- Forschungs- und Erinnerungsarbeit zu Zwangsarbeiterschicksalen und NS-Geschichte im Harzgebiet -
Dokumentation: Veranstaltung - Displaced Persons, Flüchtlinge und Vertrieben nach 1945
Vortrag und Präsentation der Veranstaltung vom 21. Januar 2016 in Jürgenohl

Publikationen zur Zeitgeschichte - insbesondere NS-Zeit und ihren Nachwirkungen
Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Konzept

Auschwitz und die Nachkriegszeit: Das Beschweigen und die Integration des IG-Farben Funktionärs aus Monowitz H. Schneider in die Stadtgesellschaft Goslars
Vortrag

UNSER HARZ: Gedenkstätte "Russenfriedhof" am Massengrab der Sprengstoff-Fabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld
Pressemitteilung zur Ausgabe Januar 2014

Dr. Peter Schyga. NS-Macht und evangelische Kirche in Bad Harzburg
Neuerscheinung.

Peter Lehmann: geachtet - geleugnet - geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode
Neuerscheinung. Pressemitteilung.

Frank Baranowski. Rüstungsproduktion in der Mitte Deutschlands 1929 - 1945
Neuerscheinung. Rezension

Nachreichung: Goslar und die Harzburger Front - die Radikalisierung des Bürgertums.
Vortrag im Rahmen der Ausstellungspräsentation am 26.4.2012 im Kreishaus Goslar

Nachreichung: Im Gleichschritt zur Diktatur? Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" in der Harzburger Front1
Vortrag

Nachreichung: Zur Einführung in die Ausstellungspräsentation am 24.4.2012 im Kreishaus Goslar
Rede

NS-Geschichte der Goslarer Fa. H.C. Starck aufgearbeitet - Bd. 5 "Spuren Harzer Zeitgeschichte"
Presseinformation

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Die Formierung des "Rechtsextremismus der Mitte"

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Frieden undenkbar?

Politisches Frühjahr 1933: Terror und Gewalt - Begeisterung und Jubel
Vortrag von Dr. Peter Schyga

Nachreichung: Rede von Peter Schyga während der Ausstellungseröffnung zur Harzburger Front in Wernigerode
Redeprotokoll

Auf den Spuren der NS-Kriegswirtschaft im Harz
Artikel zum Thema in "Der Zeppelin" erschienen

"Festung Harz - Die extreme Rechte im Landkreis Goslar und der niedersächsischen Harzregion"
Vortragsveranstaltung am Freitag, den 27. August um 19:00 Uhr, in der Jugendherberge Goslar, Rammelsberger Straߟe 25, Raum Rammelsberg

"Geschichte und Geschichten aus Hahndorf am Harz, Band 1"
Neue Chronik von Hahndorf erschienen

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Dokumentation des Symposiums

Der Reichsnährstand in der Reichsbauernstadt - Eine symbiotische Beziehung?
Redebeitrag von Dr. Peter Schyga auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Wie die Nazis die Bauern betrogen
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Das Erntedankfest als Einfallstor für die religiöse üœberhöhung des "Führers"
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Ausstellungskatalog - Neuerscheinung

Vorstellung der neuen Broschüre "NS-Zwangsarbeit in Seesen am Harz - ein fehlendes Kapitel Stadtgeschichte"
08.12.2009, 12:00Uhr, Bürgerhaus Seesen

Pressemitteilung
Dokumentation zur Harzburger Front aufgrund der großen Nachfrage in Neuauflage erschienen

Neuerscheinung: "Du sollst keinen Gott haben neben mir"
Neuerscheinung - Buchveröffentlichung am 09. Oktober 2009 in der Marktkirche

Katalog zur Ausstellung "Harzburger Front - Im Gleichschritt in die Diktatur"
Neuerscheinung - Ausstellungskatalog

Ein mahnendes Zeitdokument in Bildern
Neuerscheinung - NS-Zeit in Herzberg

Ausstellung Harzburger Front
Ausstellungsflyer zum Download

Beitrag in - Der Harly - Von Wöltingerode zum Muschelkalkkamm
Artikel über den Harly in der NS-ZEit

Neue Broschüre: Arbeiten für Groß-Deutschland - Zwangsarbeit in Bad Lauterberg
Pressemitteilung

Von der Ausgrenzung zur Vernichtung - Leben und Leiden Goslarer Juden 1933 - 1945
Ausstellung in der Marktkirche Goslar vom 09. - 26. Nov

Neuerscheinung - Zwangsarbeit bei Gebr. Borchers/H.C. Starck - "Briefe meines Vaters 1943 - 1945"
Im Februar 1943 wurde Max Dalkowski bei einer Straßenrazzia in Warschau festgenommen...

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 2
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Harzburger Front von 1931 - Fanal zur Zerstörung einer demokratischen Republik.

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 1
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Die Reichspogromnacht am 09./10. Nov 1938 in Goslar.

Holocaust-Gedenktag 2007
Dokumentation der Veranstaltung in Langelsheim

Die NS-Rüstungsaltlast "Werk Tanne"
Sprengstoffproduktion im Harz

Rundgang durch die "Reichsbauernstadt"
Stätten der NS-Herrschaft in Goslar

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 2
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 1
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

Buchbesprechung - Dr. Peter Schyga: Goslar 1918 - 1945
Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus - Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Quellen und Literaturverzeichnis
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 11
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 10
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 9
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 8
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 7
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 3
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 2
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 1
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

1944/45: Der Bau der Helmetalbahn
Sklavenarbeit mitten in unserer Heimat

Die verdrängte Vergangenheit
Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen, 65 Abb., 15-seitiger Dokumentenabdruck

Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar
Verein Spurensuche Goslar e.V., Wolfgang Janz, Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar, Goslar 2003

Spurensuche Goslar in der Bundestagsdebatte
Deutscher Bundestag, 114. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 6. Juli 2000

"Gebt uns unsere Würde wieder" - Die Briefe
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

"Gebt uns unsere Würde wieder"
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker
Das Wegzeichenprojekt Westharz und der Marsch des Lebens

Dokumentation: Veranstaltung - Displaced Persons, Flüchtlinge und Vertrieben nach 1945

Peter Schyga: Vortrag auf der Veranstaltung von Spurensuche Harzregion am 21. Januar 2016 im Gemeindesaal der ev.-luth. Kirchengemeinde St. Georg in Goslar/Jürgenohl mit dem Titel:

Fremde: Displaced Persons, Flüchtlinge und Vertrieben nach 1945

Intro:– Dank – herzlich willkommen

Redaktionelle Anmerkung: Die Veranstaltung mit knapp 100 Teilnehmern bestand aus zwei Teilen. Friedhart Knolle ist zu Beginn mit einer Präsentation auf die lokalen Forschungen zu den DPs eingegangen. Diese ist unter dem Dateinamen „SPU Displaced Persons“ als pdf auf dieser website einzusehen.

Friedhart hat mich gebeten, in die schriftliche Version meines Vortrags einige Worte in seinem Sinne zu den DPs einzufügen. Das habe ich getan und im Text entsprechend ausgewiesen.

Meinen Vortrag habe ich redaktionell ein wenig bearbeitet, ohne den Charakter als Rede zu verändern.

Der Kabarettist Bernd Krage Sieber hat die Veranstaltung mit zwei eigenen Liedern eingerahmt.

Peter Schyga


Text als PDF
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Ich möchte zu Beginn der Wortbeiträge dieses Abends erläutern, warum und zu welchem Zweck wir diese Veranstaltung machen.
Eine zeithistorische Behandlung des Themas Flucht, Vertreibung, Deportation vor 70 Jahren scheint auf den ersten Blick weit weg von den Zuwanderungs- und Integrationsproblemen zu sein, mit denen wir in der Gegenwart konfrontiert sind. Doch die helfenden Menschen heute bei uns sehen sich allein gelassen, ja zunehmend isoliert oder sogar diskreditiert. Denn: Das Handeln der Politikerinnen und Politiker konzentriert sich mehr und mehr auf das Ausdenken von Restriktionen und das Entwickeln von Abwehrstrategien. Von allen Seiten des politischen Spektrums prasseln ideologische Breitseiten auf Ankommende und ihre fürsorgenden Helferinnen und Helfer ein, dass sie Falsches, ja Schädliches täten.

So abgedroschen der Satz „aus der Geschichte lernen“ auch immer wieder klingt: Eine historische Einordnung der Migrationsproblematik in der Gegenwart halten wir für bitter nötig, um den geradezu irrlichternden Debatten, billigen Polemiken oder auch hass- und ressentimentgeladenen Tiraden von Rassisten und Deutsch-Volkstümlern im prolligen oder intellektuellen Gewand begegnen zu können.

Die Anfeindungen gegen Angela Merkel sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Sie sollen alle treffen, die wie sie mit dem Motto „Wir, diese Gesellschaft und ihre Menschen schaffen das“ in täglicher Praxis Hand anlegen, ihren Kopf anstrengen, um den Opfern von Krieg und Vertreibung zur Seite zu stehen.

Diese Formulierung „Opfer von Krieg und Vertreibung“ stammt aus den deutsch/alliierten Länderflüchtlingsgesetzen von 1947 und später, ist Bestandteil der UN-Flüchtlingscharta, sie steht auf jedem entsprechendem Mahnmal. Sie ist nicht als hohler Spruch gedacht, sondern als Appell zum Handeln.

Doch dieser Appell muss in der Gegenwart so unterfüttert werden, dass entsprechendes politisches Handeln eine Perspektive bekommt. Und diese Perspektive erhalten wir, indem wir uns als Gesellschaft darüber verständigen, wie wir uns im Heute und in der Zukunft mit der Tatsache auseinandersetzen, dass von den 60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, viele, sehr viele bei uns eintreffen werden. Wir müssen uns auf die Tatsache, dass wir nicht nur schon lange ein Einwanderungsland sind, sondern dass noch sehr viele Migranten zu uns – nach Europa, nach Deutschland – kommen werden, endlich einlassen und damit Strategien entfalten, wie diese Entwicklung, die viele soziale, politische und kulturelle Probleme mit sich bringt, zu bewältigen ist.

Wir als Einheimische in Deutschland und Europa müssen das zu ebenso wie diejenigen, die hier ankommen. Dabei ist vor allem anderen, vor Sozial- und Bildungsprogrammen, vor polizeilichen, gesetzlichen und Verwaltungsmaßnahmen grundlegend, dass wir uns auf das Fremde und die Fremden bei uns einstellen, genauso wie umgekehrt die Fremden sich auf das für sie Fremde einlassen müssen, ohne jeweils etwa ihre kulturellen oder religiösen Gewohnheiten verleugnen zu sollen Diese grundlegende Erkenntnis hat uns eigentlich die Erfahrung von Flucht und Vertreibung vor 70 Jahren gelehrt. Diese Erfahrung ist integraler Bestandteil fast aller deutschen Familiengeschichten. Sie scheint hier und da verschüttet, manchmal verleugnet, doch ihr latentes Vorhandensein ist ganz bestimmt ein Motiv für die Empathie, die den Flüchtlingen von heute entgegengebracht wird – etwa im Vergleich mit anderen Ländern Europas. Diese Erfahrung lehrt zudem, dass der Prozess des Ankommens in der Fremde und des Akzeptierens des Fremden sehr, lang, über Generationen dauert und schwierig ist – Und dass er letztendlich doch erfolgreich bewältigt werden kann. Darum geht es heute hier.

Und um zu dieser Klärung einen kleinen Mosaikstein beizusteuern, widmen wir uns heute dem größten Migrationsprozess des 20. Jahrhunderts in Europa, der mit Flucht, Vertreibung und Zwangsverschleppung durch das nationalsozialistische Deutschland im März 1933 begann – vergessen wir bei dem Thema nämlich bitte nicht die Vertreibung von Tausenden aus dem NS-Reich –und erst in den späten 60er Jahren zu einem gewissen Abschluss kam, um in den 90er Jahren neue Nahrung zu erhalten, dann wieder abzuebben, um nun im „Flüchtlingsstrom“ des Jahres 2015 eine scheinbar neue Qualität zu erhalten.

Friedhart Knolle wird mit der Zwangsarbeitermigration, die mit Okkupation und Eroberungskrieg der NS-Herrschaft 1938 begann, nach 1945 beginnen.

Danach will ich in groben Zügen die wichtigsten sozialen, politischen und zwischenmenschlichen Probleme der Migrationsströme seit 1944/45 anreißen und dann die konkreten Schwierigkeiten hier vor Ort ansprechen.

Einfügung Dps: Tausende von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sind in den Jahren der NS-Eroberungszüge aus ganz Europa nach Goslar verschleppt worden. Sie wurden nicht nur in den großen Industriebetrieben eingesetzt, sondern dienten auch Handwerkern und Gewerbetreibende in der Stadt als billige Arbeitskräfte. Der Verein Spurensuche und andere haben diesen Prozess und die Schicksale Vieler ausführlich erforscht und dokumentiert. Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 10. April 1945 in die Stadt kamen diese Menschen frei. Die meisten konnten – oder mussten laut interalliiertem Abkommen – relativ schnell in ihre Heimatländer zurückkehren. Etliche Hundert blieben vorerst in Goslar, einige für lange Zeit. Sie wurden nun auf Geheiß der Britischen Besatzungsmacht ordentlich versorgt und menschenwürdig untergebracht. Ehemalige Zwangsarbeiter stellten nun Ansprüche, die etliche Bürger der Stadt und deren politische Führung als unangemessen betrachteten.
Tatsächlich stellten die DPs eine Konkurrenz um Nahrung, Kleidung, Unterkunft zu den ankommenden Flüchtlingen dar. Dieses Kapitel Nachkriegsgeschichte wurde allerdings – auch von uns – noch nicht so weit erforscht, dass wir konkrete Aussagen machen können. Diese Lücke auszufüllen wird gewiss Impetus für unsere Arbeit sein.

Schyga Fortsetzung

Wir sind mit dieser Veranstaltung hierher nach Jürgenohl gekommen, weil dieser Stadtteil für viele Menschen das äußerlich sichtbare Produkt des langen und schwierigen Prozesses des Ankommens in der Bundesrepublik nach Flucht und Vertreibung 1945 und danach abbildet. Wir haben also gehofft, dass Menschen aus diesem Stadtteil kommen, die das Erleben ihrer Familien präsent haben und hier auch gern zur Sprache bringen. Dazu möchte ich ermuntern. In dieser Erwartung werde ich also heute wenig von Einzelschicksalen referieren – die überlieferten Akten sind voll davon –, sondern mich bemühen, einen übersichtlichen Blick in die Zeit zu geben. In diesem Zusammenhang danke ich Jutta Pein, die vor langer Zeit eine Examensarbeit zum Thema geschrieben hatte und mir ihre wertvollen Unterlagen zur Verfügung gestellt hat.


Die Phasen der Ströme von Hilfesuchenden und ihre Auswirkungen auf die Stadt kann man allgemein fassen:

1. Welle: Im Winter 1944/45 kamen die ersten Flüchtlinge aus dem Osten, dieser Zustrom setzte sich nach der Kapitulation in der 2. Welle fort. In diesem Zeitraum – bis in das Frühjahr 1946 – war Goslar im wesentlichen Durchgangsstation, nur wenige der Ankommenden blieben hier. Das sollte sich dann grundsätzlich ändern.

Mit der Durchführung der in Potsdam im Juli/August 1945 von den Alliierten beschlossenen Zwangsvertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten (Aktion Schwalbe) begann die 3. Welle im Frühjahr 1946, die ihren Höhepunkt im Juli 1946 hatte und erst 1949/50 endete. Vielen Flüchtlingen blieben noch lange Lagerleben und, wenn sie Glück hatten, äußerst beengte Wohnverhältnisse nicht erspart. Die Lager waren: ehemaligen Kriegsgefangenen-, Zwangsarbeiterlager, Kasernen, Bunker, Fabriken, Schulen oft erweitert mit den berühmt-berüchtigten Nissenhütten.

Auch acht Jahre nach Kriegsende (also 1953) lebten im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland noch 508.000 Flüchtlinge und Vertriebene in insgesamt 2.600 Wohnlagern, vor allem in den ‚Hauptflüchtlingsländern‘ Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. 1.600 Lager mit einer Wohnbevölkerung von 140.000 Menschen gab es in Niedersachsen, 1958 noch 907 mit 75.000 Bewohnern. Von den 2,6 Millionen Flüchtlingshaushalten in der Bundesrepublik besaß 1950 ein Viertel eine eigene Wohnung. Bei den Einheimischen betrug der Anteil ein Drittel. Die Wohnungsbelegung war von 3,8 Personen pro Wohneinheit 1939 auf sechs 1950 gestiegen. Erst der etwa 1950 massiv einsetzende Wohnungsbau – auch und gerade in Goslar – änderte die Verhältnisse allmählich entscheidend. Noch am 1. Juni 1953 titelte die GZ über einen Bericht zur Ratssitzung: „Goslars Problem Nr. 1: Wohnungsbau.“
Erst in den sechziger Jahren waren die Wohnverhältnisse von Einheimischen und Zugewanderten weitgehend angeglichen. Die letzten Lager wurden zu Beginn der 1970er Jahre aufgelöst. (zit. n.: Jochen Oltmer: Migration, in: Steinwascher u. a. (Hrsg.): Geschichte Niedersachsens Bd.5 S. 965-1022, hier S. 1005)

Ich erinnere mich noch sehr gut aus meiner Grundschulzeit in S-H Anfang der 60er Jahre an Mitschülerinnen und Mitschüler aus Lagern am Stadtrand und auch mit Scham daran, wie schäbig sie oft von uns Einheimischen behandelt wurden. Und dabei: ich bin auch ein Migrant der 2. Generation aus Oberschlesien, wie sie aus meinem Namen unschwer schließen können. Mein Vater, Jg. 1926, hatte eine polnische Geburtsurkunde.

Wir haben es also allein bei den Unterbringungsproblemen von Migration mit langen Zeiträumen zu tun. Integration in den Arbeitsmarkt, in die Kultur und das gesellschaftliche Leben in der Fremde sind dabei noch gar nicht angesprochen.

Doch Zurück ins Goslar nach 1945:

Von 1939 bis 1950 nahm die Wohnbevölkerung in Nds. trotz der Kriegstoten v. 4,5 Mio. auf 6,8 Mio. um fast fünfzig Prozent zu. Das war ein im Vergleich zu heute ein wirkliches Problem, stellte sich als eine reale soziale Krise für die Gesellschaft der Nachkriegszeit dar.

Bis Anfang der 50er Jahre gelangten 1,825 Mio. Flüchtende in das Gebiet des heutigen Niedersachsen. Im Oktober 1946 waren es schon 1,475 Mio. gleich 22,9% der Wohnbevölkerung. Sie machten 1950 27,2% der Wohnbevölkerung aus. Zum gleichen Zeitpunkt hatte Schleswig-Holstein 837.000 Flüchtende aufgenommen gleich 31,6% der Wohnbevölkerung.

Insgesamt waren nach den Daten der Volkszählung von 1950 12,5 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die Bundesrepublik und die DDR gelangt. Bundesweit machte das einen Anteil von 16,5% aus. Deren Verteilung auf die Bestatzungszonen war sehr unterschiedlich: 1947 lag der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung in der SBZ bei 24,3%, in der amerikanischen Zone bei 14,3, der britischen 14,5 – konzentriert auf Niedersachsen und Schleswig-Holstein und damit hier erheblich höher – der französischen 1 Prozent. Diese ungleiche Verteilung bildet einen ständigen Herd der Beschwerde und Klage. Ich komme drauf zurück.

In der Stadt Goslar stieg die Einwohnerzahl von 1945 bis 1950 von knapp über 28.000 auf 42.000. Im Oktober 1946 betrug der Anteil der Vertriebenen in der Einwohnerschaft 32 Prozent. Heute beträgt der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik 13 Promille. Ich denke, diese völlig unterschiedlichen Dimensionen des Problems Fremde müssen wir einfach mal registrieren.

Es galt also diese vielen Leute unterzubringen, zu kleiden, zu ernähren, ihnen Energie zur Verfügung zu stellen, sie in Arbeit zu bringen und ihnen ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen. Es galt die gesamte Infrastruktur der Stadt zu erweitern: Trinkwasser und Kanalisation konnte nicht mehr ausreichen, das Gesundheitswesen war überfordert, zumal durch die schlechte Ernährungs- und Hygienesituation die Anfälligkeit für Krankheiten hoch war. Bildungswesen und öffentliche Ordnung mussten organisiert werden – und das alles unter den Bedingungen der Besatzung, dem Versuch des Neuaufbaus von Verwaltung und Staat, bei einer verbreiteten Orientierungslosigkeit in der Bevölkerung, die von der Vision eines über die Welt herrschenden Herrenvolkes in die Niederungen eines Underdogs gefallen war.

Die Flüchtlingssituation im Jahr 1945 sei anhand eines zeitgenössischen Berichts geschildert: Von Anfang Oktober bis Ende November 1945 kamen 22.315 Flüchtlinge an, 21.526 wurden weitertransportiert. 1186 meldeten sich in Goslar an. Im Bericht des Oberlagerleiters Otto Bohnsack v. 5.11.1945 und 27.1.1946 heißt es:
Ab Mitte Juni sei es so richtig losgegangen mit der „Betreuung von Ortsfremden“: Drei Küchen wurden eingerichtet: Rammelsberg-Kaserne, Oberschule für Knaben, Pestalozzi-Schule. In der 2. Julihälfte mussten die Flüchtlingsfamilien die Rammelsberg- und Burgdorfkaserne verlassen, weil die Briten dort Polen unterbringen wollte. Die Flüchtlinge verließen Goslar, fanden Bleibe in der Stadt oder zogen in die Schillerschule und die Goslarhalle, „die unter erheblichem Aufwand von Arbeitskräften, Zeit und Geld als Flüchtlingslager hergerichtet worden war. Da die Goslarhalle sich weniger als Dauerwohnung für Familien eignete,
[diesen Satz aus dem Jan. 1946 merken Sie sich bitte, die Goslarhalle wird noch Thema sein],
wurden die Soldaten aus der Pestalozzischule mit den Familien aus der Goslarhalle ausgetauscht.“ Im September der nächste Umzug: Räumung der Schillerschule, rein in die Oberschule für Mädchen. Heimkehrende Kriegsgefangene in die Vititorkaserne. Im Oktober dann die nächste „große Flüchtlingsbewegung“: Räumung von Pestalozzischule, Goslarhalle und Oberschule für Mädchen, die Leute kamen nach Ronnenberg/Hannover oder nach Hameln. Denn Goslar sollte als Durchgangslager für einen Teil der 675.000 aus dem Osten erwarteten Flüchtlinge dienen. Aufgabe: desinfizieren, ärztlich untersuchen, registrieren, um sie mit „Sonderzügen in ihre neuen Wohngebiete in den Provinzen Hannover, Westfalen und Schleswig-Holstein weiterzuleiten.“

500 Leute wurden täglich mit einem Fahrdienst (Busse und dann Bahn) vom Grenzort Eckernkrug nach Goslar geholt.

Fünf Unterlager [ohne die Hilfskrankenhäuser Berufsschule, Goetheschule, Westerode] für „Durchziehende“ gab es:

Vititorkaserne (Fassungsvermögen 500; beheizbare Räume 18, Küchen 1; Leiter: Dr. Degenhardt [Flüchtling und später CDU-Ratsherr, P.S.]),

Pestalozzischule (160; 10; 1; La Motte),

Goslarhalle (500; 14; 1; Burgdorf),

Oberschule für Mädchen (250; ./.; 12; Dr. Peczkowski)),

Mädchenmittelschule (210; 12; ./.; Stöber

Beschäftigt im Lager waren 118 Personen inkl. der Hilfskrankenhäuser [Bericht v. 27.1.46]: 10 Lagerleitung, 7 Unterlagerleiter, 7 Ärzte (1/Lager), 13 Bürokräfte, 5 KüchenleiterInnen, 24 Köche und Küchenhilfen 11 Desinfektoren, 7 Hausgehilfen, 15 Transportarbeiter, 5 Holzfäller also ein ziemliche Betrieb.

Das Procedere: es gibt eine durchschnittliche Belegungsperiode von 3 Tage. Am 1. Tag jeder Belegungsperiode geht ein Sonderzug mit den Flüchtlingen der Vorperiode (jeweils 1.000 bis 1.400 Personen) nach dem Westen ab.“ [Anl. z. Bericht v.27.1.]

Vom 7. Okt. 1945 bis 15.1.46 ergeben sich ff Zahlen: Gesamtdurchgänge: 45.205; Mahlzeiten warm: 114.504; Mahlzeiten kalt: 121.054; Marschportionen: 38.107. Für essen wurde pro Mahlzeit ein Betrag von 0,50 RM erhoben; Bettengebühr ist nicht ausgewiesen.

Kostenbilanz zum 15.1.1946:

AusgabenEinnahmenSaldo
Sachl. AusgabenLöhne u. GehälterBett-, Ess-, Spendengelder
215.59053.541137.740- 131.391


Soweit dieser Bericht aus einer Zeit, als es in Goslar noch relativ normal wie seit etwa 1943/44 zuging. Es herrschte zwar Mangel, doch das war man gewohnt. Die größten Nazis waren einfach weg, die Verwaltung funktionierte, die meisten Leute hatten Geld, Arbeit gab es auch genug, denn die Zwangsarbeiter waren befreit und hinterließen leere Arbeitsplätze; in den politischen Kreisen der Stadt herrschte hohes Einvernehmen – an der Oberfläche.

Diese Situation Goslars als Durchgangsstation änderte sich mit der dritten Welle – der organisierten Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Jeden Monat ab April 1946 kamen nun Sonderzüge an, die etwa 1.500 Menschen ausluden, die alle in der Stadt und Umgebung bleiben sollten. Die meisten kamen in eines der Lager unter. Zur Organisierung der Unterbringung war im September 1945 ein Wohnungsausschuss durch den Magistrat der Stadt gewählt worden. Doch dessen Kompetenzen waren unklar. Requirierungen nahm die Besatzungsbehörde für die eigenen Leute vor, was ziemlich viel Unmut erregt. Stadtkämmerer Wulfert berichtet später, dass zum 1.7.1946 von den Briten 98 Wohnhäuser und 53 andere Grundstücke beschlagnahmt worden, so dass 1100 Wohnräume ohne Küche und Nebenräume zur Verfügung gestellt werden konnten. Davon stünden aber 25 Wohnungen leer.

Als Reaktion auf die schwieriger werdenden Verhältnisse wurde dann im Herbst 1946 eine Wohnraumkommission gegründet, der das Recht zufiel, im Rahmen städtischer Wohnraumlenkung Requirierung zu veranlassen. Eine Maßnahme, die viel Unmut, Ärger auch Aggression hervorrief. Der Widerstand gegen die Beamten des Wohnungsamtes häufte sich, Beschwerden und Klagen wurden zur Regel, manchmal musste Polizeibegleitung angefordert werden. Bald gründete sich ein Verein der „Beschlagnahmegeschädigten“.

Neben den eben aufgezählten Unterbringungen wurden dann noch aktiviert bzw. reaktiviert: Das Zwangsarbeiterlager am Petersberg wurde den Eigentümern, der Lagergemeinschaft Goslarer Betriebe von der Stadt abgekauft und für ca. 300 Flüchtlinge notdürftig hergerichtet. Mit dem Abzug der DPs wurden noch folgende Lager neu belegt: Rammelsberg, Fliegerhorst, Astfelder Str., später dann noch Hahndorf. Außerdem wurde die Domkaserne hergerichtet erst für Flüchtlinge, dann als Altersheim.

Ein ständiges politisches Ärgernis blieb die ungleiche Verteilung der Fremden im Land Nds. und in den Zonen – ich hatte schon darauf hingewiesen. Immer wieder forderte man aus Städten wie Goslar, Celle oder Lüneburg Umsiedlungen. Doch die Menschen ließen sich nicht wie Stückgut hin- und herschieben. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1947 meint dazu:

„Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Leitung der Flüchtlinge aus den Auffanglagern in die für sie bestimmten Gebiete nicht ohne weiteres durchführbar war. es sollte z. B. zunächst der Westteil Niedersachsens mit Flüchtlingen aufgefüllt werden, aber nur ein kleiner Prozentsatz derjenigen, die in Sonderzügen in Richtung Aurich und Osnabrück in Marsch gesetzt wurden, kam am festgesetzten Reiseziel an. Die Hauptmasse der Flüchtlinge suchte sich entgegen der ausführlichen Anweisung schließlich doch ein Reiseziel nach eigenem Ermessen aus. Eine Steuerung der Flüchtlingsmassen hätte nur durch Festsetzung für die einzelnen Landkreise verbindlichen Bevölkerungshöchstzahl erfolgen können.“ [Hans Joachim Malecki,: das Flüchtlingsproblem in Niedersachsen, in: Neues Archiv in Niedersachsen 1947 Heft 1 Hannover, S. 45-80, hier S. 62]

Erst später, als sich im Gebiet der Bundesrepublik Arbeitsplatz- und Wohnanreize boten, verließ eine nennenswerte Anzahl nds. Gebiet.

Organisiert und verwaltet wurde die Flüchtlings- und Vertriebenenhilfe vom im Juni 1945 neu eingerichteten Sozialamt und dem Wohlfahrtsauschuss, dem Fürsorgeausschuss, dem Wohnungsausschuss und ab 1948, nachdem es endlich ein nds. Flüchtlingsgesetz gab, dem Flüchtlingsausschuss. Das Wohnungsamt mit dem angegliederten Wohnungsausschuss (eingerichtet am 25.9.45) war für die Entlastung der Lager und die Unterbringung in der Stadt zuständig. Dem ersten vom Magistrat am 10.7.1945 ernannten stadtverwaltungsunabhängigen Fürsorgeausschuss, der später in den Wohlfahrtsausschuss überging – der 1946 eingerichtete städtische Fürsorgeausschuss hatte dann ähnlich Aufgaben war aber als Gremium des Sozialamts anders organisiert –, gehörten Propst Rauls (ev. Kirche) Pastor Kohn (kath. Kirche), Frau Raukes (DRK) Sen. a.D. Lange und Willy Bennewitz (SPD).

Wie muss man sich jetzt die Arbeit dieser Organisationen vorstellen: Es war Fürsorge- und auf der einen Seite, Almosenbedürftigkeit, die entwürdigen wirken kann, auf der anderen.

Menschen, die noch wenige Monate ein selbstbestimmtes Leben mit eigenem Einkommen, Wohnung und Plänen geführt hatte, waren nun notdürftig untergebracht und mussten für jedes Hemd, jede Socke bei den Ämtern vorstellig werden, oder die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen sprangen bei: Diakonie, Caritas, DRK, Quäker um Hilfe angehen. Deren Tätigkeit bei der Flüchtlingserstbetreuung und der späteren tagtäglichen „Liebestätigkeit“ (Suppenküche, Kinderheim und -garten, Tageswohnungen, Altenbetreuung etc.) kann hier heute nur erwähnt und nicht entsprechend gewürdigt werden.

Liest man die Protokolle dieser Ausschusssitzungen wiederholt sich hundertfach die Entscheidung, im Einzelfall der Bitte um ein Kinderbett oder ein Paar Schuhe, eine Zuschuss von wenigen Mark für einen Schrank oder einen Fahrradschlauch zu entsprechen oder auch nicht. Es traf wie immer am härtesten diejenigen, die alles verloren hatten, Frauen mit Kindern, Alte und Kranke. Die Konkurrenz unter den Bedürftigen führte zu Streit und Beschwerde, zu Diebstahl und Übervorteilung.

Flüchtlinge waren hilfsbedürftig, wurden als solche auch behandelt, doch gleichzeitig lag der Anteil der Beschäftigten unter ihnen im gleichen Bereich wie bei den Einheimischen. Doch sie erhielten durchweg geringere Löhne, weil sie oft in Tätigkeiten eingesetzt waren, für die sie keine Ausbildung hatten. Lassen Sie mich der Anschauung halber aus dem Protokoll der Sitzung des Fürsorgeausschusses (der war zuständig für zusätzliche Leistungen neben der Sozialhilfe) unter der Leitung von Frau Dr. Brökelschen vom 14.11.1946 zitieren: Fall Frau I.: „Die Gewährung einer Beihilfe oder Darlehn von 50.- RM wird abgelehnt. Der Antragstellerin ist zu empfehlen, sich zum Arbeitseinsatz beim Arbeitsamt zu melden.“

Oder: „Fall Frau T: Am 2.4.47 von Schöningen nach Goslar umquartiert. Frau T ist mit 3 Kindern im Alter von 4, 6. und 9 Jahren im Lager und erhält freie Unterkunft und Verpflegung. Ihr Vater arbeitet in Goslar bei einem Fuhrunternehmer. Weitere Verwandte im Lager beaufsichtigen die Kinder, während Frau T den ganzen Tag bis abends 6 Uhr bei dem Fuhrunternehmer tätig ist, ohne vom Arbeitsamt eine Zuweisung dafür erhalten zu haben. Angeblich will Frau T. ihrem Vater nur bei der Arbeit behilflich sein. Frau T ist sehr ordentlich und fleißig; sie könnte jedoch ohne weiteres einen Arbeitsplatz vom Arbeitsamt zugewiesen erhalten und dadurch eine regelmäßige Geldeinnahme haben. Vermögen oder größere Ersparnisse sind nicht vorhanden. Der Ehemann ist in Kriegsgefangenschaft. Frau T benötigt nur etwas Handgeld um tägl. Bedarfsartikel zu kaufen, Schuhreparaturen zu bezahlen und dergl. Mi einer kleinen Beihilfe ist ihr schon sehr geholfen. Die Frage des Arbeitseinsatzes muss noch geklärt werden.“

Man musste schon quasi den Kopf unterm Arm tragen, um etwas Barhilfe zu ergattern: „Fall Frau M. Am 11.4.47 von Schöningen nach Goslar umquartiert. Frau M. ist 38 Jahre alt und hat zwei Kinder im Alter von 6 und 110 Jahren. Ein Kind ist fast blind und schon 5x operiert, das andere ist unterernährt. Der Ehemann ist seit 3 1/2 Jahren vermisst. Frau M. steht ganz allein da, ist sehr schwächlich und seelisch niedergedrückt, jedoch immer hilfsbereit und zufrieden. Sie erhält im Lager freie Unterkunft und Verpflegung. Wegen Krankheit der Kinder ist sie vom Arbeitseinsatz befreit. Frau M benötigt dringen Barmittel zum Kauf einer Einholtasche (21,-RM) Holzsandalen (7,50 RM beim Sozialamt = diesen Betrag hat sich Frau M bereits geliehen), 1 Paar Holzschuhen zu 13,- RM und für Artikel des täglichen Bedarfs. Würdigkeit und Bedürftigkeit zur Gewährung einer Beihilfe liegen vor“

Sie merken schon an diesen wenigen Fällen: Wohlverhalten und guter Leumund, die vom jeweiligen Lagerleiter attestiert wurden oder auch nicht, waren zentrale Kriterien der Hilfszusagen. Demütigung unter dem Mantel der Fürsorge gehörte zum System.

Hunger und Kälte traf alle Bewohner der Stadt. Nur – die Einheimischen hatten meist noch Geld und Wertgegenstände, mit denen sie auf dem Schwarzmarkt handeln konnten, vor allem hatten sie ein festes und gewohntes Dach überm Kopf. Sie hatten oft auch einen bescheidenen Garten oder Hinterhof, in dem seit den letzten Kriegsjahren Gemüse angebaut wurde. Flüchtlinge hatten das alles nicht. Ihr Geld lag auf irgendeiner requirierten Bank in Pommern, Schlesien oder sonst wo.

Und andersherum: Lagerflüchtlinge erhielten wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag, was nicht jedem Einheimischen und jedem Stadtflüchtling außer den Kindern bei der Schulspeisung und den Alten im Heim vergönnt war. Dies war für manchen Goslarer ein Grund, bei den Behörden wegen „Bevorzugung“ der Fremden Beschwerde einzulegen.

Wie aus dem eben zitierten Bericht hervorgeht war Hilfs- und Spendenbereitschaft vorhanden und hielt auch eine Zeitlang an, doch von dem eingenommenen Geld konnte immer weniger gekauft werden, weil es nichts mehr zu kaufen gab. Das Einsammeln und Verteilen von Naturalien bestimmte nun die Tätigkeit der Hilfsorganisationen. Die Mitglieder der im Wohlfahrtsausschuss zusammengefassten Organisationen, hier vornehmlich die kirchlichen Organisationen, gingen monatlich unentwegt von Haus zu Haus, um Sachgegenstände zu sammeln.

„Wir leben in Zeiten der Not. Was die Menschen heute am meisten bewegt, ist die Ernährungslage, die Brennstofffrage und die Wohnungsknappheit“, fasste der scheidende Oberbürgermeister Rudolf Bosse die allgemeine Lage auf der Ratsversammlung vom 16. August 1946 zusammen.

Und wenig später: „Tausende von Kindern hier in Goslar sind ohne Kleider und Schuhe. Der dringendste Bedarf an Säuglings- und Kleinkinderbekleidung ist seit Monaten nicht mehr zu befriedigen. ... Eure Stadt blieb von den furchtbaren Zerstörungen des Krieges verwahrt. Das verpflichtet uns alle zu einem fühlbaren Opfer an Kleidung, Schuhen, Decken und Hausrat aller Art“, hieß es in einem Aufruf der Stadt vom November 1946. Als wenig später der berüchtigte Hungerwinter 1946/47 Deutschland fest im Griff hatte, dachte man im Magistrat laut über Zwangsmaßnahmen nach, weil den Appellen nur wenige Taten gefolgt waren. Hilfsbereitschaft und Mitgefühl waren begrenzt.

Die Massenunterkünfte Goslarhalle und Vititorkaserne wurden Langzeitlösungen und zunehmend zu einem kommunalen Ärgernis. Die Bewohner litten unter dem Provisorium, der Enge, den hygienischen Verhältnissen, dem Mangel an privatem Rückzugsraum. Die Zustände waren kaum erträglich. Ständige Besichtigungen der Lager durch Leute des Gesundheits-und Wohnungsamtes dokumentierten Unerträgliches.

Am 31.5.1948 fasste der Vorsitzende des Wohnungsausschusses, Wohnungsdezernent und Ratsherr König (CDU) in einem langen Rechenschaftsbericht die Lage zusammen:
Flüchtlinge im Fliegerhorst 169, Vititor-Kaserene 192, also rund 375 völlig unzulänglich in Lagern untergebrachte. Daneben behelfsmäßig in der Dom-Kaserne, Krahmer-Möllenberg-Kaserne, Pestalozzischule untergebrachte 223 Personen. Schließlich in der Reichshalle, Goldenem Stern und Braunschweiger Hof, also konzessionieren Beherbergungsbetrieben weitere 99 Flüchtlinge, insgesamt ca. 700 Personen, deren endgültige Unterbringung als Aufgabe der Verwaltung ins Auge springt. Eine weitere Frage ... „ist die menschenwürdige Unterbringung weiterer 2.500 Personen, die zwar in Goslar untergebracht sind, aber man frage mich nicht wie!“ König stellte fest, dass die Menschen aus ihren Höhlen heraus wollen, dass sie sich nicht mehr vertrösten ließen.

Ratsherrin Brökelschen pflichtete ihm in einem emotionalen Redebeitrag bei. Mit Hinweis auf die Slums von London und die Hinterhöfe Berlins und anderswo meinte sie: „Wie beneidenswert wären wir, wenn wir heute nur solch lokal bedingtes Wohnungselend hätten.“

Das ungewöhnlich lange und einstimmige Klagelied des Rates der Stadt im Frühjahr 1948 hatte neben den ernst gemeinten Sorgen einen handfesten politischen Hintergrund: Die britische Militärregierung wollte über 200.000 Vertriebene aus S-H in die anderen Regionen der britischen Zone verschieben.
Goslar sollte nach einem Bescheid der Bezirksregierung Braunschweig 2.500 von ihnen aufnehmen. Mit Händen und Füßen hatte man sich seit langem gegen weitere Aufnahmen gewehrt, nun brach Empörung los. In Wallung kam die Politik der Stadt schon im November 1947 Heinrich Albertz, nds. Staatskommissar für das Flüchtlingswesen, hatte inkognito Flüchtlingsunterkünfte bereist und darüber im Rundfunk berichtet und in der „Welt“ geschrieben. Gegenüber Goslar erhob er den Vorwurf, dass z. B. die Zustände in der Goslarhalle unerträglich seien und mit Absicht auch so belassen würden, damit Goslar demonstrieren könne, nicht imstande zu seinen, einen einzigen neuen Flüchtling zu beherbergen. Die Zustände waren wirklich erbärmlich, das wusste man intern, doch die Verantwortung wurde den Bewohnern zugeschoben:
„Es ist ihnen weiter bekannt, dass von den derzeitigen Bewohnern der Goslarhalle ein erheblicher Teil solche Elemente sind, die sich bis jetzt in anderen Lagern und nur auch in der Goslarhalle aufhalten und aus bestimmten Gründen (Bequemlichkeit der Verpflegung, mangelnde Kontrolle etc.) gar keinen Wert darauf legen, in geordnete Verhältnisse zu kommen“, heißt es in einer Protestresolution des Rates der Stadt v. 25.11.1947 gegen Albertz.

Wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, könnte man sagen: Schicksalshaft brannte die Goslarhalle im März 1948 ab; die „Elemente“ – gern auch offiziell als „Asoziale“ tituliert – wurden in der Öffentlichkeit stracks zu armen, bedauernswerten Obdachlosen deklariert und – angesichts der nun weiteren 248 Personen, die anderweitig untergerbacht werden mussten, bescherte das Feuer Argumente gegen weitere Flüchtlingszuweisungen.

Dies muss hier erwähnt werden, denn die Goslarhalle wurde zu einem städtischen Mythos, zum Fanal der Flüchtlingstragik in der Stadt – Einblicke in die Begehungsberichte der Verwaltung von damals zeigen, dass die Kritik von Albertz an den Zustände dort der Wirklichkeit entsprach.

Aber – auch das darf hier erwähnt werden: die Stadt war sehr zurückhaltend in ihren Ausgaben für eine Verbesserung der Lage. Seit dem Sommer 1945 schob man große Pläne zum Wohnungsbau vor sich her, träumte von einer „Trabantenstadt“ im Norden, machte eifrig Entwürfe für die Zukunft, doch für eine Verbesserung der Provisorien stellte man kaum Geld bereit und den Bau neuer Notquartiere lehnte man kategorisch ab, weil sie das Stadtbild verschandeln würden. Dabei hatte die Stadt Geld genug, Steuereinnahmen flossen, weil die Betriebe arbeiteten, aber sie hortete die Finanzen wie ein Schatzbildner. Noch wenige Tage vor der Währungsreform im Juni 1948, als auch dem Naivsten endgültig klar sein musste, dass neues Geld mit einer drastischen Abwertung der Reichsmark einhergehen würde, brüstete man sich im Rathaus gegenüber der Öffentlichkeit mit seinen Spareinlagen. 14 Mio. Mark verlor die Stadt durch die Währungsreform. (BZ 20.7.1948)

Eine Erklärung für solche Knauserei angesichts großer Not blieb der Rat den Stadtbürgern und der Nachwelt schuldig. Retrospektiv lobte man sich Mitte der 50er Jahre für die weise Stadtplanung, war stolz, dass man im Unterschied zu vielen anderen Städten Stadtgestaltung ernst genommen habe. Die Tatsache, dass diese Spar- und Städtebaupolitik jahrelang die auf Kosten der fremden Menschen gegangen war, wurde gern ausgeblendet.

Sie sehen an der Grafik (diese ist am Ende dieser Zeilen abgebildet), dass erst im Jahr 1949 nennenswert gebaut wurde. Hier werden nur die Wohnungen der Wohnstätten GmbH aufgeführt, doch die frei finanzierten Wohnungen machten nur einen Bruchteil des Bauens aus. Die Erzählung, wie unter welchen ziemlich komplizierten Verhandlungen nun der Flugplatz zum Gebiet der neuen Trabantenstadt wurde, ist hier in der Stadt Allgemeingut. Wir können auch im Gespräch darauf eingehen.

Lassen Sie mich in den letzten Minuten meiner verbleibenden Zeit meine Erkenntnis, die ich mir angeeignet habe und von denen hier nur ein winziger Bruchteil berichtet werden konnte, resümieren.

Flüchtlingsminister Heinrich Albertz erklärte anlässlich der Übergabe einer Denkschrift zur Flüchtlingsnot in Niedersachsen an die zuständige Kommission des amerikanischen Senats: „Es handelt sich bei dem Flüchtlingsproblem nicht um Wohlfahrt, nicht um Caritas, nicht um Almosen, auch nicht um bestgemeinte, helfende Tat menschlicher Liebe, so sehr diese Dinge wichtig sind und so sehr wir sie nötig haben, sondern um die Folgen eines zerstörten Rechts.“ Damit meinte er zwar nicht das Flüchtlingsproblem als Folge des NS, der das Recht zerstört hatte, sondern die Tatsache, dass in Niedersachsen und Schleswig-Holstein viel mehr Flüchtlinge untergebracht waren als im Rest der Republik. „Das wirkliche Flüchtlingsnotland des deutschen Westens reicht von Flensburg bis Göttingen und von Helmstedt bis Bückeburg.“ (HAZ 20.9.1949)

Doch er hatte insofern recht, als das Recht der Flüchtlinge als selbstbestimmte Staatsbürger anerkannt und behandelt zu werden, die auf Grund ihrer Lage einer rechtlich abgesicherten und rechtsverbindlichen besonderen Unterstützung bedürfen, lange fehlte.

Flüchtlingsgesetz, Flüchtlingsräte:

Erst im nds. Flüchtlingsgesetz vom Juni 1947, das im Laufe des Jahres 1948 umgesetzt wurde, war Flüchtling überhaupt definiert:

„Flüchtlinge im Sinne des Gesetzes sind nicht nur diejenigen deutschen Staats- und Volksangehörigen, die bis zum 1.1.1945 ihren Wohnsitz in den Ostprovinzen oder im Ausland hatten (‘echte‘ Flüchtlinge), sondern auch diejenigen, die infolge der Kriegsereignisse ihr Hab und Gut im Wesentlichen verloren haben (‚unechte‘ Flüchtlinge). Die Flüchtlinge erhalten einen Flüchtlingsausweis, dieser beweist nur die Flüchtlingseigenschaft.“ [aus: Flüchtlingsrecht in Niedersachsen Stand 1.121948 in: Zeitschriftensammlung für die Gemeindeverwaltung in Niedersachen, Stuttgart 12/1948.]

Mit den dem Gesetz folgenden Durchführungsbestimmungen für die unteren Verwaltungsebenen wurden erst 1948 Vertretungen eingerichtet, die – mehrheitlich mit Flüchtlingen besetzt – deren materielles Recht vertraten, das dann später auf Bundesebene im Vertriebenengesetz und dem Lastenausgleichsgesetz auf eine gesicherte Ebene gestellt wurde.

Der örtliche „Stadt-Flüchtlingsausschusses(-rat)“ konstituierte sich am 27. Febr. 1948 mit der Besetzung: OB Bruns, Ratsherrin Brökelschen, Ratsherr Weise, Ratsherr König; aus dem Kreis der Flüchtlinge: Herren Johnsdorf, Rehberg, Behrend, Schilinski. Erst jetzt wurde aus Fremden, die Fürsorge zugestanden bekamen, Rechtsbürger, die gesetzlichen Anspruch auf Unterstützung und etwa Existenzgründungsdarlehen hatten. Erst jetzt konnten sie ihre Interessen so artikulieren, dass die einheimischen Ratsherren und -frauen reagieren mussten.

Ich glaube, dass etwa die Verweigerung von spezifischen Minderheitenrechten und ihre Ersetzung durch Fürsorge viel dazu beigetragen hat, dass die Integration der Vertriebenen eine schwere Hypothek im politischen Leben der Bundesrepublik geworden ist.

Ich komme zum Schluss: Mit diesen „Altlasten“ von NS-Diktatur und Zweitem Weltkrieg war es mit Einwanderung hierher nicht getan. Die Migration von Flüchtenden hielt in Schüben an. Ich erwähne nur kurz:

DDR Flüchtlinge in den 50er Jahren. Vergessen ist, dass aus Algerien in den späten 50er, frühen 60er Jahren etliche Flüchtlingen kamen wie auch in den 60er Jahren aus dem Griechenland der Obristen oder nach 1968 aus der CSSR des niedergeschlagenen Prager Frühlings. Nach 1973 wurden Opfer des Pinochet-Regimes nicht nur in der DDR aufgenommen, ebenso kamen Boat-People als Folge des Vietnamkrieges. In den 80er Jahren flohen Iraner vor dem Ajatollah-Regime, Türken und Kurden vor der Militärdiktatur. Und in den 90er kamen Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien und tausende sogenannte Russlanddeutsche siedelten in die nun neue Bundesrepublik um.

Und um die Dimension des Themas Zuwanderung mit einer konkreten Zahl weiter zu veranschaulichen: Zwischen 1950 und 2007 sind rund 4,5 Millionen Umsiedler nach Deutschland gekommen. Und – von den sogenannten Gastarbeitern, der Aufnahme und Integration der Arbeitsmigranten aus der Peripherie Europas habe ich noch gar nicht gesprochen.

Wer heute noch die Tatsache leugnet, dass wir eine lange Einwanderungstradition haben, ein Einwanderungsland sind, ignoriert, aus welchen interessierten Gründen auch immer, historische Realität. Doch wenn diese und die Realität der Gegenwart nicht als Grundlage für politisches Handeln genommen werden, führt man ideologisch geprägte Feldzüge gegen imaginierte Feindbilder und um einen völkischen Nationenbegriff, der im 20. Jahrhundert unendliche viel Leid und Zerstörung hervorgerufen hat. Solche Politik brauchen wir wirklich nicht mehr.

Ich danke Ihnen.



Aus: Goslar, kommunales Leben. Statistik von gestern und heute, Goslar 1955, S. 43.

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