- Forschungs- und Erinnerungsarbeit zu Zwangsarbeiterschicksalen und NS-Geschichte im Harzgebiet -
Dokumentation: Veranstaltung - Displaced Persons, Flüchtlinge und Vertrieben nach 1945
Vortrag und Präsentation der Veranstaltung vom 21. Januar 2016 in Jürgenohl

Publikationen zur Zeitgeschichte - insbesondere NS-Zeit und ihren Nachwirkungen
Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Forschungskonzept

Historisches Forschungsprojekt:
Goslar in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1953)

Konzept

Auschwitz und die Nachkriegszeit: Das Beschweigen und die Integration des IG-Farben Funktionärs aus Monowitz H. Schneider in die Stadtgesellschaft Goslars
Vortrag

UNSER HARZ: Gedenkstätte "Russenfriedhof" am Massengrab der Sprengstoff-Fabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld
Pressemitteilung zur Ausgabe Januar 2014

Dr. Peter Schyga. NS-Macht und evangelische Kirche in Bad Harzburg
Neuerscheinung.

Peter Lehmann: geachtet - geleugnet - geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode
Neuerscheinung. Pressemitteilung.

Frank Baranowski. Rüstungsproduktion in der Mitte Deutschlands 1929 - 1945
Neuerscheinung. Rezension

Nachreichung: Goslar und die Harzburger Front - die Radikalisierung des Bürgertums.
Vortrag im Rahmen der Ausstellungspräsentation am 26.4.2012 im Kreishaus Goslar

Nachreichung: Im Gleichschritt zur Diktatur? Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" in der Harzburger Front1
Vortrag

Nachreichung: Zur Einführung in die Ausstellungspräsentation am 24.4.2012 im Kreishaus Goslar
Rede

NS-Geschichte der Goslarer Fa. H.C. Starck aufgearbeitet - Bd. 5 "Spuren Harzer Zeitgeschichte"
Presseinformation

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Die Formierung des "Rechtsextremismus der Mitte"

Austellung zur Harzburger Front in Wolfenbüttel
Vortragsmanuskript: Frieden undenkbar?

Politisches Frühjahr 1933: Terror und Gewalt - Begeisterung und Jubel
Vortrag von Dr. Peter Schyga

Nachreichung: Rede von Peter Schyga während der Ausstellungseröffnung zur Harzburger Front in Wernigerode
Redeprotokoll

Auf den Spuren der NS-Kriegswirtschaft im Harz
Artikel zum Thema in "Der Zeppelin" erschienen

"Festung Harz - Die extreme Rechte im Landkreis Goslar und der niedersächsischen Harzregion"
Vortragsveranstaltung am Freitag, den 27. August um 19:00 Uhr, in der Jugendherberge Goslar, Rammelsberger Straߟe 25, Raum Rammelsberg

"Geschichte und Geschichten aus Hahndorf am Harz, Band 1"
Neue Chronik von Hahndorf erschienen

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Dokumentation des Symposiums

Der Reichsnährstand in der Reichsbauernstadt - Eine symbiotische Beziehung?
Redebeitrag von Dr. Peter Schyga auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Wie die Nazis die Bauern betrogen
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Das Erntedankfest als Einfallstor für die religiöse üœberhöhung des "Führers"
Redebeitrag von Helmut Liersch auf dem Symposium "Erntedank und Blut und Boden"

Erntedank und "Blut und Boden" - Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938
Ausstellungskatalog - Neuerscheinung

Vorstellung der neuen Broschüre "NS-Zwangsarbeit in Seesen am Harz - ein fehlendes Kapitel Stadtgeschichte"
08.12.2009, 12:00Uhr, Bürgerhaus Seesen

Pressemitteilung
Dokumentation zur Harzburger Front aufgrund der großen Nachfrage in Neuauflage erschienen

Neuerscheinung: "Du sollst keinen Gott haben neben mir"
Neuerscheinung - Buchveröffentlichung am 09. Oktober 2009 in der Marktkirche

Katalog zur Ausstellung "Harzburger Front - Im Gleichschritt in die Diktatur"
Neuerscheinung - Ausstellungskatalog

Ein mahnendes Zeitdokument in Bildern
Neuerscheinung - NS-Zeit in Herzberg

Ausstellung Harzburger Front
Ausstellungsflyer zum Download

Beitrag in - Der Harly - Von Wöltingerode zum Muschelkalkkamm
Artikel über den Harly in der NS-ZEit

Neue Broschüre: Arbeiten für Groß-Deutschland - Zwangsarbeit in Bad Lauterberg
Pressemitteilung

Von der Ausgrenzung zur Vernichtung - Leben und Leiden Goslarer Juden 1933 - 1945
Ausstellung in der Marktkirche Goslar vom 09. - 26. Nov

Neuerscheinung - Zwangsarbeit bei Gebr. Borchers/H.C. Starck - "Briefe meines Vaters 1943 - 1945"
Im Februar 1943 wurde Max Dalkowski bei einer Straßenrazzia in Warschau festgenommen...

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 2
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Harzburger Front von 1931 - Fanal zur Zerstörung einer demokratischen Republik.

Spuren Harzer Zeitgeschichte Heft 1
Spurensuche Goslar e.V. (Hrsg.): Die Reichspogromnacht am 09./10. Nov 1938 in Goslar.

Holocaust-Gedenktag 2007
Dokumentation der Veranstaltung in Langelsheim

Die NS-Rüstungsaltlast "Werk Tanne"
Sprengstoffproduktion im Harz

Rundgang durch die "Reichsbauernstadt"
Stätten der NS-Herrschaft in Goslar

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 2
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte- Teil 1
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

Buchbesprechung - Dr. Peter Schyga: Goslar 1918 - 1945
Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus - Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Quellen und Literaturverzeichnis
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Anhang - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 11
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 10
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 9
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 8
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 7
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 6
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 5
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 4
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 3
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 2
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Arbeiten für Großdeutschland - Teil 1
Zwangsarbeit in Bad Lauterberg

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 3
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 2
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

Von Dora bis zum Bahnhof Oker - Teil 1
Eine Spurensuche auf der Route der Todesmärsche der Südharzer KZ-Häftlinge vom Apr 1945 im Westharz

1944/45: Der Bau der Helmetalbahn
Sklavenarbeit mitten in unserer Heimat

Die verdrängte Vergangenheit
Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen, 65 Abb., 15-seitiger Dokumentenabdruck

Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar
Verein Spurensuche Goslar e.V., Wolfgang Janz, Erinnerungsstätten an Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus im Landkreis Goslar, Goslar 2003

Spurensuche Goslar in der Bundestagsdebatte
Deutscher Bundestag, 114. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 6. Juli 2000

"Gebt uns unsere Würde wieder" - Die Briefe
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

"Gebt uns unsere Würde wieder"
Kriegsproduktion und Zwangsarbeit in Goslar 1939 - 1945

Von "Dora" bis zum Bahnhof Oker
Das Wegzeichenprojekt Westharz und der Marsch des Lebens

Der Reichsnährstand in der Reichsbauernstadt – Eine symbiotische Beziehung?

Dieser Artikel ist Teil der Dokumentation des Symposiums zur Ausstellung "Erntedank und Blut und Boden". Das Symposium fand am Samstag, den 10. Oktober 2009 im Amsdorfhaus in Goslar statt. Alle Beiträge der Dokumentation finden Sie hier.


Peter Schyga
Der Reichsnährstand in der Reichsbauernstadt – Eine symbiotische Beziehung?1

In der Ankündigung zu diesem Symposium und in der Überschrift dieses Vortrags steht ein Fragezeichen hinter der Behauptung, dass die Stadt und ihre Reichnährstandsbehörde in engem Verhältnis zu einander standen. Dies Fragezeichen ist dann berechtigt, wenn wir von der Vorstellung einer Homogenität der Einstellungen und Vorstellungswelten in der Stadt Abstand nehmen, wenn wir uns näher mit Partikeln im sozialen, politischen und kulturellen Geflecht der lokalen NS-Volksgemeinschaft beschäftigen. Und wenn wir bedenken, dass diese Art von Gemeinschaft zwar auf der gewaltsamen Zerstörung von Gesellschaft gründet, dass ihre Herstellung aber ein Prozess ist, den man sich als nie abgeschlossen vorstellen darf, der auch nie zu einem Ende kommen durfte. Denn das hätte den totalitären Charakter der NS-Herrschaft gefährdet, der auf Bewegung, auf zerstörender Mobilisierung beruhte. Das Fragezeichen ist Ausdruck der Tatsache, dass die Bewegung von Partei, ihren Gliederungen, ihren Nebenorganisationen zwar in der sogenannten Kampfzeit – das heißt bis zur Ausschaltung der SA durch die Morde an Ernst Röhm und anderen im Sommer 1934 – virulent war, dass jedoch das Mitreißen eines ganzen Volkes in diesen Taumel der Verheißung eine andere Dimension darstellte. Diese Widersprüchlichkeit will ich heute an der Beziehung zwischen dem Reichsnährstand und der Stadtbevölkerung von Goslar skizzieren.

Dies in zweierlei Hinsicht: a) auf der ideologischen Ebene und b) dem organisatorischen/politischen Fundament.

Ich werde heute mein Augenmerk auf ersteres legen, dies aus mehreren Gründen: Das Wissen der Gegenwart um die ideologische Deutungshoheit der von Richard Walther Darré und später Herbert Backe geführten Bauernvereinigung hält sich in argen Grenzen; dies hat weithin zur Unterschätzung dieses Produktions- und Ideologiesystems innerhalb der Herrschaftsbildung des NS-Regimes geführt. Ein Zeichen dafür besteht darin, dass die Literatur zu diesem Thema überschaubar ist, weithin aufeinander Bezug nimmt, um es vorsichtig auszudrücken, und damit die meisten AutorInnnen sich darin einig sind, dass die Rolle des Reichsnährstands im Herrschaftsapparat des NS-Regimes als wenig wirkungsvoll angesehen werden kann.

Ablesen lässt sich das an der Tatsache, dass es noch keine Untersuchung über das Herrschaftswalten dieser Bauernfunktionärskreise gibt. Darunter verstehe ich deren Beitrag zur materiellen Konstituierung und ideologischen Konstruktion der NS-Volksgemeinschaft im europäischen Großraum. So nimmt es kein Wunder, dass Goslar als Reichsbauernstadt lange Zeit nicht in den Fokus zeithistorischer Forschung geriet. Die bedeutenden Untersuchungen etwa von Corni/Gies2 oder Uwe Mai3 nehmen den Apparat, seine Struktur, seine wirtschaftspolitischen Instrumentarien und Taten in den Blick, befassen sich aber nur in bescheidenem Maß mit den in dieser Organisation und an ihrer Peripherie praktizierten Ideologieproduktionen. Von Goslar ist in diesen voluminösen Werken kaum die Rede. Die mir nicht einsichtige Wertschätzung der einschlägigen Untersuchung von Beatrix Herlemann zu bäuerlichen Mentalitäten scheint daraus zu resultieren, dass das Thema Ideologie und in diesem Zusammenhang religiöse Erscheinungen überhaupt nicht vorkommen, sie im Erzählen verharrt. Die mir bekannte einzige Untersuchung, die sich dezidiert mit der Frage von Ideologiekonstruktion in und durch den Reichsnährstand über eine Annäherung an Darré beschäftigt ist die Schrift von Lothar Kroll „Utopie als Ideologie“ (Stuttgart 1999). Ein Urteil dazu formuliere ich hier nicht. Eine Biografie zu Darré gibt es ebenso wenig wie eine veröffentlichte Beschäftigung mit Herbert Backe. Da nimmt es kein Wunder, dass sogar die verdienstvolle „Enzyklopädie des Nationalsozialismus“ von Benz, Graml, Weiß (München 2007) trotz mehrfacher Intervention in ihrer 5. überarbeiteten und aktualisierten Auflage daran festhält, Reichsbauertage und NS-Erntedankfeste durcheinander zu schmeißen. Eine personell hochkarätig besetzte Tagung in Hannover zur NS-Volksgemeinschaft am Wochenende der deutschen Einheitsfeiern brachte es fertig, Aspekte des Sports, des Konsums zu behandeln, die „wirkungsmächtige soziale Verheißung“ der Volksgemeinschaft anzusprechen, ohne die größten Volksgemeinschaftsinszenierungen auf dem Bückeberg zu thematisieren oder ein Wort über die Bedeutung von „Blut und Boden“ und deren Trägerorganisation zu verlieren. Bei diesem Stand der Dinge in der Forschungslandschaft wundert es nicht, dass Goslar als Reichsbauernstadt kaum thematisiert wird.

Wir setzten in unsere Ausstellung und dem heutigen Symposium einige Hoffnung, dass sich hieran etwas ändert. Dass nämlich Forschung, die es gibt, zur Kenntnis genommen wird. Denn das ist Mindestbedingung für eine produktive Vergangenheitspolitik. Vielleicht kommt man in diesem Diskurs dann auf Seiten politischer Mandatsträger auf den eigentlich doch nicht zu abwegigen Gedanken, historische Forschung, die in und zu ihrer Stadt betrieben wird, lesend und betrachtend wahrzunehmen, vielleicht gelingt es sie zu ermuntern, sich auf der Grundlage von angeeignetem Wissen mit dem Thema zu beschäftigen.

Dann kann etwas anderes herauskommen kann als gängige Praxis. Dass politische Willensentscheidungen von kommunalen Parlamenten vorwärtsweisend, beispielgebend und im Ergebnis für andere hoch attraktiv sein können, hat die Nachbarstadt Bad Harzburg jüngst mit der Ausstellung zur „Harzburger Front“ bewiesen.

Wenden wir uns gewissenhaft städtischer Vergangenheit der Jahre 1933 bis 1945 zu, dann stellt man fest, dass es wenig Sinn macht „Blut und Boden“ moralisch als „fürchterlich“, appellatorisch als „das darf nie wieder sein“ (das sind Zitate aus der Ausstellungseröffnungsrede von GS-OB Henning Binnewies) zu behandeln oder – ohne diesen aufklärerischen Impetus – als spinnerte, wenig ernst zu nehmende Bauerntümelei abzutun. Die kurios anmutende aber in Wahrheit stupende Wende, die aus Zweitem abgeleitet wird, lautet dann: Goslar war NS-Normalität. Da gibt es nichts Besonderes zu forschen.

Auch gut gemeinte Gedenkenpolitik wirkt deshalb als unbegriffene Routineveranstaltung, weil das Begriffspaar „Blut und Boden“ eine Metapher von Ausgrenzung, Ausschluss, Vernichtung des Anderen war, die heute zwar ihrer wörtlichen Bedeutung entledigt ist, die sich aber in anderen Formen von Exklusion und verheißendes Wohlssein versprechender Inklusion regeneriert hat. Nicht dass etwas „fürchterlich“ gewesen ist, gilt es festzustellen. Dass muss jede(r) mit intakter Moral sowieso tun. Wichtig ist es zu fragen, wie es zu dem „Fürchterlichen“ kam, warum Menschen mitgemacht haben. Viele Fragen, mehr sind zu stellen, Antworten zu suchen. Erst dann kann die Floskel „aus der Geschichte lernen“ ernst genommen werden. Dann kann man auch den heutigen Begriff von Volksgemeinschaft verstehen, wenn einem die Rede von „Ausländer-befreiten-Zonen“ begegnet, der Satz „türkische Wärmestuben brauchen wir nicht in Berlin“ (Thilo Sarrazin) im Ohr klingt oder wir hören, dass nur deutsche Arbeit etwas wert sei, weil etwa Rumänen sowieso nur bummeln und schlampen, wie ein „Arbeiterführer“ aus NRW unter hoher Zustimmung seines Publikums deklamieren kann.

Also noch einmal: „Blut und Boden“ war keine Sprechblase, sondern bildete die inhaltliche Basis für ein ideologisches System des andere beherrschenden Herrenmenschentums.

Gewiss, und hier streife ich das organisatorische Fundament dieser Ideologieproduktionseinrichtung namens Reichsnährstand: Das Erntedankfest gab es einmal im Jahr. Da kam Hitler und man war begeistert. Und gleichzeitig war es ein Event, der schnell wieder in den Alltag überging. (Es existiert ein Foto vom 5. Okt 1935 im städtischen Archiv, auf dem der Marktplatz aus identischer Position fotografiert ist: einmal geschmückt in Erwartung des Führer, einmal fast kahl – die Hakenkreuzfahnen an der Kaiserworth sind abgehängt – mit Marktbetrieb) Ähnlich verhielt es sich mit den auch nur viermal hier stattgefundenen Reichsbauerntagen. Ein Event, um den viel Tamtam gemacht wurde, der aber nach ein paar Tagen wieder vorbei war.

Lebendige Selbstbedeutung in neuinterpretierter Weltgeschichte eingeschenkt wurde war in Einbettung der Goslarer Städter in die Reichsbauernstadt verbunden mit der bedingungslosen Aneignung der Darréschen Blut-, Boden-, Rasseparolen durch die wortmächtigen politischen und kulturellen Eliten. Dabei – und insofern ist das Fragezeichen des Vortragstitels in ein Ausrufezeichen zu verwandeln – nahm sich die hier herrschende öffentliche Meinung der Parolen an, um sie permanent nachplappernd manchmal noch zu radikalisieren.

So forcierten zu Beginn der NS-Herrschaft, die lokalen NS-Kader waren trotz einiger Übung noch nicht auf dem nötigen Propagandalevel, die örtlichen Kultureliten den strammen weltanschaulichen Schulterschluss mit den Machthabern und dem Reichsbauernführer. Dass hier keine Details aufgezählt, beschrieben und analysiert werden können, sehen Sie mir bitte nach. Die sind in nunmehr zwei Büchern und einigem anderen Schrifttum nachzulesen.4 Doch beispielhaft seien ein paar Ereignisse näher betrachtet:

Der erste Erntedank der NS-Zeit in Goslar geriet noch ein bisschen durcheinander. Die Kirchen verlegten ihre Gottesdienste um ein halbe Stunde, damit das Publikum rechtzeitig zum „Erntereigen“ auf dem Marktplatz zusammenkommen konnte. Obwohl dies Ereignis neu war in der Stadt – die letzten Bauernumzüge wurden hier zur 1000-Jahrfeier 1922 gesichtet – behielt es, wenn man die Berichterstattung der Lokalpresse als Quelle heranzieht, ihren kirchlich-christlichen Charakter. Nur Bürgermeister Hermann Mühlenberg, ein importierter NS-Parteikader, fiel insofern aus der Rolle, als er die erste heidnische Predigt seit der Christianisierung der Stadt anstimmte. Allgemein hatte man sich innerhalb der NS-Bewegung noch nicht sortiert. Der erste Reichsbauerntag fand in Weimar statt: dass man Goethe und Schiller ganz schlecht mit dem germanischen Bauern in Beziehung setzen konnte, fiel dann auch bald auf. In seiner Rede auf dem Bückeberg 1933 nahm Adolf Hitler noch Bezug auf den christlichen Charakter des Erntedankfestes, es schien sich bis auf die Größenordnungen, die demonstrative Einbettung der Bauern in das „Volksganze“, Wesentliches nicht verändert zu haben.

Doch wohin der Weg führen sollte, war eigentlich klar: der seit 1930 unter Leitung von Darré, Reischel und anderen rührige agrarpolitische Apparat der NSDAP hatte nach und nach die Bauernverbände erobert, die Propaganda gab die Linie der Zukunft vor. Im Geleitwort Darrés zur 2. Auflage (München 1931) der programmatischen Schrift „Nationalsozialistische Agrarpolitik“ von Werner Willikens – übrigens Abiturient des Jahrgangs 1911 am Goslarer Gymnasium – aus dem Jahr 1930 heißt es:

„… Der Landwirt und sein Stand, der Bauer besonders, (ist) nicht ein Stand wie alle übrigen Stände im Volkskörper, sondern (bildet) die Voraussetzung und die Grundlage jedes völkischen Daseins überhaupt. Ein wahrer und echter Volkskörper kann nur vom Bauerntum aus aufgebaut werden und auf nichts anderes sonst, es sei denn, er gehöre zu den Schmarotzern und lebe vom Marke anderer Völker.“ (S.4) In diesem Satz sind schon alle Elemente, wenn auch noch verklausuliert, enthalten, die die NS-Ideologie ausmachen:

Der echte Volkskörper als rassische, auf dem bodenständigen, erbgutsichernden Bauerntum basierende Kampfeinheit, die sich gegen alles Fremdblütige – dass mit Schmarotzer die jüdische Rasse gemeint war, wusste damals jeder – mit völkischer Tatkraft, blutsererbt von den Ahnen, durchzusetzen hatte. Eine konstruierte, noch keineswegs durchformulierte Weltanschauung sollte tragendes Element zur Mobilisierung der Bauern- bzw. Volksmassen werden. Wie das funktionierte, wie das bei den Adressaten ankam, ist die Frage, die hinter dem Fragezeichen des Vortragstitels steht, eine Frage, deren Beantwortung einiges zur Erhellung der Wirkungsweise des NS-Systems beizutragen vermag – eine Beantwortung, die wie die Fragen hier nur skizziert werden kann.

Dass der Bauer nun so sehr im Vordergrund von Geschichtsmythen, von Rasse- und Züchtungsvorstellungen stand, zum Fixpunkt der Eroberung, Sicherung und Erhalts von Rasseherrschaft wurde, irritierte die gemeinen Altvorderen genauso wie folgende Geschichtsforschergenerationen. Doch auch wenn zum der Bückeberg die Bratwurst und das Bier ebenso dazu gehörten, wie Kanonenschüsse auf Häuserattrappen und Flugvorführungen sollte das Fest über den „schönen Schein“ (Peter Reichel) einer Volksgemeinschaftsinszenierung eine Feier des kollektiven Schwurs der Einheit von Bauern- und Arbeiterrasse sein. Ich behaupte nicht, dass das so bei den Menschen angekommen ist, eher nicht. Das mindert ein Urteil über seinen Zweck und die Absichten aber nicht.

So machte sich wahrscheinlich auch kein einheimischer Mensch zumindest vernehmlich Gedanken, warum nun gerade Goslar, die alte Reichs-, Kaiser- und Hansestadt nun ausgerechnet Bauernstadt wurde. Man ergriff in der Stadt die Möglichkeit des Bedeutungsgewinns beim Schopf. Binnen drei Wochen nach der Verkündung Darrés vom 15. Febr. 1934, hierher den Sitz des Reichsnährstands zu verlegen, stellte Stadtbaumeister Schneider einen Kosten- und Finanzierungsplan in Höhe von 12,7 Mio. Reichmark zum Ausbau der Stadt vor – mitten in der anhaltenden Wirtschaftskrise. Sofort ging man an Planungen und Ausschreibungen für den Bau einer großen Versammlungshalle. Die Zeitung nahm angeblich germanische Monatsnamen in ihren Titelkopf auf, jeden Tag standen nun Berichte aus dem Reichsnährstand in dem Blatt. Der Blut- und Bodenverlag wurde in der Bäckerstraße willkommen geheißen, eine Ausstellung zu „Rasse und Volk“ jagte die nächste. Der Bestand der Bücherei an Bauernbüchern und Broschüren schwoll an, man schien sehnsüchtig den Tag zu erwarten, dass Goslar endlich Reichsbauernstadt werden würde; das war dann erst 1936 der Fall. Die Verortung der Ursprünge des Germanentums in Niedersachsen ließ die Heimatforscher die Schaufel schwingen. Die Orte mit den Tagungs- und Grabstätten der mittelalterlichen Heinrichs und Ottos wetteiferten um Bedeutung. Natürlich stand der „Bauernherzog“ Heinrich im Fokus reichsnährständischer Geschichtsdeutung.

Dass vieles organisatorisch im Argen lag und dort verblieb, 1934 nur ein Zelt auf dem Osterfeld aufgestellt werden konnte, der Bau und die Bewirtschaftung der Goslarhalle heftige Konkurrenzkämpfe entfachte, sich Pensionswirte und Hotelbesitzer über Preisregulierungen aufregten, die hochfahrenden Besiedlungsplanungen des Reichsnährstands so gar nicht in das städtebauliche Konzept einer „organischen Stadtgestaltung“ (Droste/Schneider) passten und zudem eingeplante Mittel für den Siedlungsbau absaugen sollten, sind – hier nur beispielhaft angefügt – alles Faktoren, die zu skeptischer Distanz führten. Wenn es ans Portemonnaie des eigenen Alltags geht, kennt jede Herrschaftsdemonstration ihre Grenzen.

Natürlich bellten hier wie anderswo nicht irgendwelche Propagandisten täglich das Schlagwort von „Blut und Boden“ durch die Gegend. Doch man sollte die Wirkung allein des Titels Reichsbauernstadt, Stadt des Reichsnährstands, Stadt der Reichbauerntage auf die Stadtbevölkerung nicht unterschätzen. Auch dass Goslar zu den Städten im Reich gehörte, denen der Führer mehr als einmal einen Besuch abstattete, verfehlte seine Wirkung nicht. Man war auf das alles ziemlich stolz. Doch dieser Stolz bedurfte der Unterfütterung. Die dem Prozess der Bauernwerdung folgenden Elemente von Ideologiebildungen und -einübungen sollten wirksam werden.

Lassen sie uns zwischendurch ein Gedankenspiel machen: Wer heute mit dem Zug nach Goslar kommt, begegnet einem Schild, auf dem steht „Goslar die alte Kaiserstadt“. Goslar wirbt zudem als Stadt des Weltkulturerbes Rammelsberg und mittelalterlich geprägte Innenstadt. Kaiserstadt und Weltkulturerbe sind allgegenwärtig – und damit müssen nicht nur die Stadtmarketingprofis aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, sondern auch die Bürgerin und der Bürger umgehen. Wenn sie oder er von einem Touristen gefragt werden, müssen sie eigentlich begründen können, was es mit diesen Titeln auf sich hat, und werden nicht auf die Stadtführergilde und das Tourismusbüro verweisen wollen. Und ich bin sicher, dass spätestens im Heimatkundeunterricht jedes Kind lernt, mit der Bedeutung dieser Begriffe umzugehen. Es ist also nötig sich Kenntnisse – zumindest elementare – um diese Bezeichnung anzueignen, ein Wissen, das in Fleisch und Blut übergeht. Die Marketingpolitik der Stadt füllt, ergänzt, unterstützt diese Verinnerlichung. Dass dabei alles in Formen mit historisch korrekten Inhalten übermittelt wird, ist damit nicht gesagt.

Sie müssen sich vorstellen, dass es solche Form der Ausrichtung der Stadt im Goslar der NS-Zeit ebenso gab. Ich gehe gleich auf Elemente dieser Ausrichtung ein. Doch vorher will ich betonen, welch grundlegenden Unterschied es in dieser Hinsicht zwischen gestern und heute gibt: Heute dient die Kulturerbe- oder Kaiserstadteuphorie der Tourismuswerbung, manchmal gewiss auch der Selbsterhebung. Doch man kann prinzipiell oder en Detail Widerrede halten. Ob man gehört wird, ist eine andere Sache.

Kaiserstadt war Realität, die mittelalterliche Altstadt ist Realität, und auch ist es wahr, dass der Rammelsberg als Produktionsstätte wohl seit etwa 3000 Jahren seit existiert. Doch Reichsbauernstadt war eine Fiktion, ein durch und durch künstliches Gebilde, dessen Sinngehalt an keinerlei Realität gebunden war. Wenn heute von Goslar als Reichsbauernstadt gesprochen wird, kommt als Erstes die Frage nach dem Warum: Warum war Goslar Reichsbauernstadt? Heute lässt sich die Antwort nur mit historischen Plausibilitäten, mit Zugriff auf Darréscher Harzliebe, Elemente Darréscher Propaganda unter Einbeziehung von Geschichtsmythen und gestützt auf das Wissen um die NS-Weltanschauung einigermaßen schlüssig formulieren – so richtig befriedigen kann sie keinen – auch den Beantworter nicht. Aber damit muss man sich abfinden.

Die Leute damals waren aber gewiss vor die Aufgabe der Fragebeantwortung gestellt. Sie bastelten um diese Antwort ein Geschichts- und Weltbild. Natürlich musste sich das nicht jede(r) einzelne zurechtlegen, dazu gab es einen reichhaltigen Fluss von Propaganda. Jetzt stellen Sie sich einfach mal vor, dass alle regional wirksamen – regional, denn ich vermute, viele Volksgenossinnen und Volksgenossen im Reich wussten wenig mit dem Begriff Reichsbauernstadt anzufangen – Hebel einer totalitären Propaganda, alle Mittel für Geschichts- und Heimatforschung, Archäologie, Literatur etc. in die Bedienung einer Fiktion namens Reichsbauernstadt fließen. Die Summe der Leute, die dem glauben, wird sich erhöhen, diejenigen, die diese Konstruktion aus guten Gründen als völlig daneben erachten, haben keine Möglichkeit der Äußerung – sie müssen schweigen.

Ich möchte ein schriftliches Produkt dieser Hinwendung zum deutschen Bauerntum zitieren: Staatsrat Meinberg, ein hoher Funktionär im Reichsnährstandsapparat mit eindrucksvoller Nachkriegskarriere, betonte in seiner Rede auf dem Reichsbauerntag 1934, dem ersten in Goslar:

„Und es wird stets ein Geheimnis unseres Volkes bleiben, dass wir aus unserem Boden, aus unserer Muttererde immer wieder die Kraft erhalten, die unsere Art und Zukunft bestimmt. Wir sehen durch unsere ganze Geschichte hindurch die Auswirkung des bäuerlichen Bluterbes, das nicht nur eine bevölkerungspolitische Bedeutung, sondern vielmehr eine geistes- und kulturgeschichtliche Bedeutung hat. … Uns dagegen lehrt die Rasseanschauung, dass Blut und Kultur eine durch das Schicksal gegebene organische Einheit darstellen, dessen Missachtung zwangsläufig zur Entartung führen muss. Und das ist das große Geheimnis unseres deutschen Volkes, dass die Bedeutung des bäuerlichen Bluterbes für Volk und Staat Schicksal des ganzen deutschen Volkes schlechthin ist. Es ist kein Zufall, dass gerade in der Gegenwart diese Gedanken mit immer stärkerem Nachdruck zum Ausdruck gebracht werden, denn wir alle wissen, dass der Sieg des Nationalsozialismus nicht die Vollendung sondern der Anfang der notwendigen Neugestaltung unseres Volkes ist. … Denn unser Volk tritt in das Licht der Geschichte als ein Bauernvolk. Für uns Bauern ist der Dienst an der Scholle stets eine lebendige Verbindung mit jener unergründlichen, das Leben bestimmenden Macht, die die Menschheit in Gott verehrt. Aus dieser Gesinnung heraus ist Bauernarbeit Gottesdienst.“

Ich werde hier und heute diesen Text nicht aufdröseln, die zentralen Begriffe habe ich hervorhebend betont. Ausführlich argumentiere ich in meinem neuen Buch. Was nur herauszustellen ist: Rasse und Blut bedeutet alles: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – und Blut und Rasse sind mehr als biologischer Fakt und anthropologisches Konstrukt: Rasse ist alles, was das Leben ausmacht.

Mit kräftigem Schwung agitiert Meinberg dann wenige Absätze weiter noch einmal, damit es auch der letzte begreift, wie sehr die bäuerliche Rasse in Kultur und Seele der Menschen verankert sei, man müsse nur richtig hinschauen:

„Die geistige Macht dieses bäuerlichen Blutserbes, die die deutsche Weltanschauung und Lebenshaltung formte, hat naturgemäß die Entwicklung der deutschen Kultur entscheidend beeinflusst. Für den bäuerlichen Charakter des deutschen Volkes ist aber auch das Bauerntum der Mutterboden der Kultur. Bäuerliches Bluterbe ist das ahnungsvolle Wesen aller hohen deutschen Kunst, die hinter den Erscheinungen dieser Welt in einem ewigen ‚Stirb und Werde’ leben und wirken. … Ein Gang durch die Straßen unserer Reichsbauernstadt Goslar zeigt die innige Wechselwirkung zwischen dem bäuerlichen Bluterbe und deutscher Kultur. Die hochgiebeligen Fachwerkhäuser reden die Sprache des Landes. Ob sie die Formenelemente der Gotik, der Renaissance oder des Barocks aufgenommen haben und wunderbaren Schmuck handwerklicher Kunst zeigen, … Der bäuerliche Grundcharakter des Goslarer Bürgerhauses ist unbedingt geblieben. Und wenn ihr näher hinseht, findet ihr immer wieder in den reich geschnitzten Balken die Symbole germanisch-bäuerlicher Weltanschauung, die Sonnenrose, den Lebensbaum, die Siegrune, die Odalsrune, das Hakenkreuz in den verschiedenen Abwandlungen.“5

Solch kulturhistorischer Unfug wurde beflissen von den einheimischen Eliten aufgesogen und weiterverbreitet. Der traditionelle Stadtführer, eine gediegene Informationsbroschüre zu Geschichte, Kultur und Wirtschaft Goslars und seiner Umgebung, redigiert von dem Geschichtslehrer Dr. Carl Borchers, nahm die Bauernhuldigungen auf und integrierte sie in die eigene hergebrachte Vorstellung von Goslarer Geschichte. Eine bürgerlich geprägte „Freie Reichs- und Hansestadt“, wie sie sich genannt hatte, wurde einer Germanisierung und Verbäuerlichung unterzogen. Im Geleitwort schrieb Borchers:

„Am 15. Januar 1934 wurde Goslar vom Reichsbauernführer, Reichsernährungsminister Darré, als zukünftiger Sitz des Reichsnährstandes bestimmt. Nach dem Willen des Führers sucht der Nationalsozialismus auf allen Gebieten die leider in vielen Fällen gestörte Verbindung mit der deutschen Vergangenheit wieder aufzunehmen. … Von Niedersachsen erhielt einst die Kolonisation des deutschen Ostens starke Antriebe. … Wie in seiner Überlieferung Goslar eng an Blut und Boden gebunden ist, so steht auch das Bild der Stadt, eingerahmt von der mächtigen Kette der Oberharzer Berge, organisch in dieser Landschaft, in der deutsches Waldgebirge, alte Siedlung und fruchtbare Felder sich zu einer wunderbaren Harmonie zusammenschließen.“6 In einer späteren Ausgabe ist zu lesen: „Reichsbauernstadt Goslar. Der Wille zum Bauerntum. … So wird die Leitung des Reichsnährstandes in das Herz des niederdeutschen Bauernlandes, nach Goslar ziehen, um fern jeder vernebelnden Großstadtluft in engster Verbindung mit dem natürlichen Leben des Bauerntums seine gewaltigen Aufgaben zu lösen. Der Bauer als der fundamentale Träger des deutschen völkischen und staatlichen Lebens kann nur auf dem Boden seiner Väter seine Eigenart und seine Werte entfalten. Goslar ist der Mittelpunkt und der Kern der Geschichte des deutschen Bauerntums und darum wie keine andere Stadt geeignet, der Sitz der Führung dieses deutschen Bauerntums zu sein. Inmitten steinerner Zeugen schöpferischen, deutschen Kulturwillens, inmitten einer wurzelechten, deutschen Bevölkerung wird die gewaltige Aufgabe gelöst werden, das deutsche Bauerntum als die ewige Blutsquelle des deutschen Volkes und den Träger des Hochziels der deutschen Nahrungsfreiheit in seinem Bestande zu sichern, zu erhalten und weiterzuentwickeln.“7

So ging das in einem fort und zwar nicht nur zu den Bauerntagen und den kurzen Erntedankjubelakten, sondern im wahren Sinn des Wortes täglich. Diese Tagesarbeit wurde nicht vom Reichsnährstand geleistet, sondern das erledigten die Teile der einheimischen Eliten, die sich öffentlich zu Wort melden konnten: die Zeitungen, die geschichtlichen Clubs und Vereine etc. Es gab eine bedeutende Ausnahme: die Kirchen. Mit keiner Zeile wurde etwa im Goslarschen Gemeindeblatt der Jahre 1933 bis 1941 diese Reichsbauernstadtschiene mitgefahren. Welche Ausnahmen es noch gab, ist nicht bekannt, weil nicht öffentlich oder nicht aktenkundlich. Dass es über diese nun mittlerweile durchforsteten Quellen hinaus Zeugnisse gesunden Menschenverstandes gab, halte ich für sehr wahrscheinlich. Nur können wir keine Aussagen treffen, was etwa Studiendirektor Brökelschen und sein Frau, Stadtbaurat Schneider oder Forstmeister Grundner Culemann – um nur prominente Nicht-Nationalsozialsiten zu nennen, zu diesem Bauernhype dachten.

Ich kann nur jedermann auffordern – vor etwa einen Dutzend Jahren tat ich das zum ersten Mal – die Dachböden zu lüften und nach privaten Dokumenten und Zeugnissen dieser Zeit zu fahnden, um sie der Forschung zur Verfügung zu stellen. Demnächst wird auf Sie Frau Dr. Lu Seegers zukommen, die sich im Rahmen eines Verbundsprojekts mehrerer niedersächsischer Universitäten mit der Erforschung von Volksgemeinschaft in der Region Goslar beschäftigt.

Ich habe nun in meinem ersten Buch den Weg der Zersetzung und dann gewaltsamen Zerschlagung von Gesellschaft und ihrer Ersetzung durch die Volksgemeinschaft des NS Regimes erzählt. Ich habe allgemein von der Ausbildung zur Volksgemeinschaft berichtet, ohne diesen Begriff zu erwähnen. Der Inhalt wurde wenig bemerkt, weil das Etikett nicht entsprechend beschriftet war. In meinem jetzt erscheinen Buch habe ich wichtige Elemente der Konstruktion von Volksgemeinschaft zum Thema, denn die Herausbildung, Entwicklung und Ausbildung einer Ideologie zur Religion halte ich für zentral, um dem Begreifen von NS-Herrschaft weiter auf die Spur zu kommen. Wir müssen in diese Richtung also weiter forschen und dürfen auch 1945 nicht aufhören.

Vor drei Jahren habe ich an die Stadt und an alle Fraktionen des Stadtrats die schriftliche Anfrage gestellt, ob sie nicht Interesse hätten, die Nachkriegszeit Goslars erforschen zu lassen. Kein Mensch hat mir geantwortet bis auf Heidi Johanna Roch, die eine Absage bedauerte und meinte, es sei kein Geld da.


1 Redaktionell leicht bearbeiteter Vortrag auf dem Symposium am 10.Okt. 2009 anlässlich der Ausstellung „Erntedank und ‚Blut und Boden’. Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938. NS-Rassekult und die Widerrede von Kirchengemeinden“ im Goslarer Museum v. 4. Okt. Bis 1. Nov. 2009.

2 Gustavo Corni, Horst Gies, 1997: Brot, Butter Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitelrs, Berlin.

3 Uwe Mai, 2002: „Rasse und Raum“, Agrarpolitik, Sozial- und Raumplanung im NS-Staat, Stuttgart.

4 Peter Schyga, 1999: Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus. Goslar 1918-1945, Bielefeld. Ders. 2009: Kirche in der NS-Volksgemeinschaft – Selbstbehauptung, Anpassung und Selbstaufgabe. Die ev.-luth. Gemeinden in Goslar, der Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus, Hannover.

5 Reichsobmann Staatsrat Wilhelm Meinberg in: GZ v. 19.11.(„Neblung“)1934, unter der Titelzeile: „Schlusstag des Bauernthings. Gewaltiges Bekenntnis zum Bauerntum – Meinberg und der Reichsbauernführer sprachen.“ (Hervorhebungen, P.S.) Biogr. Angabe zu Meinberg: geb. 1898 in Wasserkurl bei Dortmund. 1919 Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund. 1923 Bauer, 1929 Nationalsozialist, SA- Mann, Versammlungsredner. 1932 MdL Preußen, 1933 MdR. Reichsobmann des Reichsnährstands, Preuß. Staastrat, 1935 landwirtschaftlicher Gaufachberater der NSDAP, stellv. Reichsbauernführer. Ab 1937 im Vorstand der AG Reichswerke Hermann Göring. Nach dem Krieg: Mitarbeit im Naumannkreis, der die FDP nationalsozialistisch unterwandern wollte; 1953 Mitglied der Deutschen Reichspartei u. Vorsitzender des Direktoriums, 1955-1960 mit einmonatiger Unterbrechung deren Vorsitzender.

6 Stadtführer Goslar, 1936: Geleitwort von Dr. Carl Borchers, Goslar.

7 Stadtführer Goslar, verantw. Carl Borchers o. J. (wahrscheinlich 1937 oder 1938), S. 13-15. Geleitwort in dieser Auflage Oberbürgermeister Heinrich Droste, Autor dieses Abschnitts Karlheinz Backhaus, Goslar.



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