- Forschungs- und Erinnerungsarbeit zu Zwangsarbeiterschicksalen und NS-Geschichte im Harzgebiet -
Peter Schyga: Goslar 1945 - 1953. Hoffnung - Realitäten - Beharrung.
Neuerscheinung

Dr. Peter Schyga. Über die Volksgemeinschaft der Deutschen
Neuerscheinung. Begriff und historische Wirklichkeit jenseits historiografischer Gegenwartsmoden

Dokumentation: Veranstaltung - Displaced Persons, Flüchtlinge und Vertrieben nach 1945
Vortrag und Präsentation der Veranstaltung vom 21. Januar 2016 in Jürgenohl

Publikationen zur Zeitgeschichte - insbesondere NS-Zeit und ihren Nachwirkungen
Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Konzept

Auschwitz und die Nachkriegszeit: Das Beschweigen und die Integration des IG-Farben Funktionärs aus Monowitz H. Schneider in die Stadtgesellschaft Goslars
Vortrag

UNSER HARZ: Gedenkstätte "Russenfriedhof" am Massengrab der Sprengstoff-Fabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld
Pressemitteilung zur Ausgabe Januar 2014

Dr. Peter Schyga. NS-Macht und evangelische Kirche in Bad Harzburg
Neuerscheinung.

Peter Lehmann: geachtet - geleugnet - geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode
Neuerscheinung. Pressemitteilung.

Frank Baranowski. Rüstungsproduktion in der Mitte Deutschlands 1929 - 1945
Neuerscheinung. Rezension

Nachreichung: Goslar und die Harzburger Front - die Radikalisierung des Bürgertums.
Vortrag im Rahmen der Ausstellungspräsentation am 26.4.2012 im Kreishaus Goslar

Nachreichung: Im Gleichschritt zur Diktatur? Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" in der Harzburger Front1
Vortrag

Nachreichung: Zur Einführung in die Ausstellungspräsentation am 24.4.2012 im Kreishaus Goslar
Rede

NS-Geschichte der Goslarer Fa. H.C. Starck aufgearbeitet - Bd. 5 "Spuren Harzer Zeitgeschichte"
Presseinformation

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Die Formierung des "Rechtsextremismus der Mitte"

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Frieden undenkbar?

Politisches Frühjahr 1933: Terror und Gewalt - Begeisterung und Jubel
Vortrag von Dr. Peter Schyga

Nachreichung: Rede von Peter Schyga während der Ausstellungseröffnung zur Harzburger Front in Wernigerode
Redeprotokoll

Auf den Spuren der NS-Kriegswirtschaft im Harz
Artikel zum Thema in "Der Zeppelin" erschienen

"Festung Harz - Die extreme Rechte im Landkreis Goslar und der niedersächsischen Harzregion"
Vortragsveranstaltung am Freitag, den 27. August um 19:00 Uhr, in der Jugendherberge Goslar, Rammelsberger Straße 25, Raum Rammelsberg

"Geschichte und Geschichten aus Hahndorf am Harz, Band 1"
Neue Chronik von Hahndorf erschienen

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Dokumentation des Symposiums

Der Reichsnährstand in der Reichsbauernstadt - Eine symbiotische Beziehung?
Redebeitrag von Dr. Peter Schyga auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Wie die Nazis die Bauern betrogen
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Das Erntedankfest als Einfallstor für die religiöse überhöhung des "Führers"
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Ausstellungskatalog - Neuerscheinung

Vorstellung der neuen Broschüre "NS-Zwangsarbeit in Seesen am Harz - ein fehlendes Kapitel Stadtgeschichte"
08.12.2009, 12:00Uhr, Bürgerhaus Seesen

Pressemitteilung
Dokumentation zur Harzburger Front aufgrund der großen Nachfrage in Neuauflage erschienen

Neuerscheinung: "Du sollst keinen Gott haben neben mir"
Neuerscheinung - Buchveröffentlichung am 09. Oktober 2009 in der Marktkirche

Katalog zur Ausstellung "Harzburger Front - Im Gleichschritt in die Diktatur"
Neuerscheinung - Ausstellungskatalog

Ein mahnendes Zeitdokument in Bildern
Neuerscheinung - NS-Zeit in Herzberg

Ausstellung Harzburger Front
Ausstellungsflyer zum Download

Beitrag in - Der Harly - Von Wöltingerode zum Muschelkalkkamm
Artikel über den Harly in der NS-ZEit

Neue Broschüre: Arbeiten für Groß-Deutschland - Zwangsarbeit in Bad Lauterberg
Pressemitteilung

Von der Ausgrenzung zur Vernichtung - Leben und Leiden Goslarer Juden 1933 - 1945
Ausstellung in der Marktkirche Goslar vom 09. - 26. Nov

Neuerscheinung - Zwangsarbeit bei Gebr. Borchers/H.C. Starck - "Briefe meines Vaters 1943 - 1945"
Im Februar 1943 wurde Max Dalkowski bei einer Straßenrazzia in Warschau festgenommen...

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 2
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Harzburger Front von 1931 - Fanal zur Zerstörung einer demokratischen Republik.

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 1
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Die Reichspogromnacht am 09./10. Nov 1938 in Goslar.

Holocaust-Gedenktag 2007
Dokumentation der Veranstaltung in Langelsheim

Die NS-Rüstungsaltlast "Werk Tanne"
Sprengstoffproduktion im Harz

Rundgang durch die "Reichsbauernstadt"
Stätten der NS-Herrschaft in Goslar

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 2
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 1
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

Buchbesprechung - Dr. Peter Schyga: Goslar 1918 - 1945
Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus - Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Quellen und Literaturverzeichnis
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 11
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 10
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 9
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 8
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 7
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 3
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 2
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 1
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

1944/45: Der Bau der Helmetalbahn
Sklavenarbeit mitten in unserer Heimat

Die verdrängte Vergangenheit
Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen, 65 Abb., 15-seitiger Dokumentenabdruck

Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar
Verein Spurensuche Goslar e.V., Wolfgang Janz, Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar, Goslar 2003

Spurensuche Goslar in der Bundestagsdebatte
Deutscher Bundestag, 114. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 6. Juli 2000

"Gebt uns unsere Würde wieder" - Die Briefe
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

"Gebt uns unsere Würde wieder"
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker
Das Wegzeichenprojekt Westharz und der Marsch des Lebens

Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker

Margret Klinger, Joachim Neander, Dirk Schirmer, Firouz Vladi, Jens-Christian Wagner (Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion)

Friedhart Knolle, Frank Jacobs, Wolfgang Janz (Spurensuche Goslar e.V.)
 
 

Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker:

Das Wegzeichenprojekt Westharz

und der Marsch des Lebens
 

Eine Spurensuche auf der Route der

Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge

vom April 1945 im Westharz und über das

Gedenken an ihre Leiden und Opfer
 

*

Internet-Kurzfassung des Originaltextes



Die sich des Vergangenen nicht erinnern,
sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben.
(George Augustin Nicolas de Santayana, 1863-1952)

 

1. Das Wegzeichenprojekt

Die Todesmärsche der Mittelbau-Lager

In den ersten Apriltagen des Jahres 1945 wurden allein im südlichen und westlichen Harzvorland aus dem KZ Mittelbau-Dora und seinen zahlreichen Außenlagern zwischen Osterode und Sangerhausen über 40.000 KZ-Häftlinge nach Nordwesten in Marsch gesetzt. Vier Wochen später, bei Kriegsende, waren gut ein Viertel davon tot: verhungert, verdurstet, erstickt, erschlagen, erschossen, bei lebendigem Leibe verbrannt oder an Krankheiten (vor allem an Typhus) gestorben. Nicht ohne Grund nannte der britische Historiker Gerald Reitlinger die KZ-Evakuierungen "das letzte und schlimmste der von den Nazis im Kriege begangenen Massenverbrechen."

Auf dem mit 34 km größten dieser Gewaltmärsche überquerten ca. 3.500 Häftlinge aus dem KZ Mittelbau-Dora am 8. April 1945 den Harz von Osterode nach Oker. Vier Tage vorher waren ca. 450 Häftlinge des KZ Gandersheim zu einem Marsch über Bad Grund und Clausthal-Zellerfeld in Richtung Wernigerode aufgebrochen, wo die Überlebenden am 7. April ankamen. Wernigerode war auch das Ziel des Gewaltmarsches von 800 noch "gehfähigen" Häftlingen der 1.150 Mann umfassenden III. SS-Baubrigade. Diese waren am 6. April 1945 von den KZ-Außenlagern in Osterhagen, Nüxei und Mackenrode nach Wieda aufgebrochen; sie marschierten von dort am nächsten Tag nach Braunlage, nachdem noch in der Nacht in Wieda sechs Mann beim Einsturz der total überbelegten dreistöckigen Bettgestelle ums Leben gekommen waren. Sehr eindringlich werden Willkür, Qualen und Tod, denen die Häftlinge während der Märsche und Bahntransporte ausgesetzt waren, in mehreren gleich nach dem Kriege publizierten Erinnerungsberichten festgehalten: Aimé Bonifas, Albert van Dijk und Marcel Orset.

Die etwa 3.500 Häftlinge, die am 8. April 1945 über den Harz getrieben wurden, gehörten zum sogenannten "Letzten Transport" des Lagers Dora. Ein am Abend des 5. April 1945 aus etwa 50 Güterwaggons zusammengestellter Zug sollte die letzten 4.000 Insassen des Lagers Dora nach Neuengamme transportieren. Schon während der zweitägigen Fahrt von Nordhausen nach Osterode ermordeten die SS-Bewacher Dutzende von Häftlingen, so in Tettenborn und am Osteroder Südbahnhof. Dort endete der Eisenbahntransport, weil die Weiterfahrt nach einem Luftangriff auf den Bahnhof nicht mehr möglich war. Der Transportführer entschloss sich daher, die Gefangenen zu Fuß über den Harz zu treiben. Am frühen Morgen des 8. April 1945 ließ die SS am Osteroder Südbahnhof etwa 3.500 Häftlinge vor den Waggons antreten - etwa 400 "Marschunfähige" blieben zurück - und anschließend unter SS-Bewachung durch Osterode, Freiheit und Lerbach in Richtung Clausthal-Zellerfeld marschieren. Auf dem Weg wurden immer wieder Häftlinge, die nicht mehr mithalten konnten, von ihren Bewachern erschossen. Am Mittag des 8. April erreichten die ersten Marschgruppen Clausthal-Zellerfeld. In den Nachmittagsstunden schleppte sich die zwei Kilometer lange Marschkolonne durch die von Einheimischen gesäumten Straßen. Einzelne Deutsche machten zaghafte Versuche, den durstigen Häftlingen Wasser zu reichen, wurden von den Bewachern jedoch daran gehindert. Die Mehrheit verhielt sich distanziert-indifferent; manche - meist waren es die Jüngeren - zeigten den Häftlingen auch offenen Hass.

Nach Erreichen des Waldes am nördlichen Stadtrand von Clausthal-Zellerfeld erschoss die SS erneut Häftlinge, die am Ende ihrer Kräfte waren. Anschließend wurde die Kolonne über Schulenberg in das Okertal getrieben. Auch dabei schossen die Bewacher immer wieder Häftlinge nieder. Schließlich erreichten die Überlebenden dieses Todesmarsches am späten Abend den Bahnhof in Oker. Dort wurden sie in Güterwaggons gepfercht. Nun schloss sich eine Irrfahrt durch die heutigen Bundesländer Sachsen-Anhalt und Brandenburg an, die am 14. April 1945 im KZ Ravensbrück endete. Auch dort blieben die noch Lebenden nicht lange, denn knapp zwei Wochen später wurde auch dieses Lager vor der Roten Armee geräumt. Für die Dora-Häftlinge bedeutete das den zweiten Todesmarsch, diesmal zu Fuß nach Nordwesten. Die Überlebenden wurden Anfang Mai 1945 im westlichen Mecklenburg-Vorpommern von Amerikanern und Sowjets befreit.

Heute gehören Begriffe wie "Auschwitz" oder "Buchenwald" zur kollektiven Erinnerung. Von den Todesmärschen weiß man dagegen wenig. Von den Morden im diffusen "Osten" oder in den vermeintlich hinter Wäldern versteckten großen Konzentrationslagern nichts gewusst zu haben, konnte man sich leicht einreden. Die Tat wurde gleichsam exterritorialisiert. Die Todesmärsche fanden dagegen in aller Öffentlichkeit statt, und gerade deshalb wurde die Erinnerung daran verdrängt, hätte sie doch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld bedeutet.

Mit dem Generationswechsel ist jedoch in den vergangenen Jahren ein Perspektivwechsel eingetreten. Den Erben der Tätergeneration wird nun langsam bewusst, was die NS-Verfolgten schon lange wissen: Die NS-Verbrechen fielen nicht aus dem Himmel, und sie befanden sich auch nicht im isolierten, gesellschaftslosen Raum. Sie gehörten spätestens im Krieg mit der Präsenz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und den Insassen von Hunderten von KZ-Außenlagern zum Kriegsalltag der deutschen Bevölkerung.

Die Erinnerung an die NS-Verbrechen und ihre Opfer wachzurufen und zur Auseinandersetzung mit diesem lange verdrängten Teil der Lokalgeschichte beizutragen, ist der Zweck des Wegzeichenprojektes. Diesen Sinn erfüllen die aufgestellten Gedenksteine jedoch nur, wenn sie dazu beitragen, dass wir gegenüber der heutigen Politik die Augen nicht verschließen und eine politische und moralische Haltung entwickeln, die rechtsextreme Gewalttaten zu verhindern hilft.

Während dieses Geschehen im Ostharz schon früh aufgearbeitet und an geeigneten Stätten mit Gedenkeinrichtungen dokumentiert wurde, so um Gardelegen und am Südharz im Kreis Nordhausen, sind die umfangreicheren Ereignisse und Verbrechen, die sich auf der niedersächsischen Harzseite abspielten, vergessen oder verdrängt worden. Es ist das Verdienst von Joachim Neander aus Clausthal-Zellerfeld, zusammen mit Schülern des Robert-Koch-Gymnasiums in Clausthal durch Archivrecherchen und Zeitzeugenbefragungen diese Ereignisse bis in erschütternde Details hinein recherchiert und im Rahmen einer Dissertation (NEANDER 1997) publiziert zu haben. Dr. Joachim Neander erhielt dafür 1998 den Kulturpreis des Regionalverbandes Harz e.V.


Projektbeteiligte und Unterstützer

Den Anstoß zum Wegzeichenprojekt Westharz gab der Wunsch ehemaliger Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora, durch Gedenksteine an die Fußmärsche im Rahmen der Lagerauflösung zu erinnern. Diesen Wunsch trugen sie 1999 an die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion heran. Die Arbeitsgemeinschaft nahm den Wunsch in Kooperation mit den Berufsbildenden Schulen (BBS) im Landkreis Osterode auf. Die Einbeziehung von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen wurde von Vertretern der ehemaligen Häftlinge aus den Südharzer KZ-Lagern in der Sitzung des Häftlingsbeirates am 3.10.1999 ausdrücklich begrüßt.


Zur pädagogischen Zielsetzung

Das BBS-Projekt bietet die Möglichkeit der Revision des politischen und historischen Unterrichts im Sinne einer Verwirklichung des ganzheitlichen Ansatzes (kognitive, sozio-affektive und psychomotorische Ziele). Mit seiner Hilfe können die Schüler/-innen Regionalgeschichte entdecken und selbsttätig den Spuren der Vergangenheit nachgehen. Die über die Faktenvermittlung hinaus beabsichtigte Betroffenheit soll Verständnis wecken, politisches Interesse hervorrufen und Wege politischer Beteiligung zeigen. Insgesamt steht das Projekt im Kontext handlungsorientierten Unterrichts. Besonders wertvoll sind die Kontakte mit Zeitzeugen, insbesondere den Überlebenden der Todesmärsche und der Konzentrationslager. Dieses Modell zeigt neue Wege der Zusammenarbeit auf. Neben der Öffnung der Schulen gegenüber dem Geschehen in der Region sollen Erfahrungen in der Kooperation mit außerschulischen Partnern gesammelt werden.


Die Stelen

Es werden ca. 20 Stelen zur Markierung folgender Marschstrecken im Westharz aufgestellt: Osterode - Clausthal-Zellerfeld - Oker, Wieda - Braunlage und Gandersheim - Münchehof - Bad Grund - Clausthal-Zellerfeld - Braunlage. Bei den Stelen handelt es sich um von den BBS Osterode im Rahmen des Unterrichts hergestellte Betonprismen mit dreieckiger Grundfläche, oben angeschrägt, mit 90 cm Höhe und 25 cm Seitenstärke. Auf den beiden der Straße zugewandten Seiten befindet sich ein Dreieck als Symbol der farbigen Häftlingskennzeichnungen auf der KZ-Kleidung, der sog. "Winkel", darunter steht "April 1945", auf der anderen Seite "Todesmarsch".

Als Aufstellungsorte wurden unter wissenschaftlicher Betreuung von Dr. Joachim Neander überwiegend Stellen besonderer Vorkommnisse (meist Erschießungen) ausgewählt. Da die Todesmärsche über öffentliche Straßen führten, folgt das Gedenken notwendigerweise diesen Spuren; die Stelen müssen von den Straßen aus wahrgenommen werden können. Die Standorte wurden unter Berücksichtigung von Verkehrssicherheit und Straßenunterhaltung ausgewählt.

Die erste Stele zur Erinnerung an den Todesmarsch Osterode - Oker wurde am 11. Juli 2000 in Anwesenheit überlebender Häftlinge durch den Osteroder Landrat Bernhard Reuter mit großer öffentlicher Beteiligung eingeweiht. Sie steht auf einem Rasenstreifen oberhalb des Osteroder Ortsteils Freiheit. Nach Passieren des Ortes ermordete die SS hier einen französischen Häftling.

Zur Einweihung eingeladen wurde von den Schülern und Schülerinnen der BBS I und II Osterode. Dr. Joachim Neander sprach über die Evakuierung der KZ gegen Kriegsende als letztem NS-Massenverbrechen. Auch die ehemaligen Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora, Leopold F. Claessens aus Belgien, Max Dutillieux aus Frankreich und Ewald Hanstein aus Bremen, waren gekommen, um bei der Gedenkfeier zu sprechen und im Anschluss in ausführlichen Gesprächen Schülern und Schülerinnen über Erlebtes zu berichten.

Eine weitere öffentliche Steleneinweihung erfolgte am 24. September 2000 im Rahmen der Buchpräsentation "Zwangsarbeit im Raketentunnel - Geschichte des Lagers Dora" des ehemaligen Häftlings und französischen Historikers André Sellier, veranstaltet durch die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und den Verband der französischen Deportierten "Amicale des Déportés à Dora-Ellrich, Harzungen et Kommandos Annexes" unter Schirmherrschaft des Deutsch-Französischen Kulturrates.

Hierbei wurden eine Stele vor der Kirche in Clausthal zur Erinnerung an den Marsch von Osterode nach Oker aufgestellt und eine weitere Stele vor der Zellerfelder Kirche zur Erinnerung an die Übernachtung der Gandersheimer Häftlinge in der Kirche; es war eine Kooperation von Schülern der Robert-Koch-Schule mit den Berufsbildenden Schulen Osterode. Der Autor André Sellier und andere Deportierte des KZ Mittelbau-Dora nahmen an der Gedenkveranstaltung ebenso teil wie Angehörige, Freunde und Schüler/-innen aus Worbis und Eupe. Dr. Jens-Christian Wagner , Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion und Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald, beschrieb die Todesmärsche aus der Sicht des Historikers, während André Sellier von seinen persönlichen Erinnerungen an den Marsch durch Clausthal-Zellerfeld berichtete. Im Anschluss an die Vorträge fand eine von Schülern/-innen der BBS Osterode und Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion zusammengestellte Ausstellung zum EXPO-Projekt Spurensuche und den Todesmärschen im Westharz reges Interesse.

Am 23. April 2001, etwa am 56. Jahrestag des Todesmarsches, wurde eine Gedenkstätte mit Stele am Bahnhof Oker der Öffentlichkeit übergeben. Hier waren noch zwei polnische Häftlinge ums Leben gekommen; sie fanden später auf dem Goslarer Friedhof "Hildesheimer Straße" ihre letzte Ruhestätte.

Am Totensonntag, den 25. November 2001 wurde die Gedenkstele an der ev.-luth. Trinitatis-Kirche in Braunlage unter aktiver Mitwirkung der Kirchengemeinde eingeweiht.


Erleben und Nachvollziehen

Die Todesmarsch-Stelen sprechen nicht unmittelbar für sich. Man wird sie entlang der Straßen im Harz vereinzelt entdecken; ein räumlicher oder historischer Zusammenhang erschließt sich dabei noch nicht. Auch muss vermieden werden, dass die Stelen zum Halten z.B. an gefährlichen Kurven einladen. Deshalb soll der Hintergrund in Textform verfügbar gemacht werden, insbesondere als Faltblatt, im Internet auf den Seiten der Harzer Spurensuche-Gruppen, mit Hilfe von Erläuterungstafeln an wenigen ausgewählten Standorten und letztlich mit einer Tafel an der Fassade des Bahnhofes Oker, dem Endpunkt der "Großen Harzüberquerung". Die Texterstellung in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion soll Teil des politischen bzw. historischen Unterrichts an den BBS in Osterode sein.


Nachsatz

"Ich spreche frei von Haß. Ich hege gegen niemanden den Wunsch nach Rache. Ich gebe nur zu bedenken, daß die Anführer und Befehlsgeber ihr Handwerk nicht hätten ausführen können, wenn sie nicht die aktive Unterstützung von so vielen gehabt hätten. Vieles war öffentlich - wie man die Verhafteten aus den Wohnungen holte, was hier in Nordhausen getrieben wurde, oder die Transporte in Vieh- und Kohlewaggons, die ja offen waren. Erlaubt mir, daß ich meine verstörten Gedanken der Gegenwart zuwende und einige Folgerungen zu formulieren versuche. Da wir doch genauer als viele, viele andere wissen, was Todesängste sind, meine ich, daß wir eine Verpflichtung haben, in diese Welt zu schreien. Never again! Nie wieder! Auch wissen wir, daß wir viel zu schwach sind, die bestialische Brutalität, mit der sich Menschen allerorts verfolgen, zu mildern. Dennoch haben wir zumindest die Pflicht, wo immer es möglich ist, lautstark das fünfte Gebot anzumahnen: Du sollst nicht töten!" (SALZ 2000).


2. Die KZ-Evakuierung zu Kriegsende - das letzte NS-Massenverbrechen

Rede anläßlich der Steleneinweihung in Osterode-Freiheit am 11. Juli 2000

Bei den Rückzugsbewegungen der deutschen Truppen wurden - etwa ab Mitte 1944 - auch die Konzentrationslager geräumt, Personal und Insassen in vom Gegner noch nicht unmittelbar bedrohtes Gebiet verbracht. Warum eigentlich? Warum verließ die SS nicht einfach die Lager und überließ die Häftlinge ihrem Schicksal - was in der Tat, zumal in den letzten Kriegswochen, gelegentlich vorkam? Oder warum sprengte sie die Lager nicht mitsamt den Insassen in die Luft - was Hitler nach einer viel zitierten Quelle befohlen haben soll, was aber nirgendwo stattfand?

Wir kommen der Antwort ein Stück näher, wenn wir uns die Doppelfunktion des KZ im NS-Herrschaftsapparat gegen Kriegsende vergegenwärtigen. Das KZ war zwar immer noch in erster Linie Terrorinstrument gegen bestimmte, von der NS-Ideologie ausgegrenzte Menschengruppen sowie Systemgegner, aber zugleich auch eines der letzten größeren Reservoire an Arbeitskräften für die deutsche Rüstungswirtschaft und - in den Wunschvorstellungen der NS-Führung - für den geplanten Wiederaufbau Deutschlands nach Kriegsende. Eine wichtige Rolle spielten zudem die KZ-Häftlinge in den letzten beiden Monaten des Krieges bei Himmlers Geheimverhandlungen mit den Alliierten über einen separaten Waffenstillstand.

Aber nur Häftlinge, die sich im Gewahrsam der SS befanden, konnten in der Rüstung, als Faustpfand bei Verhandlungen mit dem Gegner oder gar für den Wiederaufbau Deutschlands eingesetzt werden. Daher war die Führungsetage der SS nicht daran interessiert, die Lagerinsassen allesamt umzubringen oder sie gar ohne "Gegenleistung" dem Feind zu überlassen, sondern sich mit dem Instrument der Märsche möglichst lange den Zugriff zumindest auf diejenigen Häftlinge zu erhalten, die noch halbwegs bei Kräften waren und als Arbeiter oder Geiseln geeignet erschienen. Diese Strategie kam aber auch dem Interesse der SS an der Basis, in den Lagern, entgegen, bei KZ innerhalb Deutschlands auch dem Interesse von Partei und Betrieben sowie der Bevölkerung, die alle die "Kazettler" so schnell wie möglich loswerden wollten.

Für die Räumung eines KZ hatte sich bis Ende 1944 ein bestimmter Typus vom Ablauf in drei Phasen herausgebildet: Vorbereitungen, Abmarsch des gesamten Lagers - bis auf die Schwerkranken, die zuweilen an Ort und Stelle getötet, meist aber sich selbst überlassen in den Krankenbaracken zurückblieben - und "Kontrolle" durch ein "Nachkommando" aus einigen SS-Leuten und Funktionshäftlingen. Häufig, vor allem bei den Lagern im Osten, kamen nach dem Abzug des "Nachkommandos" noch Trupps der Waffen-SS oder Wehrmacht und ermordeten die zurückgelassenen Häftlinge. Den endgültigen Schlusspunkt unter die Existenz des Lagers setzte erst seine Befreiung durch Truppen der Anti-Hitler-Koalition.

Der Ausmarsch des Lagers war zugleich der Anfang einer neuen Phase im "Evakuierungsprozess". Es begann der "Transport", wie es im SS-Jargon hieß, das Verbringen der Häftlinge in ein vom Gegner noch nicht unmittelbar bedrohtes Gebiet. Was sich dabei abspielte, besonders in den Monaten März und April 1945, wird in der Literatur durchgängig als "chaotischer", "irrationaler" Prozess beschrieben. So haben es die Überlebenden der Transporte empfunden, und ihre Sichtweise ist von der Fachwelt weitgehend und ungeprüft übernommen worden.

Dabei erklärt sich schon ein Teil des vermeintlichen "Chaos" durch die zahlreichen Fehler bei Orts- und Zeitangaben, die sich in den Erlebnisberichten Überlebender sowie in den Akten der Ermittlungsverfahren finden, die alliierte und deutsche Justizbehörden nach Kriegsende wegen der zahlreichen, bei den Evakuierungen begangenen Gewaltverbrechen eingeleitet hatten. Zum Eindruck des "Chaotischen" hat ferner beigetragen, dass die Transporte oft umgeleitet werden mussten (etwa infolge von Luftangriffen), oder dass sich bei Fußmärschen durch Aufspaltung und Zusammenschlüsse eine Vielzahl von Routenvarianten ergaben.

Vor allem wird übersehen, dass das für die KZ zuständige "Zentralamt" D I in Oranienburg bei Berlin bis zur letzten Minute bemüht war, das Evakuierungsgeschehen im Griff zu behalten. Bis Ende April 1945 wurden detaillierte Evakuierungspläne für die Lager aufgestellt, und während der Evakuierungen hatte jeder Transportführer mindestens einmal täglich bei D I telefonisch Bericht zu erstatten und Anweisungen entgegenzunehmen. Das galt auf jeden Fall für die größeren Transporte (mit einigen hundert bis mehreren tausend Teilnehmern) und begrenzte deutlich den Entscheidungsspielraum der Transportführer. Lassen Sie uns daher Abschied nehmen von der "Chaos-Theorie" und akzeptieren, dass die Evakuierung der Konzentrationslager ein durchaus strukturierter Prozess mit eigener Logik war (die es zum Teil noch zu entschlüsseln gilt).

Für den "Transport" benutzte die SS - schon aus Bewachungsgründen - mit Vorliebe die Bahn. Die Häftlinge wurden zu achtzig bis gelegentlich weit über einhundert Mann in ungeheizte, zuweilen sogar offene Güterwaggons gepfercht. Während der mehrere Tage dauernden Fahrt erhielten sie selten, oft gar nicht, etwas zu essen oder zu trinken, und in der Regel gab es nicht einmal einen Abortkübel im Waggon. Die Wachen postierten sich im Bremserhäuschen oder in der Nähe der Tür (bei geschlossenen Waggons) bzw. in den vier Ecken (bei offenen Waggons).

In den Waggons herrschte eine drangvolle Enge. Die bis zur Reglosigkeit Zusammengepressten kämpften um jeden Liter Luft zum Atmen, um jeden Quadratdezimeter Platz zum Ausruhen. Ein makabres Nullsummenspiel: Was der eine hinzu gewann, wurde einem anderen in gleichem Maße fortgenommen. Wo es den politisch Bewussten unter den Häftlingen nicht gelungen war, die Disziplin - die ja auch immer Selbstdisziplin war und dem Selbsterhalt des Häftlings diente - auch unter den erschwerten Bedingungen eines Transports aufrechtzuerhalten, richteten sich die Aggressionen der Häftlinge oft auch gegeneinander: Stärkere erschlugen Schwächere, Nichtjuden trampelten Juden tot. Auch manch verhasster Kapo wurde nachts heimlich erwürgt.

Hunger, Durst und Durchfall forderten im Verein mit Luftmangel in den geschlossenen - mit Kälte in den offenen - Waggons unzählige Opfer unter den Häftlingen, ließen sie oft den letzten Rest an Selbstachtung verlieren, rissen Tabuschranken nieder. So verrichteten Durchfallkranke ihre Notdurft mitten im Wagen, ins Essgeschirr, ließen den Kot auf die Kameraden fallen, und Durstige tranken in ihrer Qual nicht nur verschmutztes Wasser, sondern sogar den eigenen Urin. Und wer starb, starb einsam im "KZ auf Rädern". Denn das Abgestumpftsein gegen den alltäglichen Tod war Teil des seelischen Schutzpanzers, ohne den ein Überleben im Lager nicht möglich war.

Viele Tote gingen auf das Konto von Willkürakten der SS, die oft aus nichtigem Anlass Häftlinge während der Fahrt erschoss. Immer wieder versuchten auch einige, auf einer der zahlreichen Langsamfahrstrecken aus dem fahrenden Zug zu springen und zu flüchten. Nur wenige hatten Glück dabei. Die meisten starben im Kugelhagel der Wachposten, ehe sie eine Deckung erreichten. Wenn der Zug hielt, sprangen die Wachen herunter und stellten sich als Postenkette auf. Ein Verlassen der Waggons war den Häftlingen in der Regel nicht erlaubt. Auch in den seltenen Fällen, in denen sie für eine Weile aussteigen durften, mussten sie dicht am Zug bleiben. Mancher von ihnen hat den Versuch, aus einem nahegelegenen Bach oder Teich seinen Durst zu stillen, mit dem Leben bezahlt.

Eisenbahnzüge waren im Frühjahr 1945 ein beliebtes Ziel alliierter Jagdbomberangriffe geworden. Dabei gab es viele Tote unter den Häftlingen, denn KZ-Transporte waren nicht besonders gekennzeichnet und sahen von weitem wie normale Güterzüge aus. Während der Luftangriffe versuchten Häftlinge oft zu flüchten. Nur wenige hatten dabei Glück. Viele wurden noch in der Nähe des Zuges von den Wachen erschossen. Auf diejenigen, die entkommen konnten, machten SS, Hitlerjugend und "Volkssturm" gnadenlos Jagd. So markierten Tote neben den Gleisen die Spur der Evakuierungszüge. Die Leichen der unterwegs Gestorbenen wurden vielfach in einem eigens für diesen Zweck bestimmten Waggon gesammelt, gelegentlich ausgeladen und in einem Massengrab verscharrt. Oft warf man sie aber einfach während der Fahrt aus dem Waggon, wie zum Beispiel bei den Evakuierungstransporten aus Auschwitz im Januar 1945.

Nicht immer und an jedem Ort ließen sich jedoch die Evakuierungstransporte mit der Bahn oder einem anderen geschlossenen Transportmittel (Schiff, LKW) durchführen. Dann musste zu Fuß marschiert werden, was die SS nur sehr ungern tat. Denn zum einen bestand das Wachpersonal zu dieser Zeit überwiegend aus älteren Männern, die kaum noch die Kondition für tagelange Fußmärsche hatten. Das waren oft ehemalige Soldaten, die für den KZ-Wachdienst abkommandiert und der SS eingegliedert worden waren.

Vor allem aber war das Konzentrationslager von seiner Konzeption her eine "geschlossene Anstalt" mit klar definierten Grenzen: sozialen Grenzen im Binnenverhältnis zwischen Personal und Insassen, räumlichen Grenzen im Außenverhältnis zwischen Lager und Außenwelt. Beide Grenzziehungen ließen sich bei einem Fußmarsch nur schwer aufrechterhalten, zumal wenn dieser mehrere Tage dauerte, durch unübersichtliches Gelände führte und einem der Feind ständig auf den Fersen war.

So wurden die Binnengrenzen bei Fußmärschen oft durchlässig. Bewacher, ebenfalls von den Strapazen des Marsches erschöpft, und Häftlinge urinierten einträchtig nebeneinander in den Straßengraben, und Häftlinge halfen SS-Leuten beim Tragen der Rucksäcke gegen Zigaretten und Brot. Zum Problem für die SS wurde aber vor allem die Sicherung der Grenze nach außen. Die Marschkolonne war das "KZ auf Wanderschaft". Nicht mehr der Stacheldraht, ortsfest verankert und sichtbar, markierte die Grenze zwischen Innen und Außen, sondern der wandernde unsichtbare Linienzug, mit dem man sich die SS-Wachmänner der Postenkette rund um die einzelnen Marschblöcke verbunden denken musste. Auch die Marschblöcke selbst, oft mehrere hundert Meter voneinander entfernt, waren nicht mehr physisch miteinander verbunden, wie etwa die Waggons eines Transportzuges durch die stählernen Kupplungen.

Aber auf Fußmärschen war das Lager nicht nur in seiner Form (als geschlossene Anstalt) gefährdet, sondern auch in seiner Existenz. Denn der Gegner, vor dem man sich auf der Flucht befand, drückte aufs Tempo. Daher auch die gnadenlose Antreiberei. Es gibt wohl keinen Bericht Überlebender, in dem nicht erwähnt würde, dass die SS jeden Häftling erschoss, der aus Erschöpfung nicht mehr weiter konnte. Daher auch der Name "Todesmärsche", den die Häftlinge diesen Transporten zu Fuß gaben. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob es für diese Tötungen Befehle von höherer Stelle gab, ob die SS-Männer auf generelle Anweisung eines Lagerkommandanten handelten oder aus eigenem Antrieb.

Offizielle Weisungen sahen sogar eine durchaus humane Behandlung der "ausfallenden Marschierer" vor, etwa sie zu sammeln und auf Schlitten oder Pferdewagen dem Fußtransport hinterher zu schicken. Auch sollen einzelne Lagerführer ausdrücklich verboten haben, Häftlinge zu erschießen. Nur half das dem vor Schwäche zusammengebrochenen Häftling wenig. Er hinderte den Transport am zügigen Vorankommen, bedrohte dadurch die Sicherheit jedes einzelnen SS-Mannes und hatte damit in der Kriegslogik des "Er oder Ich" sein Leben verwirkt.

Wie bei den Bahntransporten, waren auch auf den Fußmärschen Hunger und Durst, Schmerzen und Kälte die ständigen Begleiter der Häftlinge. Auch hier erschoss die SS scheinbar wahllos einzelne Gefangene. Und immer wieder wird von Massentötungen berichtet. So etwa bei Palmnicken in Ostpreußen Ende Januar 1945, wo mehrere Tausend jüdische KZ-Häftlinge, überwiegend Frauen, ins Meer getrieben und erschossen wurden, oder bei Gardelegen in der Altmark, wo in der Nacht des 13. April 1945 in einer großen Feldscheune über tausend Häftlinge bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Nur jeweils eine Handvoll überlebte diese Massaker.

Auf allen Evakuierungsmärschen machten sich Auflösungstendenzen bemerkbar. Vor allem im April 1945 kam es häufig vor, dass sich größere Marschkolonnen teilten und getrennte Wege nahmen oder dass sich kleinere Gruppen einer größeren Marschsäule anschlossen. Nicht wenige Häftlinge, vor allem Deutsche, aber auch Tschechen und Polen mit guten deutschen Sprachkenntnissen, passten eine Aufmerksamkeitslücke ihrer Bewacher ab, um zu fliehen, oftmals mit Erfolg. Auch SS-Personal und "belastete" Funktionshäftlinge nutzten günstige Gelegenheiten, einzeln oder in kleinen Gruppen den Transport zu verlassen und in Zivilkleidung unterzutauchen.

Zuweilen entstanden auch innerhalb der SS Spannungen, Streitigkeiten, ja sogar etwas wie eine Meuterei, eine Situation, die geistesgegenwärtige Häftlinge zur Flucht auszunutzen wussten. Andere flohen im Schutze der Dunkelheit und versteckten sich, vornehmlich in den einsamen Waldgebieten Norddeutschlands.

Wenn sie Glück hatten und nicht von der SS, von deutschen Soldaten oder Zivilisten aufgegriffen wurden - was in der Regel ihren Tod bedeutete - konnten sie sich solange verbergen, bis sie von alliierten oder sowjetischen Truppen befreit wurden.

Das Verhalten der deutschen Zivilbevölkerung gegenüber Häftlingen auf Evakuierungstransporten hing stark von der Situation ab, in der man einander begegnete. Grundsätzlich sahen die Deutschen, verhetzt durch die NS-Propaganda, in den Insassen der Konzentrationslager höchst gefährliche Verbrecher. Dort, wo die SS die Häftlinge auf Distanz hielt, etwa beim Halt eines Transportzugs auf einem Unterwegsbahnhof, brauchte sich der "brave, anständige Deutsche", wie er sich so gern von seinem "Führer" titulieren ließ, nicht zu fürchten. Seine übliche Reaktion war Gleichgültigkeit: Man nahm mit den Augen wahr, hatte aber nichts gesehen; zumindest haben es die Häftlinge so empfunden. Waren jedoch Häftlinge aus einem Transport geflohen, so beteiligte sich die Zivilbevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, eifrig an den zynisch "Hasenjagd" genannten Mordaktionen.

Die meisten Begegnungen zwischen Häftlingen und der Zivilbevölkerung ergaben sich auf den Todesmärschen, die durch Hunderte kleiner und großer Städte und Dörfer kamen, deren Augenzeugen Hunderttausende deutscher Bürgerinnen und Bürger wurden. Es ist auffällig, wie unterschiedlich deren Reaktionen den jeweils Beteiligten in Erinnerung geblieben sind. Von deutscher Seite wird durchgängig das berichtet, was unter Historikern "die Legende vom Butterbrot" genannt wird: Man habe Mitleid mit den Gefangenen empfunden und versucht, wo es nur irgend möglich gewesen sei, ihnen Wasser zu geben und Brot oder Kartoffeln zum Essen zuzustecken, und das stets unter erheblichem persönlichen Risiko.

Die ehemaligen Häftlinge haben meist anderes in Erinnerung. Das Spektrum berichteten Verhaltens reicht von brutaler Aggression bis zu stumpfer Gleichgültigkeit, und nur sehr selten wird von Hilfsbereitschaft erzählt. Wie es der israelische Historiker Shmuel Krakowski, Überlebender von Auschwitz, formuliert hat: "Es stimmt, es gab Ausnahmen [...] Aber diese waren so selten, dass sie nur den Beweis dafür liefern, dass es wirklich Möglichkeiten gab, Menschenleben zu retten, wenn die Deutschen nur mehr Zivilcourage und menschliches Empfinden gezeigt hätten und weniger Loyalität zum Naziregime - und wäre es nur während der letzten Wochen und Tage des Krieges gewesen."

Der Transport als "KZ auf Rädern" bzw. "auf Wanderschaft" unterstand bis zur Ankunft im Aufnahmelager weiterhin der Befehlsgewalt des Kommandanten des abgebenden bzw. in Auflösung befindlichen Lagers. Er und die höheren Chargen der Lager-SS kümmerten sich jedoch unterwegs in der Regel nicht um den Transport selbst. Man fuhr in privaten oder lagereigenen Kraftwagen vor, hinter oder neben dem Transport her, wenn man es nicht vorgezogen hatte, sich samt Fahrzeug "abzusetzen", wie etwa Richard Baer, der letzte Kommandant von Auschwitz und danach von Mittelbau-Dora, bei den Evakuierungen dieser Lager.

Die Befehlsgewalt über den Transport hatte der Lagerkommandant in der Regel an einen seiner SS-Führer oder Unterführer delegiert, den er zum "Transportführer" ernannt hatte. Mit dem Eintreffen im Aufnahmelager ging die Befehlsgewalt über Häftlinge und SS-Personal auf den Kommandanten des aufnehmenden Lagers über. Für die Häftlinge bedeutete das unter anderem, dass sie sich erneut der entwürdigenden Aufnahmeprozedur zu unterziehen hatten und neue Häftlingsnummern erhielten. Die Neuzugänge wurden bis etwa Mitte April 1945 unverzüglich zum Arbeitseinsatz eingeteilt bzw. an Außenkommandos weitergeleitet. Tote, die mit den Transporten ankamen, wurden gar nicht erst registriert.

War bei einem Transport zu Fuß damit zu rechnen, dass in Kürze ein gegnerischer Truppenverband die Marschkolonne einholen würde, so pflegte die SS die Flucht zu ergreifen, wobei sie manchmal noch ein letztes Blutbad unter den Häftlingen anrichtete. Meist machte sie sich aber heimlich aus dem Staube, ohne die Häftlinge weiter zu behelligen. Zuweilen löste auch ein Transportführer wegen der Aussichtslosigkeit der militärischen Lage den ganzen Transport auf eigene Verantwortung auf und stellte sogar den Häftlingen Entlassungsscheine aus. Es dauerte dann in der Regel nicht mehr lange, bis die ersten amerikanischen oder sowjetischen Panzer erschienen und den Häftlingen ihre Befreiung brachten.

Der Historiker Martin Broszat hat geschätzt, dass von den ca. 720.000 Häftlingen, die sich Mitte Januar 1945 in den KZs befanden, ein Drittel das Kriegsende nicht erlebte oder kurz darauf an den Folgen der KZ-Haft verstarb. Diese Schätzung hat auch im Lichte neuerer Forschungen Bestand. Etwa drei Viertel dieser Toten, also rund 180.000 Mann, dürften dabei auf das Konto der Lagerevakuierungen gehen.

Mag auch einem Außenstehenden das hektische Hin- und Herschieben der Häftlinge von Lager zu Lager, das scheinbar ziellose Umherfahren und -marschieren im immer rascher schrumpfenden Rest des einstigen "Großdeutschen Reiches" als "so irrsinnig wie nutzlos",  "ohne irgend einen vernünftigen Grund" erscheinen: Der SS der Konzentrationslager half es, sie vor dem Frontdienst zu bewahren und sich durch rechtzeitiges "Untertauchen" der gerechten Strafe für ihre Verbrechen zu entziehen. Nicht mehr als etwa vier Prozent aller SS-Leute, die in Konzentrationslagern Dienst getan hatten, wurden nach Kriegsende vor Gericht gestellt, und die meisten dieser Verfahren, vor allem die vor (west-)deutschen Gerichten, endeten mit Einstellung oder Freispruch.

Dr. phil. Joachim Neander, freier Mitarbeiter des Panstwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau w Oswiecimiu, Kraków, Polen


3. Auszüge aus Zeitzeugenberichten zu den Todesmärschen

Interview mit dem ehemaligen Häftling F. (Joachim Neander, 1993)

Herr F. kam 1937 als Kommunist ins KZ Buchenwald, war dann bei der SS-Baubrigade in Duisburg eingesetzt mit Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen, kam dann nach Wieda und war dort offenbar in der Lagerküche tätig, die auch das Essen für die Außenkommandos (Osterhagen, Nüxei etc.) zubereitete. Er und seine Kameraden wurden im Zuge der Evakuierung von Wieda aber zu Fuß nach Dora verbracht. An den Evakuierungstransport mit der Bahn kann er sich noch teilweise erinnern. Er weiß noch, dass der Zug lange in Tettenborn liegen blieb, weil die Maschine defekt war, dass dann noch eine andere Lok mit weiteren Wagen dazu kam, dass es insgesamt ein riesig langer Zug war und dass sie vor Osterode nicht weiter konnten und aussteigen mussten.

"Wir wurden gefragt, wer sich den Fußmarsch zutraut, soundso viel Kilometer", erinnert er sich noch. Wer Transportführer oder -begleiter war, weiß er nicht mehr, aber: "Die Bewachung war sehr streng. ... Wir sind waggonweise marschiert, so wie wir eingeladen wurden, eine besondere Einteilung gab es nicht. Reden durften wir miteinander, also mit dem Nebenmann, nicht über ein, zwei Reihen hinweg. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen, wir sind an manchen Toten vorbeigekommen ... Der ganze Harz ist ja voller klarer Bäche, aber wer aus dem Bach trinken wollte, kam nicht mehr hoch, wurde erschossen ... Kontakte mit der Bevölkerung hatten wir keine, die Straßen waren wie leergefegt, die Leute standen hinter den Fenstern." Auf die Frage, ob er sich erinnern könne, dass Einwohner den Häftlingen etwas zu essen oder trinken gegeben hätten, wie von Zeitzeugen aus der Bevölkerung oft berichtet wird, sagte er nur, das könne durchaus sein, es sei ja eine sehr lange Marschkolonne gewesen, aber er könne sich selbst an so etwas nicht erinnern. Wichtig zum Überleben sei immer gewesen: "Man muß bei der Masse bleiben."


Bericht von Frau E. über den frühen 8. April 1945 in Osterode (Joachim Neander, 1993)

"Wir kamen von der Johanniskirche, meine Mutter und ich. Es war am weißen Sonntag 1945, und die Messe war sehr früh, früher als üblich, weil man nicht wußte, wann die Amerikaner kommen und ob es Kämpfe geben würde. Wir wohnten heute wie damals in der Scheerenberger Straße, etwa gegenüber dem Haus der Jugend. Etwa auf der Höhe Bleichestelle begegnete uns der Zug der Gefangenen. Sie kamen von der Sösebrücke her und nahmen die ganze Fahrbahn ein. Ob sie in Fünferreihen gingen..., kann ich nicht mehr sagen. Einige wurden auch getragen, von zweien, die die Hände so gekreuzt hatten und den dann trugen. Andere wurden gestützt von anderen. Was ich noch ganz genau in Erinnerung habe: Neben dem Zug ging ein SS-Mann, der hatte eine Peitsche in der Hand, mit einem ganz kurzen Stiel, aber einer ganz langen ledernen Leine, der schlug die immer über den Leuten, die Straße war ja von dem ganzen Zug eingenommen, und ich meine, die Leine ging ganz darüber hinweg, so lang war die, und als er uns sah, der hatte so stechende Augen, an die kann ich mich noch so genau erinnern, ich dachte damals, so sieht der Teufel aus, ich sehe den immer noch mit der Peitsche vor mir."


Interview mit Herrn G., Beschäftigter eines Osteroder Beerdigungsinstituts (Joachim Neander, 1993)

G.: "Ich bin da selbst nicht mitgewesen, das waren Leute von uns, die die Leichen ausgegraben haben. Das war so ca. 1948-49, da war so eine Kommission aus Göttingen, die Leichen lagen im Wald vom Ende Lerbach bis Heiligenstock, das waren eigentlich nur noch Knochen, die haben versucht, die zu identifizieren." N.: "Wissen Sie, wo die Leichen lagen, gleich hinter Lerbach - oder wo sonst?" G.: "Die waren da verteilt, überall am Wege im Wald." N.: "Haben Sie eine Ahnung, wie viele das gewesen sein könnten?" G.: "Das müssen so ungefähr 8 Leichen gewesen sein. Ich war ja selbst nicht dabei. Der Chef, der das am besten wußte, ist tot, und der andere, der da mit war, ist nach Amerika ausgewandert. Die bekamen so ganz einfache Särge, Wohlfahrtssärge."


André Mouton: Unverhoffte Wiederkehr aus dem Harz, Goslar 1999 (S. 179-181)

[Sonntag, 8. April 1945, morgens] Der Todesmarsch. Wir haben seit Mittwoch, dem 4. April, um 6 Uhr morgens, nichts mehr zu uns genommen... Wir erhalten eine Dose Fleisch für drei Personen. Die SS ist sich nicht darüber klar wovon sie spricht, wenn wir 35 Kilometer in unserem Zustand zu Fuß gehen sollen. Wir lecken die Konservendose bis in die letzte Ecke aus. Für uns ist es gefährlich, dieses Fleisch, dessen Fett ziemlich geschmolzen ist, ohne Brot hinunterzuschlingen. Unser Magen ist seit mehreren Tagen leer... Wir sind erst 10 oder 15 Kilometer gelaufen und einige können schon nicht mehr. Viele wollen sich am Straßenrand niederlassen. Ein Fußtritt, zwei Fußtritte. Wer dann nicht aufsteht, bleibt für immer liegen. Eine Revolverkugel und die ewige Ruhe ist da.

Die Müdigkeit lastet so schwer auf den Männern, daß sie sich nicht mehr um die Gefahr kümmern. Sie werden unbedacht und einige Augenblicke später existieren sie nicht mehr. Wer dem Marsch nicht folgen kann, wird auf der Stelle erschossen. Die SS will nicht das Risiko eingehen, auch nur einen Mann am Leben zu lassen... Wir denken an die Kameraden, die wir in Osterode zurückgelassen haben... Wir marschieren in der Mitte der Straße, unsere Schutzengel an jeder Seite. Die kleine Mannschaft von fünf oder sechs, die wir bilden, befindet sich am Ende der Kolonne. Im Vorbeigehen entdecken wir am Verlauf der Strecke im Graben die Körper unserer armen Kameraden, die gerade erschossen worden sind, vielleicht insgesamt hundert.

Wir machen immer einmal Halt. Es ist dann einfach, sich hinzusetzen. Weiterzugehen ist eine andere Sache. Einige von uns werden nicht weitergehen können. Jedesmal, wenn sie versuchen aufzustehen, fallen sie wieder hin. Die SS-Leute erschießen alle, die sich von der Kolonne zurückfallen lassen. Wir nehmen den Weg wieder auf, um die gleichen Szenen einige Kilometer weiter wieder zu sehen. Was für ein Alptraum für den, der das erlebt hat! Diese Bilder werden ihn sein Leben lang nicht verlassen.

Es ist Nacht. Wir durchqueren den Wald. Die Lust, in den Wald zu entfliehen, juckt uns. Die Wachen sind aber zu zahlreich... Die Maschinenpistolen werden knattern, bevor wir den Graben überschritten haben. Unsere weißblaue oder schwarzweiße Kleidung ist zu gut sichtbar. Wir wären ideale Ziele. Das wäre selbstmörderisch. In Osterode, am Anfang des Marsches, haben sie selektiert. Sie machen das am Ende noch einmal. Die schwächsten werden eliminiert. Als wir am Bahnhof ankommen, haben nur die Widerstandsfähigsten überlebt. Für wie lange und zu welchen Bedingungen? Werden wir jetzt essen? Was für eine Reise werden wir danach unternehmen?

Wir erreichen den Bahnhof von Oker. Wir sind müde und erschöpft. Hinter uns in den Gräben haben wir eine große Anzahl unserer Kameraden gelassen. Es ist elf Uhr abends... Die SS umstellt uns nach und nach, so wie wir ankommen. Sie wollen nicht einen von uns lebend verlieren. Viehwaggons erwarten uns. Wir steigen ein. Wir sind 136 pro Waggon.


Interview mit Margarete Westphal, Bürgermeisteramt Oker (Frank Jacobs, 2001)

"Ich, Margarete Westphal, geb. Politz, damals 22 Jahre alt, arbeitete im Vorzimmer des Bürgermeisters im Bürgermeisteramt Oker. Am Nachmittag des 8. Aprils 1945 erschien dort gegen 16 - 17 Uhr der Bahnhofsvorsteher Herr Raßfeld und überbrachte die Anordnung, dass sämtliche freien Güterwaggons auf dem Bahnhof Oker bereitgestellt werden müßten, da abends die Kazettler aus Dora nach ihrem Marsch über den Harz am Bahnhof Oker verladen werden sollten. Die Straße aus dem Okertal zum Bahnhof wurde eigens zu diesem Zweck gesperrt. Ich erinnere mich, dass nach meinem Feierabend gegen 22 Uhr die ersten Häftlinge am südlichen Ortseingang von Oker eintrafen. Ich stand zusammen mit dem Nachtwächter an der Okerbrücke und durfte die gesperrte Straße nicht überqueren. Wegen der Verdunkelung konnte man die Häftlingskolonne nur schemenhaft erkennen, das Klappern der Holzschuhe wie bei einer Schafherde habe ich aber noch deutlich im Ohr. Vor Erreichen des Bahnhofs wurden im Okertal noch einige Häftlinge erschossen, Schüsse am Bahnhof habe ich nicht registriert. Erst nachdem die Häftlingskolonne passiert hatte, durfte ich die Straße überqueren, um meinen Heimweg fortzusetzen. Vor der Verladung am Bahnhof Oker konnten 2 Häftlinge noch kurz vor Ortseingang entweichen. Sie meldeten sich nach Einmarsch der Amerikaner am 10.4.1945 und dem damit verbundenen Kriegsende in Oker im Bürgermeisteramt. Beide ehemaligen Häftlinge blieben in Oker und heirateten dann später dort sogar."


4. Der Marsch des Lebens

Die Idee zum "Marsch des Lebens" entwickelte Jean-Pierre Thiercelin, Sohn eines verstorbenen Dora-Häftlings. Er setzte sich zusammen mit der Göttinger Gymnasiallehrerin Renée Grihon für die Verwirklichung im Jahr 2000 ein.

Jugendliche, Schüler/-innen, Lehrer/-innen, Angehörige der regionalen Geschichtswerkstätten, Gedenkinitiativen und der KZ-Gedenkstätten, insbesondere von Mittelbau-Dora, Zeitzeugen aus der Region sowie Überlebende der KZ-Lager und deren Angehörige gehen in Etappen über ca. vier Jahre die historischen Route des Todesmarsches der 1.150 Häftlinge der III. SS-Baubrigade (6. - 13. April 1945) ab zwischen den KZ-Außenlagern Osterhagen, Nüxei und Mackenrode im Südharz bis Gardelegen in der Altmark, dem Ort des Massakers in der Feldscheune des Gutes Isenschnibbe.

Sie tragen dabei wenige und geringfügige Utensilien mit sich, die jedoch für das Überleben der Marschteilnehmer damals von existenzieller Bedeutung waren. Diese Gegenstände werden am jeweiligen Etappenziel bei dem Repräsentanten der Gemeinde deponiert und im Folgejahr wieder aufgenommen. Sie sollen am Marschziel in der Mahn- und Gedenkstätte in Gardelegen überreicht und dort dauerhaft verwahrt werden.

Die erste Etappe verlief am 11. April 2000 von den KZ-Außenlagern Osterhagen, Nüxei und Mackenrode bis zum ehemaligen Stammlager in Wieda, wo eine Erinnerungstafel enthüllt wurde, und endete mit einer Veranstaltung im Kurhaus der Gemeinde Wieda.

Die zweite Etappe führte am 23. April 2001 von Wieda bis Braunlage, wo im Anschluss an den Marsch ausführliche Gespräche stattfanden. Am gleichen Tag wurden Stele und Tafel am Bahnhof Oker eingeweiht.

Die dritte Etappe soll im April 2002 von Elend (Stelenenthüllung) über Drei-Annen-Hohne und das Drängetal nach Wernigerode zum Lager Steinerne Renne und letztlich zum KZ-Außenlager mit der heutigen Gedenkstätte Veckenstedter Weg führen; eine Teilstrecke könnte mit der Harzquerbahn zurückgelegt werden, die damals den marschunfähigen Teil der Häftlinge transportierte. Vom Hauptbahnhof Wernigerode waren die Häftlinge am 9. April 1945 zum Weitertransport, der für die meisten vor Gardelegen endete, auf Güterwaggons verladen worden.

Der weitere Verlauf des Marsches des Lebens, der im April 2003 voraussichtlich in Wernigerode beginnen wird, ist noch in Planung und der Ankunftstermin in Gardelegen daher noch offen.


Über die Initiatoren

Die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion

Die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion entstand 1997. Sie ist eine Vereinigung von Heimatforschern und Wissenschaftlern des Südharzes in Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die gemeinsame Arbeit wird in vierteljährlichen Treffen strukturiert. Hinzu kommen Maßnahmen und Veröffentlichungen einzelner Mitglieder, Gruppen- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Errichtung von Gedenkeinrichtungen. Es besteht ein rotierendes Sprecheramt. Wer am Thema interessiert ist, sei herzlich willkommen! Die Arbeitsgemeinschaft kooperiert eng mit der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, den Einrichtungen der Erwachsenenbildung, den Berufsbildenden Schulen Osterode und den Vereinen Spurensuche Goslar e.V. und "Jugend für Dora e.V.". Von Anfang an standen neben der Forschungstätigkeit die Errichtung von Stätten der Erinnerung, von Gedenksteinen und -tafeln ebenso im Vordergrund wie Veranstaltungen, insbesondere zum 27. Januar eines jeden Jahres als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, Exkursionen, Veröffentlichungen, Ausstellungen und Vorträge. Bedeutenden Raum nimmt das Wegzeichenprojekt Westharz zur Dokumentation der drei Westharzer Todesmärsche vom April 1945 ein. Damit will die Arbeitsgemeinschaft helfen, die Erinnerung wachzuhalten und so Folgerungen auch für das eigene Verhalten in der Gegenwart zu ziehen. Diese aktive Erinnerungsarbeit soll Zivilcourage wecken und das Engagement für die Gestaltung einer demokratischen, die Menschenrechte achtenden Gesellschaft stärken.

Firouz Vladi, Düna 9a, D-37520 Osterode am Harz, e-mail fvladi@t-online.de

KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, D-99734 Nordhausen, e-mail gedenkstaette.mittelbau-dora@t-online.de


Der Verein "Spurensuche Goslar e.V."

Der Verein besteht seit 1998 als Zusammenschluss engagierter Bürgerinnen und Bürger, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Geschichte der während der NS-Zeit in die Region Goslar und im Nordharzgebiet verschleppten ZwangsarbeiterInnen aufzuarbeiten. Mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung wurden Kontakte zur russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" geknüpft und die aktuellen Adressen von ehemaligen ukrainischen ZwangsarbeiterInnen ausfindig gemacht werden, die in Goslar und Umgebung Zwangsarbeit leisten mussten. Davon meldeten sich ca. 30 heute noch lebende Zwangsarbeiter, die in ihren Briefen an den Verein ihre z.T. erschütternden Erlebnisse während der Verschleppung dokumentiert haben. In Veröffentlichungen des Vereins wird die Rolle der beiden größten Betriebe in der Region Goslar, die Zwangsarbeiter beschäftigten (Bergwerks- und Hüttenbetriebe der späteren Preussag AG Metall und Gebr. Borchers A.G./H.C. Starck), kritisch beleuchtet. Über die reine historische Aufarbeitung des Themas mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit, wissenschaftlichen Publikationen und einer Wanderausstellung als Beitrag zur Aufarbeitung dieses verdrängten Kapitels Regionalgeschichte haben wir erreicht, dass sich das Rammelsberger Bergbaumuseum intensiv und mittlerweile vorbildlich mit der Geschichte der Preussag-Zwangsarbeit beschäftigt. Mit unserer Arbeit fanden wir sogar anerkennende Erwähnung in der abschließenden Bundestagsdebatte zum Stiftungsgesetz. Aktive MitarbeiterInnen sind uns herzlich willkommen!

Vorsitzender Frank Jacobs, PF 2505, 38615 Goslar,  www.f-jacobs.de, e-mail f-jacobs@t-online.de

Friedhart Knolle, Grummetwiese 16, 38640 Goslar,  www.fknolle.de, e-mail fknolle@t-online.de

Wolfgang Janz, Wasserstr. 15, 38644 Goslar, Tel./Fax 05321/81429


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