- Forschungs- und Erinnerungsarbeit zu Zwangsarbeiterschicksalen und NS-Geschichte im Harzgebiet -
Arbeiten für Großdeutschland - Teil 3
Stadtarchiv Bad Lauterberg
KptLt a.D. Helmut Lüder
Herkunft, Altersstruktur und Geschlechterverteilung
In Bad Lauterberg waren in den Jahren 1939 bis 1946 insgesamt 4259 Ausländer aus 21 Nationen gemeldet, bzw. zeitweilig gemeldet. Drei Nationalitätsangaben mit insgesamt 25 Personen sind jedoch nicht genau zu bezeichnen. Die 66 Volksdeutschen wurden in diese Zahl mit einbezogen und als solche auch bezeichnet.
Die prozentuale Aufteilung der Herkunftsländer und die Anteile der einzelnen Nationalitäten zeigt die nächste Abbildung.
Das sich aus diesen Zahlen ergebene Bild der Herkunftsländer und Anteile der einzelnen Nationalitäten
20 entspricht prozentual in etwa dem, was für das gesamte Deutsche Reich galt. Erheblich höher war allerdings der Anteil der sowjetischen Arbeitskräfte in Bad Lauterberg 45,3% im Gegensatz zu knapp 33% im gesamten deutschen Machtbereich. Der Anteil der polnischen Arbeitskräfte in Bad Lauterberg 9,4% lag etwa 10% niedriger als im Reich und den besetzten Ländern. Die Nationalitäten, die nur einen geringen Anteil am Ausländeraufkommen hatten, wurden unter dem Begriff "Sonstige" zusammengefaßt. Niederländische und belgische Staatsbürger wurden ebenfalls gebündelt, da die teilweise in die Meldekarten eingetragene Nationalität "Flame" manchmal zweideutig war.
Bei der Altersstruktur ist zu bemerken, daß sie durch einen erheblichen Anteil junger und sehr junger Ausländer geprägt war und keinesfalls den Durchschnitt einer normalen erwerbstätigen Bevölkerung abbildet. Insgesamt liegen zu 4216 Ausländern die hier zum Arbeitseinsatz herangezogen wurden die Geburtsdaten bzw. die Geburtsjahre vor. Ausländer mit "unbekannten" Personenstandsdaten gingen in die Aufstellung nicht mit ein. Die Auswertung liefert aber trotzdem ein einigermaßen realistisches Bild.
Die Jahrgänge 1919
(x) bis 1927
(x) stellten das Gros der ausländischen Arbeitskräfte. Diesen Jahrgängen entstammten 2406 Personen. Mehr als die Hälfte der Arbeiter waren zu Beginn ihres Einsatzes im Bad Lauterberg zwischen 15 - 23 Jahre alt. Am zahlreichsten waren die Geburtsjahrgänge 1922
(y) bis 1924
(y) vertreten. In 4 Einzelfällen waren die eingesetzten Ostarbeiterinnen und Polinnen 12 Jahre alt. Es ist allerdings nicht mehr nachzuvollziehen, ob dieses ein fehlerhafter Eintrag in der Meldekartei war oder ob die dort eingetragene Berufsbezeichnung "Arbeiterin" im Metallwerk Odertal auch tatsächlich zutraf.
Als Beispiel ist hier der Geburtsjahrgang 1924 dargestellt, er umfaßte 203 männliche und 226 weibliche ausländische Arbeitskräfte. Mit Beginn des Arbeitseinsatzes im Jahr 1942 betrug das Durchschnittsalter der ausländischen Arbeiter 18 Jahre.
Der Anteil an Ostarbeitern und Polen des Jahrganges 1924 war, mit 64,8% überdurchschnittlich hoch im Gegensatz zu den anderen Nationen, welche zusammen im Schnitt 35,2% erreichten. Auch der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte erreichte mit 52,7% einen hohen Wert. Im Vergleich dazu ein statistischer Wert aus dem Kreis Osterode aus dem Jahr 1938. Danach betrug bei den gewerblichen Arbeitern der Anteil der deutschen weiblichen Arbeitnehmerinnen nur 26%
21.
Der starke Anteil von weiblichen Ostarbeitern hatte folgende Gründe. Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) begleitete den Arbeitseinsatz von Ausländern und vor allem der Ostarbeiter durch ständige Beobachtung. Die Auswertung oblag dem "Arbeitswissenschaftlichen Institut" der DAF, welches 1944 eine Broschüre
22 zum Thema Ostarbeitereinsatz heraus gab. Darin findet sich eine generelle Beurteilung der Eigenschaften männlicher und weiblicher Ostarbeiter. Während die Männer als passiv und träge galten, hielt die DAF die sowjetischen Frauen für regsamer, kultivierter, geschickter, gebildeter und leistungsfähiger. Die DAF nahm an, daß die sowjetische männliche Bildungselite nicht für den Einsatz in Deutschland zur Verfügung stand, entweder weil sie mit der Roten Armee abgezogen war, oder weil sie in den besetzten Ostgebieten selbst durch deutsche Behörden eingesetzt wurde. Bei Frauen wurden solche Besonderheiten nicht festgestellt.
Fußnoten
20 Spörer, Zwangsarbeit, P. 220-222.
21 Der Ausländereinsatz im Landkreis Osterode 1939 - 1945, C.H. Gattermann, P. 36.
22 Arbeitswissenschaftliches Institut der Deutschen Arbeitsfront (Hg.) Arbeitseignung und Leistungsfähigkeit der Ostarbeiter in Deutschland, Berlin 1944.
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