fackeln gerade vor unsern Gesichtern u. immer in ihrem Dunst, wie in einer süßen Wolke von Weihrauch. Und vor uns Männer, Männer, Männer, braun, bunt, grau, braun, eine Flut."
Noch regierte in Hamburg ein sozialdemokratischer Bürgermeister, noch kämpften in den Arbeitervierteln Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die immer selbstbewusster auftrumpfende SA. Und doch erlebte Luise Solmitz bereits die ersten Tage der neuen, seit dem 30. Januar amtierenden Regierung Adolf Hitler als betörenden Glücksrausch. Auf einmal schien alles möglich. Endlich sprach einer wieder eine klare Sprache gegen allzu freche ausländische Stimmen, endlich fand Deutschland mit Hitler wieder zu sich selbst, endlich wurde die ersehnte Revision von "Versailles" angepackt. Hitler - das war für Luise Solmitz der "Heiland" in "einer bösen, traurigen deutschen Welt", ein Retter und Erlöser, "ein reiner, guter Mensch", der nur nicht von roten Mörderhänden niedergestreckt werden dürfe. Wohl allen, die sich als Teil dieser "mitreißenden, gewaltigen Volksbewegung" fühlen durften und mit in die Parole einstimmen konnten - "Ein Volk, ein Reich, ein Führer"!

1. Zitat Ende

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Spurensucher, liebe interessierte und kritische Begleiter der Arbeit des Vereins,

wir feiern heute Abend den 20. Spurensuche-Geburtstag. Ich habe deshalb ein Geschenk mitgebracht. Ein Geschenk, das vielleicht ungewöhnlich ist, dafür aber gar nicht teuer war. Ein Geschenk, das sich am Ende aber womöglich doch, so hoffe ich wenigstens, als wertvoll erweist, weil es zum Nachdenken anregen soll und Sie alle es weitertragen können. Gerade dies wäre mir wichtig, zumal ich mit dem Geschenk fünf Ermunterungen, sogar Appelle verbinde. Das Geschenk ist eine Geschichte. Eine kurze Geschichte über die Hamburger Lehrerin und Nationalsozialistin Luise Solmitz. Ich habe die Geschichte im Band des Augsburger Historikers Dietmar Süß gefunden. Das Buch heißt "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" und ist 2017 in der Reihe "Die Deutschen und der Nationalsozialismus" erschienen.

Herausgeber ist der von mir hoch geschätzte Norbert Frei. Der Professor, der jetzt in Jena lehrt, hat Mitte der 90er Jahre zur Vergangenheitspolitik in der ära Adenauer promoviert und seitdem viel zum Dritten Reich gearbeitet und veröffentlicht. Mehr muss ich in diesem Kreis wohl nicht über ihn erzählen. Nur, dass er vorher in München einst auch eine Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule absolviert hat. Historiker und Journalist - ein wahrlich kaum zu toppender Ausbildungsmix, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Zurück zu Luise Solmitz und ihrer Geschichte. Warum gleich eine Geschichte? Reicht nicht ein schicker Sinnspruch? Ein kluges Zitat aus der Feder eines Menschen, dessen Namen jeder kennt? Für dessen tieferes Denken und wahre Gedanken sich aber leider immer weniger interessieren? Zugegeben: Kleine Schmankerl passen in launigen Reden immer. Die will ich heute aber nicht halten. Ich muss Sie insofern enttäuschen. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden.

Eine Geschichte verlangt nämlich echte Aufmerksamkeit vom Publikum. Sie wirkt sonst nicht. Also, Sie sind gefordert. Und ich langweile Sie gleich noch ein Bisschen mehr, indem ich mich zum Lesen bekenne. Ja, ich lese noch ganze Bücher. Aus Papier und auf dem E-Book. Das Medium ist - fast - egal. Teils haben diese Bücher mehrere hundert Seiten und oft keine Bilder. Internet? Eine Supersache. Ja, Wikipedia gehört auch zu meinem Berufsalltag. Aber mein erster Appell heute Abend lautet: Bleiben Sie dort nicht stehen! Graben Sie tiefer! Lesen Sie! Lesen Sie viel! Und denken Sie über das Gelesene möglichst ausgiebig nach.

2. Zitat Anfang

Luise, geboren 1889, war keine Nationalsozialistin der ersten Stunde. Sie stammte aus einer konservativ-bürgerlichen Kaufmannsfamilie und war mit dem Maschinenbauingenieur und Berufssoldaten Friedrich Solmitz verheiratet. Ihr Bruder Werner engagierte sich während der Weimarer Republik für die linksliberale DDP, mit der auch Luise anfangs sympathisierte. Das Engagement aber blieb ein kurzes Intermezzo - ihr politisches Herz schlug schwarz-weiß-rot. So lebte das Hamburger Paar nicht reich, aber doch auskömmlich, auch nach der Pensionierung von Friedrich Solmitz, der als Major ein Ruhegehalt bezog und freiberuflich für Industrie und städtische Unternehmen arbeitete. Privat bewegte sich die Familie Solmitz in soldatischen und völkischen Zirkeln. Schon 1930 hatte Luise das erste Mal NSDAP gewählt, war dann aber wieder zur DNVP zurückgekehrt. Nun fühlte sie sich mitgerissen von Hitlers Aufruf, von diesem "geniale(n) Mensch(en)", dessen Programm ganz das ihre war: "Deutschland!".

2. Zitat Ende

Was ist eigentlich ein Nationalsozialist? Was ist eigentlich Deutschland? Was Dietmar Süß schreibt, bietet reichlich Stoff zum Nachdenken. Lieber Peter Schyga, als Sie mich irgendwann Anfang August gebeten haben, einen Beitrag zu diesem Abend zu leisten, habe ich gerne zugesagt. Ich hatte aber überhaupt keine Idee, wie dieser aussehen sollte. Ich habe deshalb nachgefragt, was Sie sich denn so vorstellen. Ungefährer Auftrag: 20 Jahre Spurensuche in Stadt und Region würdigen. Aber hieße das nicht, Eulen nach Athen zu tragen? Gerade in diesem Kreis?

Wer weiß nicht von den Anfängen der Arbeit mit Forschungen zum Schicksal der Zwangsarbeiter in Goslar? Wer hat nicht die Ausstellungen zur Harzburger Front und zur Reichspogromnacht gesehen? Zum Nazi-Erntedankfest in Goslar und auf dem Bückeberg? Wer hat noch nicht in die Schriftenreihe "Spuren Harzer Zeitgeschichte" geschaut?

Klar, ich könnte noch viel mehr erzählen. über unsere ersten Begegnungen in den 90ern, die von Wertschätzung und Vorbehalten gleichermaßen geprägt waren. Das darf ich wohl so sagen. Sie arbeiteten höchst professionell, aber als Hannoveraner in Goslar auch ungewohnt rücksichtslos. Mit meinem Kollegen Heinz-Georg Breuer und mir haben Sie viel diskutiert und gestritten, als Sie die Geschichte der Stadt Goslar zwischen 1918 und 1945 schrieben. Das Ergebnis verdient allen Respekt. Auch wenn frei nach Tacitus zwar alles sine ira, aber bisweilen doch cum studio passierte und passiert. Vielleicht nicht der schlechteste Weg, wenn auch Historiker ab und zu deutlich an den Wert demokratischer Prinzipien erinnern. Ohne Zorn, aber mit Herzblut. Lieber Peter Schyga, in Wertungen und Bewertungen sind wir längst nicht immer einer Meinung. Das wäre auch schlimm. Die Grundanliegen aber, die auch und gerade im Verein Spurensuche mit Frank Jacobs, Friedhart Knolle, Markus Weber und vielen anderen hochgehalten werden, unterschreibe ich aber immer und an jeder Stelle: Vertraue nie dem ersten Eindruck! Hinterfrage alles! Und schaue immer auf beide Seiten der Medaillen! Denn zwei Seiten sind immer vorhanden. Und nicht zu vergessen: Einen Rand gibt es auch noch. Geschichte ist keine Schwarz-Weiß-Handlung, sondern mit vielen Farben gemalt. Ja, Geschichte ist bunt. Auch und gerade die deutsche Geschichte. Aber, lieber Peter Schyga, ich würdige jetzt nicht weiter die ohne Zweifel verdienstvolle Spurensuche-Arbeit, wie es Ihr Auftrag war. Sie kennen das bestens. Sie tun auch längst nicht immer das, was Andere von Ihnen erwarten. Zurück zu meiner Frage von eben: Was ist eigentlich ein Nationalsozialist? Oder besser: Wann ist er einer? Was ist eigentlich Deutschland? Mein zweiter Appell heute Abend lautet, auch wenn er der Harmonie vielleicht nicht förderlich ist: Diskutieren Sie fleißig über diese Fragen. Ich bin sicher, jeder hier im Saal wird eine sehr spezifische Antwort für sich finden. Ich hoffe aber, erst nach einer längeren Pause des Nachdenkens.

3. Zitat Anfang

Der Nationalsozialismus forderte ein offenes Bekenntnis. Streng urteilte Luise über alle, die im Frühling 1933 noch zögerten oder gar an Hitler zweifelten; schlimmer nur waren all diejenigen, die abseitsgestanden hatten und sich nun im Sog des Erfolgs in die nationalsozialistische Bewegung einschlichen - solche Trittbrettfahrer und "Märzgefallenen" wie ihr eigener Bruder Werner. Er hatte seit 1929 als Journalist für die Presseabteilung der Reichsregierung gearbeitet und war trotz seiner politischen Vergangenheit in Goebbels` Propagandaministerium weiterbeschäftigt worden - ein Skandal, wie Luise fand, den sie selbst, trotz einer gewissen, der NSDAP-Auslandsabteilung zur Kenntnis brachte. Einen solchen "Gesinnungslump" könne sie nicht mittragen, das würde schließlich Hitler hintergehen. Bitter notierte sie: "Geltung u. Entgelt für Zersetzung ist die Losung. Wie konnte Goebbels sich so täuschen lassen." Nur der Zufall wollte es, dass ihre Briefabschriften an die Partei folgenlos blieben und Werner nichts von der Denunziation seiner Schwester erfuhr. Gegenüber dem Schicksal der politischen Linken war sie wenig zimperlich. Die alten Demokraten waren für sie nur noch Lachnummern und die Kommunisten Feinde, die kein besonderes Mitleid verdienten. Die Gewalt der Straße schien für sie einzig von den "Roten" inszeniert - die Nationalsozialisten und SA-Trupps waren in ihren Augen unschuldige Opfer, die sich allenfalls gegen die feigen übergriffe zur Wehr setzten. Deutschland jedenfalls erlebte in ihren Augen gerade eine "Revolution, ein(en) Staatsstreichvon rechts" - und sie und ihr Mann empfanden "eine Riesenfreude", als sie am 8. März auf dem Rückweg von einem Besuch am Rathaus vorbeikamen und aus dem "widerlichen" Platz der Republik über Nacht der "Adolf-Hitler-Platz" geworden war.

3. Zitat Ende

Ja, die Journalisten - Trittbrettfahrer also. Gesinnungslump nennt Luise Solmitz ihren Bruder. Nette Familie. Aber mir geht es eher um den Beruf. Wobei ich zur Ehrenrettung dieses Berufes gleich zu Beginn anmerken muss, dass Bruder Solmitz als Angestellter von Ministerium und Staat eben kein kritischer Journalist war, sondern PR-Arbeiter und Schönschreiber. Solche Leute müssen Ergebnisse verkaufen und hübsch verpacken, egal, wie deren Kern aussieht. Das ist auch und vielleicht noch mehr heute so. Aus - Entschuldigung - Scheiße Schokolade machen, sagt ein Kollege von mir immer. Aber wie verhält es sich denn nun mit den Journalisten? Die vierte Macht im Staat? Der Wahrheit und nur der Wahrheit verpflichtet? Fehler klar benennen und anprangern? Gelungenes auch loben? Hehre Ansprüche. Wer wird denen gerecht? Ich meine: Schon der ehrliche Versuch ehrt. Und wer heute Abend bis hierher aufgepasst hat, weiß ja schon: Es gibt eben nicht nur diese eine Wahrheit. Sie fassen sich jetzt bestimmt aber auch an den Kopf. Was erzählt der Heine da? Welch wunderbare Ausrede dafür, dass alle etwas Verschiedenes schreiben. Und zwar jeder, was er will? Wer soll das glauben?

Das soll niemand glauben. Das ist der Grund dafür, dass es in einer dem Fairness-Prinzip verpflichteten Gesellschaft Pressefreiheit und Pressevielfalt geben muss. Eine Meinung muss sich am Ende nämlich jeder selbst bilden. Unbequem? Vielleicht. Aber Wissen und Bildung sind doch die Schätze einer rohstoffarmen Nation wie Deutschland, die trotzdem Export-Weltmeister ist. Weltmeister? Ein Titel, den es zu verteidigen gilt. Wie schwer das ist, der frage bei Löw und Co. nach. Aber das nur am Rande.

Ich gebe zu: Es ist schwer zu verstehen, wenn zum Beispiel ein und dasselbe Blatt erst fleißig "Refugees are welcome" auf Seite eins und überall propagiert, um nur drei Jahre später für jede Messerattacke unter Missachtung jeder Unschuldsvermutung sofort und beinahe genüsslich einen Flüchtlingstäter präsentiert. Jahre davor waren übrigens die Griechen das Lieblingsfeindbild dieser Publikation, die mit großen Buchstaben auf wichtig macht. Dass Deutschland mit den Krediten an die Pleite-Hellenen zig Millionen verdient hat, interessierte später deutlich weniger.

An dieser Stelle lautet mein dritter Appell: Prüfe deine Quellen! Was liest du wo? Und wer hat es warum und wie geschrieben? In Deutschland gibt es hervorragend arbeitende Journalisten. Tolle Zeitungen, die Probleme unter verschiedenen Blickwinkeln angehen. Und es gibt starke und vor allem verlässliche Zuarbeiter wie den Verein Spurensuche, auf deren Sachkenntnis und Professionalität Journalisten angewiesen sind.

Kein Wunder, dass Angriffe auf Redaktionen nicht nur bei großen Revolutionen ein in der Tat bewährtes Mittel sind, um kritische Geister mundtot zu machen. Wer sich in der Gegenwart an solchen Mahnungen, an solchen Phantasien ergötzt, der zeigt, welch Geistes Kind er ist. Aber bei Luise Solmitz ging es 1933 eben nicht nur um Journalisten und Denunziation. Es ging auch um linke Feinde, verlachte Demokraten - und letztlich geht es immer auch um Sündenböcke.

4. Zitat Anfang

War Luise Solmitz eine überzeugte Nationalsozialistin? Die Antwort scheint auf den ersten Blick klar: Glaube an den "Erlöser" Hitler, nationalistischer Chauvinismus, Kampf gegen die "Schmach von Versailles" und die Verachtung der Demokratie. All das findet sich bei Luise Solmitz und vielen Deutschen in diesen Momenten des Jahres 1933. Doch schon die Geschichte ihres Bruders macht deutlich, dass die Mitarbeit für das Regime sehr unterschiedlich motiviert sein konnte.

...

Auch Luise Solmitz` Lebensgeschichte ist weniger eindeutig, als man dies auf den ersten Blick vermuten könnte. So groß ihre Begeisterung für den "Führer", so verhalten, ja erschrocken war ihre Reaktion auf die antijüdischen AprilPogrome, als SA und NSDAP zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen und diejenigen bedrohten, die weiterhin bei ihren jüdischen Händlern einkaufen wollten. Ja, sie sei von ihrem Vater antisemitisch erzogen und stehe dazu noch heute, und sie könne gar nicht glauben, dass sie einmal mit den Juden mitfühlen würde, aber, so ihr Selbstgespräch: "Ich hasse, hasse Ungerechtigkeit." Die übergriffe seien ein "bitterböser Aprilscherz", der noch lange fortwirken werde, die meisten Menschen könnten innerlich diesen übergriffen nicht zustimmen. "Man schämte sich vor jedem bekleisterten Geschäft u. vor jedem Juden (...)." Wie man mit den Juden umgehen solle, spielte in ihren privaten Gesprächen eine zentrale Rolle, und sie hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz ihrer grundsätzlichen Unterstützung der antijüdischen Politik bei ihrem alten jüdischen Kaufmann demonstrativ einzukaufen. Und doch: Um die "für den Augenblick" verschwundenen "Unterweltserscheinungen aus Ostgalizien" schien es ihr im gleichen Atemzug nicht schade zu sein. An der Verdrängung jüdischer Lehrer hatte sie jedenfalls nichts auszusetzen. Vorbehalte gegenüber offener Gewalt, gleichzeitig Zustimmung zur Ausdehnung antisemitischer Gesetzgebung - das musste im April 1933 kein Widerspruch sein.

4. Zitat Ende

Die Juden. Wer sind die Juden? Der brave, alte Kaufmann um die Ecke? Die "Unterweltserscheinungen aus Ostgalizien"? Alles Juden. Wenn auch untereiander oft gar nicht einig. Auf jeden Fall waren "die Juden" stets der willkommene Sündenbock. Immer als Gruppe. Immer schuld an allem. Die Juden.

Sündenböcke. Ein Phänomen, das zeitlos ist. Das auch heute gilt, nur unter anderen Vorzeichen: Jeder kennt mindestens eine Ausnahme, auf die Vorurteile, Meinungen und Einschätzungen nicht zutreffen. Der Syrer von nebenan? Ein Messermann? Das kann nicht sein. Und trotzdem: Irgendwie muss ja stimmen, was so viele sagen. Angeblich ganz genau wissen. Es ist fast armselig, wie immer noch und heute wieder mehr denn je argumentiert wird. Ein profanes Beispiel: Ich habe Anfang Oktober in österreich Urlaub gemacht. Alm-Wandern macht Spaß. Man kommt mit so vielen unterschiedlichen Menschen ins Gespräch. Ein Thüringer hat mich wirklich fasziniert. Ein Mann, dessen Plautze ebenso dick war wie sein Mercedes, der auf dem Ausgangsparkplatz zur Wanderung stand. Ein offenkundig ebenso erfolgreicher wie lauter und mitteilungsfreudiger Geschäftsmann. Er wohnte im teuersten Hotel des Ortes. Er ließ nichts als seine Meinung gelten und haute sich in anderthalb Stunden vier halbe Liter Bier, drei Schnäpse sowie vier dicke Speckund Wurstbrote rein. Sein Credo: Früher war alles besser. In der DDR, da herrschte noch Recht und Ordnung. Meinungsfreiheit? Nicht so wichtig. Man kann doch schließlich auch mal seine Klappe halten.

Aus der Geschichte lernen? Funktioniert das wirklich? Angesichts solcher Beispiele sind in der Tat Zweifel erlaubt. Trotzdem lohnt sich das Bemühen, das nimmermüde Kämpfen um humanistische Ideale. Um die Lehren der Aufklärung. Um moderne Rechtsbegriffe.

Denn Schuld und Verdienst sind immer individuell. Und jeder Mensch kann Verdienst und Schuld tragen. Goslars früherer Oberstadtdirektor Helmut Schneider ist so ein Fall. Seine Auschwitz-Vorgeschichte haben die Goslarer Honoratioren einst genau gekannt, als sie ihn einstellten. Schneiders Bemühen um die deutsch-französische Freundschaft ist ebenfalls bekannt. Goslar und Arcachon - zwei Städte wurden auf dieser Basis Partner, aus Feinden wurden Freunde. Schneider: ein Mensch, zwei Facetten.

Die Spurensucher haben zu seiner Einordnung Erhellendes geleistet - und letztlich Traditionen aufgenommen, die ein Hans Donald Cramer, vielleicht auch durch ein quälendes Gewissen getrieben, einst mit seiner Geschichte der Goslarer Juden begonnen hat. Und um es auch an dieser Stelle einmal deutlich zu sagen: Ein FDP-Parteibuch macht aus einem Nazi-Oberbürgermeister, wie Heinrich Droste in Goslar einer war, noch lange keinen überzeugten Demokraten. Wenn er Anfang der 50er wieder in den Rat der Stadt einzog, darf man sich heute schon einmal an den Kopf fassen.

Mein vierter Appell überrascht jetzt vielleicht. Er lautet: Handeln Sie deutsch! In des Deutschen besten Sinne. Fleißig wie die Preußen, aufgeklärt wie Lessing, tiefgründig wie Goethe. Vielleicht nicht so sehr wie dessen faustische Gestalten, die in sein berühmtes Drama erster Teil hinein schwanken. Eher wie der aufmüpfige Prometheus, der selbstbewusst göttliche Autoritäten in Frage stellt und nur Zeit und Schicksal als allmächtige und ewige Herren anerkennt. Ob diejenigen, die so gern und oft die deutsche Leitkultur im Munde führen, dieses kulturelle Erbe überhaupt kennen, als dessen Verwalter Sie sich sehen?

5. Zitat Anfang

Ende Mai 1933 erschütterte die Familie Solmitz indes ein kleines Schreiben, das ihre Tochter Gisela aus der Schule mitgebracht hatte und das eines der lange gehüteten Familiengeheimnisse zu lüften drohte. Die Eltern sollten auf einem Formular angeben, ob sie "arischer" Abstammung waren - eine Frage, die dem Mädchen keinerlei Kopfzerbrechen machte, war sie doch eine, wie das ihre Mutter notiert hatte, "Judenhasserin". Anders dagegen ihr Vater: Friedrich war, was Luise wusste, aber niemals ausgesprochen hatte, das Kind jüdischer Eltern. Als Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges war er bisher von den wachsenden Repressionen ausgenommen gewesen. Nun aber zwang ihn das Schreiben der Schule zu einem Bekenntnis wider Willen - und zu einer existenziellen Krise: Ein Offizier mit jüdischen Wurzeln, geprägt vom Selbsthass auf die eigene Biografie; seine antisemitisch-nationalistische Frau, die sich ganz auf der Seite des Regimes sah und selbst in den Sog antijüdischer Politik geraten sollte; eine Tochter, die jetzt mit wachsender Stigmatisierung zu rechnen hatte, obwohl sie noch wenige Wochen zuvor davon überzeugt gewesen war, sich niemals in einen Juden verlieben zu können. Das Ehepaar Solmitz war verzweifelt, zumal sich Friedrich nach einigem Nachdenken entschlossen hatte, als Soldat die Wahrheit sagen zu müssen. Erschütternd fand Luise die Folgen nicht nur für sie, sondern auch für ihre Tochter: "Ein Kind, so deutsch erzogen in Denken, Schrift, Fremdwortvermeidung, so voll Anstand u. Ehrlichkeit, so voll von Vertrauen u. Fröhlichkeit, - so von Glauben u. Begeisterung für Hitler u. das wird plötzlich ausgestoßen aus einer Gemeinschaft in der es sich gleichberechtigt glaubte, jedes Straßenkind ein Edelarier gegen es!"

5. Zitat Ende

Dumm gelaufen. Auf einmal steht Luise Solmitz auf der falschen Seite. Kann passieren. Und jetzt? Wer wünscht sich schon, bei radikalen Regimen und autoritären Machthabern plötzlich auf der anderen Seite zu stehen? Die Perspektive wechselt dramatisch.

Im Kindesalter habe ich das alte Sprichwort gelernt: "Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu." Eigentlich platt, aber so wahr. In seiner positiven Form "Behandle andere so, wie du von Ihnen behandelt werden willst" ist der Satz als regula aurea, die goldene Regel, bekannt. Ein Grundsatz der praktischen Ethik, der sich in der Bibel etwa im Gebot der Nächstenliebe widerspiegelt. Wer sich auf christliche Werte beruft, sollte dort mal wieder nachblättern und Wissen auffrischen.

Die Seite wechseln. Vom Handelnden zum Behandelten. Ein Sprung, der sich in verschiedenen Regierungsformen ganz unterschiedlich auswirken kann. Wer wünscht sich da noch eine harte Hand, einen starken Staat? In der Demokratie sind diese Rollen geregelt. Als Opposition und Minderheit behält man Rechte und kann sie einklagen. Was soll das Schimpfen auf und das Verzweifeln an Demokratie? Wer die jüngste Erhebung der Bertelsmann-Stiftung aus dem Oktober liest, dem kommt das Gruseln. Nur weil nicht alle gleich zufrieden sind und sein können, ist plötzlich alles schlecht? Mein fünfter und letzter Appell lautet deshalb: Wechselt die Perspektiven! Wer sich stark, mächtig und im Recht fühlt, schaue immer auch durch die Brille des Schwachen! Die Freiheit des Andersdenkenden hat Rosa Luxemburg es einst so treffend genannt. Wenn in einer Demokratie etwas zwickt und zwackt, gibt es immer eine Alternative. Aber ob die Alternative wirklich immer gleich die beste Option ist?

Ich habe fertig. Fünf Appelle habe ich für den Abend angekündigt. Und ich habe insofern Wort gehalten, auch wenn ich auf diesem Wege vielleicht doch Eulen nach Athen getragen habe, weil Sie so oder so ähnlich ohnehin schon unterwegs sind. Meine Bitte: Lassen Sie die Eulen fliegen, wenn Sie Ihnen gefallen. Bringen Sie sie fleißig unter die Leute. Immer wieder. Augen auf statt Flugverbot.

Bevor ich mich gleich davonmache und noch einmal aus Süß zitiere, mache ich noch ein letztes Mal auf klug und bemühe den guten alten Heraklit. "Panta rei", alles fließt, soll er vor gut 2500 Jahren gesagt haben. Oder anders formuliert: Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, weil sowohl er als auch der Fluss nicht mehr derselbe sind. Soll heißen: Nichts bleibt gleich, alles ändert sich. Deshalb gilt: Die Richtung ist entscheidend. Wer heute mitsteuern will, sollte deshalb nicht untertauchen, sondern bestenfalls mit allen Wassern gewaschen sein.

6. Zitat Anfang

Bis dahin (November 1932) war die NSDAP, zunächst in den Ländern, dann auch im Reich, von Wahlerfolg zu Wahlerfolg geeilt und hatte mehr Wählerstimmen auf sich vereinen können, als es je eine andere Partei im Laufe der Weimarer Republik vermocht hatte. Ihre Wähler stammten, anders als man das lange vermutet hatte, keineswegs überdurchschnittlich aus dem Kreis der gebeutelten Arbeitslosen; und auch die Jungwähler waren nicht für den Aufstieg der NSDAP zur Massenpartei verantwortlich. Die NSDAP vermochte es, Wähler aus unterschiedlichen sozialen Schichten anzuziehen.

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Ihr gelang es seit Ende der 1920er Jahre, das nationalistisch-protestantische Milieu, das bislang nationalliberal oder deutschnational gewählt hatte, aufzusaugen - ein Milieu, aus dem auch Luise Solmitz stammte. Schritt für Schritt etablierte sich die NSDAP als Sprachrohr antiliberaler, antisozialistischer, antiparlamentarischer Ressentiments und als Schutzpatronin des christlichnationalistischen Deutschtums; sie knüpfte mit ihrer Sprache der Demokratiekritik und des Antikapitalismus an regionale und berufsständische Traditionen bürgerlich-konservativer Eliten an und eroberte so schon vor 1933 wichtige gesellschaftliche Räume: in den völkischen Kriegs- und Heimatverbänden ebenso wie in den Turn- und Sportvereinen, den Studentenverbindungen, Lehrerseminaren und Pfarrhaushalten. Gerade in diesen bürgerlichen Kreisen, die als lokale Honoratioren den Ton angaben, galt die NSDAP zunehmend als Option, die ein Ende der parlamentarischen "Schwatzbuden" versprach.

6. Zitat Ende

Alle Zitate aus: Dietmar Süß, "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" - Die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich, C.H. Beck, München 2017



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